Nachdem Gold am vorletzten Donnerstag ein neues Allzeithoch bei 1387 US-Dollar
markierte, befindet sich die Korrektur mittlerweile in vollem Gange. Dabei ist es jedoch
mitnichten so, dass die Korrektur völlig überraschend kommt. Wieder einmal passte alles
zusammen: angeblich sehr bullische Bankenanalysten, Charttechnik und umfassende
Medienberichterstattung über Gold. Solche Konstellationen waren schon in der
Vergangenheit treffsicherer Indikator für kommende Korrekturen.
Goldnachfrage schwach
Während die Medien die täglich neuen Hochs kommentierten und Bankenanalysten ihre
Kursprognosen um hunderte US-Dollar anhoben, hielt sich die Nachfrage nach
physischem Gold in engen Grenzen. Der weltgrößte, physisch hinterlegte ETF für Gold
verzeichnete praktisch keine Mittelzuflüsse, der Bestand liegt noch immer unter dem Hoch
aus dem Sommer. Die Edelmetallhändler in Deutschland berichteten von
durchschnittlichem Kaufinteresse. Gleichzeitig erklomm Gold täglich neue Hochs, stieg
teilweise um 2% am Tag.
Abbildung 1: Gold-USD notiert am steilen Aufwärtstrend, der kaum halten dürfte
Vom Hoch sind die Notierungen bereits wieder 60 US-Dollar oder 4,5% entfernt. Sie sind
am mittelfristigen, seit Juli existenten Aufwärtstrend angekommen. Dass die Korrektur hier
Abbildung 1: Gold-USD notiert am steilen Aufwärtstrend, der kaum halten dürfte
schon zu Ende sein soll, halten wir jedoch für unwahrscheinlich. Zu steil ist der
Aufwärtstrend. Er sorgte für Gewinne von fast 20% in nur zweieinhalb Monaten. Ein
solches Tempo ist nicht aufrecht zu erhalten. Realistischer sind weitere Abgaben bis 1230-
1265 US-Dollar. In diesem Bereich befindet sich der langfristige Aufwärtstrend und zwei
Horizontalunterstützungen.
Europreise könnten stabil bleiben
Für Anleger im Euroraum und Käufer physischen Goldes ist natürlich der Chart der
Euronotierungen wichtiger. Während wir bei in US-Dollar notierten Goldes noch
Korrekturpotential von 7% sehen, erscheint uns der Chart der Euronotierungen deutlich
freundlicher. Vom Allzeithoch sind die Euronotierungen 9,5% entfernt und stehen
unmittelbar am langfristigen Aufwärtstrend. Es ist durchaus vorstellbar, dass sich in den
nächsten Wochen die Kursänderungen bei Gold-USD und EURUSD gegenseitig aufheben
und die hiesigen Goldpreise stagnieren.
Abbildung 2: Gold in Euro ist vom Hoch weit entfernt, das Korrekturpotential ist begrenzt
Sollte der Trend gebrochen werden, kann es zu weiteren Kursverlusten bis 930 EUR
kommen. Dieses Kursziel korrespondiert auch mit dem Korrekturpotential von Gold-USD
und EURUSD. Bei einem Goldpreis von 1230 US-Dollar und einem möglichen EURUSDKurs
von 1,32 ergibt sich ein Europreis von 930 pro Unze. Behält der Euro hingegen seine
momentane Stärke bei, entsprächen 1230 US-Dollar pro Unze 890 EUR.
Sinnvoll kann es sein, auf die Zu- und Abflüsse der ETFs sowie verschiedene
Abbildung 2: Gold in Euro ist vom Hoch weit entfernt, das Korrekturpotential ist begrenzt
Händlerberichte zu achten. Käufer physischen Metalls bewiesen bislang mit Ausnahme
der Griechenlandkrise im Frühjahr ein gutes Gespür für günstige Kaufgelegenheiten.
Größeres Korrekturpotential bei Silber
Silber zeigte sich noch wesentlich bullisher als Gold und erreichte auch in Euro neue
Jahreshochs mit 17,70 EUR. Damit wurde das Hoch vom Frühjahr um rund 10% hinter
sich gelassen. In US-Dollar ist die Rallye noch beeindruckender. Das bisherige
Jahreshoch bei 19,70 wurde um 27% übertroffen und der Kreuzwiderstand bei 25 USDollar
erreicht. Binnen zweier Monate stiegen die Dollarnotierungen um über 40%.
