Stand: 12.07.2021 von Hannes Zipfel
Beobachtet man den Goldpreis über mittlere, längere und sehr lange Zeiträume, dann fällt auf, dass sich der Preis ab Juli positiv entwickelt. Für dieses typische Muster gibt es handfeste Gründe. Verstärkt wird der saisonale Preistrend durch Algorithmen, in deren Programmierung saisonale Muster mit einfließen und die beim professionellen Goldhandel eine immer größere Rolle spielen.
Wann kommt der Goldpreis aus dem Sommerloch?

Weitere Preisimpulse für das gelbe Edelmetall könnten in dieser Woche von diversen Preisdaten, dem chinesischen Bruttoinlandsprodukt, dem Beginn der Unternehmensberichtssaison sowie dem halbjährlichen geldpolitischen Bericht des US-Notenbankchefs Jerome Powell vor dem US-Kongress am Mittwoch ausgehen.

Goldmarkt: Weihnachten wirft einen sehr langen Schatten voraus

In vielen Branchen beginnen die Aktivitäten rund um das enorm wichtige Weihnachtsgeschäft schon Monate vorher. Umso weiter man sich z. B. an den Anfang der Wertschöpfungskette in der Schmuckbranche begibt, umso eher im Jahr spielt das Weihnachtsfest hier für den Goldmarkt schon eine Rolle.

Neben Weihnachten finden rund um den Globus in der Zeit von August bis Februar vermehrt Feste und Feierlichkeiten statt, zu denen traditionell Gold in Form von Schmuck, Münzen oder Barren verschenkt werden. Dazu zählen neben dem Christfest und dem russischen Jolka-Fest auch das Neujahrsfest in China sowie das indische Diwali-Fest.

Insgesamt stammen ca. 38 Prozent der jährlichen Gesamtnachfrage nach Gold aus der Schmuckindustrie. Das Rohmaterial für Ringe, Ketten, Armbänder, Anhänger, Broschen, Manschettenknöpfe, Medaillen, Münzen oder Uhren wird verstärkt ab Juli von den Minen und aus anderen Quellen, wie z. B. dem Recycling eingekauft.

Anschließend wird das Edelmetall meist in der Schweiz veredelt und weiterverarbeitet und dann an die Schmuckmanufakturen nach Indien und China exportiert. Von dort aus gelangen pünktlich zum Weihnachtskaufrausch Teile des gefertigten Goldschmucks zurück auf den Weltmarkt.

Ein großer Teil des Goldes verbleibt jedoch in den Herstellerländern, wie zum Beispiel in Indien. Dort wird Gold vorwiegend anlässlich der jährlich ca. 10 Millionen Hochzeiten verschenkt, was spätestens ab August zu deutlich höherer Nachfrage nach dem gelben Edelmetall führt.

Mit über 200 Gramm pro Hochzeit stellt die Anschaffung des Goldes oft den größten Kostenblock für die Trauung dar.

Im Herbst feiern die Hindus dann das für sie sehr bedeutende Diwali Fest, das jeweils am 15. Tag des Hindu-Monats Kartik, also Ende Oktober bzw. Anfang / Mitte November stattfindet. Das eigentlich „Deepawali“ genannte Fest bedeutet „Lichterschwarm“ und umfasst fünf Tage mit regional verschiedene Riten. Diwali ist ein fröhliches Familienfest, bei dem gegenseitige Besuche und Geschenke üblich sind, so auch Gold, dass die Kerzenlichter auf besonders magische Weise zum Leuchten bringt.

Insgesamt hat der indische Schmuckmarkt ein Volumen von jährlich ca. 51,7 Mrd. Euro. In Deutschland setzt dieses Segment jährlich ca. 3,4 Mrd. Euro um. Wobei der größte Teil des Goldschmucks nach wie vor als Weihnachtspräsent verschenkt wird.

Eine Tradition, die weltweit nicht nur unter Christen gepflegt wird.

