Stand: 27.11.2016  0 Kommentare

Die Europäische Zentralbank (EZB) und Gold? War da was? Ja, da war was, oder eher, da ist was. Denn auch die Hüterin des Euro hat Goldreserven. Woher die kommen, lässt sich ziemlich exakt nachvollziehen. Doch was mit ihnen geschieht, wo sie lagern und wer Zugang zu ihnen hat, wusste bislang keiner so genau. Selbst bei der EZB hat man sich offenbar nicht sonderlich um die hauseigenen Goldbarren geschert. Jedenfalls musste man dort unlängst einräumen, dass seit Bestehen der EZB deren Goldreserven noch nie einem physischem Audit unterzogen worden sind. Womöglich hat man Wichtigeres zu tun. Wie steht es also um die Goldreserven der EZB?

Wer an die Europäische Zentralbank (EZB) denkt, dem mag vieles einfallen - die ultralockere Geldpolitik etwa, die Nullzinsen für Spareinlagen oder gar die Strafzinsen für Geldinstitute. Doch das sind ja nur die allerjüngsten Attribute. Ins Leben gerufen wurde die EZB als Zentralbank für die Notenbanken der Euroländer, als Hüterin des Euro also. Wie recht oder schlecht sie dieser Aufgabe nachkommt, daran scheiden sich bekanntlich die eifernden Geister. Was indes bei all dem nicht unbedingt in den Sinn kommt, ist das Stichwort Gold. Doch die EZB hat es. Und nicht gerade wenig, zugleich aber beileibe nicht genug, um - in Verbindung mit ihren Währungsreserven - auch nur annähernd als Besicherung ihrer aufgeblähten Bilanz dienlich sein zu können. Deshalb ist die Funktion der Goldreserven der EZB auch ein wenig schleierhaft - genauso übrigens wie es lange Zeit ihr Verbleib war.

Für laxen Umgang mit Goldreserven gerügt

Derzeit sollen die Goldreserven der EZB genau 504,8 Tonnen betragen, heißt es. Vor wenigen Jahren waren es allerdings etwa 270 Tonnen mehr. Doch woher kamen die Goldreserven der EZB überhaupt, beziehungsweise wo gingen sie hin? Wer hat wo Zugang zu ihnen? Und nicht zuletzt, wer verbürgt sich für den Bestand? Das sind mitunter natürlich dieselben Fragen, die vor vier paar Jahren auch die Bundesbank in Bedrängnis brachten, als sie vom Bundesrechnungshof für ihren laxen Umgang mit den deutschen Goldreserven gerügt wurde.

Stein des Anstoßes war damals vor allem die Tatsache, dass die deutschen Goldreserven jahrzehntelang keinem physischem Audit unterzogen worden waren, was erhebliche Zweifel an ihrer Existenz aufkommen ließ. Und es sind Fragen, auf die nun die fleißigen Blogger des Portals BullionStar abermals Antworten im Fall der EZB suchten. Teile dessen, was sie in Erfahrung brachten, hatte bis vor wenigen Tagen noch nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt.

Zentralbanken heizen Gerüchteküche selber ein

Zugleich aber mussten die Jungs von BullionStar auch eine alte Erfahrung machen: Wenn es um ihr Gold geht, sind Zentralbanken nicht sonderlich redselig. Lieber windet man sich in kurzen, oft inhaltsleeren Sätzen aus der Affäre. Bestenfalls sind noch Andeutungen darunter, auf deren Basis man durch weitere Recherchen dann tatsächlich zu Schlussfolgerungen kommen kann. Auf der einen Seite ist dies verständlich, denn wer unabhängig und handlungsfähig bleiben will, lässt sich nun  mal nicht gerne in die Karten schauen.

Auf der anderen Seite wird durch die Schmallippigkeit der Zentralbanken die Gerüchteküche aber nur weiter angeheizt. Transparenz sieht in der Tat anders aus. Doch es ist nun mal, wie es ist. Und in dem großartigen Beitrag von BullionStar wurden durch Logik, Recherchen und reichlich Vorwissen handfeste Schlussfolgerungen aus einer Handvoll Sätze der EZB extrahiert. Doch bevor wir zu Befunden kommen, soll an dieser Stelle erst mal geklärt werden, woher die Goldreserven der EZB eigentlich stammen.

Woher kommen die Goldreserven der EZB?

Es war die Geburtsstunde des Euro im Januar 1999. Damals transferierten die elf Gründungsmitglieder des Euroraumes innerhalb von wenigen Tagen anteilig auf Basis von Bevölkerung und BIP das damalige Gründungskapital der EZB in Höhe von rund 39,5 Milliarden Euro. Dieses Kapital stammte aus den Währungs- und Goldreserven der jeweiligen nationalen Zentralbanken der Eurozone. Mit einem Anteil von 85 Prozent bestand dieses Kapital hauptsächlich aus Währungsreserven in Form von US-Dollar (9 von 10 Teilen) sowie Japanischen Yen (1 von 10 Teilen).

