Stand: 30.06.2020 von Hannes Zipfel
Noch nie zuvor war die Nachfrage nach Gold so groß wie jetzt. Lediglich der bislang alles dominierende US-Terminmarkt für Gold, an der im Jahr 2019 im Schnitt börsentäglich ca. 24 Prozent der weltweiten Goldjahresproduktion gehandelt wurde, verliert an Bedeutung.
Die physische Nachfrage ist entscheidend für die Gold-Hausse

Doch umso weniger „Papiergold“ verkauft wird und umso mehr reales Gold gekauft wird, umso solider ist die Basis, auf der die aktuelle Gold-Hausse steht.

Der Goldmarkt dreht sich vom Kopf auf die Füße

Nach Schätzungen des World Gold Council (WGC) gibt es weltweit mehr als einhundert Mal mehr Gold in Form von Goldforderungen auf Papier im Vergleich zum tatsächlich überirdisch vorhandenen Gold. Allein an der weltweit größten Terminbörse für Gold, der Comex in New York City, wurde im Jahr 2019 im Schnitt pro Tag knapp ein Viertel der weltweiten Goldförderung umgesetzt.

Das Problem dabei sind die ungedeckten Verkaufskontrakte, die den Goldpreis drücken, ohne dass real vorhandenes Gold verkauft wurde. Auf der anderen Seite gibt es viele Investoren, die aus Bequemlichkeit, Unwissenheit oder wegen der hohen Fungibilität (Hochfrequenzhandel) Papier-Gold bevorzugen.

Hier wird der Preis des Goldes (Spot-Preis) quasi größtenteils unter Ausschluss der eigentlichen Ware festgestellt.

Doch diese Entwicklung ändert sich nun im Zuge der weltweiten Überschuldung, der desperaten Geldpolitik (Verschlechterung der Notenbankbilanzen), der explodierenden Staatsdefizite und natürlich der die ohnehin vorhandenen Missstände massiv verschärfenden Covid-19-Krise.

Papiergold vs. Physisches Gold

Als klassisches physisches Metall bezeichnet man alles, was tatsächlich das gelbe Edelmetall beinhaltet:

  • Barren
  • Münzen
  • Nuggets
  • Granulat
  • Medaillen
  • Schmuck
  • Geschirr etc.

Nur diese Form von Gold ist frei von Gegenparteirisiken (kann nicht pleitegehen) und ist somit als Wertaufbewahrungsmittel und als Schutz vor Geldentwertung sowie vor Risiken des Finanzsystems geeignet.

Daneben gibt es noch Mischformen, wie Goldsammellager oder mit physischem Gold gedeckte Exchange Traded Funds (ETF) bzw. sogenannte Exchange Traded Commodities, die mit physischem Gold besichert sind (z. B. Xetra Gold oder Gold Bullion Scurities).

Hier besitzt man gleichwohl nicht das Gold direkt, man ist aber juristisch Eigentümer des Metalls und besitzt eine dementsprechende Forderung (Papiergold). Allerdings ist das Gold in der Regel von den Aktiva des Verwahranbieters abgetrennt, wird regelmäßig durch Wirtschaftsprüfer im Rahmen einer Inventur gezählt und ist den Kunden in vielen Fällen via Barrennnummern direkt zugewiesen.

Verwaltet wird das Gold in den Lagerstätten der Sammelverwahrer von einem Treuhänder, sodass der Verwahranbieter keinen beliebigen Zugriff auf die Goldbestände hat (nur außerhalb der Inventurtermine durch den Wirtschfatsprüfer kann Gold veruntreut werden).

Die sicherste Form der Gold-Krisenvorsorge bleiben Goldmünzen und Goldbarren in kleinen Stückelungen im direkten Zugriffsbereich.

