Stand: 21.12.2015 von Mr. Gini 1 Kommentare

So, in diesen vorweihnachtlichen Tagen des Jahres 2015 scheint die Krise in Europa, insbesondere die Lage in Griechenland kaum eine gewichtige Rolle mehr zu spielen. Zumindest im "mainstream". Ab und an gibt es einige Meldungen über neue "Reformen", pardon Sparrunden, die durch das Parlament in Athen gepeitscht werden.

Wie geht es den "normalen" Griechen?

Spannend bleibt allerdings die Frage, wie es der Realwirtschaft, den "normalen" Griechen wirklich geht. Und hier gab es jüngst im "Tagesspiegel "einen sehr faktenreichen Artikel zur Lage im Krisenland. Im Sommer diesen Jahres schien nach langen Jahren des Niedergangs nun endlich etwas Hoffnung im Krisenland aufzukommen. Im August diesen Jahres vermeldete Elstat, die Statistikbehörde des Landes, dass die Arbeitslosenquote auf 24,6 Prozent zurückgegangen sei. Und zwar von 24,9 Prozent im Vormonat.

Anstieg der Arbeitslosigkeit in Griechenland im Herbst

Aber leider war das nicht die erhoffte Trendwende. Der leichte Rückgang sei Folge der Tourismus-Sommersaison gewesen.Wie das griechische Arbeitsministerium inzwischen meldete, ging die Zahl der Beschäftigten im Oktober um fast 56.500 zurück. Die EU-Kommission erwartet in ihrer jüngsten Herbstprognose für Griechenland 2016 einen Anstieg der Arbeitslosenquote auf 25,8 Prozent. Das sind sehr, sehr schlechte Nachrichten für die griechische Bevölkerung.

Armutsspirale in Griechenland

Letztlich ist es so, dass immer weniger Griechen über ein eigenes Erwerbseinkommen verfügen. Immer mehr leben von Zahlungen aus den Sozialhaushalten, wie Renten und Arbeitslosengeld, oder von Zuwendungen ihrer Familie. Und ein Ende der Spar- und Kürzungsorgien ist immer noch nicht in Sicht. Weitere Einschnitte stehen bevor. Savvas Robolis, ehemaliger Professor für Volkswirtschaft an der Athener Panteios-Universität, ist der Ansicht, dass weite Teile der griechischen Bevölkerung bereits in einer "Armutsspirale " seien. Tiefer geht also immer.

Traurige Tatsachen der Griechenland-Krise

In der Tat, die Fakten sprechen für sich. Von den 10,9 Millionen Griechen befinden sich knapp 4,8 Millionen im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 65 Jahren. Erwerbstätig sind aber nur 3,6 Millionen. Die Zahl der Arbeitslosen beläuft sich auf knapp 1,2 Millionen, die der Rentner und Pensionäre auf annähernd 2,7 Millionen. Unter dem Strich haben also von den knapp elf Millionen Einwohnern des Landes 7,3 Millionen kein eigenes Erwerbseinkommen. Traurig ist, dass es in rund 350 000 griechischen Familien überhaupt kein erwerbstätiges Mitglied gibt. Das Arbeitslosengeld, 360 Euro für einen Ledigen oder bis zu 576 Euro für eine sechsköpfige Familie, wird ja in Griechenland maximal zwölf Monate gezahlt. Danach ist der Arbeitslose auf sich selbst bzw. persönliches Umfeld angewiesen. Sozialhilfe oder Grundsicherung wie Hartz IV gibt es im Krisenland ja bekanntlich nicht. Die Folge dessen ist, dass neun von zehn Arbeitslosen keinerlei staatliche Unterstützung erhalten. Unglaublich, aber wahr.

Tiefe Renten und Löhne

Sechs von zehn Rentenempfängern bekommen weniger als 1000 Euro brutto im Monat. Die durchschnittliche Bruttorente beträgt 947 Euro. Und 45 Prozent der Rentner haben Nettobezüge, die unter der offiziell ermittelten Armutsgrenze von 665 Euro im Monat liegen. Auch die arbeitende Bevölkerung ist gezwungen, sich massiv einzuschränken. Seit 2009 sind die Realeinkommen um etwa ein Viertel gefallen. Der durchschnittliche Nettolohn in Griechenland liegt monatlich bei 815 Euro.

Griechenlands katastrophal schlechte Beschäftigungsquote

Weiter sei angemerkt, dass nach Angaben der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Griechenland eine Beschäftigungsquote von nur 49,6 Prozent haben würde. Schlechter würden unter den 34 OECD-Staaten nur die Türkei mit 49,4 und Südafrika mit 42,6 Prozent abschneiden. Der EU-Durchschnitt liegt bei 64,9 Prozent,. Deutschland liegt hier weit über dem Durchschnitt bei einer Beschäftigungsquote von 74 Prozent. Noch besser sieht es insofern in der Schweiz aus. Dort liegt die Quote bei fast 80 Prozent. Und zwar bei 79,7 Prozent. Und last but not least sei darauf hingewiesen, dass Griechenland mit die ungünstigste demografische Struktur in der EU aufzuweisen hat. Ähnlich wie in Deutschland ist die Bevölkerung ist überaltert. Aktuell kommen auf zehn Erwerbsfähige drei über 65-Jährige. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird sich das Verhältnis weiter verschlechtern. Im Jahr 2060 sollen den Prognosen zufolge auf sechs über 65-Jährige nur noch zehn Erwerbsfähige kommen. Denkbar schlechte Aussichten also.