Auch im Reich der Mitte gewinnen goldene Weihnachtsgeschenke als Ausdruck von Wohlstand und Status an Popularität. Der chinesische Schmuckmarkt ist mit jährlich ca. 57,3 Mrd. Euro mittlerweile sogar größer als der in Indien und in den USA (51,3 Mrd. Euro / Datenquelle: Statista)

Untersucht man unterschiedlich lange Zeiträume, so finden sich ähnliche saisonale Muster, die sich auch durch den starken Einfluss der Goldnachfrage des Schmucksektors erklären lassen.

Mittlerweile antizipieren Spekulanten und Computeralgorithmen diese Muster und verstärken und verzerren diese zum Teil. So kann man beobachten, dass das Thema Saisonalität als Preisfaktor immer früher im Jahr unter Spekulanten und bei Handelssystemen eine Rolle spielt.

Fakt ist jedenfalls, dass sich die Preisentwicklung aus saisonalen Nachfragegründen ab Juli für den Goldpreis positiver gestaltet. Die Daten in den Grafiken wurden bis zum 9. Juli 2021 erhoben.

Goldpreis Durchschnittliche mtl. Veränderung in Prozenten

Inflationsdaten und das Goldpreisparadoxon

Auch in dieser Woche werden Großhandels- und Verbraucherpreise u. a. für Japan, China, Deutschland und die USA vermeldet. Und obwohl die Veränderungsraten auf Jahresbasis immer noch neue zyklische Höchststände erreichen, haben sie kaum noch Einfluss auf die Edelmetallpreise.

Die heute vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden veröffentlichten Großhandelspreise für den Monat Juni stiegen in Deutschland mit +10,7 Prozent auf Jahresbasis so stark an wie seit 40 Jahren nicht mehr.

Und was macht der Goldpreis? Er fällt.

Generell ist zuletzt eine etwas paradoxe Reaktion des Goldpreises auf Inflationsdaten zu beobachten. Zum einen werden überraschend hohe Werte mit Basiseffekten abgetan, was stimmen kann aber nicht muss.

Zum anderen werden anhaltend hohe Preissteigerungsraten auf Monatsebene als Argument für eine bald wieder straffere Geldpolitik gegen Gold ins Feld geführt. Wobei die Relation nicht stimmt: Die quantitative Geldpolitik der großen Notenbanken fügt nach wie vor und auf absehbare Zeit trotz hoher Inflationsraten mehr neues Geld in den Wirtschaftskreislauf als vor der Corona-Krise.

Wobei die Geldmengensteigerungsamplitude zuletzt bei der US-Notenbank Fed und der Europäischen Zentralbank EZB sogar wieder zunahm und die Bilanzen der beiden Notenbankschwergewichte absolut und in Relation zum jeweiligen Bruttoinlandsprodukt auf neue Rekorde aufgepumpt wurden.

Genauso verhält es sich mit der qualitativen Geldpolitik, also den Zinsen: Mehr als Ankündigungen und Verbalakrobatik findet hier zum Thema Zinsanhebungen nicht statt.

Und selbst wenn den Ankündigungen in entsprechender Höhe Taten folgen würden, dann blieben sowohl die Leitzinsen als auch die Kapitalmarktzinsen weit hinter den Geldentwertungsraten zurück. Beschwichtigende Worte von Notenbankern allein bekämpfen auf keinen Fall Preissteigerungen, deren Ursachen zum Beispiel in Versorgungsengpässen liegen.

Dennoch ist der Markt in seiner Zentralbank-Hörigkeit mittlerweile so konditioniert, dass den Geldpolitikern alles geglaubt und die Lösung aller Probleme zugetraut wird. Was der Markt noch nicht verstanden hat, ist die Unfähigkeit einer Notenbank, verloren gegangenes Vertrauen in eine Fiat-Währung wieder herzustellen.

Dazu könnte es bald kommen, wenn die nachlassenden Fiskalstimuli (Krisenhilfen) ein erneutes und noch weitergehendes Engagement der Notenbanken erfordern. Womit die Abhängigkeit der Wirtschaft von den Notenbanken noch klarer und die Ausweglosigkeit aus der Abhängigkeitsspirale noch deutlicher würde.

Alternativ zwingt die anhaltend hohe Preisinflation die Notenbanken doch noch zum Handeln.

