Gold: 1.734,59 € +0,36 %
Silber: 20,80 € -1,43 %
Stand: 19.09.2022 von Hannes Zipfel
In Köln sagt man: „Et hätt noch immer jot jejange“. Bezogen auf die aggressivste Zinsanhebungsserie der US-Notenbank seit 34 Jahren, deren Fortsetzung auf der Agenda dieser Woche steht, könnte dies sogar stimmen. Allerdings eher für die zwangsläufigen Nebenwirkungen, die in den letzten Zinszyklen regelmäßig zu Beinahe-Katastrophen an den Finanzmärkten führten und viele Anleger schon seit Wochen von den Märkten fernhalten.
Kaninchen starrt auf Schlange: Goldpreis, Zinsentscheide...

Weitere relevante Datentermine für Edelmetallanleger in der 38. Börsenwoche:

  • Montag: Monatsbericht der Deutschen Bundesbank (BuBa) zur Konjunktur- und Geldpolitik, US NAHB Immobilien-Index September (e: 47 | Aug.: 49 | Sept.`21: 76)
  • Dienstag: Zinsentscheidung (Loan Prime Rate) der Bank of China (e: 3,65 % | akt.: 3,65 %)
  • Mittwoch: Verkäufe bestehender Häuser USA im Aug. ann. (e: 4,7 Mio. | Jul.: 4,8 Mio. | Aug.`22: 5,9 Mio.), Zinsentscheidung der US-Notenbank Fed mit anschl. PK (Leitzins: +0,75 % | Jul.: +0,75 %)
  • Donnerstag: Zinsentscheidung der Bank of Japan (e.: -0,1 % | akt.: -0,1 %)
  • Freitag: Gesamt-Einkaufsmanager-Index Deutschland für Sept. (e: 46,0 | Aug.: 46,9 | Sept.´21: 55,5), Terminmarktreports (COT) der US-Aufsichtsbehörde CFTC für Gold und Silber (ab 21:30 Uhr MESZ verfügbar)

Verzerrte Wahrnehmung bei der Goldpreisentwicklung

Die Gemengelage könnte für Anleger momentan kaum anspruchsvoller sein: Krieg, Energiekrise, Lieferkettenengpässe, Wirtschaftsabschwung, Stimmungseinbruch bei Investoren und Konsumenten. Gleichzeitig straffen die großen Zentral- und Notenbanken der USA, Englands, der Schweiz sowie der Eurozone ihre Geldpolitik – zum Teil in atemberaubendem Tempo.

Da ist es absolut logisch, dass die zuvor von den historisch laxen Finanzierungskonditionen und der überbordenden Liquiditätsversorgung durch die Zentral- und Notenbanken nach oben gekauften Vermögenswerte deutlich Federn lassen müssen.

Dennoch zeigt ein Blick auf den Vergleich verschiedener Vermögenswerte und Anlageklassen, dass Gold nach wie vor relativ krisenresistent ist und damit seine Funktion als „Sicherer Hafen“ auch jetzt wieder erfüllt, wenn auch nicht in dem Maße, wie von vielen Anlegern erhofft. Aber noch ist die ganz große Krise nicht offen sichtbar.

Wertentwicklung Goldpreis Jahresvergleich

Zinsentscheidungen in den USA, Japan, China, der Schweiz und England

Für diese Woche stehen sage und schreibe fünf Zinsentscheidungen für den Markt relevanter Notenbanken auf der Agenda. Die Zinsen weiter anheben dürften die eidgenössischen Geldpolitiker von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) um 0,75 Prozentpunkte, die Bank of England (BoE) um 0,5 Prozentpunkte sowie, und das ist für die Weltfinanzmärkte am relevantesten, die US-Notenbank Fed um ebenfalls 0,75 Prozentpunkte auf ein Leitzinsband von dann 3,0 bis 3,25 Prozent.

Außerdem wird die Fed ab dem heutigen Montag ihre auf über 8,8 Billionen US-Dollar aufgeblasene Bilanz um beschleunigte 95 Mrd. US-Dollar pro Monat abbauen.

Da auch hypothekenbesicherte Anleihen, die bisher das Zinsniveau für Baugeld drückten und Darlehen leicht verfügbar machten, zu einem Drittel der Fed-Bilanzsumme abgebaut werden, dürfte der Stress am US-Immobilienmarkt weiter zunehmen.

Fed-Bilanz in Billionen USD vs. Leitzinsen

Immer kritischer wird die Lage in Hinblick auf eine drohende Schieflage bei Immobilienfinanzierern, Eigentümern und Banken aufgrund der Kombination aus der beispiellosen Größe der Preisblase, der rekordhohen Hypothekenverschuldung sowie der rapide steigenden Zinskosten.

Explosive Mischung am US-Immobilienmarkt

Diese Kombination führt bereits zu einem Einbruch bei der Verfügbarkeit und der Nachfrage nach Hypothekenkrediten und damit nach US-Immobilien. Dies gilt besonders für die stark fremdfinanzierten unteren und mittleren Preissegmente. Der US-Bau- und Immobilienmarkt ist unentbehrlich für die Prosperität des US-Arbeitsmarktes sowie für den US-Konsum, der über 2/3 zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt.

