Stand: 16.08.2017 von Jörg Bernhard 5 Kommentare

Ex-Notenbanker Alan Greenspan warnte Anfang August zum wiederholten Mal vor einer Blase am Anleihemarkt. Seit Jahren wird darüber heiß diskutiert. Daran dürfte sich wenig ändern, es sei denn sie platzt demnächst - wie von Greenspan befürchtet.

Greenspan: Ernste Konsequenzen drohen

Kassandrarufe“ wie die des 91-jährigen Greenspan gibt es auch von zahlreichen anderen Experten zu hören. Greenspan etablierte mit Blick auf Fehlbewertungen der Finanzmärkte während seiner Amtszeit zum Beispiel den Begriff „irrationaler Überschwang“.

In einem Anfang des Monats geführten Interview mit dem US-Sender CNBC sprach er nun von „abnormal tiefen Zinsen“. Seit drei Jahrzehnten befänden sich Anleihen in einem Bullenmarkt. Greenspan kritisierte in seinen jüngsten Statements nicht die aktuelle Geldpolitik der Fed.

Er warnte allerdings davor, dass die niedrigen Zinsen nicht ewig anhalten werden und am Ende ernste Konsequenzen haben werden. Greenspan befürchtet zwar ein baldiges Platzen, aber bereits in seiner 1996 gehaltenen Rede über den „irrationalen Überschwang“ wies er auf die Schwierigkeiten hin, den Zeitpunkt für das Platzen von Spekulationsblasen zu prognostizieren.

Bei dieser Sichtweise sollte man allerdings nicht außer Acht lassen, dass in anderen Industriestaaten wie zum Beispiel Japan oder Deutschland Staatsanleihen erheblich weniger Rendite abwerfen als in den USA (siehe Tabelle).

Rendite zehnjähriger Staatsanleihen

Land Fälligkeit Rendite Währung
Japan 2027 0,05% JPY
Irland 2026 0,13% EUR
Schweiz 2027 0,17% CHF
Deutschland 2027 0,38% EUR
Niederlande 2027 0,50% EUR
Dänemark 2027 0,53% DKK
Schweden 2027 0,58% SEK
Frankreich 2027 0,68% EUR
Belgien 2027 0,69% EUR
Großbritannien 2027 1,06% GBP
Spanien 2027 1,43% EUR
Norwegen 2027 1,52% NOK
Kanada 2027 1,85% CAD
Portugal 2027 1,87% EUR
USA 2027 2,19% USD
Australien 2027 2,59% AUD
Neuseeland 2027 2,79% NZD
Griechenland 2027 5,27% EUR
Stand: 14.08.2017

Außerdem fallen jenseits des Atlantiks die inflationsbereinigten Realzinsen derzeit sogar positiv aus, während in Deutschland seit Längerem negative Realzinsen vorherrschen und damit zu einer systematischen Vernichtung von Anleihenvermögen führen.

Eine deutsche Bundesanleihe mit zehn Jahren Laufzeit kommt bei einer aktuellen Inflationsrate (Stand: 15.08.2017) in Höhe von 1,7 Prozent gerade einmal auf eine Rendite in Höhe von 0,38 Prozent.

Notenbanken benötigen Fingerspitzengefühl

Das größte Problem der globalen Bondmärkte besteht darin, dass Zentralbanken wie die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank bei der geplanten Normalisierung des Zinsniveaus sehr viel Fingerspitzengefühl benötigen.

Höchste Priorität hat vor allem das Verhindern eines massiven Ausverkaufs mit dem damit verbundenen Zinsanstieg. Für viele Staaten, Unternehmen und Privathaushalte wäre dies unbezahlbar und würde die ungelösten Probleme innerhalb der Bankenwelt weiter verstärken.

Ein massiver Zinsanstieg würde sich auch auf zwei andere Anlageklassen negativ auswirken: die in den vergangenen Jahren ebenfalls prächtig gelaufen sind: Aktien und Immobilien.

Seit Dezember 2015 hat die Fed insgesamt viermal die US-Leitzinsen erhöht, ohne dass an den Finanzmärkten Panik aufkam. Nun will man bei der mit Staatsanleihen „vollgepumpten“ Bilanz, den Druck kontrolliert ablassen.

Selbiges plant übrigens auch Mario Draghi für die Eurozone, wo derzeit weiterhin Stützungskäufe von 60 Milliarden pro Monat getätigt werden. In der Vergangenheit wurde immer wieder gewarnt, dass das billige Notenbankgeld süchtig machen könne wie eine Droge.

Aus medizinischer Sicht würde das bedeuten: Je länger diese Droge konsumiert wird, desto härter und schmerzhafter dürfte ihr Entzug werden.

Ausblick für die laufende Woche

Seit Jahrhunderten wurde Gold stets wegen seiner Schutzfunktion gegenüber einer chronischen Geldentwertung (Inflation) und Kriegsgefahren (geopolitische Risiken) hochgeschätzt.