Zinserhöhungen und Geldmengenverknappung sind wegen der globalen Überschuldung und der diversen Vermögenspreisblasen aber keine Optionen mehr. Höchstens in homöopathischen Dosen. Dieser Erkenntnisprozess der de facto Handlungsunfähigkeit der Notenbanken in Sachen Inflationsbekämpfung steht den meisten Marktteilnehmern ebenfalls noch bevor – inklusive Vertrauensverlust in die angeblich allmächtigen Notenbanken.

Noch aber ist der Nimbus der Unfehlbarkeit der Geldpolitiker in Takt und so kann sich auch am kommenden Mittwoch Fed-Chef Jerome Powell bei der Abgabe seines Halbjahresberichts vor dem US-Kongress der ungeteilten Aufmerksamkeit der Medien und der Marktteilnehmer sicher sein.

Zuvor hatte die Fed bereits Geschenke an die US-Banken verteilt, da keine einzige der 26 überprüften Finanzhäuser durch den jährlichen Stresstest fiel.

  • Goldman Sachs
  • JP Morgan
  • Citigroup
  • Morgan Stanley
  • BlackRock

Die fünf der größten Geldhäuser und Vermögensverwalter der USA legen zusammen in dieser Woche ihre Quartalszahlen vor.

Dank des positiven Testats der Fed können nun wieder ohne gesetzliche Limite Dividenden ausgeschüttet und eigene Aktien zurückgekauft werden. Ob Bankaktien nach dem bestandenen Test nun ein gutes Investment sind, das hängt auch davon ab, wie sinnvoll und vor allem vollständig die im Stresstest simulierten Krisen sind. Die jüngsten Zahlen zum Kreditgeschäft und die sich wieder abflachende Zinsstrukturkurve sprechen eher dafür, dass die Branche an Rückenwind verliert.

Donnerstagfrüh lohnt sich ein Blick nach China, wo das Bruttoinlandsprodukt für das zweite Quartal 2021 veröffentlicht wird – eine Art globaler Konjunkturfrühindikator. Die jährliche Wachstumsrate soll von 18,3 Prozent im ersten Quartal 2021 auf jetzt 8,1 Prozent deutlich zurückgehen.

In der folgenden Übersicht finden Sie wichtige Termine, die besonders für deutsche Anleger und den Edelmetallmarkt in den kommenden fünf Tagen relevant werden können:

Wochentag Zeit (MESZ) Datenart Prognose Vorherig
Montag 15:30 Uhr USA: FOMC-Mitglied Williams äußert sich zur US-Geldpolitik - -
Dienstag 8:00 Uhr DE: Verbraucherpreise Deutschland Juni (Jahr) 2,3 % 2,3 %
DE: Verbraucherpreise Deutschland Juni (Monat) 0,4 % 0,4 %
14:30 Uhr USA: Verbraucherpreisindex Juni (Jahr) 4,9 % 5 %
USA: Verbraucherpreisindex Juni (Monat) 0,5 % 0,6 %
19:30 Uhr China: Exporte Juni (Jahr) 23,1 % 27,9 %
China: Importe Juni (Jahr) 30,0 % 51,1 %
22:30 Uhr USA: API-Rohöllagerbestände in Barrel
-7,983 Mio.
Mittwoch 1:00 Uhr Japan: Tankan-Index Juli - 22
14:30 Uhr USA: Erzeugerpreise Juni (Jahr) 6,8 % 6,6 %
USA: Erzeugerpreise Juni (Monat) 0,5 % 0,8 %
20:00 Uhr USA: Konjunkturbericht Beige-Book - -
Donnerstag 4:00 Uhr China: Bruttoinlandsprodukt (BIP) Q2 8,1 % 18,3 %
China: Industrieproduktion Juni (Jahr) 7,8 % 8,8 %
China: Einzelhandelsumsätze Juni (Jahr) 11,0 % 12,4 %
Freitag 14:30 Uhr USA: Einzelhandelsumsätze Juni (Monat) -0,4 % -1,3 %
19:30 Uhr Japan: Zinsentscheidung der Bank of Japan -0,10 % -0,10 %
Datenquelle: Investing.com
Autor: Hannes Zipfel
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Handarbeit aus "Schwäbisch Sibirien"