Stand: 09.12.2014 von Mr. Gini 9 Kommentare

In diesen Dezember-Tagen des Jahres 2014 ist ja die Eurokrise nicht mehr wirklich im Focus der Hauptstrommedien. Kurzfristig konnte die EZB unter der Leitung des Italieners Mario Draghi die Probleme und Ungleichgewichte mit immensen Summen billigsten Geldes "zuschütten". Selbst große Krisenländer wie Frankreich können sich aktuell so günstig wie nie refinanzieren.

Unglaublich tiefe Zinsen

Tiefer geht immer, so ist aktuell die Devise. Fakt ist jedenfalls, dass die Rendite der französischen Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren auf ein Niveau von unter einem Prozent abgerutscht ist. Das gab es noch nie. Unglaublich, aber wahr. Und gleichzeitig zeigt sich auch, dass die Regierung in Paris die extremen realwirtschaftlichen Probleme nicht in den Griff bekommt. Parallel zum Verfall der Renditen am Rentenmarkt vermeldeten die Statistiker, dass der Arbeitsmarkt Frankreichs weiter schwer angeschlagen ist. Und hier handelt es sich wahrlich um einen Negativrekord.

Neuer Rekord bei Zahl der Arbeitslosen in Frankreich

Ende November meldete jedenfalls die Nachrichtenagentur Reuters in einer Meldung, dass die Zahl der Arbeitslosen in Frankreich auf ein neues Rekordhoch gestiegen ist. Im Oktober des Krisenjahres 2014 waren in Frankreich sage und schreibe 3,46 Millionen Menschen als offiziell arbeitslos gemeldet. Das waren erneut fast 30000 mehr als im Vormonat. Hinzu kommt, dass es sich dabei um den stärksten Zuwachs binnen eines Monats seit Februar 2014 handelt. Ja, im Jahr 2012 kam ja der Sozialist Hollande an die Macht in Frankreich. Er versprach damals vollmündig, den negativen Trend am französischen Arbeitsmarkt umuzukehren. Leider sind die politischen Versprechen das eine, und die realwirtschaftliche Realität zwei Jahre danach sieht leider völlig anders aus. Wohlwollend formuliert.

Eurokrise nicht gelöst

Die extrem schwache Verfassung der zweitgrößten Volkswirtschaft in der Eurozone zeigt einmal mehr klar auf, dass die Krise in Europa keineswegs überwunden, geschweige denn nachhaltig gelöst ist. Und da sind wir wieder bei möglichen Wegen aus der Eurokrise. Thema war insofern ja schon, dass Prof. Sinn den Austritt der hochverschuldeten Griechen aus dem Euro ins Spiel brachte. Das ist eine Variante eines möglichen Maßnahmebündels zur Überwindung der Krise. Die Griechen sind ja mitunter das schwächste Glied in der Euro-Kette. Was aber wäre, wenn nicht das schwächste, sondern das vermutlich stärkste Glied den Euro verlassen würde. Ja, in dem Fall geht es um einen möglichen Euro-Austritt Deutschlands.

Deutscher Euro-Austritt im Visier

Und in dem Kontext sei vielleicht noch auf das äußerst lehrreiche Werk "Basiswissen Eurokrise" von Thorsten Edler, erschienen im Tectum Verlag, hingewiesen. Herr Edler beschäftigt sich auf den Seiten 143ff ausführlich mit der Frage des möglichen Austritt Deutschlands aus dem Euro. Also, was wäre, wenn das wirtschaftsstarke Deutschland die Notbremse ziehen würde und die Eurozone verlässt? Herr Edler stellt insofern die Frage, ob ein solches Szenario ein Befreiungsschlag für die Eurokrise wäre. Und in dem Kontext weist er auf einige Punkte hin, die in dem Kontex von großer Relevanz sind.

Vernetzung der deutschen Wirtschaft

Herr Edler merkt an, dass die deutsche Wirtschaft in Europa extrem gut vernetzt sei. Mit einem Austritt würde Deutschland die grenzüberschreitende wirtschaftliche Vernetzung und viele Handelsvorteile in Europa verlieren. Als Beispiel wird aufgeführt, dass europaweit aufgestellte und vermarktete Geschäftsmodelle wie der Flugzeugbau bei Airbus so nicht mehr durchführbar wären. Vermutlich würden solche Geschäftsmodelle wieder im nationalstaatlichen Kleinklein ein kümmerliches Dasein fristen. Hinzu käme beim Austritt Deutschlands, dass die Transaktionskosten von Geschäften innerhalb Europas zunähmen. Hier sei das Thema "Wechselskursspielereien" wieder im Visier dann.