Griechenlands Abwärtsspirale hält an

Ja, die Lage und die Aussichten sind wahrlich schlecht. Das konstatiert auch Prof. Dr. Alexander Kritikos, Forschungsprofessor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW Berlin, Direktor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Potsdam und Research Follow am IZA, im DIW-Wochenbericht. Das Land gerate immer weiter in den Abwärtsstrudel, und niemand nehme es wahr, so Herr Kritikos. Oberflächlich betrachtet habe sich die neue Regierung auf einen halbwegs kooperativen Modus gegenüber ihren Gläubigern eingestellt. Die mit den EU-Partnern vereinbarten Reformen würden zwar scheinbar durchgeführt, bei genauer Betrachtung aber nur widerwillig, halbherzig und bruchstückhaft, wie zuletzt die Einführung einer Insolvenzordnung.

Halbherzige Maßnahmen in Griechenland

Würden Reformen, die einen besseren gesetzlichen Rahmen setzen sollen, so schlecht ins Werk gesetzt wie nun die Insolvenzordnung, dann helfe das laut Kritikos niemandem in Griechenland. Nicht den griechischen Banken, die dadurch einen noch größeren Re-Kapitalisierungsbedarf haben würden, nicht den Sparern in Griechenland, die weiterhin ihre Ersparnisse unter der Matratze (oder im Ausland) halten würden, nicht den kleinen Unternehmen, die weiterhin keine Kredite bekommen würden, nicht den griechischen import- und exportabhängigen Unternehmen, die weiterhin unter der Knute der Kapitalverkehrskontrollen leiden und Monat für Monat dadurch in ihren unternehmerischen Aktivitäten massiv beschränkt werden würden.

Reformstau in Grichenland

Andere wichtige Reformen in Griechenland würden verzögert oder gar nicht erst angegangen, man denke etwa an die seit fünf Jahren angemahnten Produktmarktreformen. Und beim Bürokratieabbau und der Reduzierung von Regulierungen für unternehmerische Aktivitäten sei bereits vor zwei Jahren Stillstand in Griechenland eingekehrt. Die Folge sei, dass die griechische Wirtschaft auch dieses Jahr wieder schrumpfen werde und weiteres Ungemach zu befürchten und zu erwarten sei, so Herr Kritikos.

Griechenlands Flüchtlingskrise im Fokus

Und last but not least komme nun auch noch die Flüchtlingskrise ins Spiel. Just diese werde die europäischen Gläubiger davon abhalten, eine bessere Umsetzung der Reformen von Tsipras zu verlangen. Denn die europäischen Gläubiger bräuchten die Unterstützung der Griechen bei der Versorgung der Flüchtlinge und bei der Sicherung der Außengrenzen. Die Gläubiger Griechenlands würden Kritikos zufolge anfangen, die "Augen zuzudrücken" und die nächsten Tranchen leichter durchzuwinken. Verlierer dieser Entwicklung seien erneut die Produktivkräfte Griechenlands. Die griechische Wirtschaft liege folglich weiterhin in Agonie. Eine Verbesserung ihrer Lage sei nicht in Sicht, nachdem Tsipras bis heute kein Bekenntnis zu Marktwirtschaft und Wettbewerb gegeben habe.

Der Exodus der gut ausgebildeten Unternehmer, Forscher, Manager und Fachkräfte aus Griechenland, also genau jener, die Griechenland aus der Krise führen könnten, werde sich laut Kritikos fortsetzen. Herr Kritikos verweist in dem Kontext auf Umfragen, denen zufolge ein Drittel der jungen Griechen das Land verlassenmöchte.

Ja, Herrn Kritikos zufolge werde sich die griechische Tragödie fortsetzen. Nächstes Jahr beginne dann der vierte Akt, möglicherweise laut Kritikos schon der fünfte.

Letztlich ist es aber so, dass wir alle weiter wohl ein "hapy end" nicht erwarten dürfen. Das scheint einzig sicher zu sein....

Griechenland-Krise ist die wirklich gelöst?
Mr. Gini - Der Autor befasst sich schon seit vielen Jahren hauptberuflich mit den Ungleichge- wichten und strukturellen Problemen der Welt- wirtschaft, insbesondere des Weltfinanzsystems. Der Autor vertritt die Ansicht, dass die Krise erst dann beendet ist, wenn die globale Überschuldungskrise gelöst ist. Sprich, wenn das Verschuldungsniveau auf ein für die Volkswirtschaften tragfähiges Niveau geschrumpft ist.
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Kommentare [1]
  • von J. Voltmann | 21.12.2015, 19:04 Antworten

    Griechenland hat zwei Probleme, es ist hoch verschuldet und ist nicht wettbewerbsfähig.
    Um wettbewerbsfähig zu werden, muss Griechenland abwerten.
    Dazu muss es aber den Euro verlassen und zurück zur Drachme.
    Solange dieses nicht geschieht, gibt es keinerlei Hoffnung!

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