Die verbleibenden 15 Prozent dieses Kapitals setzte sich derweil aus Goldbarren zusammen, die aus den Goldreserven der damals elf beitragspflichtigen europäischen Zentralbanken stammten. Auf diese Weise wurden im Januar 1999 insgesamt mehr als 24 Millionen Unzen Gold (genau 24.030.485 Unzen oder 747,45 Tonnen) an die EZB übertragen. Zum damaligen Zeitpunkt lag der Goldpreis bei lediglich rund 246 Euro pro Feinunze, was sich somit auf einen damaligen Gegenwert von 5,92 Milliarden Euro belief. Diese Zahlen sind allesamt wie auch von BullionStar berichtet im Jahresbericht 1999 der EZB (ab S. 152) zu finden. Heute ist dieses Gold rund fünfmal so viel wert wie damals.

Deutschland hat 232 Tonnen Gold an die EZB überschrieben

Allerdings sind im Laufe der vergangenen Jahre noch weitere europäische Staaten der Eurozone beigetreten, und sie alle haben nach ihrem Beitritt ihren Anteil an Währungs- und Goldreserven entrichtet. Griechenland beispielsweise trat Anfang 2001 der Eurozone bei und übertrug der EZB in diesem Rahmen 19,5 Tonnen Gold. Später kamen Staaten wie Slowenien, Malta, Zypern, die Slowakei, Estland Litauen und Lettland hinzu, die gemeinsam 9,4 Tonnen Gold zu den Goldreserven der EZB beisteuerten.

Insgesamt wurden der EZB seit ihrer Gründung somit 776,35 Tonnen Gold von den nationalen Zentralbanken von Europa überschrieben. Und zwar vollumfänglich zu Zeiten, als der Goldpreis noch weit von seinen historischen Höchstständen entfernt war. Den Löwenanteil davon stellte aufgrund seiner Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft Deutschland. Von hier erhielt die EZB bereits im Jahr 1999 Goldreserven im Umfang von knapp 232 Tonnen, gefolgt von Frankreich (159,4 Tonnen) und Italien (141 Tonnen).

EZB hat 271,5 Tonnen ihrer Goldreserven verkauft

Der Wertzuwachs der Goldreserven der EZB im Verlauf des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts war aufgrund der Goldpreisentwicklung in dieser Zeit entsprechend enorm. Denn in dieser Zeit hatte sich der Wert des Edelmetalls von rund 246 Dollar pro Feinunze auf seinen historischen Höchststand 2011 bei rund 1.900 Dollar nahezu versiebenfacht. Selbst beim aktuellen Goldpreis lässt sich noch eine Verfünffachung des Wertes feststellen. Womöglich war dies auch der Grund, weshalb sich die EZB zwischen den Jahren 2005 und 2009 für großangelegte Goldverkäufe entschied.

So verkaufte die EZB im Jahr 2005 die Menge von 47 Tonnen. In 2006 folgten insgesamt 80 Tonnen, 79 Tonnen in 2007, 30 Tonnen in 2008 sowie 35,5 Tonnen in 2009. Insgesamt hat die EZB in diesem Zeitraum also 271,5 Tonnen der ihr überlassenen Goldreserven verkauft. Zwar hat die EZB diese Verkäufe bekannt gegeben, den Bestimmungszweck derselben allerdings unter strengem Verschluss gehalten. Auch darüber, an welchen Handelsplätzen das Gold über den Tisch ging, schweigt sich die EZB bis heute aus. Zwar bekennt sich die EZB dazu, dass der Umfang und Wert ihrer Goldreserven von "öffentlichem Interesse" sei. Doch was sonst damit angestellt wird, geht offenbar keinen etwas an.

Goldreserven der EZB auf fünf Standorte verteilt

Unterdessen ist in den vergangenen Tagen erstmals ein klareres Bild darüber entstanden, wo sich die Goldreserven der EZB überhaupt befinden. Doch auch hier überzeugte die EZB bei ihren Angaben mit Schmallippigkeit. Nach den Lagerstätten ihrer Goldreserven gefragt, hieß es wörtlich nur, "das Gold der EZB befindet sich in London, Paris, Lissabon, New York und Rom". Das Gold der EZB lagere dort, weil es da bereits gelagert gewesen sei, bevor es als Eigentum an die EZB übertragen worden sei. Eine Verlagerung hielt und halte man für zu teuer. Damit mag man sogar recht haben. Zugleich lässt diese knappe Aussage allerdings nicht nur wichtige Schlüsse über die fünf Standorte der Goldreserven der EZB zu, sondern verrät zugleich auch etwas über deren Verteilung.

