Der Silberpreis fiel in der vergangenen Woche um mehr als 30 %. Einen so starken Preiseinbruch gab es seit 31 Jahren nicht mehr. Selbst die Preisverwerfungen nach der Pleite der Bank Lehman Brothers waren nicht annähernd so stark.
Nach ersten Berichten war der Auslöser des Preisrutsches Marginanpassungen der Futurebörse. Wie schon vor 31 Jahren bei den Gebrüdern Hunt sorgte die Börse auch dieses Mal durch willkürliche Maßnahmen für einen Preissturz historischen Ausmaßes. Die Statistiken der Futurebörsen stützen diese These jedoch nicht. Vielmehr scheint der Preissturz vom physischen Markt ausgegangen zu sein
Futurebörse greift in die Märkte ein
Wir warnten vor einem Monat vor der Gefahr extremer Preiseinbrüche beim Silber und empfahlen die Übergewichtung von Gold. Wer diese Warnung beherzigte, der konnte mit Gold seitdem sogar noch einen kleinen Gewinn erzielen.
Dennoch, das Ausmaß der Preiseinbrüche beim Silber überrascht. Als Erklärung für den Kurssturz musste bei den meisten Berichterstattern Marginanpassungen der Futurebörsen herhalten. Zugegeben, die waren außergewöhnlich und erinnerten an die fragwürdigen Machenschaften vor 31 Jahren. Bereits in den 80er Jahren, als Silber genauso wie in diesem Jahr kerzengerade auf die 50 US-Dollar zustrebte, änderte die Börse immer wieder die Handelskonditionen. Während vor 31 Jahren am Ende nur noch das Glattstellen von Positionen erlaubt war, erhöhte man in diesem Jahr die Marginanforderungen gleich fünf Mal in zwei Wochen.
Drastische Marginerhöhungen nicht alleiniger Grund für den starken Einbruch
Seit diesem Montag muss man für einen Futurekontrakt fast doppelt soviel Sicherheiten hinterlegen wie Ende April. Es handelt sich dabei um die prozentual größte Marginerhöhung seit 2008.
Je schneller die Marginforderungen erhöht werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht erfüllt werden können. Die Futurehändler sind dann gezwungen, Teilpositionen zu schließen. Dazu kam es in den vergangenen zwei Wochen jedoch nicht. Im Gegenteil, im Zeitraum der größten Marginanpassungen bauten die Spekulanten ihre Longpositionen sogar wieder aus. Schon seit Ende März erfolgte ein schrittweiser Abbau der Nettolongpositionen. Der Anteil sank von 92,3 % am 22. März auf 80,7 % am 26. April. Am 03. Mai waren wieder 84,9 % aller Futurepositionen der Spekulanten Longpositionen.
Beim Gold wurde der Anteil der Longpositionen sogar noch bis Ende April ausgebaut und bis zum 03. Mai nur marginal auf nun 95 % reduziert. Vom Futuremarkt kann der Preissturz demnach nicht ausgegangen sein. Woher der Angebotsüberhang kam, offenbart ein Blick auf die Bestandsstatistiken des weltgrößten Silberfonds.

Spekulanten bauten seit Ende März ein Drittel ihrer Netto-Longpositionen ab

Der Anteil der Longpositionen an allen Positionen sinkt bei Silber auf Jahrestiefs. Bei Gold steigt er in die Nähe der Hochs und korrigiert dann nur leicht. Der Anteil liegt bei fast 95%.
Silberfonds verkauft 5 % der Weltjahresnachfrage in zwei Wochen
Seit dem 27.04.2011 musste allein der weltgrößte Silber-ETF 1.000 Tonnen physisches Silber am Markt verkaufen. Das entspricht 11 % der Gesamtbestände des Fonds oder 5 % der weltweiten Fördermenge eines ganzen Jahres. Es handelt sich um die größten Positionsauflösungen seit Auflegung des Fonds. Der Bestand sank auf den tiefsten Stand seit Anfang November 2010.
Die Positionsauflösungen begannen jedoch schon vor den Preiseinbrüchen - und nicht etwa als Reaktion auf die sinkenden Kurse erst mit einer zeitlichen Verzögerung.
Bis zum 25. April stockte der Fonds seine Bestände auf 375 Millionen Unzen auf. Seit dem 26. April sanken die Bestände wieder. Bis zum 29. April, als der Preiseinbruch begann, baute der Fonds bereits 3,24 % seiner Bestände bei steigenden Kursen ab - immerhin mehr als 10 Millionen Unzen zusätzliches Angebot kamen in diesen drei Tagen auf den Markt. Wahrscheinlich ist, dass dieses zusätzliche Angebot vom Markt nicht mehr aufgenommen werden konnte. Als das Angebot die Nachfrage überstieg, fingen die Kurse an zu sinken. In diesem Fall war es also nicht nur der vielfach verteufelte Derivatemarkt, sondern auch die physischen Anleger (Halter der Silber-ETF-Anteile), die den Kurs in den Keller prügelten. Am Derivatemarkt bauten derweil einige Spekulanten vorsichtig ihre Nettolongposition aus - traten mithin sogar als kursstabilisierender Nachfrager auf.
Anders sieht die Situation beim weltgrößten Gold-ETF aus. Der baute noch bis zum 3. Mai seine Positionen aus, die seitdem nur marginal abnahmen. Die Nachfrage nach physisch hinterlegten Gold-ETFs ist aber ohnehin seit fast einem Jahr tendenziell rückläufig. In dieser Woche lag der Bestand auf dem Niveau von Mai 2010. Bis Ende April 2011 bevorzugten die Anleger eindeutig Silber-ETFs.

