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Stand: 04.11.2021 von Hannes Zipfel
Bei Palladium bahnt sich eine Kurserholung an, die zumindest kurzfristig eine hohe Dynamik entfalten kann. Das hat vor allem mit den Lieferkettenproblemen bei Mikrochips zu tun. Zusätzliche positive Impulse kommen vom Terminmarkt und der Saisonalität.
Palladium kurzfristig interessant

Diese Hürde muss der Palladiumpreis jetzt nehmen

Charttechnisch sieht Palladium nach wie vor angeschlagen aus. Lediglich der erneute positive Test des längerfristigen Aufwärtstrendkanals (grüne gestrichelte Linie) lässt ein wenig Hoffnung auf eine kurzfristige Gegenbewegung als realistisch erscheinen.

Die Mindestvoraussetzung dafür wäre allerdings das Überschreiten der Widerstandslinie bei aktuell 2.050,00 US$/Unze (rot gestrichelt), resultierend aus dem seit Sommer 2021 etablierten Abwärtstrend.

An dieser Marke bzw. etwas darüber lohnt es sich einen Kursalarm zu hinterlegen.

Am heutigen Freitag war der Kurs bereits dicht an dieses Niveau herangelaufen aber sofort wieder abgeprallt. Aktuell notiert der Palladiumpreis bei 1.999,30 US$/Unze (Stand 04.11.2021 19:30).

Erst nach einem Überwinden der Abwärtstrendlinie erscheint ein spekulatives Engagement sinnvoll. Danach warten neben der gleitenden 50-Tage-Durchschnittslinie auf dem aktuellen Niveau von 2.067,00 US$ noch zwei horizontale Widerstandslinien bei 2.180,59 bzw. 2.249,9 US$/Unze (siehe Chart).

Das Kursziel für eine schnelle Gegenbewegung des Palladiumpreises liegt aktuell in der Nähe der 200-Tage-Linie bei ca. 2.486 US$/Unze.

Palladiumpreis in OZ US-Dollar

Die Oszillatoren RSI und Stochastik (ganz unten im Chart) bieten für einen Kursausbruch nach oben Luft. Das eigentliche Potenzial für Palladium schlummert aber ganz woanders.

Der große Hoffnungsschimmer

Bekanntermaßen verfügt das Übergangsmetall mit dem Elementsymbol Pd und der Ordnungszahl 46 über besondere katalytische Eigenschaften. Diese Eigenschaften machen das weißgraue Edelmetall für Herstellungsprozesse in der chemischen Industrie aber vor allem für die Produktion von abgasreinigenden Autokatalysatoren in Otto-Motoren nahezu unverzichtbar.

Der Anteil der im zweiten Quartal 2021 in der EU zugelassenen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren lag bei 62 Prozent. Zusätzlich wurden 20 Prozent Hybridfahrzeuge verkauft, die ebenfalls über kleine Verbrenner-Aggregate verfügen.

Anteil an Gesamtnachfrage 2020

Durch den Einbruch des Automobilabsatzes im Pandemiejahr 2020 um ca. ein Viertel brach auch die Nachfrage nach dem Katalysatormetall Palladium ein. Noch sehen die Absatzzahlen anhand der aktuellen Daten der ACEA (Association des Constructeurs Européens d'Automobiles) desaströs aus.

Neben der Knappheit an Mikrochips sorgen auch Rohstoffengpässe bei Magnesium, Bauxit und Aluminium für massive Produktionsdrosselungen im Fahrzeugbau. Doch wo signifikant weniger Autos gebaut werden, da werden auch deutlich weniger Katalysatoren benötigt.

Neuwagenverkäufe EU ggü. Vorjahresmonat

In dem obigen Balkendiagramm der ACEA ist aber auch erkennbar, dass sich die verkauften Stückzahlen im September gegenüber dem Vormonat wieder erholt haben, auch wenn das Vorjahresminus mit 23,1 Prozent nach wie vor sehr hoch ausfällt.

Die akute Phase der Rohstoff- und Materialknappheit wird sich im Zeitverlauf zurückbilden. Da die Börse die Zukunft zu antizipieren pflegt, lohnt es sich, den Brancheninsidern diesbezüglich auf die Lippen zu schauen: Anlässlich der Bekanntgabe der jüngsten Quartalszahlen überraschte die Vizepräsidentin und Finanzchefin der United States Steel Corporation, allgemein auch als US Steel bekannt, mit folgender für die Palladiumnachfrage interessanten Aussage:

„Wir freuen uns, von mehreren Automobilkunden (Herstellern) zu hören, dass sie davon ausgehen, dass das Tal bei dem Mangel an Mikrochips hinter ihnen liegen könnte. Sie beginnen, ihre Auslastungspläne für das vierte Quartal 2021 und das erste Quartal 2022 zu erweitern.“

US-Steel ist als integrierter Stahlproduzent ein wichtiger Zulieferer für die Automobilindustrie mit Standorten in den USA und Mitteleuropa. Die Aussagen des Managements sind also durchaus relevant für die Perspektive einer graduellen Produktionserholung im Automobilsektor.

