Stand: 22.06.2020 von Jörg Bernhard
Im internationalen Goldhandel gilt die Schweiz als extrem wichtiger Player. In der vergangenen Woche veröffentlichte die Eidgenössische Zollverwaltung der Schweiz (EZV) aktuelle Zahlen zum Schweizer Goldhandel im Monat Mai.
Goldimport - USA im Mai 2020 enorm

Diese fielen aus mehreren Gründen extrem interessant aus. Nach dem corona-bedingten Lockdown der Schweizer Raffinerien verspürte die Schweizer Goldindustrie offensichtlich erheblichen Nachholbedarf.

So kletterten zum Beispiel die Schweizer Goldimporte gegenüber dem Vorjahresmonat in Schweizer Franken gerechnet um 90,3 Prozent auf 215,2 Tonnen. Bei den Goldexporten war hingegen ein Anstieg um 78,3 Prozent p.a. auf 141,9 Tonnen verzeichnet worden. Das meiste Gold floss mit 126,6 Tonnen – also über 89 Prozent sämtlicher Goldausfuhren – ganz klar in die USA. Gefragt war das Schweizer Gold aber auch in Deutschland (5,4 Tonnen) und Frankreich (4,9 Tonnen).

Die Exporte nach Deutschland sind in Franken gerechnet gegenüber Mai 2019 um über 96 Prozent angestiegen (siehe Tabelle).

Schweizer Goldexporte im Mai 2020

Land Menge (kg) Wert (in Mio. CHF) Diff. Vorjahr
USA 126.551 6.793,70 >1.000 %
Deutschland 5.404 289,00 96,30 %
Frankreich 4.874 262,10 -35,60 %
Italien 661 28,40 67,00 %
Indien 503 26,90 -98,80 %
Thailand 500 27,10 -86,60 %
Singapur 473 25,30 -80,00 %
Taiwan 440 23,80 -40,90 %
Ver. Arab. Emirate 411 22,40 -45,90 %
Großbritannien 352 18,90 20,20 %
Gesamthandel 141.874 7.609,90 78,30 %
Quelle: Eidgenössische Zollverwaltung (EZV)

Besonders interessant: Im April und Mai summierten sich die Schweizer Goldexporte in die USA auf insgesamt 280 Tonnen, obwohl sich die US-Aktienkurse innerhalb dieses Zeitraums massiv erholt hatten.

Als Gründe für den enormen Goldappetit dürften vor allem zwei Dinge verantwortlich gewesen sein:

  • Die Verspannungen an der Terminbörse Commodity Exchange, wo sich viele Inhaber auslaufender Futures nicht für den Barausgleich, sondern für die physische Goldlieferung entschieden haben.

    So gehen zum Beispiel die Rohstoff-Analysten der Commerzbank davon aus, dass der im Mai zu beobachtende Anstieg der Comex-Goldbestände um 222,4 Tonnen zumindest teilweise über die Goldimporte aus der Schweiz erfolgte.

  • Des Weiteren hat aber auch der ETF-Sektor einen starken Goldappetit verspürt, schließlich kletterte in den Monaten April und Mai allein die gehaltene Goldmenge des weltgrößten Gold-ETF SPDR Gold Shares von 967,00 auf 1.123,14 Tonnen (plus 156,14 Tonnen).

Grundsätzlich deutet einiges darauf hin, dass im Zuge der jüngsten Entwicklung an den Finanzmärkten viele US-Amerikaner den Glauben an die Stärke ihrer Wirtschaft verloren haben und damit auch die Wertbeständigkeit des Dollars verstärkt in Frage stellen.

Schweizer Goldexporte nach Asien kollabieren

Besonders ungewöhnlich: Seit drei Monaten landete in China gar kein Schweizer Gold. Global betrachtet galten China und Indien in den vergangenen Jahren als goldhungrigste Nationen. Auch Indien befindet sich anscheinend im Kaufstreik.

Im Mai beliefen sich die Exporte auf den Subkontinent auf lediglich 0,5 Tonnen, was auf Frankenbasis gegenüber Mai 2019 einem Einbruch von fast 99 Prozent entspricht. Auch in Thailand (0,5 Tonnen), Singapur (0,47 Tonnen) und Taiwan (0,44 Tonnen) war Schweizer Gold – gegenüber den Vorjahreswerten – kaum gefragt.

Traditionell gelten die Asiaten zwar als ausgesprochen preissensitiv, doch das geringe Interesse an Gold dürfte sicherlich auch auf die Pandemie zurückzuführen sein. In der aktuellen Krise scheint die dortige Bevölkerung auf den ersten Blick weniger Interesse an Gold zu haben.

Möglicherweise liegt dies aber vor allem an der schwierigen wirtschaftlichen Lage und den miserablen Perspektiven.

Ausblick für die laufende Woche

Dass die internationalen Finanzmärkte derzeit einem enormen Stressfaktor ausgesetzt sind, dürfte angesichts der desolaten Konjunkturlage bzw. -perspektiven außer Frage stehen.

Am Mittwoch dürften sich die Anleger hierzulande daher besonders stark für den Ifo-Geschäftsklimaindex (Juni) interessieren. Laut einer von Trading Economics veröffentlichten Umfrage unter Analysten soll sich dieser gegenüber dem Vormonat von 79,5 auf 85,1 Zähler verbessern, wobei diese Stimmungsaufhellung sowohl bei der Beurteilung der aktuellen Lage als auch bei der Einschätzung der Perspektiven erwartet wird.

Einen Tag später stehen weitere Highlights auf der Agenda. Zum einen erfahren die Investoren wie sich in den USA im Mai der Auftragseingang langlebiger Wirtschaftsgüter entwickelt hat. Zum anderen stehen am Abend die Ergebnisse des Banken-Stresstests der US-Notenbank Fed zur Bekanntgabe an, was sich auch auf den Goldhandel auswirken könnte.

Der bewährte Krisenschutz zeichnet sich derzeit vor allem durch einen wichtigen Vorteil gegenüber anderen Anlageklassen aus: ein hohes Maß an Stressresistenz.
Autor: Jörg Bernhard
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Handarbeit aus "Schwäbisch Sibirien"