Einen solch starken Einbruch gab es noch nie: der weltgrößte Silberfonds muss 11% des Silbers in nur zwei Wochen verkaufen. Das entspricht 5% der Weltjahresförderig.
Gold-Silber-Ratio weiterhin niedrig
Trotz der großen Korrektur beim Silber ist das Gold-Silber-Ratio nach wie vor ungewöhnlich niedrig, zumindest im Rückblick auf die letzten Jahrzehnte. Das Gold-Silber-Ratio gibt an, wieviele Unzen Silber man für eine Unze Gold kaufen kann. In den vergangenen 60 Jahren betrug das Ratio knapp 58 im Durchschnitt. Im Tief lag es Ende April bei 32, dem tiefsten Stand seit 1982. Aktuell steht es bei 43 und damit noch immer nahe der Tiefs seit 1985. Nimmt man das durchschnittliche Ratio der vergangenen 60 Jahre als Maßstab, so ist es nach wie vor attraktiv, Gold überzugewichten. Orientiert sich das Ratio tendenziell am langfristigen Durchschnitt, so würde Gold gegenüber Silber eine relative Stärke ausbilden.
Hinweis: Das historische Gold-Silber-Ratio (Durchschnitt über mehrere Jahrhunderte), welches ebenfalls von vielen Analysten als Kennziffer herangezogen wird liegt bei ca. 15.

Das Gold-Silber-Ratio befindet sich weiterhin in der Nähe der 30-Jahres-Tiefs
Aufwärtstrend beim Silber ist gebrochen
Der sehr steile Aufwärtstrend beim Silber ist nun gebrochen. In letzten Tagen vor der heftigen Korrektur wurde ein noch steilerer Aufwärtstrend etabliert. Je steiler ein Trend ist, desto größer ist die Gefahr erneuter Trendbrüche. Die Historie zeigt, dass nach Trendbrüchen eher flachere als steilere neue Trends etabliert werden. Die extreme Steilheit der Trendlinie mahnt zur Vorsicht - sie deutet eine abermalige Übertreibung an.
Inzwischen haben sich die Silberkurse wieder bis zu knapp 40 US-Dollar erholt. Sollte es zu einer abermaligen Korrektur kommen, dürfte diese und die Marke von 50 US-Dollar von Bedeutung sein. Unterstützt wird Silber bei 34 und 30 US-Dollar.

Silber bricht seinen Aufwärtstrend, erholt sich dennoch schnell.
Gold relativ stark
Bei Gold sieht es besser aus. Die Notierungen prallten unmittelbar am diesjährigen Aufwärtstrend nach oben ab. Aber auch die Goldnotierungen laufen sehr steil nach oben. Dennoch erscheint Gold unter Berücksichtigung des historischen Gold-Silber-Ratios als attraktivere Anlagealternative, wenn jetzt in Edelmetalle investiert werden soll. Große Nachfrage nach physischem Metall melden die deutschen Händler jedoch nicht. Im Gegensatz zu früheren Korrekturen hielten sich die deutschen Käufer dieses Mal merklich zurück. Praktisch alle Produkte sind lieferbar. Auch die Abgabeneigung war während der Korrektur kaum angestiegen.
Offenbar rechnen die deutschen Edelmetallinteressenten mit grundsätzlich weiter steigenden Kursen. Für den Nachkauf warten jedoch die meisten auf einen abermaligen, noch stärkeren Rücksetzer.

Gold kann sich noch über dem steilen Aufwärtstrend halten.
© Gold.de
Autor: Thomas Kallwass