Stand: 29.06.2021 von Jörg Bernhard
An den Goldmärkten sorgt man sich derzeit um steigende Zinsen stärker, als um die künftige Inflation. Diese Sichtweise hat den Goldpreis massiv geschwächt und möglicherweise zu stark zurückfallen lassen.
Goldpreis – steigende Zinsen, na und!

US-Notenbank Fed belastet Goldpreis

Von den überraschend „falkenhaften“ Tönen bei der Mitte Juni abgehaltenen Sitzung der US-Notenbank Fed hat sich der Goldpreis bislang kaum erholt. Im Bereich von 1.770 Dollar kann man ihm allenfalls den Versuch einer Stabilisierung attestieren.

Weil von der Fed erstmals ein konkreter Termin für die erste Zinserhöhung seit Dezember 2018 genannt wurde, setzten bei Gold und Aktien im Juni signifikante Gewinnmitnahmen ein. Eine Mehrheit der US-Notenbanker rechnen derzeit bis Ende 2023 mit zwei Zinserhöhungen um jeweils 25 Basispunkte – wobei die Betonung auf „derzeit“ liegt.

Bis dahin vergehen nämlich noch mehr als zwei Jahre, in denen erfahrungsgemäß ziemlich viel passieren kann.

Am vergangenen Dienstag klang Fed-Chef Jerome Powell bei seinem Rechenschaftsbericht vor dem US-Senat bereits deutlich „taubenhafter“. Man werde die Zinsen nicht aus Angst vor einer einsetzenden Inflation präventiv senken und deshalb erst einmal weitere Konjunkturdaten abwarten.

Inflation im Mai 2021

Land Mai-21 Jahrestief Jahreshoch
USA (% p.a.) * 5,00 1,40 5,00
Deutschland (% p.a.) 2,50 1,00 2,50
Frankreich (% p.a.) 1,40 0,60 1,40
Italien (% p.a.) 1,30 0,40 1,30
Eurozone (% p.a.) 2,00 0,90 2,00
Russland (% p.a.) 6,02 5,18 6,02
Spanien (% p.a.) 2,70 0,00 2,70
Indien (% p.a.) 6,30 4,06 6,30
China (% p.a.) * 1,30 -0,30 1,30
Quelle: Trading Economics; * geschätzt

Der jüngste Inflationsschub (siehe Tabelle) sei nämlich durch den Basiseffekt, den gestiegenen Ölpreis, das Wiederhochfahren der Wirtschaft und Lieferengpässen stark beeinträchtigt worden.

Grundsätzlich wolle man weiterhin eine lockere Geldpolitik verfolgen.

Warum Zinsängste überbewertet sind

Die Verkaufswelle war aber nicht ausschließlich auf die „Hiobsbotschaft“ von der Fed, sondern auch auf den deutlich gestiegenen Dollar zurückzuführen. So kletterte zum Beispiel der Dollarindex, der die US-Devise mit sechs anderen wichtigen Währungen vergleicht, zeitweise auf den höchsten Stand seit elf Wochen.

Die negative Korrelation zwischen Dollar und Gold dürfte der Hauptgrund für das nachlassende Interesse an Gold und dessen rückläufigen Preis gewesen sein.

Die aktuellen Zinsspekulationen können die Besitzer von Gold aus folgenden Gründen aber getrost außer Acht lassen:

  • Erstens: Steigende Zinsen müssen nicht per se schlecht für Gold sein, da vor allem positive Realzinsen (Rendite minus Inflation) der Attraktivität von Gold schaden.

    Hierzulande sind wir von einem solchen Szenario allerdings ein gutes Stück entfernt, schließlich „frisst“ die aktuelle Inflationsrate in Höhe von 2,5 Prozent p.a. selbst die Rendite 30-jähriger Bundesanleihen (+0,3 Prozent p.a.) locker auf.

  • Zweitens: Die aufgetürmten Schuldenberge der Notenbanken, Staaten, Unternehmen und Privathaushalte lassen sich (wenn überhaupt) lediglich bei künstlich niedrig gehaltenen Zinsen refinanzieren.

    Deutlich höhere Zinsen würden die Schuldentragfähigkeit akut gefährden, so dass wir uns diese schlicht und einfach gar nicht leisten können. Im Grunde genommen kann man steigende Zinsen sogar als Kaufargument für Gold interpretieren, da diese aufgrund der sinkenden Bonität zu einem erhöhten Ausfallrisiko führen würden. Und bei Goldbarren und Goldmünzen liegt dieses dank des nicht existenten Kontrahentenrisikos bei null Prozent.

Ausblick für die laufende Woche

Der Goldpreis versucht sich weiterhin an einer Bodenbildung.

Noch scheinen die Zinsängste das Marktgeschehen stärker zu beeinflussen als die Inflationsängste. Auf Dauer muss dies allerdings nicht so bleiben. Aktuelle Zahlen zur Entwicklung der deutschen Inflationsrate im Monat Juni stehen am heutigen Dienstag an, einen Tag später erfahren die Investoren wie stark sich Geld in der Eurozone entwertet hat.

In den USA müssen Anleger auf die mit Spannung erwartete Juni-Inflation noch bis zum 13. Juli warten. Langeweile dürfte dennoch ausbleiben, schließlich könnte die anstehende Datenflut vom US-Arbeitsmarkt dem Goldpreis neue Impulse in die eine oder andere Richtung verleihen

Als absolutes Highlight fungiert in diesem Zusammenhang der für Freitag anberaumte Monatsbericht des US-Arbeitsministeriums. Analysten rechnen laut Trading Economics mit einem leichten Rückgang der Arbeitslosenrate von 5,8 auf 5,7 Prozent und einem Anstieg der neu geschaffenen Stellen von 559.000 auf 690.000.

Sollte sich die US-Wirtschaft robuster als erwartet entwickeln, könnte dies an den Goldmärkten weiteren Verkaufsdruck generieren. Dieser wird wahrscheinlich aber eher von temporärer als von nachhaltiger Natur sein.

Autor: Jörg Bernhard
Freier Wirtschaftsjournalist
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Handarbeit aus "Schwäbisch Sibirien"