Stand: 10.02.2021 von Hannes Zipfel
Als zinsloser Vermögenswert reagiert Gold besonders sensibel auf Veränderungen bei den Renditen angeblich sicherer Staatsanleihen. Seit März 2020 steigen die nominalen Zinssätze dieser Anleihen deutlich an. Doch ist das der Grund für die anhaltende Konsolidierung beim Goldpreis?
Goldpreis und steigende Zinsen

Steigende Zinsen und fallende Goldpreise sind keine Zwangskorrelation

Bei jedem Vermögenswert hängt die Preisbildung von diversen Einflussfaktoren ab. Wie jedes Anlagegut steht Gold bei der Nachfrage durch Investoren dabei immer in Konkurrenz zu festverzinslichen Wertpapieren und Dividendentiteln.

Bei Gold spielen neben den Zinsen auch das Angebot aus der Produktion und dem Recycling sowie aus Beständen von Investoren sowie die Nachfrage aus der Schmuckindustrie eine große Rolle. In den letzten zwölf Monaten kam es hier zu regelrechten Verwerfungen, sowohl bei den Angebotsquellen als auch bei der Nachfrage.

Die Minenproduktion war zeitweise durch Shutdowns spürbar eingeschränkt. Zum Teil brachen ganze Lieferketten zwischen Produzenten, Scheideanstalten, Münzprägeanstalten sowie den Händlern zusammen und verknappten das Angebot zusätzlich.

Diese Sondersituation normalisiert sich nun wieder.

Das gilt auch für die Nachfrageseite, wo die Schmuckindustrie als einer der bedeutendsten Kunden der Goldproduzenten sich langsam von dem Corona-Shock und den wegbrechenden Umsätzen speziell in Indien erholt.

Der alles dominierende Einfluss auf die Preisbildung kam in den letzten zwölf Monaten gleichwohl vonseiten der Gold-Investoren. Zudem spielte die Entwicklung am Gold-Terminmarkt im März und April letzten Jahres eine wichtige Rolle für die Preisentwicklung des gelben Edelmetalls.

Der Zusammenhang zwischen der Zinsentwicklung und dem Goldpreis seit März 2020 war hingegen weniger stark ausgeprägt als der zwischen Investorennachfrage und Goldpreis. Natürlich spielten auch deutlich niedrigere Zinserwartungen für die Zukunft eine Rolle.

Fakt ist, dass die Korrelation zwischen dem Goldpreis und der Zinsentwicklung seit Anfang März 2020 sogar positiv war: seit dem Tiefpunkt der Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen am 9. März 2020 haben sich diese von 0,36 Prozent p.a. auf aktuell 1,43 Prozent p.a. knapp vervierfacht.

Im gleichen Zeitraum stieg der Goldpreis von 1.673 US$/Unze um 9,4 Prozent auf aktuell 1.838 US$/Unze an. Bei einer derart starken Zinssteigerung hätte man eigentlich das Gegenteil bei der Goldpreisentwicklung erwarten können. (Datenquellen: CMC Markets, Tradingview.com).

Andere Faktoren dominieren den Goldpreis

Gleichzeitig gab es eine alles überlagernde Explosion der Investoren-Nachfrage nach Münzen, Barren und Gold-ETFs (mit physischem Gold oder Goldforderungen hinterlegte börsengehandelte Investmentfonds). Allein durch die ETFs wurden von März bis Oktober letzten Jahres netto 880 Tonnen Gold bzw. 20 Prozent des gesamten Goldangebotes des Jahres 2020 absorbiert.

Wobei im Oktober 2020 mit nur 18,8 Tonnen vonseiten der ETFs die Nettonachfrage im Vergleich zu den Vormonaten bereits deutlich nachließ und in den Monaten November und Dezember mit netto 148,8 Tonnen Goldabflüssen sogar negativ war. Auch die Nachfrage nach Goldbarren und Goldmünzen schwächte sich in diesem Zeitraum ab. Es liegt also nahe, dass es diese Entwicklung der Investorennachfrage war, die den Konsolidierungsprozess beim Goldpreis wesentlich bestimmte.

Die letzten verfügbaren Daten aus dem Januar 2021 zeigen übrigens wieder einen leichten Zufluss in die globalen Gold-ETFs in Höhe von netto 13,8 Tonnen (Datenquellen: Statista, Bloomberg, Fonds-Berichte, ICE Benchmark Administration, World Gold Council).

Parallel zu dieser Entwicklung bei den ETFs nahm die Bedeutung der größten Terminbörse für Gold, der COMEX, deutlich ab. Standen zu Jahresbeginn 2020 noch knapp 800.000 Goldkontrakte aus, so waren es Anfang Februar 2021 nur noch 520.000 Kontrakte.

