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Stand: 05.05.2022 von Hannes Zipfel
Die US-Notenbank (Fed) bleibt mit ihrer Zinspolitik meilenweit hinter der Stark-Inflation zurück. Bei einer Rate zwischen 2-3 Prozent Leitzins soll zudem bereits Schluss sein mit der Bekämpfung der Preisexplosion. Der Goldpreis reagiert auf die jüngste Fed-Sitzung mit einem Sprung nach oben.
Goldpreis regiert auf Schwächesignal der US-Notenbank

Aktuelle Zinsentscheidung und die Märchenstunde des US-Notenbankchefs

Mit einer erstaunlichen Verbalakrobatik verhalf der US-Notenbankchef Jerome Powell den Finanzmärkten zu einem Kurssprung nach oben. Ihm gelang das Kunststück, alle konkreten Risiken für die Weltwirtschaft und die US-Wirtschaft zu relativieren oder sogar zu negieren, ohne dabei unglaubwürdig zu wirken.

Dabei waren einige Aussagen des obersten Geldpolitikers der USA in der Pressekonferenz nach der Zinsentscheidung am Mittwoch im besten Falle hochspekulative Hoffnungsprognosen, wie zum Beispiel diese:

  1. „Nichts in der US-Wirtschaft weist auf eine mögliche Rezession hin“

  2. „Die Inflation hat ihren Zenit bereits überschritten“

  3. „Eine Lohn-Preis-Spirale sehen wir nicht“

  4. „Die US-Privathaushalte befinden sich finanziell in ausgezeichneter Verfassung“

Basierend auf diesen bereits durch Fakten widerlegten Behauptungen (dazu gleich mehr), hob die Fed ihren Leitzins um 0,5 Prozentpunkte auf eine Spanne zwischen 0,75 und 1,00 Prozent p. a. an. Effektiv liegt der US-Leitzins (Effective Federal Funds Rate) damit nun bei 0,83 Prozent p. a., bei einer Verbraucherpreisinflation von aktuell 8,55 Prozent.

Der reale effektive Leitzins befindet sich mit -7,72 Prozent somit weiterhin tief im negativen Bereich. Zudem kündigte die Fed ein Programm an, im Zuge dessen die Bilanzsumme in Höhe von 9 Billionen US-Dollar um 95 Milliarden US-Dollar pro Monat reduziert werden soll.

Besonders preistreibend auf die Kurse von Aktien, aber auch von Gold wirkte die Ankündigung, dass es größere Zinsschritte als 0,5 Prozentpunkte pro Sitzung nicht geben werde. Die Fed tagt regulär alle sechs Wochen. Zudem sieht die US-Notenbank die Zielrate des Zinsanhebungszyklus bereits zwischen 2-3 Prozent erreicht.

Dass die Inflationsrate auf absehbare Zeit auf dieses niedrige Niveau zurückfällt, daran glauben nicht einmal die optimistischsten US-Bankenökonomen. Zu stark preistreibend wirken der Krieg in der Ukraine, die Lieferengpässe durch die Lockdowns in China sowie Lohnsteigerungen weit jenseits der Fünf-Prozent-Marke in den USA.

Der Goldpreis stieg im Zuge der Verlautbarungen der Fed von seinem gestrigen Tagestief bei 1.863 US-Dollar pro Unze auf in der Spitze 1.904 US-Dollar an. Aktuell kostet die Unze in der Weltleitwährung 1.900,70 US-Dollar.

Goldpreisin US-Dollar pro Unze (oz)

US-Rezession sehr wahrscheinlich

Egal wie stark ausgeprägt die Inflation ist, die Fed kann die Zinsen nicht viel mehr anheben, da es jenseits der kühnen Behauptungen von Jerome Powell sehr wohl ein überdurchschnittlich hohes Rezessionsrisiko für die USA gibt.

Bereits im ersten Quartal dieses Jahres war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit einem annualisierten Minus von 1,4 Prozent rückläufig. Schrumpft die US-Wirtschaft auch im zweiten Quartal, was in Anbetracht der globalen Gemengelage und der hohen Inflation nicht unwahrscheinlich ist, gäbe es mit zwei Quartalen in Folge Negativwachstum bereits Ende Juni eine technische Rezession.

Der ehemalige Chefökonom der Weltbank und frühere Direktor des National Economic Council der USA, Larry Summers, sah schon Mitte April eine Rezession auf sein Land zukommen. Der emeritierte Professor für Ökonomie an der Harvard-Universität kam in seiner Analyse zu folgendem Schluss:

„Historische Beweise deuten auf eine hohe Wahrscheinlichkeit einer Rezession hin“.

Zusammen mit seinem Kollegen Alex Domash von der Harvard Kennedy School sehen die beiden Ökonomen eine Wahrscheinlichkeit von 67 Prozent, dass die USA innerhalb der nächsten vier Quartale in eine Rezession abgleiten.

