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Stand: 28.10.2021 von Hannes Zipfel
Am Donnerstag wurden nahezu zeitgleich die neuen Inflationsdaten für Deutschland sowie die Zinsentscheidung des EZB-Rates veröffentlicht. Beides steht in diametralem Gegensatz zueinander. Während die Inflation über die Erwartungen hinaus weiter ansteigt, sieht die Europäische Zentralbank keinen Anlass für eine Änderung ihrer ultralaxen Geldpolitik.
Inflation zieht weiter an – EZB bleibt auf dem Gaspedal

Zinsen bleiben im Keller, Notenpresse rotiert weiter

Seit März 2016 befindet sich der Hauptrefinanzierungssatz der Europäischen Zentralbank (EZB) für Geschäftsbanken bei 0,0 Prozent. Der Einlagesatz (Zinssatz für Einlagefazilität) für Guthaben der Geschäftsbanken bei der EZB beträgt sogar minus 0,5 Prozent (Strafzins).

Daran hat sich auch nach der heutigen EZB-Ratssitzung nichts geändert.

EZB den Einlagezinssatz

Erstmals senkte die EZB den Einlagezinssatz am 11. Juni 2014 unter die Nulllinie ab. Danach folgten im September 2014, im Dezember 2015, im März 2016 sowie im September 2019 vier weitere Senkungen des Zinssatzes, den Banken für die Hinterlegung von Überschussliquidität bei der EZB bezahlen müssen.

Für die Kunden der Institute macht sich dies immer mehr bemerkbar. Mittlerweile geben in Deutschland mehr als 400 Sparkassen und Banken die negativen Zinsen in verschiedener Staffelung und oft getarnt als Gebühren oder Verwahrentgelte an die Kontoinhaber weiter.

Gewinner der historischen Niedrig- bzw. Negativzinsphase sind Kreditnehmer, wie z. B. Häuslebauer. All diejenigen, die ihr Vermögen sicher und rentabel anlegen möchten oder erst noch ein Vermögen zur Alterssicherung aufbauen müssen, sind die Leidtragenden der Abschaffung des Zinses.

Wer nun erwartet hatte, dass die EZB im Zuge der wirtschaftlichen Erholung nach der Corona-Pandemie und vor allem in Anbetracht der spürbar anziehenden Preisinflation die Zinsen anhebt, der wurde heute erneut enttäuscht.

Die besorgniserregende Fehleinschätzung der EZB

Obwohl nach einer ersten Schätzung die Verbraucherpreise in Deutschland im Oktober um 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat und damit stärker als erwartet anstiegen, entschied der EZB-Rat, an der expansiven Geldpolitik unbeirrt festzuhalten.

Eine Zinserhöhung wird es frühestens im Jahr 2023 geben.

Auch das besonders flexible Anleihe-Kaufprogramm PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme), das sich auf 1,85 Billionen Euro beläuft, soll bis mindestens Ende März 2022 fortgeführt werden. In der jüngsten Verlautbarung findet sich zudem unverändert der Hinweis, dass die Anleihekäufe auch über den März 2022 hinaus mit zusätzlichen Mitteln und evtl. unter anderer Bezeichnung so lange fortgeführt werden können, bis die Phase der Coronakrise nach Einschätzung des EZB-Rats überstanden ist.

Die erhöhte Verbraucherpreisinflation nehmen die Ratsmitglieder zwar zur Kenntnis, halten sie aber nach wie vor für temporär. Bereits im kommenden Jahr rechnen die Geldpolitiker im Konsens mit einem Rückgang der Inflationsrate (VPI) auf nur noch 1,7 Prozent.

Das widerspricht klar den Meldungen aus der Wirtschaft. Erst jüngst hatte exemplarisch der größte Konsumgüterhersteller der Welt, Nestlé, betont, dass der Konzern wegen steigender Einkaufspreise die höheren Kosten an die Endkunden weitergeben würde.

Man sei selbst von der Dynamik und der Nachhaltigkeit der Preisanstiege im Einkauf überrascht. Man rechne damit, dass sich die Lage noch verschärft – bis weit in das kommende Jahr hinein. Der Finanzchef von Nestlé, François-Xavier Roger, sagte Anfang September auf einer Investorenkonferenz.

„Wenn wir von 2022 sprechen, ist es wahrscheinlich, dass die Inflation der Inputkosten im nächsten Jahr noch höher sein wird als in diesem Jahr“.

Die heute vom Statistischen Bundesamt gemeldeten Daten zur Verbraucherpreisinflation sind die höchsten seit 28 Jahren und vielen mit 4,5 Prozent sogar leicht höher aus als die erwarteten 4,4 Prozent.

Die Behauptung der EZB, dass die Inflationsrate nur aufgrund von Basiseffekten und in Deutschland speziell wegen der Wiederanhebung der Umsatzsteuer im Januar 2021 so hoch sei, lässt sich anhand des monatlichen Verlaufs der Verbraucherpreise nicht nachvollziehen.

Allein von September 2021 auf Oktober 2021 stiegen die Preise um 0,5 Prozent an. Annualisiert entspricht dies einer Rate von 6 Prozent p. a. Außerdem waren die Preisrückgänge im Pandemiejahr 2020 im Vergleich zu den jetzigen Anstiegen relativ moderat.

Verbraucherpreise Deutschland

Besonders stark zogen erneut die Kosten für Energie, Transport, Miete und Nahrungsmittel die Gesamtrate mit nach oben.

Verbraucherpreise auffällige Komponenten

Der einflussreichste deutsche Vertreter im EZB-Rat, Jens Weidmann, hat kürzlich völlig überraschend seinen Rückzug aus dem Gremium sowie von der Spitze der Deutschen Bundesbank (BuBa) verkündet.

In seinem Abschiedsbrief an die Mitarbeiter der BuBa sagte er, dass er sich von der EZB einen stärkeren Fokus auf die Inflationsrisiken wünsche, anstatt immer nur auf die Deflationsrisiken zu schauen.

Allerdings ist die EZB immer mehr in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt, einerseits durch die Rekordverschuldung in der EU, die bereits im Durchschnitt über die 100-Prozent-Marke in Relation zum EU-Bruttoinlandsprodukt angestiegen ist und andererseits durch die diversen Vermögenspreisblasen.

Fazit

Von der EZB ist nach wie vor keine Hilfe in Sachen Inflationsbekämpfung zu erwarten. Besonders kritisch ist dabei die Tatsache, dass die Geldpolitiker die Inflationsdynamik bislang falsch einschätzten und ihre unzutreffenden Projektionen und Annahmen bis in das Jahr 2023 extrapolieren.

Dadurch könnte die Inflationserwartung der Wirtschaftssubjekte leicht entankert werden und zu einer Inflationsspirale führen. Dabei werden Anschaffungen aus Angst vor in Zukunft noch höheren Preisen vorgezogen.

Aufgrund der niedrigen Kreditkosten, die zum Teil unter der Inflationsrate liegen, auch auf Pump. Das heizt die Nachfrage zusätzlich an und verstärkt den Preisauftrieb.

In Anbetracht der Vielzahl an kompetenten Analysten und Ökonomen bei der EZB lässt sich vermuten, dass die Zentralbanker um die Risiken wissen, aber nicht adäquat handeln können. Das würde auch den vorzeitigen Rückzug von Jens Weidmann aus der EZB zum Teil erklären.

Für die Bürger der Eurozone bedeutet dies, dass sie sich verstärkt selbst um den Schutz ihres Vermögens kümmern müssen, z. B. mit physischen Edelmetalle wie Gold und Silber.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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