Stand: 13.10.2015 von Mr. Gini 1 Kommentare

In deutschen Landen geht es ja derzeit nur noch um das Thema "Flucht und Asyl". Täglich bestimmt die Flüchtlingskrise die Schlagzeilen. Das Thema Eurokrise, oder aber auch das Drama um Griechenland spielt keine Rolle mehr. Zumindest in den Hauptstrommedien. Hinter den Kulissen tut sich aber einiges.

Tsipras wiedergewählt

Selbst die jüngsten Wahlen im Krisenland fanden kaum Beachtung. Der inzwischen bei den vorgezogenen Wahlen im September im Amt bestätigte Regierungschef Alexis Tsipras hatte im Juli ja Spar- und Reformauflagen der internationalen Geldgeber zugestimmt und dafür eine Mehrheit im Parlament in Athen erhalten. Im Gegenzug soll das von der Staatspleite bedrohte Land sog. Hilfen im Umfang von 86 Milliarden Euro erhalten.

Drastische Maßnahmen

Und hier fällt auf, dass Tsipras nicht zimperlich ist bei der Umsetzung der Zusagen. Griechenland hat ja zum 1. Oktober für die ersten sechs Urlaubsinseln den vergünstigten

Mehrwertsteuersatz abgeschafft. Auch auf die Landwirte kommen drastische Einschnitte zu. Seit dem 1. Oktober werden die bisher um 30 Prozent verminderten Steuersätze auf den Urlaubsinseln Mykonos, Santorin, Rhodos, Naxos, Paros und Skiathos auf die sonst geltenden 23 Prozent erhöht. Nur in wenigen Ausnahmen wie etwa bei Büchern oder Medikamenten dürfen weiter verminderte Steuersätze von 6 und 13 Prozent gelten. Ab Juni 2016 und Januar 2017 soll diese Besteuerung auch auf weiteren Inseln gelten.

Arbeitslosigkeit bleibt hoch

Realwirtschaftlich bleibt die Lage indes weiter extrem angespannt. Das zeigt auch eine jüngste Analyse der Eurobank (siehe hier ). Der Analyse der Eurobank zufolge werde die Arbeitslosigkeit in Griechenland nicht einmal in 10 Jahren auf europäische Mittelwerte sinken. Damit die Arbeitslosigkeit in Griechenland in sechs Jahren das Niveau der Arbeitslosigkeit in der übrigen Eurozone erreicht, müsste sich der Anstieg der Beschäftigung verdoppeln und die Arbeitslosigkeit auf die Hälfte sinken. Die Experten der Bank betonen aber, dass ein solch optimistisches Szenario nicht realistisch sei und es wahrscheinlicher sei, dass es mehr als 10 Jahre bedarf, ehe die Arbeitslosigkeit auf ein europäisches Vergleichsniveau fallen würde.

Historischer Einbruch bei der Beschäftigung

Und in dem Kontext verweist die Bank darauf, dass der Einbruch der Beschäftigung wahrlich historisch einzigartig war. Die Beschäftigung in der griechischen Wirtschaft erreichte im Mai 2008 einen historischen Höchstwert. Damals waren 4,611 Mio. Personen beschäftigt. Im Dezember 2013 wurde mit einem Beschäftigungsstand von 3,482 Mio. Personen der vorläufige Tiefpunkt erreicht. Innerhalb dieses Zeitraums von ungefähr 5,5 Jahren ging folglich die Beschäftigung um 1,129 Mio. Personen bzw. 24,49 % zurück. Was die Anzahl der offiziell Arbeitslosen betrifft, lag der vom Tief im Mai 2008 (363.000 Personen) bis zum Hoch im September 2013 (1,357 Mio. Personen) verzeichnete Anstieg in der Größenordnung von fast einer Million Menschen bzw. horrenden 273,88 %. Das Arbeitskräftepotential sank von seinem Hoch im Januar 2010 von 5,048 Mio. Personen bis zu seinem vorläufigen Tief im März 2015 um 328.000 Personen bzw. 6,05 % auf 4,72 Millionen. Maßgeblich für diese Veränderung seien die Auswanderung, das Phänomen der Entmutigung bei der Arbeitssuche und die demographische Entwicklung gewesen.

Drastischer Einbruch bei den Einkommen

Aber nicht nur der historisch beispiellose Absturz am Arbeitsmarkt wird noch lange Zeit Nachwirkungen haben. Die Bevölkerung leidet nach wie vor. Das zeigt einmal mehr die Auswertung der offiziellen Steuererklärungen der Bürger des Krisenlands für das Steuerjahr 2014 (siehe hier ). Die bisherige Auswertung der Steuererklärungen für 2014 in Griechenland ergab, dass über fünf Millionen Personen mit einem Jahreseinkommen von unter 12000 Euro überleben müssen. Von ungefähr 5,9 Mio. bis einschließlich Ende August 2015 eingereichten gemeinsamen Steuererklärungen wiesen 3,7 Mio. ein Familieneinkommen von unter 12.000 Euro aus. Seit dem Beginn der Krise im Jahr 2010 habe der Anteil der ärmeren Steuerpflichtigen um 14 Prozentpunkte zugenommen. 2010 betrug die Anzahl der Steuerpflichtigen mit Familieneinkommen von unter 12.000 Euro nur 2,782 Millionen Personen. Jetzt sind es fast eine Million mehr!

