Gold: 1.593,63 € +0,08 %
Silber: 20,16 € +0,21 %
Stand: 12.08.2021 von Hannes Zipfel
Die Preisentwicklung bei Gold, Silber und Platin weicht in diesem Jahr ungewöhnlich stark von den typischen saisonalen Verlaufsmustern ab. Für die Kursentwicklungen der kommenden Monate ergibt sich daraus eine interessante Ausgangslage. Zumal die Rahmenbedingungen für steigende Preise bei Edelmetallen selten zuvor so gut waren.
Edelmetalle: Deutliche Abweichungen vom saisonalen Muster

2021 entwickelt sich zum Ausnahmejahr für Edelmetalle

Man muss schon einige Jahrzehnte zurückschauen, um ein derart günstiges Umfeld für Edelmetalle zu finden: Seit vierzig Jahren waren die Realzinsen nicht mehr so negativ wie heute. Parallel dazu bläht sich die Geldmenge extrem auf. Die Notenbanken können die Inflation wegen der globalen Überschuldung nicht mehr durch eine straffere Geldpolitik bekämpfen.

Vor gut einem Jahr begann zudem ein neuer Rohstoffzyklus mit stark steigenden Preisen.

Dennoch konnten die Notierungen für Gold, Silber und Platin von dieser Gemengelage in diesem Jahr nicht profitieren. Das gilt auch für die typische Saisonalität. Normalerweise sind die Sommermonate Juli und August von positiven Kursentwicklungen geprägt.

Die Saisonalität des Goldpreises weist in der Regel eine besondere Stärkephase auf: Von Anfang Juli bis mindestens Anfang September steigen die Kurse spürbar an.

Der Grund dafür ist ein Nachfrageschub durch die Materialeinkäufe des Schmuckhandels für das Weihnachtsgeschäft sowie für die indische Hochzeitssaison. Mit 3759,6 Tonnen entfielen im Jahr 2020 fast 40 Prozent der weltweiten Goldnachfrage auf den Schmucksektor (37,5 Prozent).

Verstärkt wird die Nachfrage durch spekulative Marktteilnehmer, die von dem saisonalen Preis-Effekt profitieren wollen.

Im folgenden Goldpreis-Chart ist deutlich die Abweichung des diesjährigen Kursverlaufs (rote Linie) im Vergleich zu den Mehrjahresdurchschnitten der letzten fünf, zehn bzw. fünfzehn Jahre erkennbar.

Saisonaler Verlauf des Goldpreises in US-Dollar über 1 Jahr

Besonders signifikant ist die Abweichung vom Fünfjahresdurchschnitt. Dieser weist für den 9. August eine Kursentwicklung seit Jahresbeginn von +11,11 Prozent auf. In diesem Jahr büßte der Goldpreis bis zum 9. August hingegen 11,05 Prozent ein. Daraus ergibt sich eine aktuelle Performanceabweichung zum Fünfjahresdurchschnitt von 22,16 Prozent seit Jahresbeginn (Year to Date).

Auch der Silberpreis verläuft momentan diametral entgegengesetzt zu den längerfristigen saisonalen Mustern. Die Abweichung zum Fünfjahresdurchschnitt fällt mit 28,6 Prozent sogar noch größer aus als beim Goldpreis.

Saisonaler Verlauf des Silberpreises in US-Dollar über 1 Jahr

Beim Platinpreis verlaufen die saisonalen Muster etwas flacher. Die Schmucknachfrage ist mit ca. 23 Prozent der Gesamtnachfrage (2020) deutlich geringer im Vergleich zu Gold. Die Abweichung zwischen dem diesjährigen Kursverlauf und dem Fünfjahresdurchschnitt fällt mit 14,54 Prozent dennoch deutlich aus.

Saisonaler Verlauf des Platinpreises in US-Dollar über 1 Jahr

Gründe für die atypischen Kursverläufe

Trotz des konstruktiven Umfeldes für die Edelmetalle gibt es vier gegenläufige Impulse, die für das untypische Preisverhalten identifiziert werden können. Wobei diese Impulse sehr wahrscheinlich temporär Natur sind:

  1. Zuflüsse in Edelmetall-ETFs haben sich nach dem Boom in 2020 zuletzt umgekehrt

  2. Die Mär von der geldpolitischen Normalisierung ab dem zweiten Halbjahr 2021 verfängt noch

  3. Die Güterpreisinflation wird nach wie vor als vorübergehendes Phänomen betrachtet

  4. Pandemiebedingt ist die Nachfrage aus Indien in diesem Jahr deutlich schwächer als üblich

Es ist sehr wahrscheinlich, dass speziell die US-Notenbank (Fed) ab dem Herbst ihre „Tapering“-Pläne begraben muss, da die wirtschaftliche Dynamik sich bereits abschwächt und viele Hilfsprogramme auslaufen (Konsum-Schecks, zusätzliches Arbeitslosengeld etc.).

Gleichzeitig sorgen die Lieferengpässe weltweit für anhaltend hohe Fertigungs-, Transport- und Endverbraucherpreise. Das Szenario einer Stagflation (Stagnation + Inflation) erscheint aus heutiger Sicht plausibel.

Es ist fraglich, ob die Fiskalpolitik in gleichem Maße auf konjunkturelle Schwächephasen reagieren kann, wie zum Beispiel im Jahr 2020 und zu Beginn dieses Jahres. In den USA finden im kommenden Jahr wichtige Zwischenwahlen statt.

Dadurch werden weitere Kompromisse zwischen den Demokraten und den oppositionellen Republikanern zugunsten riesiger Stimulus-Pakete über das jüngst verabschiedete Infrastrukturpaket hinaus unwahrscheinlicher.

Damit bleibt die Konjunkturstützung primär an der Fed hängen.

Ebenso wie die Stützung des völlig überteuerten Aktien- und Immobilienmarktes. Eine Straffung der Geldpolitik und damit die Bekämpfung der Preisinflation erscheint daher auch für die Zukunft unrealistisch.

Fazit und Ausblick

Sollte sich im Verlauf der nächsten Wochen doch noch zumindest in Ansätzen das typische saisonale Muster durchsetzen, dann ist auch wieder mit Zuflüssen in die Edelmetall-ETFs zu rechnen. Damit wäre ein Haupttreiber für die Edelmetallpreise wieder aktiv.

Auf jeden Fall bietet die momentane Abweichung der Kursverläufe bei Gold, Silber und Platin von den typischen Verläufen im Spätsommer eine interessante Einstiegschance. Vor allem dann, wenn man den Inflationstrends nicht als temporär ansieht und eine Normalisierung der Geldpolitik für pures Wunschdenken hält.

Autor: Hannes Zipfel
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von Silberfreund | 13.08.2021, 10:38 Antworten

Guter Kommentar Herr Zipfel,-weiter so ! Grüsse

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