Stand: 12.07.2016 von Jörg Bernhard 0 Kommentare

An den Goldmärkten herrscht weiterhin Aufbruchstimmung. Nach der mehrjährigen Baisse wird vor allem bei physisch besicherten Gold-Finanzprodukten und an den Terminmärkten kräftig gekauft, was den Goldpreis seit dem Jahreswechsel um über 26 Prozent nach oben getrieben hat.

Physisch besichertes Papiergold stark gefragt

Es ist offensichtlich, der Brexit hat dem globalen Finanzsystem einen heftigen Schlag versetzt. Allein am Tag der Bekanntgabe des britischen Votums gegen die EU verzeichnete das physisch besicherte Xetra-Gold am liquidesten Börsenplatz (Xetra) Umsätze in Höhe von 1,3 Millionen Stück. Da ein solches Wertpapier den in Euro umgerechneten Wert von einem Gramm Gold repräsentiert, hatte der an diesem Tag gehandelte Goldberg ein Gewicht von 1.300 Kilogramm. Dies stellte den höchsten Wert seit über drei Jahren dar. Mit einem kleinen aber wichtigen Unterschied: Damals wollten die meisten Anleger aufgrund der markanten Goldpreisschwäche raus, diesmal handelte es sich eher um einen Kaufrausch. Mittlerweile hat Xetra-Gold mehr als 80 Tonnen Gold in seinen Tresoren gebunkert (siehe Grafik). Seit der Emission vor fast acht Jahren wurden im Zuge von 900 Ausübungen zudem mehr als vier Tonnen Gold ausgeliefert.

Aktuelle Daten zu Xetra-Gold

Xetra-Gold Bestand und Auslieferung 2008 - 2015

Quelle: Deutsche Börse Commodities; Stand: 7. Juli 2016

Jenseits des Atlantiks mag man von dieser Größenordnung nicht sonderlich beeindruckt sein. Grund: Allein der weltgrößte Gold-ETF SPDR Gold Shares verzeichnete seit der Brexit-Bekanntgabe eine Gewichtszunahme von 915,90 auf aktuell 981,26 Tonnen (+65,36 Tonnen). Noch mehr Gold brachte das physisch besicherte Finanzprodukt letztmals vor über drei Jahren auf die Waage. Allein seit Ende Dezember ging es mit der gehaltenen Goldmenge um über 52 Prozent und mit dem Marktwert von 21,93 Milliarden auf aktuell 42,72 Milliarden Dollar (+94,8 Prozent) bergauf. Allein diese Entwicklung sollten insbesondere Europäer als Weckruf verstehen, ihre eigene Goldquote zu überprüfen. Ein Verzicht auf den Vermögensschutz kann auf lange Sicht extrem teuer werden.

Terminspekulanten bullish wie nie

Seit dem Jahreswechsel gab es an den Terminmärkten, wo zumindest in Papierform tagtäglich Berge von Gold versetzt werden, heftige Verwerfungen zu beobachten. Einmal pro Woche informiert die US-Aufsichtsbehörde Commodity Futures Trading Commission, wie sich die Stimmung unter den verschiedenen Gruppen von Marktakteuren entwickelt hat. Dabei gab es zwei besonders auffällige Trends zu beobachten. Erstens: Mit dem allgemeinen Interesse an Gold-Futures, welches sich an der Anzahl offener Kontrakte (Open Interest) sehr gut ablesen lässt, ging es steil bergauf. Sie kletterte nämlich seit dem Jahreswechsel um über 62 Prozent von 401.880 auf 652.971 Kontrakte (Stand: 05.07.2016) erhöht. Dieser Wert stellt ein neues Allzeithoch dar und repräsentiert eine Goldmenge von über 65 Millionen Feinunzen.

Zweitens: Sowohl große und als auch kleine Terminspekulanten sind während dieses Zeitraums deutlich optimistischer geworden. So haben zum Beispiel Großspekulanten (Non-Commercials) ihre Netto-Long-Position (mehrheitlich optimistisch gestimmt) von 19.102 auf 315.963 Futures mehr als versechzehnfacht. Unter den Kleinspekulanten (Non-Reportables) drehte sich seit dem Jahreswechsel die Stimmung von "leicht pessimistisch" auf "eindeutig optimistisch". Deren wachsende Zuversicht machte nämlich aus einer Netto-Short-Position (Pessimismus überwiegt) von minus 3.767 Kontrakte eine Netto-Long-Position von 24.401 Kontrakte. Diese gute Laune der Terminspekulanten birgt aber auch ein Risiko: In der Vergangenheit folgte auf deren Euphorie häufig Ernüchterung. Ob sich diese Geschichte wiederholen wird, bleibt abzuwarten. Gemessen vom Allzeithoch bei über 1.900 Dollar (September 2011) wäre noch reichlich Luft nach oben.

Ausblick für die laufende Woche

Sorgen um Großbritannien und Europa haben weltweite Folgen. Im fernen Japan fielen zum Beispiel in der vergangenen Woche die Renditen 20-jähriger Staatsanleihen erstmals in den negativen Bereich. Offensichtlich halten Investoren solche Papiere trotz der Explosion japanischer Staatsschulden weiterhin für sicher. Eine Normalisierung der Zinslage dürfte angesichts der eingetrübten Konjunkturperspektiven nicht unmittelbar bevorstehen. Früher war von Kapitalmarktexperten hinsichtlich des gelben Edelmetalls folgendes zu hören: Gold bietet keine Zinsen. Heute müsste man wohl eher darauf hinweisen, dass Gold – im Gegensatz zu Staatsanleihen bester Bonität oder auch Bankeinlagen bei der EZB – keine Zinsen kostet. Derzeit sieht es so aus, als ob nichts den Goldpreis erschüttern kann. Die am Freitagnachmittag veröffentlichten extrem starken Daten vom US-Arbeitsmarkt sind hierfür der beste Beweis. Auf die höher als erwartet ausgefallene Zahl neu geschaffener Stellen reagierte der Goldpreis lediglich mit einem temporären Absacker. In den kommenden Tagen dürften sich die Akteure an den Energiemärkten für zwei Dinge besonders stark interessieren. Die für Donnerstag anberaumte Sitzung der Bank of England sowie die Flut an Konjunkturdaten aus China - höchstwahrscheinlich zwingt keines von beiden den Goldpreis in die Knie.

Goldpreis: Massenflucht in Papiergold
Jörg Bernhard - Jörg Bernhard ist diplomierter Betriebswirt (FH) und arbeitet seit dem Jahr 2002 als freier Wirtschaftsjournalist in München. In den vergangenen Jahren hat er sich auf Edelmetall- und Rohstoffinvestments sowie Anlagezertifikate spezialisiert. Zuvor war er mehr als acht Jahre bei einem Münchner Verlag aus dem Bereich Wirtschaftspresse angestellt. Derzeit schreibt er vor allem für diverse Börsenportale und Edelmetallhändler.
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