Gold: 1.736,44 € +0,47 %
Silber: 20,94 € -0,77 %
Stand: 16.09.2022 von Hannes Zipfel
Wann immer es in der Eurozone lichterloh brannte, löschte die Europäische Zentralbank mit ihrer scheinbar unerschöpflichen Liquidität jede bedrohliche Feuersbrunst. Doch in Zeiten der Starkinflation gibt es diese Möglichkeit nicht mehr. Die nächste Eurokrise wird daher wohl finalen Charakters sein. Gold hat seine Rolle als „Sicherer Hafen“ bereits bei diversen Eurokrisen zuvor bewiesen.
Gold als Fluchtwährung vor der nächsten Eurokrise

Die EZB als Panzer-Tape für die Euro-Zone

Ob die „Whatever it takes“-Rede des ehemaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi im Jahr 2012, das Abwenden der Beinahe-Pleite Griechenlands durch Kredite der EZB im Jahr 2015, das Überleben der Eurozone während der Pandemie durch ein Billionen-Euro-Programm namens „PEPP“ oder das ganz aktuelle „TPI“-Programm (Transmission Protection Instrument) zur neuerlichen Abwendung des Staatsbankrotts Italiens: Ohne die Europäische Zentralbank (EZB) wäre die Gemeinschaftswährung seit mindestens einer Dekade bereits unzählige Male gescheitert.

Der Grund dafür ist so simpel wie erschreckend: Keine andere Zentralbank des Staatenbundes besitzt unabhängig von der EZB das Geldschöpfungsprivileg. Und mit Geld lassen sich bekanntlich viele Probleme lösen. Aber mit zu viel Geld erreicht man genau das Gegenteil, nämlich steigende Preise und einen Vertrauensverlust in den Emittenten der Währung. Vor allem, wenn neben der Geldflut und der Abwesenheit eines realen Zinses die Lieferketten reißen und das Angebot an Gütern und Dienstleistungen schrumpft.

Zur Wahrheit gehört auch, dass die EZB nicht nur akute Rettungshilfen für Staaten leistete, sondern über die Daueralimentierung mittels diverser Bankenrettungspakete, die vor allem italienischen Instituten zugutekamen (z. B. der ältesten Bank der Welt, der Banca Monte dei Paschi di Siena), ein Währungssystem aufrechterhielt, dass bereits nach kurzer Zeit gescheitert wäre. Bereits im Jahr 2000 rutschte der Euro unter die Parität zum US-Dollar, da man vor allem unter angelsächsischen Ökonomen dem Konstrukt der Eurozone keine allzu lange Lebensdauer attestierte.

Die EZB betreibt für 27 Staaten mit völlig unterschiedlichen ökonomischen und gesellschaftlichen Charakteristika eine Einheitsbrei-Geldpolitik. Sichtbar u. a. an den signifikant auseinanderklaffenden Inflationsraten bei identischem Leitzins:

Verbraucherpreise August 2022 gegenüber Vormonat

Gelddrucken ist keine Option mehr

Die seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine aus dem Ruder gelaufene Energiekrise greift nun das industrielle Herz des Euroraums, Deutschland an. Ausländisches Kapital wird massiv abgezogen, der Euro verliert international an Vertrauen und notiert aktuell wieder unter der Parität zur Weltleitwährung US-Dollar.

Derart niedrige Wechselkursniveaus gab es zuletzt kurz nach der Einführung des Euro im Jahr 2002. Damals hatte der Devisenmarkt offenbar schon den richtigen Riecher. Doch Deutschland stand für die Solidität der Gemeinschaftswährung und würde, so der Irrglaube, alle Rechnungen resultierend aus dem Währungsexperiment bezahlen. Diese Hoffnung verringert sich mit der Deindustrialisierung Deutschlands und der implodierenden Handels- und Leistungsbilanz nun von Tag zu Tag (Quelle Handels- und Leistungsbilanz Deutschland: DeStatis).