Verfügbarkeit US-Hypothekendarlehen

In den Vereinigten Staaten ist es üblich, Immobilien regelmäßig zu günstigeren Tarifen zu refinanzieren und Geld aus dem Immobilienbesitz dank steigender Preise zu extrahiert (Cash-Out-Refinanzierungen). Der Refinanzierungsindex befindet sich jedoch bereits im freien Fall und lässt für den Konsum nichts Gutes erahnen. Nicht umsonst sind Verkaufsketten für Einrichtungsgegenstände, wie zum Beispiel der ehemalige Börsen-High-Flyer Bed Bath and Beyond bereits in ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Die Aktien des Unternehmens haben in den letzten drei Jahren gut 70 Prozent ihres Wertes abgegeben.

US-Refinanzierungsindex für Hypothekenmarkt

Die nächsten Daten zu diesem Refinanzierungs-Index werden am kommenden Mittwoch um 13:30 Uhr MESZ veröffentlicht und wegen der zuletzt weiter steigenden Zinskosten erneut rückläufig erwartet.

Neben Immobiliendarlehen haben die Amerikaner seit der letzten Finanzkrise auch Kreditkarten-, Automobil- und sonstige Schulden auf Rekordhöhe angehäuft. Insgesamt beläuft sich die Schuldenlast auf 372 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, was eigentlich jede weitere Verteuerung der Zinskosten durch die Fed, die bereits 3,45 Billionen US-Dollar jährliche Zinszahlungen bzw. 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verursacht, verbietet.

Aber das Unheil nimmt auf Weisung des durch schlechte Umfragewerte massiv unter Druck stehenden US-Präsidenten Joe Biden seinen Lauf und wird auch die Preise für die Edelmetalle, wie nahezu alle anderen Vermögenspreise, so lange belasten, bis es zu dem unvermeidlichen Unfall, Crash oder der Systementgleisung kommt. Wie zuletzt im Winter 2018/2019 noch vor der Corona-Pandemie.

Die Ergebnisse der kommenden Zinssitzung in Washington, D.C. wird der Fed-Chef Jerome Powell im Rahmen einer Pressekonferenz am Mittwochabend ab 20:30 Uhr MESZ inkl. einer Q&A-Session live verlautbaren.

Wichtig wird hier vor allem der Ausblick der stimmberechtigten Mitglieder des sogenannten „Offenmarktausschusses“ (FOMC) sein, der über die Bilanzhöhe und die wichtigsten Leitzinsen der wohl einflussreichsten Notenbank der Welt entscheidet.

Deutsche Wirtschaft schmiert weiter ab

Auch in dieser Woche wird es wieder Belege für das Abrutschen der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt und der größten Ökonomie Europas geben. Wie bereits zuvor der ZEW-Index, der Ifo-Index und der konsumrelevante GfK-Konsumklimaindex werden auch die am kommenden Freitag zur Veröffentlichung anstehenden Einkaufsmanager-Indizes für Deutschland als klassische Konjunkturfrühindikatoren das heraufziehende Bild einer „Winter-Rezession“ bestätigen.

Deutschland: Einkaufsmanagerindex

Der Teil-Index für das verarbeitende Gewerbe misst die Lage in der deutschen Industrie. An den Finanzmärkten gilt diese Befragung von Einkaufsleitern und Firmenchefs als einer der einflussreichsten Wirtschaftsfrühindikatoren, weil sie die ökonomische Entwicklung bereits zu einem frühen Zeitpunkt aus mehreren Winkeln abbildet. Der Index enthält sowohl Informationen zur Geschäfts-, Beschäftigungs-, Auftrags- und Lagerbestandsentwicklung als auch zur Preisdynamik in der Industrie.

Der Gesamt-Index wird für den September mit 46,0 Punkten und für den Dienstleistungssektor mit 47,2 Punkten ebenfalls erneut unter der Wachstumsschwelle von 50 Punkten erwartet.

Dennoch will auch die Europäische Zentralbank (EZB) ihren zinspolitischen Straffungskurs beibehalten und den Hauptrefinanzierungssatz für Banken in der Eurozone auf 2,0 Prozent anheben (bei nahezu zweistelligen Inflationsraten).

Aber aufgrund der auch in Europa mit knapp 400 Prozent des BIP extrem hohen Verschuldung sind selbst homöopathische Steigerungen der Kreditkosten eine in der aktuellen Gemengelage zusätzlich spürbare Belastung – bis auf Weiteres auch für die Anlagemärkte inkl. der Edelmetallmärkte.

Kommt es dann sehr wahrscheinlich noch in diesem Winter zum Systemunfall („Schwarzer Schwan“) sollten Gold und Co. gleichwohl in keinem Vermögensportfolio fehlen.

Weitere wichtige Daten-Termine inklusive Prognosen und historischen Zeitreihen finden Sie hier.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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