Silber stieß jedoch an einen Widerstand, den man schon seit Anfang des Jahres hätte
kennen können: den alten Aufwärtstrend. Der wurde 2008 etabliert und Anfang 2010
gebrochen. Fortan fungierte diese Trendlinie als Widerstand. Das alte Jahreshoch im Mai
lag exakt an der alten Trendlinie. Und auch das neue Jahreshoch liegt unmittelbar an
dieser Linie. Eine Korrektur bei 25 US-Dollar war damit praktisch vorprogrammiert, zumal
das alte Zwischenhoch aus den 80ern bei rund 24 US-Dollar lag und ebenfalls einen
Widerstand darstellte. Mittlerweile verlor Silber bereits wieder rund 2 US-Dollar oder 8%
an Wert und die Dynamik scheint ungebrochen. Unterstützung ist bei 21,40 US-Dollar
erkennbar. Aufgrund der bei Silber normalen, hohen Volatilität sollte man sich aber besser
auf einen Test des Ausbruchslevels von 19,70 US-Dollar einstellen.
Abbildung 3: Vorhersehbare Korektur: Silber traf exakt den alten Aufwärtstrend von 2008
Auch bei Silber sind die Europreise fester
In Euro ist das Korrekturpotential auch bei Silber bedeutend kleiner. Derzeit notiert Silber
unmittelbar am mittelfristigen Aufwärtstrend, der aufgrund des hohen Steigtempos aber
kaum gehalten werden dürfte. Doch schon bei 16 EUR befinden sich die alten
Jahreshochs und damit eine gewichtige Unterstützung. Bei 15 EUR ist zudem der
langfristige Aufwärtstrend erkennbar. 15 EUR entsprechen zudem fast exakt einem
Silberkurs von 19,70 US-Dollar und einem von uns angenommenen EURUSD-Kurs von
1,32.
Im Gegensatz zu den Gold ETFs verzeichneten die physisch hinterlegten Silber ETFs
zuletzt Mittelzuflüsse. Der Bestand des weltgrößten Silber ETFs stieg in den letzten
Monaten um 10%. Die physische Nachfrage nach dem Metall dürfte aber kaum allein
verantwortlich sein für den extremen Preisanstieg seit Juli.
Abbildung 4: Die physische Nachfrage blieb auf Silber beschränkt
Inflationsangst schlechte Erklärung für Rallye
Zwar gibt es fundamental begründete Erklärungsversuche für die jüngsten Preisanstiege,
wahrscheinlicher als fundamentale Gründe erscheint uns jedoch eine charttechnisch
induzierte Rallye. Die schwache Nachfrage nach Gold signalisiert, dass es kaum die vor
allem von Medien verbreiteten angeblichen Inflationsängste waren, die die Preise nach
oben trieben. Vielmehr brach Silber aus einer mehrmonatigen Seitwärtsphase nach oben
aus und zog in Scharen kurzfristig orientierte Trader an. Es war Silber, das in enormen
Tempo stieg, die physische Nachfrage auf sich vereinte und Gold steigen ließ, nicht
umgekehrt. Bei Inflationsängsten sähe das Szenario wie folgt aus: Gold führt, wird auch
physisch gekauft und Silber folgt.
Es ist richtig, dass die jüngsten Äußerungen der amerikanischen FED die
Abbildung 4: Die physische Nachfrage blieb auf Silber beschränkt
Wahrscheinlichkeit einer steigenden Inflationsrate erhöhen. Angesichts einer in den USA
ausgesprochen schwachen Konjunktur möchten viele FED-Offizielle ein neues
Liquiditätsprogramm starten. Wieder einmal sollen Staatsanleihen im Umfang hunderte
Milliarden mit frisch gedrucktem Geld gekauft werden. Ziel dabei ist, das Zinsniveau am
freien Markt noch weiter zu senken, um Investitionen in die Realwirtschaft gegenüber
festverzinslichen Anlagen attraktiver zu machen. Schon heute ist die FED der zweitgrößte
Gläubiger des amerikanischen Staates - ein neues Aufkaufprogramm würde die
Zentralbank zum größten Geldgeber des eigenen Landes machen. Bislang war es stets
so, dass die Monetarisierung, d.h. der Kauf von Staatsanleihen mit neu gedrucktem
Zentralbankgeld, irgendwann zu höherer Inflation führt.
Der Markt zeigt aber keinerlei Inflationsängste an. Würde man sich darum sorgen, lägen
die Renditen für amerikanische Anleihen nicht bei Allzeittiefs. Wer Angst vor Inflation hat,
fordert höhere Zinsen. Derzeit geben sich die Anleger jedoch mit 2,5% und weniger
zufrieden. Ein Renditeanstieg, der noch sehr viel genauer als steigende Goldpreise eine
zunehmende Inflationsangst ausdrücken würde, ist nicht in Sicht.
© Gold.de Redaktion