Stand: 13.06.2016 von Jörg Bernhard 0 Kommentare

In der vergangenen Woche neigten vor allem europäische Aktien zur Schwäche. Dabei sorgte vor allem der drohende Brexit für Unsicherheit und rückläufige Aktienkurse. Der Krisenschutz Gold profitierte davon und ließ die Marke von 1.200 Dollar weiter hinter sich.

Umlaufrendite erstmals negativ

Dass an den Finanzmärkten derzeit alles andere als Normalität herrscht, wurde Investoren in der vergangenen Woche durch ein bis dato noch nie zu beobachtender Umstand wieder einmal ins Gedächtnis gerufen. Erstmals meldete die Deutsche Bundesbank nämlich eine negative Umlaufrendite. Diese Kennziffer zeigt die durchschnittliche Rendite sämtlicher im Umlauf befindlichen Staatspapiere mit einer Restlaufzeit von drei bis 30 Jahren an. Bei Anleihen gilt folgende Gesetzmäßigkeit: Je höher der Kurs der Anleihe, desto geringer fällt die in Abhängigkeit vom Zinssatz erzielbare Rendite aus. Richtig paradox wird dieser Effekt aber, wenn die Anleihepreise dermaßen stark ansteigen, dass die Rendite negativ wird. Bei vielen Zinspapieren bester Bonität ist dies bereits seit längerem der Fall, die Umlaufrendite blieb von dieser irrationalen Entwicklung bis vor einer Woche verschont. Das Schizophrene dabei: Statt für die Schuldenaufnahme - wie es sich gehört - Zinsen zu zahlen, müssen die Anleger für das Überlassen ihres Kapitals nun selbst bezahlen. Weiter gedacht bedeutet dies, dass der Staat mit immer höheren Schulden immer mehr Geld verdient. Mit gesundem Menschenverstand hat dies wohl kaum etwas zu tun.

Positive Renditen gibt es bei deutschen Staatsanleihen erst ab einer Laufzeit von zehn Jahren. Bei einer Restlaufzeit von einem Jahr verlieren Anleihebesitzer aktuell 0,55 Prozent und bei neun Jahren noch immerhin 0,11 Prozent pro Jahr. Banken müssen für Einlagen bei der Europäische Zentralbank EZB schon heute Strafzinsen bezahlen, Großkunden mit hohen Geldvermögen werden bei einigen Banken ebenfalls zur Kasse gebeten. Gründe für die Negativrenditen gibt es zuhauf, schließlich haben die wichtigsten Notenbanken der Welt ihre Leitzinsen in Richtung null oder sogar auf null Prozent gesenkt. Maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung haben aber auch deren milliardenschwere Kaufprogramme für Anleihen. Bei ihrer Sitzung im April erhöhte die EZB dieses Programm sogar von 60 Milliarden auf 80 Milliarden Euro. Zwei Faktoren haben zuletzt zu einer verstärkten Flucht in die unrentablen Wertpapiere geführt - eingetrübte Konjunkturperspektiven in den USA sowie der drohende EU-Austritt Großbritanniens.

Umlaufrendite: Unterirdische Renditen - Grafische anzeige der Umlaurendite von 06.2015 bis 06.2016

Goldappetit in Großbritannien nimmt zu

Nachdem in Großbritannien die Befürworter eines EU-Austritts ("Brexit") laut diversen Online-Umfragen offensichtlich ihren Vorsprung gegenüber den Brexit-Gegnern auf bis zu fünf Prozentpunkte ausgebaut haben, berichteten diverse Londoner Goldhändler von einer gestiegenen Nachfrage besorgter Briten. Die Geschäftsführung des im Londoner Nobelviertel Mayfair ansässigen Goldhändlers Sharps Pixley sprach zum Beispiel von einer besonders starken Nachfrage bei den steuerbefreiten Britannia-Goldmünzen. Außerdem habe sich das Durchschnittsalter des typischen Goldkäufers deutlich reduziert und es kämen auch immer mehr Frauen, um Gold zu kaufen. Eine ähnlich positive Entwicklung registriert auch der Onlinehändler Bullion Vault, dessen Chef Anfang des Monats für einen Austritt aus der EU geworben hat. So sei die britische Kundenbasis im Juni um 59 Prozent höher ausgefallen als im Durchschnitt der vergangenen 12 Monate. So richtig rund dürften die Goldgeschäfte mit britischen Bürgern aber laufen, falls man sich auf der Insel am 23. Juni tatsächlich aus der EU verabschieden sollte.

Ausblick für die laufende Woche

Während hier zu Lande der Sommer weiter auf sich warten lässt, könnte es an den Goldmärkten in den nächsten Tagen zunehmend heißer werden. Potenziell heiße Diskussionen könnten zum Beispiel die Perspektiven der chinesischen Wirtschaft auslösen. Die zum Wochenauftakt gemeldeten aktuellen Zahlen zur Industrieproduktion bzw. zu den Einzelhandelsumsätzen im Reich der Mitte überraschten leicht positiv. In der Industrie erzielten die Chinesen ein Plus von 6,0 Prozent p.a., während die Einzelhandelsumsätze um 10,0 Prozent p.a. zugelegt haben. Mit Blick auf die Stimmung an den Goldmärkten dürfte der Mittwoch wahrscheinlich der heißeste Tag werden. Dann steht nicht nur die Zinsentscheidung der Federal Reserve (Fed) und deren Prognosen zum BIP-Wachstum, zum Arbeitsmarkt und zur Inflation auf der Agenda (20.00 Uhr), auch die Pressekonferenz mit Fed-Chefin Janet Yellen (20.30 Uhr) dürfte mit Argusaugen verfolgt werden. Ein Kursgewitter droht, falls sich die Fed zu einem unerwarteten Zinsschritt nach oben bzw. zu einer stark restriktiven Rhetorik entschließen sollte. Höchstwahrscheinlich werden die US-Notenbanker aber wieder einmal - wie in der Vergangenheit bereits des Öfteren zu beobachten war - eher vorsichtig agieren.

Goldpreis - Hei?e Handelstage voraus
Jörg Bernhard - Jörg Bernhard ist diplomierter Betriebswirt (FH) und arbeitet seit dem Jahr 2002 als freier Wirtschaftsjournalist in München. In den vergangenen Jahren hat er sich auf Edelmetall- und Rohstoffinvestments sowie Anlagezertifikate spezialisiert. Zuvor war er mehr als acht Jahre bei einem Münchner Verlag aus dem Bereich Wirtschaftspresse angestellt. Derzeit schreibt er vor allem für diverse Börsenportale und Edelmetallhändler.
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