Wechselkursrisiken und TARGET2-Salden

Apropos Wechselkurse, hier wird angemerkt, dass kurzfristig durch die neue deutsche Währung starke Kursreaktionen am Devisenmarkt zu erwarten seien. Diese Reaktionen seien vorher kaum abzuschätzen und bergen erhebliche Risiken. Äußerst fraglich bleibe in dem Kontext, wie nach einem Austritt aus der Eurozone mit den auf deutscher Seite ja weiterhin bestehenden hohen und offenen TARGET2-Salden zu verfahren wäre. Kurzum, das Risiko besteht, dass die Deutsche Bundesbank erhebliche Summen abschreiben müsste.

Belastung für die Exporte

Herr Edler merkt ferner an, dass es sehr wahrscheinlich sei, dass die Wiedereinführung einer neuen DM in Deutschland vermutlich zur Folge hätte, dass diese aufgrund ihrer zu erwartenden Stärke massiv gegenüber dem Rest-Euro und anderen Währungen aufwerten würde. Die Folge wäre, dass sich andere Länder dann deutsche Waren kaum mehr leisten könnten. Die klare Konsequenz wäre, dass die deutschen Exporte zurückgehen würden und sich folglich die deutsche Wirtschaftsleistung verschlechtern würde. Darüber hinaus würden dann neue Probleme wie wieder eingeführte Handelsbeschränkungen auftauchen.

Ende der Währungsunion

Und last but not least sei auf den vielleicht wichtigsten Aspekt eines möglichen Austritts des wirtschaftsstarken Deutschland aus dem Eurosystem hingewiesen. Kurzum, der Austritt Deutschlands könnte starke Auswirkungen auf die Europäische Währungsunion haben. Herr Edler betont hier deutlich, dass damit die Währungsunion möglicherweise ganz am Ende wäre. Fehlte der Eurozone der stärkste Motor und wichtigste Stabilisator, folgten daraus gleichzeitig viele politische und wirtschaftliche Probleme. Diese Probleme würden die Funktionsfähigkeit des Euroverbunds insgesamt sehr rasch in Frage stellen. Damit einher gingen Befürchtungen über tiefgehende rezessive Tendenzen mit Auswirkungen auf Staaten, Bankensystem, Unternehmen und Arbeitsplätze.

Äußerst fraglich sei Edler zufolge, ob eine derartig extreme Krise dann noch über Konjunkturprogramme aufgefangen werden könne.

Ja, diese Angst steckt den Verantwortlichen in Berlin sicher in den Knochen und schreckt massiv davor ab, die Euro-Notbremse zu sehen. Die extrem spannende Frage ist und bleibt aber, ob die Euro-Notbremse dann doch irgendwann gezogen werden wird, vielleicht muss. Und zwar dann, wenn die Zeit, die Mario Draghi mit dem ultra-billigen EZB-Geld geschaffen hat, abgelaufen ist.

Einzig sicher bleibt insofern die Ungewissheit und vielleicht auch die Tatsache, dass es eine einfache und schmerzfreie Lösung der Eurokrise nicht geben wird.

Leider dürften die "Schmerzen" nicht geringer werden, je länger diese in die Zukunft verschoben werden....

Euro-Austritt Deutschland möglich?
Mr. Gini - Der Autor befasst sich schon seit vielen Jahren hauptberuflich mit den Ungleichge- wichten und strukturellen Problemen der Welt- wirtschaft, insbesondere des Weltfinanzsystems. Der Autor vertritt die Ansicht, dass die Krise erst dann beendet ist, wenn die globale Überschuldungskrise gelöst ist. Sprich, wenn das Verschuldungsniveau auf ein für die Volkswirtschaften tragfähiges Niveau geschrumpft ist.
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Kommentare [9]
  • von Goldie | 16.12.2014, 14:55 Antworten

    P. S. Die Fragezeichen in meinem Kommentar stehen für "Euro".

  • von Goldie | 16.12.2014, 14:53 Antworten

    Volkswirtschaftlicher Sachverstand spricht jedenfalls nicht aus den Kommentaren. Bei einem Schuldenstand von 2 000 000 000 000 ? bedeutet eine Zinssenkung von 2 Prozentpunkten (tatsächlich war der Rückgang der Renditen der Bundesanleihen seit Einführung des Euro noch höher) immerhin eine Entlastung pro
    steuerzahlendem Haushalt (gemeint sind hier die direkten Steuern) von rund 2 000 ? pro Haushalt und Jahr.
    Goldie

