Stand: 10.09.2020 von Hannes Zipfel
Die Europäische Zentralbank (EZB) unter der Leitung der französischen Juristin und ehem. Politikerin Christine Lagarde belässt den Leitzins bei 0,0 Prozent und den Einlagenzins für Überschussliquidität von Banken bei -0,5 Prozent. Über das Pandemie-Notfall-Anleihekaufprogramm (PEPP) sollen unverändert 1,35 Billionen Euro neu in Umlauf gebracht werden. Damit bleibt die europäische Geldpolitik voll im Krisenmodus – ungeachtet der rhetorischen Beruhigungspillen von verschiedenen Seiten.
Alles halb so schlimm? EZB hält an allen Notfallmaßnahmen fest

An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!

Es ist schon auffällig, dass zuletzt sowohl die Fiskalpolitiker, wie z. B. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und auch Forschungsinstitute, wie das staatsnahe Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) unter der Leitung des umstrittenen Ökonomen Marcel Fratzscher, bemüht sind, die ökonomische Krise als "halb so schlimm" und "bald überstanden" darzustellen.

Fratzscher, dem eine große Nähe zur SPD nachgesagt wird, hatte erst jüngst die Existenz von sogenannten Zombieunternehmen geleugnet, nur um kurze Zeit später in einem Tweet vor möglicherweise 700.000 Unternehmenszombies hierzulande zu warnen (ca. 25 Prozent aller deutschen Unternehmen).

Auch Finanzminister Olaf Scholz hatte derartige Unternehmen, die aktuell ohne veränderte Insolvenzregeln, staatliche Hilfen und künstlich niedrige Zinsen nicht mehr in der Lage wären, ihren Schuldendienst zu leisten, als "blutleere intellektuelle Fata Morgana bezeichnet".

Da stellt sich die Frage, warum dann Sonderregelungen, die bis auf Weiteres die Pflicht zur Insolvenzanmeldung aussetzen und den Banken erlauben, Kreditausfälle in ihren Bilanzen zu ignorieren, um deren Eigenkapital zu schonen, aufrechterhalten werden?

Die Schönwetterrhetorik steht in klarem Kontrast zu der historischen Dimension des aktuellen Wirtschaftseinbruchs und den unsicheren Aussichten für Herbst und Winter. Diverse Branchenverbände sehen unvermindert die Gefahr einer Pleitewelle in den nächsten Monaten.

In dieser Woche warnten die DEHOGA (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband), der VDA (Verband deutscher Automobilindustrie) sowie die deutschen Konzertveranstalter erneut vor genau diesem Szenario. Der oberste deutsche Bankenaufseher Felix Hufeld (Bafin) ließ sich in Hinblick auf die Situation der Banken Anfang September gar mit den Worten "Das dicke Ende steht noch aus" im Handelsblatt zitieren.

Fakt ist, dass die Wirtschaft national und international den größten Rückschlag seit dem Zweiten Weltkrieg zu verkraften hat und der weitere Verlauf der Coronakrise nur schwer zu prognostizieren ist. Dabei trifft die heftige Rezession eine Weltwirtschaft, die gemäß den Daten von IMF (Internationaler Währungsfonds) und IIF (Institut for International Finance) mit fast 250 Prozent zum weltweiten BIP so stark verschuldet ist wie nie zuvor seit Datenaufzeichnung. Gründe genug für die EZB, auf ihrer jüngsten Ratssitzung am Donnerstag die Notfallmaßnahmen vollumfänglich beizubehalten und natürlich auch an den historisch niedrigen Zinsen festzuhalten, die ja nicht erst seit Ausbruch der Pandemie null und negativ sind.

Scholz kann es nicht lassen

Nahezu grotesk mutet es daher an, dass noch während der Pressekonferenz der EZB-Präsidentin Lagarde zu der Entscheidung, alle Notfallmaßnahmen beizubehalten und bei Bedarf sogar weiter auszubauen, Finanzminister Olaf Scholz (SPD) erneut in einer Pressekonferenz des Bundesfinanzministeriums zur aktuellen Steuerschätzung trotz anhaltend massiver Einnahmeeinbußen wiederholte, dass das Schlimmste wohl überstanden sei und es nun mit der deutschen Wirtschaft dynamisch aufwärts ginge.

