Stand: 06.06.2016 von Jörg Bernhard 0 Kommentare

In der vergangenen Woche testete der Goldpreis zeitweise die Marke von 1.200 US-Dollar - mit Erfolg. Vor dem Wochenende gab es dank miserabler Daten vom US-Arbeitsmarkt zudem ein regelrechtes Comeback und mit dem Sprung über die 100-Tage-Linie sogar ein charttechnisches Kaufsignal zu vermelden.

Vom Brexit und anderen Risiken

Vor allem in Europa und in den USA rumort es in der Politik kräftig. Etablierte Parteien leiden unter einem schwindenden Rückhalt in der Bevölkerung, was neue politische Lager insbesondere rechts der Mitte schafft und zu einer starken Polarisierung geführt hat. Am 23. Juni entscheiden zum Beispiel die Briten, ob sie aus der EU austreten, oder nicht. Das Ergebnis könnte ähnlich knapp ausfallen, wie die Wahl des österreichischen Präsidenten im Mai. Welche Folgen ein Brexit für Europa bzw. Großbritannien haben könnte, wird derzeit heftig diskutiert. Die Meinungen gehen - je nach Lager - weit auseinander und sind natürlich von unzähligen unkalkulierbaren Variablen abhängig.

Besonders interessant: Der Gründer und Chef des britischen Edelmetallhändlers Bullion Vault plädiert für einen Austritt der Briten aus der EU - obwohl dies seinem Unternehmen auf kurze Sicht schaden würde. Damit hebt er sich von der Londoner Bankerszene deutlich ab, die im Falle eines Brexit erhebliche Geschäftseinbußen und einen massiven Stellenabbau befürchten und daher mehrheitlich den Brexit ablehnen. Auf der Webseite von Bullion Vault kann man die Stellungnahme von Paul Tustoin bzw. seinen Appell für einen Austritt Großbritanniens nachlesen. Sich selbst betrachtet der Goldhändler übrigens als europafreundlich und keineswegs antieuropäisch, wies aber zugleich darauf hin, dass er die Freiheit und Demokratie noch mehr liebe als Europa.

Eines lässt sich im Zuge der politischen Entwicklung aber mit Sicherheit sagen: Die Wirtschafts- und Finanzwelt ist dadurch erheblich unsicherer geworden. Das gelbe Edelmetall hat davon in den vergangenen Wochen preistechnisch eher nicht profitiert, da aus US-Notenbankerkreisen kräftig Stimmung gemacht wurde, die Zinsen bereits bei der nächsten Fed -Sitzung Mitte Juni zu erhöhen. Ob Yellen & Co. im Zuge des drohenden Brexit tatsächlich den Mut haben, einen Zinsschritt nach oben zu beschließen, darf jedoch bezweifelt werden. In der Vergangenheit sind die Geldpolitiker eher durch Zaudern als durch mutiges Agieren aufgefallen. Und die politischen Risiken sorgen nicht nur in Europa für ein hohes Maß an Unsicherheit. Nicht auszudenken was wohl passiert, wenn der nächste Präsident der USA Donald Trump heißt.

Analystentenor extrem uneinheitlich

Dass Analysten mitunter extrem unterschiedliche Meinungen hinsichtlich eines Investments haben, ist keine Besonderheit und grundsätzlich zu begrüßen. Dies ist beim Goldpreis nicht anders. In diesem Zusammenhang fällt beim gelben Edelmetall allerdings auf, dass mit Blick auf deren langfristige Kursprognosen die Meinungsunterschiede erheblich zunehmen (siehe Tabelle).

Goldprognosen

2016 2017 2018 2019
Anzahl der Analysten 36 28 16 12
Median (USD) 1214,00 USD 1200,00 USD 1200,00 USD 1201,00 USD
Durchschnitt (in USD) 1210,00 USD 1244,00 USD 1262,00 USD 1314,00 USD
Tief (in USD) 1054,00 USD 1000,00 USD 950,00 USD 900,00 USD
Hoch (in USD) 1450,00 USD 1600,00 USD 1857,00 USD 2300,00 USD

Quelle: Bloomberg; Stand: 03.06.2016

Auf Basis von insgesamt 36 von der Nachrichtenagentur Bloomberg erfassten Kursziele für 2016 schwanken deren Prognosen zwischen 1.054 und 1.450 US-Dollar (38 Prozent) und ergeben einen Durchschnittswert von 1.210 US-Dollar. Ein Jahr später reicht die Bandbreite der Schätzungen bei 28 Prognosen bereits von 1.000 bis 1.600 US-Dollar (60 Prozent), bei einem durchschnittlichen Erwartungswert von 1.244 US-Dollar. Die Diskrepanz der beiden Extreme steigt für 2018 (16 Analystenschätzungen) sogar auf 95 Prozent (950 bis 1.857 US-Dollar) und einen Mittelwert von 1.262 US-Dollar. Wenngleich vor allem langfristige Schätzungen mit besonderer Vorsicht zu genießen sind, kann man angesichts einer Bandbreite von insgesamt zwölf Schätzungen für 2019 von 900 bis 2.300 US-Dollar (155 Prozent) und einem Mittelwert von 1.314 US-Dollar vor allem zwei Rückschlüsse ziehen: Die Meinungsunterschiede zwischen "Bullen" und "Bären" werden immer größer, wobei die Tendenz der Prognosen dabei eindeutig nach obenzeigt.

Ausblick für die laufende Woche

Der Goldhandel im Juni verspricht ausgesprochen spannend zu werden, politisch wie charttechnisch. Vor allem in der zweiten Junihälfte stehen nämlich einige Events an, die das Zeug haben, für Furore zu sorgen. Sollte zum Beispiel die US-Notenbank Fed am 15. Juni die US-Leitzinsen nach oben schrauben oder durch stark restriktive Kommentare auffallen, dürfte dies an den Goldmärkten nicht spurlos vorübergehen. Mit dem geplanten Referendum über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union (23. Juni) könnte es zu weiteren Impulsen kommen. Außerdem sollte man die charttechnische Lage stets im Auge behalten. Mit dem Comeback über die 100-Tage-Linie und dem Überwinden der im Bereich von 1.220 US-Dollar verlaufenden Unterstützungszone hat sich das Gefahrenpotenzial zwar deutlich reduziert, uneingeschränkte Entwarnung kann deshalb allerdings noch nicht gegeben werden. Einiges spricht dafür, dass in den kommenden Wochen sowohl die bei 1.200 US-Dollar verlaufende Unterstützungszone als auch die bei 1.300 US-Dollar angesiedelten charttechnischen Widerstände nicht verletzt werden.

Goldpreis: Kehrtwende dank US-Arbeitsmarktschwäche
Jörg Bernhard - Jörg Bernhard ist diplomierter Betriebswirt (FH) und arbeitet seit dem Jahr 2002 als freier Wirtschaftsjournalist in München. In den vergangenen Jahren hat er sich auf Edelmetall- und Rohstoffinvestments sowie Anlagezertifikate spezialisiert. Zuvor war er mehr als acht Jahre bei einem Münchner Verlag aus dem Bereich Wirtschaftspresse angestellt. Derzeit schreibt er vor allem für diverse Börsenportale und Edelmetallhändler.
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