Ein Kontrakt umfasst jeweils 100 Unzen Gold.

Damit reduzierte sich das sogenannte Open Interest an der Terminbörse in New York um 35 Prozent. Die Dimension der an der COMEX offenen Goldkontrakte im Verhältnis zum Gesamtjahresangebot zeigt mit 37 Prozent Anteil die Bedeutung allein des US-Terminmarktes für die Preisbildung des Edelmetalls (Datenquellen: CME Group/COMEX, CFTC, WGC).

Die Motive der Goldkäufer

Das monetäre Edelmetall Gold eignet sich perfekt als Ergänzung für ein ausgewogenes Vermögensportfolio, das spezielle Risiken abdeckt, vor denen kaum ein anderer Vermögenswert so gut schützen kann. Das Verständnis für die besonderen „Fähigkeiten“ des Goldes in Zeiten bereits stattfindender sowie noch bevorstehender Umbrüche haben viele private und professionelle Investoren bereits erkannt.

Seit 2017 befragt der Lobbyverband der Goldproduzenten und der goldverarbeitenden Industrie, das World Gold Council (WGC) auch eine ganz spezielle Gruppe institutioneller Goldinvestoren nach ihren Motiven, das monetäre Edelmetall zu halten: Zentralbanker.

Die in den Notenbanken für das Reservemanagement Verantwortlichen stehen nicht im Verdacht, irrationale Goldfans zu sein. Daher sind deren Motive besonders interessant für eine nüchterne Analyse.

Bekanntlich sind die Notenbanken bereits im Jahr 2010 nach 21 Jahren von der Verkäufer- auf die Käuferseite gewechselt. Auch wenn die Käufe zuletzt nachließen, da einige Notenbanken ihre Zielallokation in Gold nach zehn Jahren Akkumulation erreicht haben oder Goldkäufe geheim halten, befinden sich die offiziellen Bestände mit aktuell 35.197 Tonnen weltweit nahe eines absoluten Rekordniveaus (Datenquellen: WGC, Kitco, Metals Focus, Refinitiv GFMS).

Einige der wichtigsten Ergebnisse der jährlich vom WGC durchgeführten Umfrage unter Zentralbankern erklären das signifikante Wachstum der Goldbestände in den Notenbanken in der vergangenen Dekade. Gemäß der letzten Umfrage aus dem Jahr 2020 gaben 88 Prozent der Teilnehmer an, dass negative Zinssätze einen relevanten Faktor für ihre Entscheidungen zum Halten von Gold darstellen. Darüber hinaus betrachten 79 Prozent der Befragten Notenbanker die aus der Goldpreisentwicklung resultierende Rendite in Krisenzeiten als wichtigen Grund Gold zu halten, gegenüber nur 59 Prozent im Jahr 2019.

Fast dreiviertel der Befragten halten das fehlende Gegenparteirisiko (Ausfallrisiko) von Gold für einen wichtigen Grund für das Halten des Metalls, gegenüber 60 Prozent im Vorjahr.

Die von den Reservemanagern der Notenbanken erkannten speziellen Eigenschaften des Goldes sowie die eigenen Prognosen zur Zinsentwicklung könnten auf eine Neubewertung der Rolle von Gold angesichts der anhaltenden finanziellen und wirtschaftlichen Unsicherheit hindeuten und gleichzeitig eine Überlebensstrategie der Notenbanken widerspiegeln.

Notenbankbilanzen, die auf der Aktivseite mit Schuldpapieren in Billionenhöhe aufgebläht werden, die in einem freien Markt wertlos wären, brauchen Gold als krisensicheres Gegengewicht. Andernfalls droht in Zukunft die nahezu vollständige Zerstörung der Notenbankbilanzen und damit des Wertes der von ihnen ausgegebenen Fiat-Währungen. Denn diese sind nur so werthaltig wie die Vermögenswerte auf den Bilanzen der Währungsemittenten.

Für die Notenbanken ist der Aufbau von Goldreserven jedoch zweischneidig, wollen sie doch unter allen Umständen verhindern, zum Anstieg des Krisen- und Inflationsindikators durch zusätzliche Nachfrage selbst beizutragen. Daher wird der Preis des Goldes über die Terminmärkte „gemanagt“. Das bringt unnötig Volatilität in den Wert des Goldes und schreckt potenzielle Käufer ab.

Fakt ist, dass die Reservemanager der Notenbanken die gleichen Argumente pro Gold ins Feld führen, wie die echten „Goldbugs“.

Zins vs. Realzins

Wie an allen Finanzmärkten wird auch am Goldmarkt die Erwartung an die Zukunft gehandelt.