Auf Sicht von acht Quartalen liegt die Wahrscheinlichkeit gemäß dem verwendeten Modell sogar bei 95 Prozent.

Schulden und Immobilienmarkt bremsen die Fed aus

Abgesehen von dem ungünstigen konjunkturellen Umfeld muss die Fed aufpassen, keinen Crash bei den Preisen für US-Vermögenswerte wie Immobilien oder Aktien auszulösen. Bereits 2008 war der Zinsanhebungszyklus der Fed die Nadel, die die Immobilienblase zum Platzen brachte, die Finanzmärkte in eine existenzielle Krise stürzte und den USA die tiefste Rezession seit Anfang der 1980er-Jahre bescherte.

Heute ist die Immobilienblase noch viel ausgeprägter als im Jahr 2008.

Immobilienblase als Folge der laxen Geldpolitik in der Corona-Krise

Immobilienkredite haben sich durch die geänderte Geldpolitik der Fed seit Anfang des Jahres bereits spürbar verteuert. Im nationalen Durchschnitt stiegen die Hypothekenzinsen für verschiedene feste Vertragslaufzeiten seit dem 7. Januar bis zum 29. April 2022 wie folgt an (Quelle: Bankrate.com):

  • 10 Jahre: von 2,6 Prozent p. a auf 4,65 Prozent p. a.
  • 15 Jahre: von 2,62 Prozent p. a. auf 4,64 Prozent p. a.
  • 30 Jahre: von 3,35 Prozent p. a. auf 5,42 Prozent p. a.

Damit hat sich die Finanzierung eines Einfamilienhauses gemäß des aktuellen US-Median-Preises in Höhe von 428.700 US-Dollar um durchschnittlich 8.774 US$ pro Jahr bzw. 731 US$ pro Monat verteuert.

Noch aufmerksamer muss die Fed die anders als behauptet hoch prekäre finanzielle Lage vieler privaten und öffentlichen Haushalte in den USA beobachten. Die Gesamtverschuldung durchbrach jüngst die Marke von 90 Billionen US-Dollar (aktuell bereits 90,27 Bio. US$).

US-Gesamtschuldenberg

Jeder Basispunkt mehr an Zinskosten bremst das Wachstum enorm.

Die aktuelle Gesamtzinslast liegt bei jährlich 3,38 Billionen US-Dollar bzw. 16,7 Prozent des gesamten US-Bruttoinlandsprodukts. Jeder sechste erwirtschaftete US-Dollar muss ergo bereits für Zinszahlungen aufgewendet werden – ein absoluter Rekordwert in der US-Wirtschaftsgeschichte.

Fazit und Ausblick für den Goldpreis

Noch glauben viele Marktteilnehmer den Märchen der Fed und anders als die Europäische Zentralbank (EZB) tun die Geldpolitiker in den USA zumindest etwas in Sachen Inflationsbekämpfung. Daher bleiben die Inflationserwartungen jenseits des Atlantiks noch recht gut verankert und liegen auf Sicht von fünf Jahren bei aktuell lediglich 2,48 Prozent. Das ist ein leichter Rückgang im Vergleich zu vor Beginn der ersten Zinsanhebung der Fed im März.

Fakt bleibt jedoch, dass der Spielraum der US-Notenbank, die Zinsen anzuheben und somit den US-Dollar gegenüber dem unverzinsten Gold attraktiver zu machen, extrem begrenzt ist, egal wie stark die Inflation ausgeprägt ist.

Die „Alles wird gut“-Mentalität der US-Amerikaner macht es möglich, dass selbst klare Falschinformationen der Fed noch geglaubt werden und der Bedarf an Gold als Schutz vor unkontrollierter Inflation und wirtschaftlichen Verwerfungen dadurch noch nicht als besonders dringlich empfunden wird. Doch wie bereits bei den letzten Finanzkrisen in den USA wird die Realität für Überraschungen sorgen und dann erneut zu Anpassungen in den Portfolios auch in Sachen Gold und Minenaktien führen.

Sollte die Fed die Zinsen tatsächlich in den kommenden Monaten in diesem ökonomischen Umfeld noch um über 100 weitere Basispunkte anheben sowie die Bilanzsumme wie angekündigt reduzieren und die Finanzierungsbedingungen somit weiter verschlechtern, dann könnte die „Alles wird gut“-Mentalität der US-Amerikaner sehr schnell auf eine sehr harte Probe gestellt werden.

Der Wunsch nach Absicherungen gegen unkalkulierbare Risiken würde enorm zunehmen – zugunsten des Goldpreises, der dann zügig neue Rekordmarken erreichen dürfte.

Autor: Hannes Zipfel
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von Jagdgenosse | 06.05.2022, 09:46 Antworten

Powell und Lagarde, sie gongen noch immer Fischen, während das SmartMoney schon längst dem Walfang frönet.

2 Antworten an Jagdgenosse anzeigen

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