Stand: 08.05.2021 von Hannes Zipfel
Im Zuge wieder sinkender Realzinsen ziehen die Notierungen für Gold und Silber dynamisch an und können wichtige Chartmarken überwinden. Ist nun der Weg für die Preise der beiden Edelmetalle nach oben frei? Diese Antwort wird vermutlich bereits heute Nachmittag beantwortet, wenn die wichtigen US-Arbeitsmarktdaten veröffentlicht werden und Präsident Biden zu diesem Thema eine Rede hält.
Gold- & Silberpreise: Ist der Korken aus der Flasche?

Aufwärtsdruck setzt sich durch

Momentan bereitet die kurzfristige Kursentwicklung bei Gold und Silber den Edelmetallinvestoren wieder Freude. Die Charts zeigen für beide Metalle einen Kursausbruch über starke technische Widerstände nach oben.

Auslöser für den jüngsten Kurssprung war ein wieder deutlich sinkender Realzins (Zinsrate minus Inflationsrate). Die Rendite für zehnjährige US-Staatsanleihen sank in dieser Woche um 15 Basispunkte und liegt aktuell bei 1,53 Prozent p. a.

Dies bedeutet einen Realzins von -0,914 Prozent für diese Papiere.

Zuvor war der Realzins von Anfang Februar bis Anfang März von -1,06 Prozent p. a. auf -0,56 Prozent p. a. in Richtung null angestiegen. Das belastete die Gold- und Silberpreise.

Als der Realzins anschließend wieder tiefer in die Minuszone vordrang, begannen sich auch die Notierungen für die monetären Edelmetalle wieder zu erholen. Die Korrelation zwischen sinkenden Realzinsen und steigenden Gold- und Silberpreisen ist historisch sehr hoch.

Freitagmittag notierte eine Unze Gold bei ca. 1.820 US-Dollar und damit über dem zuletzt hartnäckigen psychologischen Widerstand von 1.800 US$/Unze (31,1 Gramm).

Theoretisch hat der Preis charttechnisch nun Luft bis zum gleitenden 200-Tage-Durchschnitt bei ca. 1.850 US$/Unze.

Gold in US Dollar pro Unze 2021

In Euro konnte der Goldpreis sogar die obere Begrenzung der seit Sommer letzten Jahres etablierten Konsolidierungsflagge signifikant durchbrechen und notiert aktuell zudem drei Euro über der psychologisch wichtigen Marke von 1.500 Euro pro Unze.

Goldpreis Chart in Euro pro oz

Der Silberpreis konnte sich im Zuge der jüngsten Aufwärtsbewegung deutlich von den gleitenden 50- und 200-Tage-Durchschnittslinien absetzen. Der vorher bereits gelungene Ausbruch aus dem kurzfristigen Abwärtstrend scheint damit nachhaltig zu sein.

Silberpreis Chart US-Dollar pro Unze 2021

Gleichwohl sind die Notierungen für Silber bereits an einen weiteren, horizontal verlaufenden Widerstand bei ca. 27,30 US$/Unze herangelaufen und könnten hier zunächst abprallen.

Achtung! US-Präsident Biden und die Arbeitsmarktzahlen

Darüber hinaus kommt es heute Nachmittag um 14:30 Uhr MESZ zum ersten Test für die Nachhaltigkeit der jüngsten Preisbewegungen bei Gold und Silber.

Neben der für die Geldpolitik wichtigen Veröffentlichung der Anzahl neu geschaffener Stellen außerhalb der Landwirtschaft (Non-Farm Payrolls) steht zur selben Zeit eine Rede des US-Präsidenten Joe Biden zur Lage am Arbeitsmarkt auf der Agenda.

Es ist zu vermuten, dass Biden diesen Termin bewusst gewählt hat und bereits in Kenntnis der Zahlen sein könnten. Das spräche für eine positive Überraschung.

Der Markt rechnet mit einem Zugewinn im Monat April in Höhe von 978.000 Stellen. Flüsterschätzungen gehen aber von deutlich über einer Million neu geschaffener Arbeitsplätze aus.

Neben der Headline-Zahl ist auch die Arbeitslosenquote wichtig.

Diese lag zuletzt bei 6,1 Prozent. Sollte dieser Wert weiter sinken und sich der Vollbeschäftigungsquote im Bereich von 5 Prozent annähern, würde neben der Preisstabilität auch das Argument Vollbeschäftigung für die ultralaxe Geldpolitik an Überzeugungskraft verlieren.

Auch die Unterkomponente „Lohnentwicklung“ wird wichtig. Kommt es neben explodierenden Vermögens- und Rohstoffpreisen nun auch noch zu steigenden Löhnen, dann wäre die Gefahr eines nachhaltigen Anstiegs der Inflationsrate kaum noch zu leugnen.

Damit stünde die US-Notenbank Fed unter noch höherem Druck, die Zinsen anzuheben und das aktuelle Wertpapierkaufprogramm in Höhe von 120 Mrd. US-Dollar pro Monat deutlich zurückzufahren (Tapering).

Das wäre für die weitere Preisentwicklung von Gold und Silber zumindest temporär ein Hemmschuh und könnte zu einer Gegenbewegung am heutigen Freitag führen.

Entwicklung wie in den Siebzigerjahren?