Da das betreffende Gold wie oben beschrieben aus den Goldreserven der Eurostaaten stammt, jedoch laut EZB physisch nie bewegt wurde, müssen sich die fünf Standorte demnach in den jeweiligen Zentralbanken von Großbritannien, Frankreich, Portugal, USA und Italien befinden. Weder Paris, Lissabon noch Rom sind allerdings als Handelsplätze für Gold bekannt. Die Tatsache, dass Frankreich nahezu seine kompletten Goldreserven auf heimischem Boden hält, legt nahe, dass der französische Goldtransfer an die EZB vollumfänglich in der Banque de France stattfand. Somit dürften heute immer noch gut 159 Tonnen vom EZB-Gold in Paris lagern.

Bank of England spielt wichtige Rolle für Goldreserven der EZB

Ähnlich verhält es sich für die Standorte Rom und Lissabon. Weder die Banca d'Italia noch die Banco de Portugal sind normalerweise Standorte für Goldreserven anderer Staaten. Sowohl Rom wie auch Lissabon lagern aber beträchtliche Anteile ihrer eigenen Goldreserven in hauseigenen Tresoren und werden zudem als Lagerstätten von der EZB genannt. Es muss in diesen Zentralbanken deshalb zu Überträgen an die EZB gekommen sein. Somit dürften - entsprechend der transferierten Anteile - 141 Tonnen Gold der EZB in Rom und etwa 18,2 Tonnen davon in Lissabon lagern.

Dass diese Zahlen nicht aus der Luft gegriffen sind wird etwa durch den Transfer der Bundesbank an die EZB belegt. 1999 reduzierte die Bundesbank nachweislich ihren bei der Bank of England gelagerten Bestand an Goldreserven.um insgesamt 332 Tonnen, wobei allerdings 100 Tonnen auf die Goldleihe entfielen. Somit ergeben sich die bereits weiter oben genannten 232 Tonnen. Auch die Euro-Gründerstaaten Österreich (22,3 Tonnen an die EZB), Belgien (27,1) und Irland (8) lagern den Löwenanteil ihrer Goldreserven in London und haben 1999 deshalb sehr wahrscheinlich ihre anteiligen Goldtransfers an die EZB bei der Bank of England getätigt.

Goldreserven als Einlagen auf Goldkonten verwaltet

Die Niederlande (40,5 Tonnen an die EZB) und Finnland (13,2) hingegen lagerten damals ihre Goldreserven sowohl in London als auch bei der Federal Reserve Bank in New York, weshalb beide Standorte für den anteiligen Übertrag an die EZB in Betracht kommen. Der mit 84,2 Tonnen viertgrößte Goldtransfer an die EZB hingegen dürfte mit großer Sicherheit in New York abgewickelt worden sein, da Spanien den größten Teil seiner Goldreserven  bei der Federal Reserve Bank lagert.

Da sämtliches Gold der EZB niemals physisch bewegt wurde und immer noch an gleicher Stelle lagert (mit eventueller Ausnahme des von der EZB verkauften Goldes), bedeutet dies zugleich, dass es sich bei den genannten Goldtransfers an die EZB lediglich um Umkontierungen gehandelt hat und die Goldreserven der EZB weiterhin von den jeweiligen nationalen Zentralbanken sozusagen als Einlagen auf Goldkonten verwaltet werden.

Kein physischer Audit der Goldreserven der EZB

Nach eigenen Angaben erhält die EZB von diesen Zentralbanken einmal im Jahr einen "detaillierten Auszug" über ihre jeweiligen Goldeinlagen. Gesehen hat das Gold indes noch niemand. Laut EZB sind diese Zentralbanken allerdings "absolut zuverlässig". Das mag auch keiner bezweifeln. Nur: Wie jeder weiß, bestehen Bankgeschäfte nunmal auch aus dem Weiterverleih von Einlagen.

Und wie die EZB nun erstmals gegenüber BullionStar einräumte, hat seit Bestehen der EZB noch kein physischer Audit ihrer Goldreserven stattgefunden. Das muss noch lange nicht heißen, dass das Gold deshalb weiterverliehen wurde oder womöglich nicht existiert - könnte aber. Was es allerdings bedeutet ist, dass die EZB in hohem Maße gegen etablierte und grundlegende Richtlinien der Buchhaltung verstößt. Und das wiederum sagt uns: Ein gutes Vorbild für das europäische Bankenwesen ist die EZB damit auf jeden Fall nicht.

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