Gemeinschaftswährung Euro seit Einführung als Buchgeld

Bereits seit über einem Jahrzehnt müssen die Eurostaaten, vor allem die Länder des „Club-Med“ und deren Bankensysteme, regelmäßig von der EZB finanziell direkt oder indirekt unterstützt und gerettet werden, um ihren finanziellen Verpflichtungen am Kapitalmarkt nachkommen zu können (Zins- und Tilgungszahlungen). Dazu wurden u. a. von der EZB Billionen Euro digital erzeugt und verteilt.

Das hat die EZB-Bilanzsumme von 697 Milliarden Euro am 1. Januar 1999 (Buchgeldeinführung der Gemeinschaftswährung) bis auf aktuell 8,75 Billionen Euro um den Faktor 12,55 aufgeblasen.

Doch in Anbetracht zweistelliger offizieller Inflationsraten in immer mehr Mitgliedsstaaten des Euroraums bis hin zu 25 Prozent Inflationsrate in Estland ist Gelddrucken nun keine Option mehr.

Damit könnte das Ende der Eurozone de facto eingeleitet sein. Denn es bleiben der EZB nur noch zwei Möglichkeiten: entweder sie übt sich in geldpolitischer Zurückhaltung, was die Eurozone in Anbetracht der explodierenden Verschuldung und der sich anbahnenden Winter-Rezession in die Zahlungsunfähigkeit treibt und die Gemeinschaftswährung, auch gegenüber Gold, abstürzen lässt.

Verschuldung Eurozone in Prozent des BIP

Oder sie verspielt das Vertrauen in die Gemeinschaftswährung durch neuerliche Gelddruckorgien endgültig, wie das deutsche EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel anlässlich des Jackson Hole Economic Symposium Ende August in den USA selbst zum Ausdruck brachte:

„Sowohl die Wahrscheinlichkeit als auch die Kosten, dass sich die derzeitige hohe Inflation in den Erwartungen verfestigt, sind unangenehm hoch. In diesem Umfeld müssen die Zentralbanken energisch handeln. Sie müssen sich entschlossen gegen das Risiko stemmen, dass die Menschen beginnen, an der langfristigen Stabilität unserer Fiat-Währungen zu zweifeln.“

In Anbetracht eines aktuellen realen Leitzinses von -7,85 Prozent p. a. (1,25 Prozent Leitzins minus 9,1 Prozent Inflationsrate im Euroraum) ist dies eine absolut zutreffende Einschätzung.

Das Problem ist nur, dass die EZB die Zinsen nicht höher als 2,0 Prozent anheben möchte, was der Glaubhaftigkeit in Anbetracht zweistelliger Inflationsraten natürlich nicht dienlich ist.

Auch Gelddruckprogramme zur Stützung der Anleihemärkte sind aktuell in Anbetracht horrender Teuerungsraten unter Vertrauensaspekten absolut tabu.

Das als Alternative aus der Taufe gehobene „TPI“-Programm (Transmission Protection Instrument) hat seine eigenen Tücken: Es dürfen vorerst nur z. B. italienische Staatsanleihen in dem Maße gekauft werden, wie vorher deutsche Staatsanleihen aus der Bilanz der EZB verkauft wurden.

Das Ergebnis kann man in folgender Grafik beobachten: Jetzt steigen die Renditen für deutsche und italienische Staatsanleihen parallel an, weil der Erlös aus den „Bunds“ nicht ausreicht, die italienischen Renditen unter Kontrolle zu bringen, aber die deutschen Renditen nach oben treibt und damit die Kosten für Investitionen, Bauen und Konsumieren hierzulande. Im Black-Jack-Jargon nennt man das ein „Catch-22-Dilemma“ der EZB.