Gleichwohl bleibt dann immer noch abzuwarten, ob die nominalen Zinsen und Kapitalmarktrenditen mit dem Teuerungsschub überhaupt mithalten können. Bereits in den Siebzigerjahren war gut zu beobachten, dass nicht die nominalen Zinsen für die Entwicklung der Preise für Gold und Silber entscheidend waren, sondern der Realzins und das Vertrauen in den US-Dollar.

Und so könnte es bei heute überraschend guten Arbeitsmarktzahlen, was in Anbetracht der enormen Stimulus-Programme der US-Regierung wenig verwunderlich wäre, nach einem temporären Abverkauf zügig wieder zu ansteigenden Notierungen bei den beiden Edelmetallen kommen.

Schließlich hat sich eine wichtige Variable für die Geldpolitik im Vergleich zu den Siebzigerjahren entscheidend verändert: die Schuldenquote.

Das sogenannte Debt-to-GDP-Ratio (Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt) lag von 1970 bis 1979 im Durchschnitt bei 36,5 Prozent. Aktuell sind es bereits 127,76 Prozent (Quelle: U.S. Federal Reserve).

Damit ist der Spielraum für Zinsanhebungen, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen, heute deutlich geringer als damals. Die Schuldentragfähigkeit lässt grüßen.

Im Jahr 1980 betrug die Inflationsrate 13,5 Prozent (CPI, The Bureau of Labor Statistics) und der Leitzins der US-Notenbank Fed lag bei 17,6 Prozent (im April 1980).

Inflationsraten in solcher Höhe sind auch in Zukunft wieder denkbar, derart hohe Leitzinsen würden gleichwohl nicht nur das US-Schuldenkartenhaus zum Kollabieren bringen, sondern auch die Weltwirtschaft pulverisieren.

Damit ist selbst im Falle einer weiteren Erholung oder besser „Reflationierung“ der US-Wirtschaft mit weiter sinkenden Realzinsen zu rechnen. Dies wäre eine sehr positive Entwicklung im Sinne der Gold- und Silberpreise.

Aktuelle Arbeitsmarktzahlen und erste Reaktion der Gold- und Silberpreise

Die gemeldeten Daten fallen überraschend negativ, fast schon schockierend aus: Die Anzahl neu geschaffener Stellen liegt statt den im Konsens erwarteten 978k bei lediglich 266k. Der Wert für den Vormonat wurde zudem deutlich von 916k auf 770k nach unten revidiert.

Der Anstieg der Stundenlöhne liegt gleichzeitig mit 0,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr und 0,7 Prozent gegenüber Vormonat höher als erwartet. Das riecht nach Stagflation (Kombination aus Stagnation und Inflation).

Das ist eine v. a. für den Goldpreis sehr konstruktive Gemengelage.

Die Arbeitslosenquote beträgt 6,1 Prozent. Erwartet wurde hier allerdings ein Rückgang auf 5,8 Prozent (Vormonat war 6,0 Prozent).

Der US-Realzins für zehnjährige Staatsanleihen sinkt weiter auf -0,95 Prozent.

In einer ersten Reaktion schießt der Goldpreis in US-Dollar auf 1.838 US-Dollar um 18 US-Dollar pro Unze nach oben. In Euro gewinnt der Goldpreis wegen des absackenden US-Dollars versus Euro „nur“ um 13 Euro auf 1.518 Euro pro Unze an Wert.

Der Silberpreis legt lediglich moderat auf 27,50 US$/Unze zu, was an dem oben erwähnten Widerstand und der Sorge um die US-Konjunktur liegen könnte.

Das Bild der Daten ist zwar nicht einheitlich, zeigt aber das Dilemma der Amerikaner: Die Abhängigkeit von künstlichen Stimuli wird immer größer. Laufen diese aus, droht der Aufschwung in sich zusammenzufallen. Zudem machen die hohen Transferleistungen Neu- und Wiedereinstellungen teurer, da die Arbeitgeber mit den enormen staatlichen Zuwendungen konkurrieren.

Alternativ könnte man auch vermuten, dass die publizierten Zahlen zugunsten der US-Notenbank etwas moderater „gestaltet“ wurden, um die Zwickmühle, in der sie steckt, nicht noch problematischer erscheinen zu lassen. Aber das ist reine Spekulation.

Es wird nun interessant, wie sich Präsident Biden zum Arbeitsmarkt äußert. Dazu in der kommenden Woche mehr.

Autor: Hannes Zipfel
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von ich | 10.05.2021, 00:25 Antworten

"Präsident Biden" weiß überhaupt nicht was los ist! Der steht im Schlafanzug im Oval Office und fragt wo er ist. Alles was von dem kommt, kommt von anderen, die ihm diktieren was zu sagen ist. Man muss sich als Ami aber nicht schämen, da kommen wir Ende des Jahres auch noch hin!

1 Antwort an ich anzeigen
von Corbinian | 09.05.2021, 10:48 Antworten

Wie Herr Zipfel auf einen positiven Realzins von 0,914% kommt, bleibt mir schleierhaft.
CPI ist doch derzeit ca. 2,6%.

1 Antwort an Corbinian anzeigen
von FalscherZwanni | 10.05.2021, 07:38 Antworten

Fehlt da in der ersten Box ein Minuszeichen?
"Dies bedeutet einen Realzins von 0,914 Prozent für diese Papiere."

von Graf § | 08.05.2021, 16:51 Antworten

Sehr schöne, differenzierte Aufstellung und Retrospektive.
Man könnte sagen klatsch, klatsch - einmal links, einmal rechts, und einmal in die Hände ;)

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