Mehrheit zahlt keine Einkommensteuer

Es ergibt sich folglich, dass 63 % der Familien in Griechenland - entweder wegen des Rückgangs ihrer Einkommen oder wegen ausgedehnter Steuerhinterziehung - aufgehört haben, Einkommensteuer zu bezahlen. Bei einem Vergleich der Ergebnisse der Abrechnung der Einkommensteuer für Einkommen des Jahres 2014 mit den entsprechenden Ergebnissen des Jahres 2010 für Einkommen des Jahres 2009 ergeben sich beeindruckende Resultate. Die mit Blick auf die Jahreseinkommen sog. "Reichen" stellen inzwischen eine vom Aussterben bedrohte Spezies dar. Die Anzahl derer mit einem Familieneinkommen von über 100.000 Euro sank von 38.549 im Jahr 2010 auf 25.000 im Jahr 2014. Bereits bei Einkommen ab 100.000 Euro erreicht die Besteuerung bis zu 48 %.

Mittelschicht unter Druck

Die neuen Steuerdaten enthüllen ferner, dass die sogenannte "Mittelschicht", also all jene mit einem Familieneinkommen ab 20.000 bis 50.000 Euro ungeheure Konsequenzen aus der Krise erlitten haben und 30 % ihres Einkommens verloren. Wahnsinn! Einen "Schwund" gibt es aber nicht nur bei den wirklich Reichen zu verzeichnen. Auch die Zahl der gehobenen Mittelschichtsfamilien geht drastisch zurück. Die Zahl der Familien mit einem jährlichen Einkommen von 50.000 bis 100.000 Euro sank von 244.884 im Jahr 2010 auf gerade einmal 110.000 im Jahr 2014. Entsprechend fiel das auf Einkommen von 15,8 Mrd. Euro im Jahr 2010 auf 7,1 Mrd. Euro im Jahr 2014. Im Bereich ab 30.000 bis 50.000 Euro fallen mittlerweile nur noch 400.000 Familien, gegenüber 604.000 im Jahr 2010. Auch in diesem Segment zeigt sich ein Zusammenbruch des deklarierten Einkommens von 23 Mrd. Euro im Jahr 2010 auf 14 Mrd. Euro im Jahr 2014.

Und last, but not least sei erwähnt, dass nur noch 550.0000 Familien mit einem Familieneinkommen ab 20.000 bis 30.000 Euro - hierzu zählen alle, die etwa 1.500 Euro im Monat beziehen - auskommen. 752.086 Familien waren es im Jahr 2010. Auch in dieser Kategorie brach das Einkommen von 18,4 Mrd. Euro im Jahr 2010 auf 14 Mrd. Euro im Jahr 2014 zusammen. Alles unglaublich, aber leider wahr. Und alles findet ja vor dem Hintergrund der zahlreichen sog. Hilfspakete für den klammen Staat statt.

Schuldenerlass über die Hintertür

Apropos Hilfspakete, hier ist ja aktuell das dritte auf der Agenda. Und hier haben die Experten des Instituts für Weltwirtschaft mit Sitz in Kiel (IfW) im Rahmen einer jüngst veröffentlichten Studie (siehe hier ) klar auf den Punkt gebracht, dass das Thema Schuldenerlass schon längst ganz oben auf der Agenda sei. Und zwar über die Hinterür. Griechenland zahle dem IfW zufolge für seine Schulden Zinsen weit unter Marktniveau, mit der Tilgung müsse das Land frühestens in den 2020er Jahren beginnen. Im Zuge des dritten Hilfspaketes sei nun sogar von einem weiteren Zahlungsaufschub von 20 oder sogar 30 Jahren die Rede. Der Schuldenerlass, über den in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wurde, finde dem IfW zufolge also längst statt. Bei gängigen Annahmen schrumpfe der Barwert der von den Europartnern bilateral und über die EFSF gewährten Kredite auf weniger als die Hälfte des nominalen Kreditbetrages zusammen.

Drastischer Rückgang beim Gegenwartswert der Schulden

In ihren Berechnungen gehen die Ökonomen aus Kiel von einer Diskontrate von 5 Prozent aus, wie sie auch die Weltbank verwendet werden würde. Als durchschnittlichen Kreditzins für Griechenland veranschlagen die Experten über die gesamte Laufzeit eine Rate von 1,5 Prozent. Die Zinsen für die bilateralen Kredite ergeben sich aus einem Aufschlag auf den dreimonatigen Euribor und liegen derzeit bei etwa 0,5 Prozent, während sich die EFSF-Zinssätze aus den Refinanzierungskosten der Fazilität ergeben und zudem bis 2023 gestundet werden würden. Unter diesen Annahmen betrage der Gegenwartswert der für die ausstehenden Kredite von nominal 184 Milliarden Euro fälligen Rückzahlung nur 87 Milliarden Euro.