In einer Welt, in der sich die Verschuldung permanent von Rekord zu Rekord aufbläht und in der sich viele Vermögenspreise im Blasenmodus befinden, sitzen die Notenbanken in der Niedrigzinsfalle. Kollabierende Aktienmärkte und untragbare Zinslasten sind systembedingt keine Option mehr.

Daher ist das Potenzial für steigende Zinsen, die dem Goldpreis wie zuletzt in den Achtzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts nachhaltig schaden könnten, stark limitiert.

Sowohl die Erwartungen an die Inflation als auch die aktuell messbare Inflation im Sinne allgemeiner Teuerung steigen bereits spürbar an. Eine wichtige Unterscheidung darf im Zusammenhang mit der Korrelation zwischen Goldpreis und Zinsentwicklung daher nicht unerwähnt bleiben: die Differenzierung von Zins und Realzins.

Als Realzins bezeichnet man den Nominalzins abzüglich der offiziellen Teuerungsrate. Der nominale Zinssatz für eine 12 Monate laufende US-Staatsanleihe beträgt aktuell 0,07 Prozent p.a. Die jährliche US-Konsumentenpreisteuerung lag zuletzt bei 1,3 Prozent.

Daraus ergibt sich ein aktueller Realzins in den USA von -1,23 Prozent p.a. Legt man die langfristige Inflationserwartung der Kapitalmarktteilnehmer anhand der sogenannten Treasury Inflation-Indexed Securities zugrunde, dann ist der um die Inflationserwartung bereinigte Zins (Realzins) für solche Papiere mit zehnjähriger Laufzeit mit aktuell -1,02 Prozent p.a. ebenfalls negativ. Damit liegen sowohl die aktuellen als auch die aus der Inflationserwartung resultierenden Realzinsen nahe ihren zyklischen Tiefstständen (Datenquellen: Federal Reserve Bank of St. Louis, Tradingview.com).

Negative Realzinsen sind empirisch belegt positiv für die Entwicklung des Goldpreises. Sie bedeuten, dass der vereinnahmte Nominalzins noch vor Steuern bereits von der Inflation aufgefressen wird, wohingegen die Nachfrage nach Gold und damit der Goldpreis von der realen bzw. befürchteten Inflation profitieren.

Fazit und Ausblick

Die Auswertung verschiedenster Daten bezüglich der Einflussfaktoren auf die Goldpreisbildung lässt nicht darauf schließen, dass die Zinsentwicklung in absehbarer Zeit dem Goldpreis signifikant schaden wird. Dazu ist der Grad der globalen Verschuldung und damit die Zinssensitivität schlicht zu hoch.

Bereits die aktuell erreichten nominalen Zinssätze am US-Kapitalmarkt gelten als für die Aktienmärkte gefährlich. Die nominalen Zinssteigerungen vor allem am langen Ende der Renditekurve dürften damit ihrem Ende entgegen gehen. Viel wichtiger bleiben jedoch die anhaltend negativen Realzinsen.

Der wichtigste Grund für die Preiskorrektur bei Gold ist wohl vielmehr die Hoffnung vieler Investoren auf eine neue „Normalität“ nach den diversen Lockdowns.

Es ist jedoch zu erwarten, dass im Zuge der nochmals explodierten Verschuldung, den noch nicht absehbaren ökonomischen Langfristschäden sowie der realen Inflationsgefahr relativ schnell wieder ein Umdenken zugunsten von Gold in den Köpfen der Anleger stattfindet.

Denn auch wenn das Virus geht, die Schuldenexplosion ist und bleibt systembedingt.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von Aureus | 10.02.2021, 23:08 Antworten

Es bleibt ein Rätsel, warum die BaFin vor Gold warnt, die Notenbanken aber nicht genug davon bekommen können, um ihre aufgeblähten Bilanzen zu stützen. Ergo: einer von den beiden sagt die Unwahrheit und jeder klar denkende Mensch, also kein Liebhaber des "betreuten Denkens", weiß, welcher von beiden dies ist...

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von ich | 10.02.2021, 14:27 Antworten

Wenn jemand auf eine neue "Normalität" hofft, muss man wohl intellektuell so flach sein, dass man es verdient hat sein Gold zu verkaufen. Denn den wahren Grund dieser Kriese und deren Ziel, sollte langsam auch mal der letzte begriffen haben. Mein Gott, es wird doch schon ÖFFENTLICH kommuniziert! Keine Gerüchte oder Verschwörungen mehr. Des Weiteren war die Normalität vor dem C auch fürn A... Wenn man aber das ganze Leben nichts anderes kennt, wird es schwer besseres erkennen zu können. Als Systemsklave hält man gerne verbissen am bestehenden fest, da man dort vermeintlich in Sicherheit ist. Aber das Thema Sicherheit wird sich demnächst auch erledigt haben.

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