Stand: 14.05.2015 von Mr. Gini 0 Kommentare

Trotz der jüngsten Turbulenzen herrscht derzeit für den deutschen Staat ein nach wie vor paradiesisch niedriges Zinsumfeld vor. Während die deutschen Sparer unter den Maßnahmen der Draghi-EZB leiden, kann sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble freuen. Die Umlaufrendite liegt nach wie vor auf einem historisch noch nie da gewesenen tiefen Stand. Zum Vergleich, im Jahr 2011 lag die Umlaufrendite bei einem Niveau von über drei Prozent; aktuell liegen wir immer noch bei einem Stand von unter 0,5 Prozent.

Paradiesische Zeiten für den deutschen Staat

Zweifelsohne, das ist ein paradiesisch tiefes Niveau für den Staat. Kehrseite dieser Entwicklung ist eben auch, dass Berechnungen von Prof. Sinn vom ifo Institut mit Sitz in München zufolge den deutschen Sparern seit dem Jahr 2008 ungefähr 300 Milliarden Euro an Zinsen entgangen sind. Das sollte in dem Kontext nie zu kurz kommen und verschwiegen werden. Die Last der Überschuldungskrise wird schlicht auf den biederen Sparer abgewälzt.

Und das Ende der langen Durststrecke für die konservativen Sparer dürfte noch lange nicht errreicht sein. Dr. Jens Boysen-Hogrefe, stv. Leiter des Prognosezentrums am Institut für Weltwirtschaft mit Sitz in Kiel (IfW) rechnet mit einer Rückkehr zu einem normalen Zinsniveau erst wieder in fünf bis acht Jahren. Kurzum, weiter fünf bis acht verlorene, ja magere Jahre für die Sparer. Ob diese historisch lange Durststrecke die einst weltweit beneidete "abendländische" Sparkultur überstehen wird?

Deutscher Staat mit Rekordeinsparungen

Die nächsten Jahre dürften andererseits für den hoch verschuldete deutsche Staat relativ "gute" Jahre werden. Nach aktuellen Berechnungen von Dr. Jens Boysen-Hogrefe vom IfW spart der Bund durch das aktuelle Niedrigzinsumfeld Milliarden an Kreditzinsen ein. Als Vergleichswert nimmt der Finanzwissenschaftler das durchschnittliche Zinsniveau der Jahre 1999 - 2008 für Bundesanleihen unterschiedlicher Laufzeit, welches zwischen gut 3 % und knapp 4,5 % lag. Vergleiche man nun die Zinslast der Neuemissionen, die in den Jahren 2009 bis 2014 getätigt worden seien, mit der hypothetischen Zinslast, die bei besagten historischen Mittelwerten fällig gewesen wäre, liegen die kumulierten Einsparungen bis ins Jahr 2030 bei insgesamt 160 Mrd. Euro, so das Fazit von Herrn Boysen-Hogrefe.

Ja, ein Volumen von 160 Milliarden Euro bis ins Jahr 2030 - das ist schon was. Andererseits sind es die deutschen Sparer, deren Altervorsorge parallel dazu wie Eis in der Sonne dahinschmilzt. Finanzielle Repression pur eben.

Rekordjahr 2015

Und in diesem Repressionjahr 2015 werde der Bund dem IfW zufolge die größte Zinseinsparung in einem Einzeljahr mit Minderausgaben von knapp 20 Mrd. Euro erzielen. Hier merken die Wissenschaftler aus Kiel zum Vergleich an, dass der Solidaritätszuschlag nach Schätzung des Experten im selben Jahr etwa 15 Milliarden Euro einbringen werde. Zusammen gerechnet würden die Zinseinsparungen beim Bund von 2009 bis 2015 bei knapp 80 Milliarden Euro liegen. Das ist schon sehr beachtlich. Und die Schuldenmanager des deutschen Staats agieren zudem noch sehr klug und versuchen, das aktuell historische Umfeld möglichst lange zu konservieren.

Mehr Staatstitel mit langer Laufzeit

Hier konstatiert Herr Boysen-Hogrefe, dass die Finanzagentur des Bundes in jüngster Vergangenheit offenbar sehr bemüht sei, die Laufzeiten der öffentlichen Schuldtitel zu erhöhen und somit einen Teil des historisch einmaligen Niedrigzinsumfelds zu konservieren. Der Anteil der 30-jährigen Anleihen steige; zugleich sänken die Anteile der 2-jährigen Bundesschatzanweisungen und der Schatzanweisungen mit Laufzeiten von bis zu 12 Monaten. Mit dem Andauern der Schuldenkrise würden gleichzeitig auch die Renditen für Schuldtitel mit höheren Restlaufzeiten sinken. Die Mixtur aus gesunkenen Inflationserwartungen und der "Quantitativen Lockerung" der EZB triebe zu Beginn dieses Jahres die Renditen lang laufender Anleihen gegen null. Zur Erinnerung, Anleihen mit kurzer Laufzeit liegen ja schon seit dem Jahr 2012 nahezu unverändert im negativen Bereich.

Beginn der Zinswende in zwei Jahren?

Höchst interessant ist in dem Kontext auch, dass Finanzwissenschaftler Boysen-Hogrefe mit einem Anstieg des Zinsniveaus ab etwa 2017 rechnet. Aber es werde dauern, ehe die historischen Vergleichswerte wieder erreicht werden. Der Experte rechnet erst in den 2020er-Jahren mit einer Rückkehr auf ein normales Zinsniveau. Und mit dem "normalen Zinsniveau" steigen auch die Risiken für den Staatsahaushalt spürbar an. Denn es sei wahrscheinlich, dass gerade dann die Zinslast deutlich steigen werde, wenn zeitgleich die Demografie die öffentlichen Haushalte stark belasten dürfte, so die Prognose von Boysen-Hogrefe.

Die aktuell sehr gute Lage der öffentlichen Haushalte in Deutschland dürfe daher nicht darüber hinweg täuschen, dass mittel- bis langfristig spürbare Haushaltsrisiken bestünden. Damit der Bund zukünftig zur Einhaltung der Schuldenbremse nicht politisch schwer durchsetzbare Sparprogramme auflegen müsse, bedarf es daher bereits jetzt einer Ausgabengestaltung, die die demografischen Kosten und die steigende Zinslast im Blick habe, so die Empfehlung des Wissenschaftlers an die politisch Verantwortlichen in Berlin.

Ja, noch immer werden die Folgen der Schrumpfvergreisung Deutschlands massiv unterschätzt. Richtig brisant wird es ab 2022/23, wenn die Baby-Boomer-Jahrgänge in den Ruhestand gehen werden. Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen schon jetzt so weit in die Zukunft sehen wollen und nicht nur bis zum nächsten Wahltag...

Folgen der Niedrigzinsen für Deutschland
Mr. Gini - Der Autor befasst sich schon seit vielen Jahren hauptberuflich mit den Ungleichge- wichten und strukturellen Problemen der Welt- wirtschaft, insbesondere des Weltfinanzsystems. Der Autor vertritt die Ansicht, dass die Krise erst dann beendet ist, wenn die globale Überschuldungskrise gelöst ist. Sprich, wenn das Verschuldungsniveau auf ein für die Volkswirtschaften tragfähiges Niveau geschrumpft ist.
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