Jeder Bürger kann selbst entscheiden, wie vertrauensvoll ein Politiker ist, der den G20-Gipfel in Hamburg im Jahr 2017 im Vorfeld als "sicherheitspolitisch vergleichbar mit dem Hafengeburtstag" bezeichnete, bevor die Hansestadt in Flammen aufging und zudem den Untersuchungsausschuss des Parlaments in der Causa Cum-Ex über seine Kontakte zum Vorstand der involvierten Hamburger Warburg Bank dreist belog. Trotz aller Skandale avancierte der ehemalige erste Bürgermeister und Regierungsoberhaupt der Freien und Hansestadt Hamburg zum Kanzlerkandidat der SPD.

Hinweise auf Devisenmarktintervention

Bereits in der letzten Woche hatten Aussagen des Chefvolkswirts der EZB, Philip Lane, den Devisen und Goldmarkt bewegt. Kurz nachdem der Euro gegenüber US-Dollar die Marke von 1,20 überwinden konnte, wies Lane auf die Bedeutung des Wechselkurses für die europäischen Währungshüter in Frankfurt hin. Die Marktteilnehmer deuteten dies als Hinweis auf eine aus Sicht der EZB unwillkommene Euro-Stärke und einen möglicherweise bevorstehenden Devisenmarkteingriff. Der Euro gab daraufhin bis auf 1,1750 nach. Wegen der engen Korrelation zwischen Gold und US-Dollar verlor auch das gegen die Weltleitwährung gehandelte gelbe Edelmetall deutlich an Wert.

Nach den heutigen Aussagen der EZB-Präsidentin Christine Lagarde sprang der Euro nun auf 1,19 zurück nach oben und auch der Goldpreis konnte sich auf 1.963 US-Dollar bzw. 1.650 Euro pro Unze (31,1 Gramm) erholen.

Lagarde sagte, dass die Geldpolitik der EZB nicht primär auf den Wechselkurs EUR/USD abziele. Gleichwohl wiederholte auch sie, dass die jüngste dynamische Aufwertung des Euro, der Mitte Mai 2020 noch bei 1,08 zum US-Dollar notierte, die Preise in der Eurozone unter Druck setzen könne. Die EZB will daher die Wechselkursentwicklung "sorgfältig" überwachen und "ausführlich im EZB-Rat diskutieren". Das klingt dann doch nach einer möglichen Devisenmarktintervention, sollte der Euro die Marke von 1,20 zum US-Dollar nachhaltig überwinden.

Grund für die Eurostärke bzw. Dollarschwäche ist die in den USA deutlich gravierendere Ausprägung der Coronakrise, die eine im Vergleich zu den europäischen Staatshaushalten überproportionale Explosion der Neuverschuldung zur Folge hat. Darüber hinaus bewegt sich auch das Defizit im US-Außenhandel wieder in Richtung Rekordstände.

Um eine weitere Aufwertung der Gemeinschaftswährung zu verhindern, könnte die EZB ihre Geldpolitik noch weiter lockern oder direkt am Devisenmarkt durch Verkäufe von Euro gegen US-Dollar intervenieren - so wie die Schweizerische Nationalbank (SNB) dies bereits seit Jahren tut, um den Schweizer Franken gegen Euro und US-Dollar künstlich zu schwächen.

Im Gesamtbild bleibt die heute nochmals bestätigte ultralaxe Geldpolitik der EZB konstruktiv im Sinne weiter steigender Goldpreise. Sollte die EZB tatsächlich mittels noch niedrigerer Zinsen oder noch aggressiverer quantitativer Geldpolitik auf die Eurostärke reagieren, sollten davon vor allem die Goldnotierungen in Euro und damit Goldanleger aus der Eurozone profitieren.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von F.S | 10.09.2020, 21:56 Antworten

Betrifft die EZB und ihre Politiker im Schlepptau : Wer nur Stroh im Kopf hat , der Fürchtet den Funken der ERLEUCHTUNG !!!

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Handarbeit aus "Schwäbisch Sibirien"