IWF-Vorschlag im Visier

Komme es nun wie vom IWF vorgeschlagen zu einem weiteren Zahlungsaufschub um 20 oder 30 Jahre würde bei den obigen Annahmen den Gegenwartswert der Rückzahlungen weiter fallen. Und war auf dann 43 Mrd. Euro (20 Jahre) bzw. 30 Mrd. Euro (30 Jahre).Eine alleinige Betrachtung des dritten Hilfspaketes ergebe bei den gemachten Annahmen für die gewährten zusätzlichen 86 Milliarden Euro einen Gegenwartswert der Rückzahlungen von nur 59 Mrd. Euro. Ein Rechenexempel zeige dem IfW zufolge auf, dass das dritte Hilfspaket auch vollständig zur Schenkung werden könnte. Sollten die Gläubiger die Zinsen auf 0 Prozent senken und nehme man eine höhere Diskontrate von 7 Prozent (in Anlehnung an die für US-Unternehmensanleihen höchster Bonität errechnete reale Vorsteuerverzinsung für den Zeitraum von 1947 bis 2005 von 7,29 Prozent), betrage der Gegenwartswert der Rückzahlung nur noch kärgliche acht Milliarden Euro. Werden nun noch bestehende Überlegungen umgesetzt, Einnahmen in Höhe von 7,7 Mrd. Euro, die dem Eurosystem aus früheren Anleihekaufprogrammen der EZB bis Juli 2018 zufließen sollen, an Griechenland auszuzahlen, wäre der Gegenwartswert der Rückzahlungen zum dritten Hilfspaket faktisch Null.

Herr Kooths vom IfW stellt insofern zutreffend fest, dass im Gegensatz zu einem direkten Schuldenschnitt, bei dem sich Griechenland sofort wieder am Kapitalmarkt refinanzieren könnte, das Land bei der indirekten Form des Schuldenerlasses, also durch Zugeständnisse bei den Zins- und Tilgungskonditionen, schwebend insolvent bleiben würde. Dies versetze die Geberländer in die Lage, den Reformdruck aufrecht zu erhalten. Eine Garantie für den Erfolg der Reformpolitik sei dies indes nicht.

Zweifelsohne, das Land bleibt schwebend insolvent im Krisenmodus. Und die Aussichten auf eine nachhaltige Besserung für die Menschen im Land bleiben leider weiter eher gedämpft. Das griechische Drama wird also noch länger auf der Agenda bleiben als viele vermuten. Und es wird wohl nicht lange dauern, ehe die Griechen wieder die Schlagzeilen selbst in den Hautstrommedien beherrschen werden....

Griechenland - Schuldenerlass über die Hintertür
Mr. Gini - Der Autor befasst sich schon seit vielen Jahren hauptberuflich mit den Ungleichge- wichten und strukturellen Problemen der Welt- wirtschaft, insbesondere des Weltfinanzsystems. Der Autor vertritt die Ansicht, dass die Krise erst dann beendet ist, wenn die globale Überschuldungskrise gelöst ist. Sprich, wenn das Verschuldungsniveau auf ein für die Volkswirtschaften tragfähiges Niveau geschrumpft ist.
Weitere Beiträge:
MEISTDISKUTIERTE ARTIKEL
MEISTGELESENE ARTIKEL
Kommentar zum Artikel schreiben
Sicherheitsfrage: wie viele Münzen sehen Sie?
Fragen über Fragen
Kommentare [1]
  • von Mr Silver | 13.10.2015, 13:27 Antworten

    Deutschland ist die dicke Kuh in Europa die sich von jedem melken läst.
    Griechenland hat die Schulden verlebt und ist unfähig als Staat Geld zu erwirtschaften. Und so werden Sie Ende 2017 wieder ankommen und um Geld betteln. Man sollte alle Beamte in Griechenland auf Hartz 4 stellen.so spart man 80 % der Ausgaben

Copyright © 2009-2017 by Gold.de - Alle Rechte vorbehalten

Konzept, Gestaltung und Struktur, sowie insbesondere alle Grafiken, Bilder und Texte dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt. Missbrauch wird ohne Vorwarnung abgemahnt. Alle angezeigten Preise in Euro inklusive MwSt. (mit Ausnahme von Gold), zzgl. Versandkosten, sofern diese anfallen. Verfügbarkeit, Abholpreise, Goldankauf und nähere Informationen über einzelne Artikel sind direkt beim jeweiligen Händler zu erfragen. Alle Angaben ohne Gewähr. Sie betrachten die Seite: Gold.de - Gold und Silber kaufen im Preisvergleich

Handcrafted with in Baden-Württemberg, Germany