Ähnlich optimistisch äußerte sich kürzlich der CEO des Chipherstellers Intel, Bob Swan, in einem Interview mit dem Online-Computerhardware-Magazin "AnandTech".

Ob und wie schnell sich aus diesem Optimismus eine steigende Nachfrage nach Palladium für die Herstellung von Autokatalysatoren ergibt, bleibt fraglich. Bei Palladium gibt es aktuell keine Knappheit. Die Lager sind ausreichend gefüllt. Anders sieht es bei Aluminium, Magnesium und Bauxit aus. Die Knappheit der Mikrochips ist schließlich nicht der einzige Grund für die historische Unterauslastung der Automobilhersteller.

Erholung nach massivem Nachfrageeinbruch

Der Edelmetallspezialist Heraeus Precious Metals rechnet basierend auf Daten von SFA Oxford mit einer Erholung der Palladium-Nachfrage für Autokatalysatoren im Zuge der Zurückbildung von Lieferkettenproblemen um 57,0 Prozent auf netto 1,6 Millionen Unzen noch in diesem Jahr.

Diese Prognose erscheint sehr ambitioniert.

Im Jahr 2020 kollabierte der Verbrauch in der Automobilindustrie um 24 Prozent.

Ob die positiven Projektionen sich so erfüllen, wie die Branchenverbände sich dies wünschen, darf in Anbetracht der Nachhaltigkeit der Versorgungsengpässe mit Rohmaterialien und Vorprodukten angezweifelt werden. Dennoch würde sich selbst eine graduelle Erholung der Automobilproduktion positiv auf den Verbrauch und die Preise des Katalysatormetalls Palladium auswirken.

Terminmarktlage und Saisonalität bieten Flankenschutz

Neben den Großspekulanten haben sich seit Anfang dieses Jahres auch die kleinen Trader und die kommerziellen Händler von ihrem Terminmarkt-Exposure bei Palladium nahezu vollständig getrennt. Deutlich wird dies an dem in Relation zur Vergangenheit kaum noch messbaren Open Interest (OI) sowie den sehr geringen Nettopositionen auf der Long- resp. Short-Seite.

Der unten in der Grafik als rote Linie dargestellte COT-Index gibt mit aktuell 91 Punkten ein klares Kaufsignal.

Terminmarktlage und Saisonalität bieten Flankenschutz

Die Chance auf eine zumindest dynamische Gegenbewegung mit Kursanstiegen bis zur 200-Tage-Linie bei ca. 2.486 US$/Unze wird auch durch die Saisonalität gestützt.

Wie bei vielen Metallen sind die üblichen unterjährigen Verlaufsmuster aufgrund der Sonderentwicklungen im Pandemiejahr 2020 stark verzerrt – das gilt auch für Palladium.

Gleichwohl ist die Diskrepanz zwischen der aktuellen Preisentwicklung und der traditionell positiven Phase im vierten Quartal eklatant. Daraus lässt sich zwar kein Automatismus in Sachen Lückenschluss nach oben ableiten, aber eine Reduzierung der Abweichung vom Saisonalen Muster ist ein weiterer Impuls, der dem Palladiumpreis zu einer Zwischenrallye verhelfen könnte.

Palladiumpreis durch. Jahresverlauf

Fazit

Wie lange und mit welcher Intensität die Automobilhersteller noch mit Lieferengpässen zu kämpfen haben, ist seriös nicht prognostizierbar, auch wenn immer mehr Brancheninsider Hoffnungen schüren.

Diese positive Verbalakrobatik kann aber gerade im Umfeld von Quartalsberichtserstattungen, bei denen sich das Management den Investoren stellen muss, ganz anderen Motiven als der Wahrheitsverkündung folgen.

Daher ist die Vermutung, dass die Kurschancen bei Palladium bis zum Jahresultimo auf der Oberseite deutlich höher sind als ein weiterer Abverkauf hoch spekulativ. Ein Ausbruch aus dem Abwärtstrend sollte auf jeden Fall abgewartet werden.

Für längerfristige Investoren, die ohnehin Palladium als Wertanlage präferieren, bietet das aktuelle Preisniveau gleichwohl relativ günstige Einstiegsmöglichkeiten – zumindest in Relation zu den Preisen der letzten Monate.

Autor: Hannes Zipfel
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