Stand: 22.07.2015 von Mr. Gini 0 Kommentare

In diesen Tagen scheint ja temporär etwas Ruhe in Sachen Griechenland und Grexit zu kommen. Zumindest die Banken haben wieder geöffnet und der Grexit schein vorerst vom Tisch zu sein. Wohl gemerkt, vorerst. Die Forscher des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) mit Sitz in Kiel haben in einem Anfang Juli der Öffentlichkeit vorgestellten Positionspapier (siehe hier) sich intensiv mit der Lage des Krisenstaats beschäftigt.

Grexit löst Kernprobleme nicht

Unter dem Strich kommen die Autoren des Papiers zu dem Ergebnis, dass selbst der Grexit die Kernprobleme des Landes nicht lösen werde. Sofern die Regierung der Griechen sich letztlich doch nicht mit den Bedingungen eines Hartwährungsregimes abfinden wolle, bleibe ihr nur der (derzeit nicht geregelte) Austritt aus dem Euroraum. Dies bedeutete, eine nationale Währung als alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel einzuführen. Ein solches "disruptives Vorgehen", bei dem eine starke Währung durch eine schwache Währung ersetzt werden solle, sei den Autoren des Papiers zufolge erheblichen Akzeptanzproblemen ausgesetzt.

Grexit in der Praxis

Alle Konten und Zahlungsverträge müssten dann rückwirkend und zwangsweise auf die neue nationale Währung umgestellt werden, die dann gegenüber ausländischen Währungen voraussichtlich massiv abwerten würde. Damit würden einerseits in Griechenland produzierte Güter für den Rest der Welt günstiger und andererseits die Kaufkraft des Landes auf den Weltmärkten sinken. Bislang importierte Güter würden dann für weite Bevölkerungsschichten unerschwinglich. Auf diese Weise würde die Regierung ein allgemeines Sparprogramm (im Sinne von Konsumverzicht) erzwingen, weil die Ansprüche der Privaten gegenüber dem Ausland über Nacht entwertet würden und die Reallohneinbußen über steigende Preise anstelle eines sinkenden Nominallohns (bei stabilen Preisen wie im Euroraum) erfolgte. Die in Euro oder anderen Auslandswährungen denominierten Auslandsverbindlichkeiten des Privatsektors könnten eine weitere Insolvenzwelle lostreten, so die Autoren.

Insgesamt wäre damit ein ungeordneter Austritt Griechenlands mit erheblichen wirtschaftlichen und politischen Risiken verbunden. Sogar ein komplettes Scheitern des Landes könnte in diesem Fall nicht ausgeschlossen werden, so das Fazit der Forscher.

Instabiles Parallelwährungssystem

Aber auch die Einführung eines derzeit im Euroraum nicht zulässigen Parallelwährungssystems dürfte den Autoren der Studie zufolge indes weder stabil noch funktionsfähig sein. Die vom Staat parallel emittierte Währung würde in noch stärkerem Maße unter Abwertungsdruck stehen als eine alleinige nationale Währung.

Niemand würde eine solche Währung nutzen wollen. Hier gelte ja den Kieler Forschern zufolge das Anti-Greshhamsche Gesetz, wonach bei freier Währungswahl das stabilere Geld das schwächere Geld verdrängen würde. Würde die Regierung versuchen, ihre Ausgaben, insbesondere für die staatlichen Angestellten und die Leistungsempfänger auf die nationale Parallelwährung umzustellen, so wäre dies nichts anderes als eine massive Realeinkommenskürzung für die Betroffenen. Dies stünde aber in krassem Widerspruch zu den Absichten der amtierenden Regierung von Alexis Tsipras.

Was wäre zu tun?

Sehr interessant sind auch die Ausführungen der Forscher über die wirklich nötigen Maßnahmen, die den Dauer-Patienten Hellas wieder auf die Beine bringen könnten. Der Schlüssel für nachhaltigen Wohlstand in Griechenland liege den Autoren des Papiers zufolge im Aufbau von Institutionen, die das unternehmerische Handeln befördern und Anreize für die Teilhabe der Bevölkerung am Wirtschaftsleben setzen. Wenn diese zentralen Voraussetzungen für Wohlstand und Wachstum nicht geschaffen werden, werden auch alle anderen Maßnahmen keine nachhaltige Besserung für die griechische Bevölkerung bringen können, so das ernüchternde Fazit. In diesem Falle müsse dann eben auf eine neu formierte Regierung in Griechenland gesetzt bzw. gewartet werden. Aber auch dann werde der Aufbau neuer Institutionen viel Zeit beanspruchen. In der Übergangszeit könnten die größten Härten, inbesondere bei der Versorgung der armen Bevölkerung mit Medikamenten, durch Notpläne der EU abgefedert werden.

Woran scheitert es?

Höchst beachtlich auch, dass das IfW ebenfalls im Juli 2015 eine Studie (siehe hier) veröffentlichte, in der klar aufgezeigt wird, woran es wirklich in Sachen Griechenland hapert.

Die Autoren der Studie, Klaus Schrader, David Benček und Claus-Friedrich Laaser legen den Finger in die griechische Wunde.

"Der Fehler von Eurogruppe, EZB und IWF war es, die Beharrungskräfte der griechischen Klientelwirtschaft zu unterschätzen und viel zu lange die Verschleppung des Reformprozesses zu tolerieren", so das harte Urteil von Dr. Klaus Schrader.

Überforderung der staatlichen Verwaltung

Und die drei Autoren benennen auch hier klar den Hauptgrund der Malaise. DAS Haupthindernis für Reformerfolge sei die völlige Überforderung der griechischen Staatsverwaltung bei der Durchführung komplexer Reformen. Sie bedürfe in noch größerem Umfang als bisher externer Expertenhilfe. Der Reformbedarf Griechenlands betreffe ferner nach wie vor die Steigerung der Wettbewerbsintensität auf den Güter- und Dienstleistungsmärkten, die Flexibilisierung und Öffnung der Arbeitsmärkte sowie die Vereinfachung des Steuersystems und eine finanzielle Entlastung des Staates bei Renten und Pensionen. Die fehlende Durchsetzbarkeit von Verträgen und die Mängel bei der Registrierung von (Immobilien-)Eigentum erwiesen sich nach wie vor als größte Hindernisse für die unternehmerische Tätigkeit in Griechenland.

Grexit löst griechische Kernprobleme nicht!
Mr. Gini - Der Autor befasst sich schon seit vielen Jahren hauptberuflich mit den Ungleichge- wichten und strukturellen Problemen der Welt- wirtschaft, insbesondere des Weltfinanzsystems. Der Autor vertritt die Ansicht, dass die Krise erst dann beendet ist, wenn die globale Überschuldungskrise gelöst ist. Sprich, wenn das Verschuldungsniveau auf ein für die Volkswirtschaften tragfähiges Niveau geschrumpft ist.
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