Papiergold und Gold-Derivate

Wer ausschließlich an der Kursentwicklung des gelben Edelmetalls partizipieren möchte, dem steht ein nahezu unerschöpfliches Universum an sogenannten derivativen Finanzinstrumenten zur Verfügung:

  • Plain-Vanilla-Optionsscheinen
  • Knock-Outs
  • Faktor-Zertifikaten
  • CFDs (Contract for Difference/ Differenzkontrakt)
  • bis hin zu den schon erwähnten Terminkontrakten oder
  • Mini-Futures

Mit Gold als Absicherung gegen systemische Risiken im Finanzsystem hat dieses Papiergold gleichwohl nichts zu tun, wie im Verlauf der jüngsten Covid-19-Panik sehr gut zu beobachten war. Zuerst stellten viele Anbieter von Gold-Zertifikaten und Gold-Optionsscheinen keine Kurse mehr.

Die Papiere waren im März über Tage hinweg bei diversen Emittenten schlicht nicht mehr handelbar. Und wenn, dann wurden nur noch Geldkurse („Bid“) gestellt. Man konnte also nur noch an den Emittenten verkaufen, aber kein Papiergold mehr erwerben (via Briefkurs = „Ask“).

Dabei wäre genau das in dieser Zeit lukrativ gewesen. In der Zeit vom 9. bis zum 19. März verlor der Goldpreis kurzzeitig, u. a. getrieben durch Zwangsliquidierungen an den Terminmärkten, in kürzester Zeit 211 US$/Unze bzw. 12,6 Prozent seines Wertes.

Eine gute Gelegenheit, günstig in den Goldpreis einzusteigen, der danach in US-Dollar neue zyklische und in Euro sogar neue historische Höchstkurse erklomm. 

Doch das war leider nicht möglich. Lediglich physisches Metall war in dieser Zeit noch erhältlich, wenn auch mit z. T. erheblichen Aufschlägen (Verfügbarkeitsprämie).

Als Krisenvorsorge oder gar sicherer Hafen sind Derivate auf Gold, also lediglich vom Goldpreis abgeleitete Papier-Kontrakte, keine praktikable Lösung. Selbst an die mit Gold gefüllten Zollfreilager in der Schweiz in Zürich war wegen des Shutdowns und der Einreisebeschränkungen in die Schweiz kein Herankommen mehr. Es blieb einem nur der Zettel in der Hand, auf dem ein Anspruch auf Gold verbrieft war, mehr nicht.

Wenn die Coronakrise Anleger eines gelehrt hat, dann, wie wichtig es, ist Gold auch in physischer Form im direkten Zugriffsbereich in kleineren Stückelungen verfügbar zu halten.

Wer dennoch zusätzlich mit Papiergold spekulieren möchte, für den sei noch der Hinweis erwähnt, dass es auch die Möglichkeit gibt, sogenannte „Quanto-Style“-Papiere zu erwerben, bei denen das Währungsrisiko zwischen Euro und US-Dollar abgesichert ist, da Gold an den Weltmärkten in US-Dollar gehandelt wird.

Ansonsten hat Papiergold rein gar nichts mit den Sicherheitsaspekten von Gold zu tun. Es handelt sich bei unbesicherten Zertifikaten, Optionsscheinen etc. um Schuldverschreibungen der emittierenden Banken oder Broker. Dieses Papiergold kann also niemals eine höhere Bonität besitzen als die des Schuldners, der das Papier-Gold verkauft – oft ohne, dass der Schuldner das Metall überhaupt besitzt.

Die meisten Papiergoldprodukte sind auf Anbieterseite lediglich mit Gegengeschäften ebenfalls auf Papierbasis (digital) abgesichert.

Der Wind dreht sich in Richtung physisches Gold

Die Erfahrungen mit der Handelbarkeit von Papiergold und die Implosion der Terminmarktpreise im März haben offenbar zu einem Umdenken geführt: So nahmen die Verkäufe von Münzen und Barren in den letzten Monaten so stark zu, wie zuletzt während Weltfinanzkrise. Und selbst in den saisonal bedingt umsatzschwachen Monaten Mai und Juni bestätigt Deutschlands größtes Gold-Vergleichsportal GOLD.de, dass die Produktnachfrage überdurchschnittlich hoch blieb. Im Mai 2020 waren diese gegenüber Mai 2019 sogar mehr als zweieinhalbfach so hoch.