  • von Marga | 13.12.2014, 18:16 Antworten

    Es ist gut, dass die Bürger der Nation unser Banken- und Geldsystem nicht verstehen, denn wenn sie es würden, glaube ich, gäbe es noch heute Nacht eine Revolution. - Henry Ford, 1922

    (THRIVE Deutsch) GEDEIHEN: Was Auf Der Welt Wird es Brauchen? .

    http://youtu.be/-pRfGVHU_Qg

  • von mensch | 13.12.2014, 14:44 Antworten

    Die Komentatoren hier haben möglicherweise mehr Schverstand als ich, doch alle vergessen eines .
    Sie reden von Deutschland und meinen ja unbewusst nur die BRD. Diese BRD ist nicht souverän und hat hier wohl nicht viel zu entscheiden.
    Wir sind hier auf Gedeih und Verderb fremden Interessen ausgeliefert.

  • von Neuer | 12.12.2014, 23:24 Antworten

    Vor der Euroeinführung waren doch schon alle Euro- Staaten pleite.
    Nur will sich keiner mehr daran erinnern. Sämtliche EU Staaten standen vor einer Hyperinflation. Das schlimmste, riesige soziale Unruhen in den EU Staaten musste verhindert werden. Man stelle sich vor, unzählige Menschen leben in schlimmster Armut. Das hatten die Herren Kohl, Weigl und EU Kollegen schon Jahre vorher gewusst und frühzeitig eine neue Währung erfinden lassen. Die gefürchteten sozialen Unruhen
    konnten daher bis heute unterdrückt werden. Die Euroeinführung war eine Europäische Währungsreform. Das Ende des Euros ist unausweichlich. Die Staaten sind schon wieder pleite. Was auch kommen mag, Deflation, Inflation, Depression usw. es wird nicht gut enden. Die nächst kommende Währung (Weltwährung) wird nicht annähernd die Zeit des Euros überleben. Was dann?
    Ganz einfach ! Geld wird es keines mehr geben.
    Die armen Leute beklauen die reiche Leute und das Europaweit- und zwar Tag und Nacht,- Mord und Todschlag.
    Kann es sein, dass dies alles gesteuert wird ?

  • von Karl Kühlwein | 12.12.2014, 21:45 Antworten

    Eine Währung gehört normalerweise zu einem Staat mit einer einheitlichen Regierung, Politik und Steuergesetzgebung. Eventuelle Staatsschulden nutzen allen Steuerzahlern/Wählern direkt oder indirekt. Darüber hinaus kann dieser Steuerzahler als Wähler dieser Regierung Einfluss nehmen.
    Der Euro aber ist eine systemische Fehlgeburt, da er vielen nationalen souveränen Nationalstaaten als Währung dient. Das führt dazu, dass Schulden eines Nationalstaates immer dazu führen, dass alle anderen Eurostaaten/Eurobürger mindesten über die durch die Verschuldung entstehende Wertminderung des Euros diese mit finanzieren.
    Aber z.B. ein deutscher Bürger kann keinen Einfluss über sein Wahlrecht auf Regierungsbildungen in anderen Euroländern die möglicherweise extreme Schulden zu Gunsten ihrer Wähler (Wahlversprechen) machen.

    Ich bin der Meinung, dass genau so wie die Einführung des Euro möglich war, ist auch die Einführung nationaler Währungen wieder möglich.
    Das führt dazu, dass die Nationalstaaten Ihre Staatsverschuldungen nicht mehr in allen Eurostaaten sozialisieren können.

    Ich bin der Ansicht, dass die Lösungsansätze der EZB mit neuen Schulden die Schuldenprobleme in der Eurozone lösen zu wollen langfristig scheitern werden.
    Auf der einen Seite sollen Banken keine Kredite mehr an nicht ausreichend solvente Investoren (Kreditnehmer) vergeben (so genannte faule Kredite). Auf der anderen Seite werden solvente Investoren kaum Kredite nachfragen, wenn sie gleichzeitig Strafzinsen für ihr Eigenkapital zahlen müssen, d.h. sie werden erst ihr Eigenkapital investieren bevor sie Kredite nehmen.

    Ich bin der Ansicht, dass die o.g. Voraussetzung für eine gemeinsame Währung d.h. "die Vereinigten Staaten von Europa" nie entstehen werden, deshalb muss man wieder aus dem Euro aussteigen. Je länger man sich teuer Zeit kauft bevor man aus dem Euro aussteigt um so teurer wird der Ausstieg. Außerdem riskiert man das Auseinanderbrechen der EU als Ganzes.

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