Stand: 20.09.2016 von Jörg Bernhard 0 Kommentare

Im Vorfeld der anstehenden Fed-Sitzung geriet das gelbe Edelmetall unter Druck und zeitweise gefährlich nahe an die Marke von 1.300 Dollar. Ein Zinsschritt nach oben ist relativ unwahrscheinlich, die Unsicherheit über die künftige US-Geldpolitik wirkt aber wie ein Bremsklotz auf dem Goldpreis.

Beim Goldpreis scheint nach der diesjährigen Kursrally von bislang 21 Prozent mittlerweile etwas Sand ins Getriebe gelangt zu sein. Dabei dürfte ein Ausweiten der Zinsschere zwischen Europa und den USA eine große Rolle gespielt haben. In der Eurozone war der Leitzins bis 2013 höher als in den USA. Ab Mitte 2014 drehte sich dann das Bild. Seither ist der Leitzins in den USA höher als diesseits des Atlantiks. Diese Zinsschere könnte sich in den kommenden Monaten angesichts der drohenden US- Zinsanhebung weiter öffnen. Besonders stark öffnete sich in den vergangenen zwei Jahren die Zinsschere bei Staatsanleihen mit einjähriger Laufzeit (siehe Grafik). Als die Finanzwelt weniger in Aufruhr war, galt die Gesetzmäßigkeit, dass steigende Zinsen von Triple-A-Anleihen schlecht für Gold seien. Aus zwei Gründen sollte man diese Regel allerdings mit Vorsicht genießen.

Erstens: Steigende Zinsen können auch als erhöhtes Ausfallrisiko interpretiert werden.

Zweitens: Hohe Zinsen sind für Anleger nur dann von Vorteil, wenn die Inflation diese nicht wieder auffrisst.

Renditen von Staatsanleihen mit einem Jahr Laufzeit

Renditen von Staatsanleihen mit einem Jahr Laufzeit

ETF-Nachfrage in den USA auf Talfahrt

Dem in den USA mit großem Abstand beliebtesten bzw. am stärksten verbreiteten Gold-ETF SPDR Gold Shares hat die Diskussion um höhere US-Leitzinsen in den vergangenen Wochen ziemlich zu schaffen gemacht. Markierte dessen physisch hinterlegte Goldmenge mit 982,72 Tonnen am 5. Juli noch ein Jahreshoch, machte sich nachfolgend ein erheblicher Gewichtsverlust bemerkbar. Mittlerweile bewegt sich die gehaltene Goldmenge mit 942,61 Tonnen (16. September) wieder in Richtung Vor-Brexit-Niveau (915,90 Tonnen).

Vollkommen konträr entwickelte sich hingegen Xetra-Gold, das in Deutschland mit großem Abstand beliebteste Papiergold-Produkt mit Lieferanspruch auf physisches Gold. So meldete die Emittentin Deutsche Börse Commodities GmbH, dass in den Frankfurter Tresoren mittlerweile mehr als 100 Tonnen Gold gelagert sind. Dieser Rekordwert liegt mehr als 70 Prozent über dem Stand von Ende Dezember und belegt auf eindrucksvolle Weise die Affinität der Deutschen zu Gold und zugleich das Misstrauen gegenüber Geld.

Extreme Molltöne von US-Milliardär Paul Singer

Auf einer Konferenz institutioneller Investoren in New York malte Paul Singer, der Chef von Elliott Management, ein ausgesprochen trübes Bild von der Lage der globalen Finanzwelt. Mit Blick auf die Anleihemärkte spricht er von einer "Riesenblase" und meint, dass wir derzeit in einer gefährlichen Zeit leben. Selbst die Anleihen der G7-Staaten seien keine sicheren Häfen mehr. Er befürchtet einen Einbruch der Anleihemärkte sowie eine deutlich höhere Inflation. Zudem rät er Investoren von dem Glauben ab, dass Preise bei schwachem Wirtschaftswachstum nicht steigen könnten.

Auch andere Milliardäre wie zum Beispiel Jacob Rothschild, George Soros, Stanley Druckenmiller oder Bill Gross haben in diesem Jahr ihre Zweifel bezüglich der Stabilität der globalen Finanzsysteme angemeldet und verstärkt in Gold investiert. Die seit dem Jahreswechsel zu beobachtenden massiven Kapitalzuflüsse bei physisch besicherten Gold-ETFs sind hierfür der beste Beweis. Besonders interessant: Der World Gold Council bezifferte die globalen ETF-Zuflüsse für das erste Halbjahr 2016 auf 580 Tonnen. Damit wurde der bisherige Rekordwert aus dem Jahr 2009 (458 Tonnen) um über 26 Prozent übertroffen. Offensichtlich ist der Bedarf an Krisenschutz gegenwärtig markant höher als damals. Zur Erinnerung: Im Frühjahr 2009 standen die globalen Finanzsysteme nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers vor einem drohenden Zusammenbruch.

Ausblick für die laufende Woche

Darauf wartet die Finanzwelt bereits seit mehreren Wochen: die für Mittwoch (21. September) angekündigte Bekanntgabe des Sitzungsergebnisses der US-Notenbank Fed. Die Wahrscheinlichkeit, dass Yellen & Co – zum zweiten Mal nach Dezember 2015 – die US-Leitzinsen anheben werden, ist zwar relativ gering, an den relativ nervösen Finanzmärkten könnten aber allzu restriktive Töne zu heftigen Marktreaktionen führen. Eines scheint in den vergangenen Jahren offensichtlich geworden zu sein: Trotz der rund um den Globus eingeleiteten massiven geldpolitischen Stützungsmaßnahmen kann man die derzeitigen Wachstumsperspektiven – insbesondere in Europa – als enttäuschend bezeichnen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert Deutschland für 2016 ein Plus von 1,6 Prozent und für 2017 ein Wachstum von 1,2 Prozent. Ähnlich trübe sehen die Perspektiven für Frankreich (2016: +1,5 Prozent, 2017: +1,2 Prozent) und Großbritannien (2016: +1,7 Prozent, 2017: +1,3 Prozent) aus. Ein bisschen wenig Output, wenn man sich die monatlichen Kaufprogramme der Europäischen Zentralbank (80 Milliarden Euro) und der Bank of England (10 Milliarden Pfund) ins Gedächtnis ruft.

Gold: Zinsen und Dollar bremsen
Jörg Bernhard - Jörg Bernhard ist diplomierter Betriebswirt (FH) und arbeitet seit dem Jahr 2002 als freier Wirtschaftsjournalist in München. In den vergangenen Jahren hat er sich auf Edelmetall- und Rohstoffinvestments sowie Anlagezertifikate spezialisiert. Zuvor war er mehr als acht Jahre bei einem Münchner Verlag aus dem Bereich Wirtschaftspresse angestellt.
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