Diese Information deckt sich auch mit den im Juni andauernden Rekordzuflüssen in die mit physischem Metall gedeckten Gold und Silber ETFs und ETCs weltweit.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Entwicklung der physischen Nachfrage über den Terminmarkthandel. An der weltweit bedeutendsten Terminbörse Comex waren Ende vergangenen Woche die Juni-Gold-Kontrakte fällig.

Mit 55.101 Anträgen auf physische Auslieferung des Goldes (sog. Delivery-Notices) lagen so viele Anträge wie noch nie vor und noch einmal 2.893 mehr als in der KW 25. Im Monat Mai lagen insgesamt nur 10.277 Anträge auf physische Auslieferung an der Comex vor. Allein am vergangenen Donnerstag kamen noch einmal 1.417 „Delivery Notices“ dazu.

Normalerweise werden die Terminkontrakte einfach via Cash-Sattlement ausgeglichen bzw. in den nächsten Termin rüber gerollt (sog. Rollover). 

Das Phänomen der massenhaften physischen Auslieferungswünsche am Terminmarkt ist neu und sehr begrüßenswert im Sinne weiter steigender Notierungen und im Sinne der Abnahme des Terminmarktes als Instrument zur Marktpreisverzerrung via ungedeckter Verkaufskontrakte auf Gold.

Vorsicht bei verzinstem Gold

Noch eine Warnung am Rande: Physisches Gold bringt per se keine Zinsen, sondern verursacht Kosten, u. a. durch Lagerung und Versicherung. Händler, die Ihnen Zinsen anbieten, wenn Sie Gold kaufen aber nicht ausliefern lassen und zudem vorgeben, diese Zinsen aus der Handelsmarge zu erwirtschaften, müssen sehr gute Kaufleute sein, denn die Konkurrenz unter den Händlern ist gerade in Deutschland sehr hoch und die Gewinnspannen liegen im unteren einstelligen Bereich.

Also, wer schon Gold zu Absicherungszwecken kauft, der sollte auf ein paar Prozent Zinsen vor Steuern verzichten und stattdessen die nach 12 Monaten und einem Tag komplett steuerfreie Wertsteigerung bei Anlagegold vereinnahmen – mit dem physischen Gold im direkten Zugriffsbereich und einem echten Vermögensschutz, wenn es darauf ankommt.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von Aureus | 03.07.2020, 07:46 Antworten

Bin insgesamt sehr, sehr einverstanden mit dem Artikel von Herrn Zipfel, auch deswegen, weil er beschreibt, was mit "Papiergold" in einer Krise so alles passieren kann. Daher eine gute Lektion zur Demut für den konservativen Anleger, der keine hohen Risiken eingehen will. Eine (zweite) winzige Ergänzung hätte ich allerdings noch zu liefern: das Agio (Aufgeld) für den physischen Goldbesitz betrug in der Krise bis zu 15 Prozent (!!!) des festgestellten Preises an der Londoner Börse. Wenn das System also erst einmal richtig bröckelt, wird es dementsprechend schwerer an physisches Gold zu gelangen. Es gab lange Schlangen vor den Edelmetallhändlern, obwohl hier eindeutig zu sehr teuren Preisen gekauft wurde... Selig ist also derjenige, der sich zum Cost-Average-Effect über die Jahre einen entsprechenden Vorrat angelegt hat. Sind wir nicht, quasi "ex natura" um des Verstandes willens, alle ein bisschen der Typus "Eichhörnchen"?

6 Antworten an Aureus anzeigen
von Aureus | 02.07.2020, 17:48 Antworten


Für die Mutigen noch eine kurze Ergänzung zu den Heding-Kosten der Quanto-Zertifikate: diese liegen bei etwa 0,35% per anno.

von Commander C | 01.07.2020, 14:03 Antworten

Passender Artikel zum kürzlichen Diskurs auf J. Bernhards Artikel.
Physische Auslieferung ist auch immer schön, wenn Boten wegen C. keine Unterschrift brauchen. Aber beschriebene Lieferungen umfassen ja eher Größenordnungen für Sicherheitstransporte.

2 Antworten an Commander C anzeigen

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