Stand: 29.06.2015 von Jörg Bernhard 1 Kommentare

Also spannender konnten es die beteiligten Verhandlungspartner um die Rettung Griechenlands wirklich nicht inszenieren. Einen Tag vor der Deadline scheint sich das Griechenland-Drama aber mehr und mehr zur Tragödie zu entwickeln. An den Goldmärkten war von einer Kaufpanik bislang dennoch nichts zu spüren.

Griechen tauschen Geld in Gold

Besorgte griechische Bürger haben in den vergangenen Monaten Milliarden von ihren Bankkonten geräumt. Aus Angst vor der drohenden Staatspleite Griechenlands transferierten sie ihre Vermögen verstärkt ins Ausland, horteten es zu Hause oder tauschten es in Gold. Ohne die sogenannten ELA-Hilfen (Emergency Liquidity Assistance) der Europäischen Zentralbank hätten die griechischen Banken längst ihre Pforten schließen müssen.

Nach dem über das Wochenende verkündeten Scheitern der Verhandlungen zwischen der griechischen Regierung und den anderen Euroländern bleiben griechische Banken in dieser Woche geschlossen. Außerdem dürfen pro Tag lediglich 60 Euro abgehoben werden. Am Wochenende beschloss nämlich die EZB, die an Griechenland vergebenen ELA-Notkredite im Volumen von fast 90 Milliarden Euro auf dem aktuellen Niveau einzufrieren. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras übt sich trotz des drohenden Debakels in Gelassenheit und meinte: "Geldeinlagen in griechischen Banken sind absolut sicher." Eine Frage muss da wohl erlaubt sein: Wo lebt dieser Mann eigentlich?

Medien haben in der vergangenen Woche berichtet, dass deutsche Edelmetallhändler wie zum Beispiel Coininvest oder pro aurum verstärktes Kaufinteresse aus Griechenland registrieren. Nach oben geholfen haben dem Goldpreis weder diese mengenmäßig relativ unbedeutenden Käufe der Hellenen noch die deutlich wahrscheinlicher gewordene Zahlungsunfähigkeit Griechenlands. Dies lässt nur einen Schluss zu: Entweder die Finanzwelt glaubt an eine (vorläufige) Last-Minute-Rettung der Griechen oder vertraut darauf, eine Pleite des Landes ohne größere Verwerfungen überstehen zu können.

Chinesen weiter auf dem Vormarsch

Eines dürfte ohnehin klar sein: Europas Nachfrage spielt für den Goldpreis kaum eine Rolle. Gleiches gilt für USA. Sie scheinen gegenwärtig von der Werthaltigkeit und Wertbeständigkeit ihrer Währung vollkommen überzeugt zu sein. Die Musik spielt eher tausende Kilometer entfernt von Europa und den USA - nämlich in Asien. Vor allem Inder und Chinesen wird ein starker Goldappetit nachgesagt. In China scheint allerdings der Aktienmarkt derzeit eine stärkere Anziehungskraft als Gold auszuüben. Dies lässt sich am Shanghai-Composite-Index besonders gut ablesen. Dieser legte nämlich in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 130 Prozent zu, während der Goldpreis auf Dollarbasis im gleichen Zeitraum ein Minus im zweistelligen Prozentbereich hinnehmen musste (siehe Chart).

Shanghai-Composite in Yuan versus Goldpreis in US-Dollar

Auf lange Sicht wird bei der Analyse der Perspektiven von Gold kein Weg an Asien vorbeiführen. In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass die Shanghai Gold Exchange noch in diesem Jahr einen in Yuan notierten Referenzpreis für Gold einführen möchte und damit den in London beheimateten bislang wichtigsten Kassamarkt für Gold angreift. Nach der Reform des Londoner Gold-Fixing, das wegen des Verdachts auf Marktmanipulationen in den vergangenen Jahren massiv kritisiert wurde, dürfte eine Wachablösung der Londoner allerdings extrem schwierig werden, schließlich ist die chinesische Währung nicht frei konvertierbar und der staatliche Einfluss auf Chinas Wirtschaft und Handel weiterhin extrem hoch. In London beteiligen sich mittlerweile zehn Banken - darunter auch die Bank of China - zweimal täglich an der Bildung eines goldenen Referenzpreises. Transparenz und Fairness sollten sich mittlerweile erheblich verbessert haben.

Ausblick für die anstehende Woche

Das Thema Griechenland dürfte auch in der kommenden Woche nicht nur an den Goldmärkten einmal mehr heiß diskutiert und somit zur Never-Ending-Story werden. Es gibt aber durchaus auch noch andere wichtige Einflussfaktoren - zum Beispiel die Angst vor steigenden US-Leitzinsen. Diese könnte am Donnerstag wieder hochkochen, wenn zeitgleich die wöchentlichen Neuanträge auf Arbeitslosenhilfe und der Juni-Bericht des US-Arbeitsministeriums veröffentlicht werden.

Laut einer vom Wall Street Journal veröffentlichten Umfrage unter Analysten soll sich die Zahl neuer Arbeitsloser gegenüber der Vorwoche von 271.000 auf 270.000 marginal reduziert haben, während im Juni mit einem Rückgang der Arbeitslosenrate von 5,5 auf 5,4 Prozent und einem Minus von 280.000 auf 230.000 bei der Zahl neu geschaffener Stellen gerechnet wird.

Sollten beide Indikatoren auf einen robuster als erwarteten US-Arbeitsmarkt hinweisen, könnte der Goldpreis unter Druck geraten. Aus charttechnischer Sicht dürfte sich dann die Spannung deutlich erhöhen, schließlich verläuft im Bereich von 1.140 Dollar eine wichtige Unterstützung. Eines steht somit bereits fest: Langeweile dürfte in der neuen Handelswoche eher nicht aufkommen.

Goldpreis: Trotz Griechenland noch keine Kaufpanik
Jörg Bernhard - Jörg Bernhard ist diplomierter Betriebswirt (FH) und arbeitet seit dem Jahr 2002 als freier Wirtschaftsjournalist in München. In den vergangenen Jahren hat er sich auf Edelmetall- und Rohstoffinvestments sowie Anlagezertifikate spezialisiert. Zuvor war er mehr als acht Jahre bei einem Münchner Verlag aus dem Bereich Wirtschaftspresse angestellt. Derzeit schreibt er vor allem für diverse Börsenportale und Edelmetallhändler.
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Kommentare [1]
  • von Dagobert | 29.06.2015, 14:01 Antworten

    Bitte beachten:
    Einen Zahlungsausfall an an den IWF und dem ESM wird es nicht geben. Die Kredite sind durch Bürgschaften abgesichert. Aus diesem Grund haben diese Bürgen auch alles getan, um Helas zu "retten".


    Leitzinserhöhungen in den USA bewirken, dass erheblich mehr Geld für Kredite aufgebracht werden muss. Das erhöht unweifelhaft den Zahlungsdruck (unvorstellbar hoher) Kredite, sowie die Geldmenge. Davor sollten sich EM-Besitzer nicht nicht fürchten.



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