In der vergangenen Woche rückte der Aspekt Inflationsschutz nach der Bekanntgabe sinkender Inflationserwartungen in China, Europa und den USA wieder in den Hintergrund. Auf dem Radar der Anleger ganz nach oben gerutscht ist hingegen der Konflikt zwischen Nordkorea und den USA bzw. dem Rest der Welt.

Nachdem die Uno gegen das kommunistische Land weitere Sanktionen beschlossen hatte, nahm die Kriegsrhetorik zwischen den USA und Nordkorea neue Dimensionen an. Dieses Risiko lässt sich am besten als „unkalkulierbar“ bezeichnen.

Grundsätzlich hat man den Eindruck, dass es derzeit keine Inflation der Preise, sondern eher eine Inflation der geopolitischen Krisen gibt.

Diese schwelen vor allem im Nahen und Mittleren Osten, im südchinesischen Meer, in Venezuela, in der Türkei, in Nordafrika usw. aber auch Europa ist alles andere als eine krisenfreie Zone.

Bankenkrise, Flüchtlingskrise und Schuldenkrise schwelen weiterhin vor sich hin und könnten jederzeit wieder einen Flächenbrand auslösen.

Damoklesschwert Anleihemärkte
Jörg Bernhard - Jörg Bernhard ist diplomierter Betriebswirt (FH) und arbeitet seit dem Jahr 2002 als freier Wirtschaftsjournalist in München. In den vergangenen Jahren hat er sich auf Edelmetall- und Rohstoffinvestments sowie Anlagezertifikate spezialisiert. Zuvor war er mehr als acht Jahre bei einem Münchner Verlag aus dem Bereich Wirtschaftspresse angestellt. Derzeit schreibt er vor allem für diverse Börsenportale und Edelmetallhändler.
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Kommentare [5]
  • von Christian G | 16.08.2017, 23:10 Antworten

    "Bankenkrise, (Flüchtlings-) Migrationskrise und Schuldenkrise schwelen weiterhin vor sich hin und könnten jederzeit wieder einen Flächenbrand auslösen."
    Bis Ende September wird diesbezüglich nicht viel zu erwarten. Nach der Wiederwahl Merkels wird alles wieder hochkochen... Es wird gerade aus wahltaktischen Gründen vieles zurückgehalten.
    - Bankenkrise - welche eigentlich Sparerkrise heißen soll - wird medial ausgeblendet
    - Wirtschaftsflüchtlinge und Migranten sind hundertausende in Italien und warten
    - Schuldenkrise wird erst beendet sein, wenn der Euro als Gemeinschaftswährung verschnwindet, denn für D ist er zu schwach (extreme Außenhandelsüberschüsse) und für Griechenland viel zu stark. Eine Gemeinschaftswährung funktioniert nur, wenn sich die Länder in einem Währungsraum wirtschaftlich ähnlich sind.... Den Euro gibt es seit 15 Jahren und wird über die Hälfte seiner Zeit bereits "gerettet".

  • von bling bling | 18.08.2017, 00:59 Antworten

    jedem staat die alte währung zurückgeben führt auch zu verzerrungen, dollar(-gold) ist zu volatil, goldbasierte währung kann auch kein europa. also business as usual, abwarten und tee trinken.

    • von Christian G | 18.08.2017, 02:25 Antworten

      Die "Eurorettung", sprich die Transferunion, ist die größte Verzerrung. Da werden Sparer enteignet, um die nicht mehr mögliche Anpassung der Währungen zu kompensieren.
      Für die Exportwirtschaft gut, da das Ausland mit unserem Geld unsere Waren kaufen kann.

    • von blo-rakane | 18.08.2017, 20:26 Antworten

      Mit deinem Kommentar liegst du falsch „bling..bling“..deine Aussage „ jedem staat die alte währung zurückgeben führt auch zu verzerrungen“ , ist nicht das Problem , sondern ist eher die Lösung des problembehafteten-EURO. Das eine Einheitswährung wie der € erst „Zerreißkräfte“ produziert hat, dürfte nach 15 Jahren € bewiesen sein. Der Hauptprofiteur seit Einführung des € ist Deutschland. Der Außenhandelsüberschuss von Deutschland betrug 2016 9%. Und wer glaubt, dass die „Loser-Staaten der €-Währung dieses Faktum dauernd tolerieren, ist auf dem „Holzweg“

  • von bling bling | 18.08.2017, 21:38 Antworten

    dann muss ich nochmal das "führt AUCH zu verzerrungen" betonen. was sie beide schreiben stimmt. den rückwärtsgang einzulegen in dieser vollen fahrt führt aber eben zu einem getriebeschaden. die alten währungen würden stark entwertet und die dm wäre zu stark. da müssten auch rettungsmechanismen greifen (zinslose darlehen ohne wiedersehen), also vermutlich wieder die wahl der qual zwischen enteignung und hochriskanten anlagen.
    ich bin kein experte und das ist mein bauchgefühl. ich bin dankbar für ihren input!

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