Rediten italienischer und deutscher Staatsanleihen bei 10-jähriger Laufzeit

Gold als Flucht aus dem Euro-Dilemma

Bereits in früheren Eurokrisen hat sich für Anleger aus dem Euroraum eine Anlage in Gold als „Sicherer Hafen“ bezahlt gemacht. Auch andere Fluchtwährungen, wie der Schweizer Franken, der Kanadische Dollar, der US-Dollar oder die Norwegische Krone erfüllten diesen Zweck, wenn auch mit deutlich unterschiedlichem Ergebnis. Für viele überraschend hat Gold auch hier mit Abstand die Nase vorn.

Euro und potentielle Fluchtwährungen

Da die genannten Devisen außer Gold aber alle zum gleichen, größtenteils ungedeckten dollarzentrischen Fiat-Geld-System gehören, bietet Gold unter Sicherheits- und Knappheitsaspekten einzigartige Vorteile und einen seit Jahrtausenden bestehenden „Track-Record“ als Krisenwährung.

Davon abgesehen spricht die Wertentwicklung des Goldes ganz klar für das gelbe Edelmetall als Fluchtwährung zum Schutz vor einer sehr wahrscheinlich nicht mehr abzuwendenden neuerlichen Eurokrise – wohl der Letzten dieses Währungsexperiments.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
Ihre Meinung zum Thema?
Sicherheitsfrage: Wie viele Münzen sehen Sie?
Fragen über Fragen
Ich stimme zu, dass mein Kommentar und Name zur Veröffentlichung auf GOLD.DE gespeichert wird. Die Netiquette für Kommentare hab ich gelesen. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit per Mail an info@gold.de widerrufen. Unsere Datenschutzerklärung.
von ERNeSTo | 19.09.2022, 13:44 Antworten

Gold legt keine Eier! Es gehört auch zur Absicherung innerhalb des Systems! Daher wird man es im Crashfall teuer in Eier umwechseln müssen (Metapher - Eier brauchen die Menschen - Gold nicht)

1 Antwort an ERNeSTo anzeigen
von Normalo | 18.09.2022, 16:27 Antworten

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen auf dieser Seite meine Meinung nicht mehr abzugeben weil die letzten schon nicht mehr veröffentlicht wurden. Ich war wohl zu dicht an der Wahrheit und dies scheint hier auch nicht erwünscht zu sein. Wirkliche Unabhängigkeit ist für mich etwas anderes. Aber egal. Stimmt einfach mit den Füssen gegen den Euro und dieser EZB ab und seht Gold als letzte Chance an. Der letzte Rücksetzer war doch fantastisch zum zukaufen. Jeder der eine Straftat begeht wird belangt, schade das dies nicht für unfähige Politiker gilt die aus Dummheit oder Angst wegsehen und unser Deutschland in den Abgrund führen. Die Zeche bezahlen ja eh wir die Arbeiten und kein anderer. Bin mal wieder gespannt ob die es veröffentlichen aber in Wirklichkeit ist es mir egal. Grins

von Gerald Sy | 18.09.2022, 09:32 Antworten

Nach meinen Berechnungen hat die EZB die Geldmenge im Euroraum verzehnfacht. Jetzt versuchen die Preise das selbe Niveau zu erreichen. Die Zahlen auf den Geldscheinen sind nur ein Versprechen und der manipulierte Goldwert nicht nur eine Chance für die Zentralbanken.

Copyright © 2009-2022 by GOLD.DE – Alle Rechte vorbehalten

Konzept, Gestaltung und Struktur sowie insbesondere alle Grafiken, Bilder und Texte dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt. Missbrauch wird ohne Vorwarnung abgemahnt. Alle angezeigten Preise in Euro inkl. MwSt. (mit Ausnahme von Anlagegold), zzgl. Versandkosten, sofern diese anfallen. Verfügbarkeit, Abholpreise, Goldankauf und nähere Informationen über einzelne Artikel sind direkt beim jeweiligen Händler zu erfragen. Alle Angaben ohne Gewähr.