Stand: 17.09.2020 von Hannes Zipfel
Nachdem der Markt für Platin bereits im Jahr 2019 eine Unterversorgung in Höhe von 125.000 Unzen aufwies, stieg das Angebotsdefizit im ersten Halbjahr 2020 nochmals signifikant an und betrug allein im zweiten Quartal dieses Jahres 191.000 Unzen. Für das Gesamtjahr rechnet das Analysehaus Metals Focus sogar mit einem Angebotsdefizit in Höhe von 336.000 Unzen.
Platin: Angebot sinkt rapide – Angebotsdefizit explodiert

Pandemie hinterlässt tiefe Spuren am Platinmarkt

Vor allem der Shutdown bei den Platinproduzenten in Südafrika sowie der Komplettausfall einer Konverteranlage (ACP) bei einem der weltweit größten Platinproduzenten, der südafrikanischen Anglo American Platinum, führte zu signifikanten Produktionsausfällen.

Die südafrikanischen Platin-Minen wurden vom 26. März bis zum 30. April 2020 vollständig und anschließend bis Ultimo Mai teilweise stillgelegt. Erst ab dem 1. Juni produzieren die Minen wieder nahe ihrer bereits vor der Pandemie erreichten Kapazitäten.

Auf Südafrika entfallen 68 Prozent der globalen Platinproduktion, gefolgt von Russland mit 12,7 Prozent. Wegen der auch in Russland grassierenden Covid-19 Seuche ist der Platinmarkt einer der am meisten von der Pandemie betroffenen Rohstoffmärkte.

Das Angebot kollabierte in der Coronakrise deutlich stärker als die Nachfrage.

So wies das zweite Quartal 2020 gemäß den jüngsten Daten des World Platinum Investment Council vom 8. September ein Defizit von -191.000 Unzen auf, wobei das Gesamtangebot um 748.000 Unzen bzw. 35 Prozent auf insgesamt 1,41 Millionen Unzen Platin einbrach.

Dahingegen verringerte sich die Nachfrage des hauptsächlich in Dieselkatalysatoren verbauten Edelmetalls um lediglich 19 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.

Da noch Restbestände aus bereits im vierten Quartal 2019 raffinierten Metalls aus Lagerbeständen zur Verarbeitung genutzt werden konnten, wurde das Defizit teilweise aufgefangen, allerdings nur im Umfang von 36.000 Unzen.

Auch das Recycling des weißen Edelmetalls wurde durch die Eindämmungsmaßnahmen gegen COVID-19 stark beeinträchtigt.

Dem Gesamtangebot wurden durch die deutlich verringerte Rückgewinnung von Altmetall durch Recycling ca. 100.000 Unzen Platin gegenüber dem Vorjahresquartal entzogen.

Der Platinmarkt befindet sich im Wandel Der Markt für Platin, dem ehemals teuersten Edelmetall der Welt, befindet sich im Umbruch.

Noch Anfang des neuen Jahrtausends galt Platinschmuck als ultimatives Prestigeobjekt. Selbst ausgewiesene Gold-Fans schmückten sich mit voluminösen Platinringen und Ketten. Von August 2001 bis September 2011 war das mattweiße Metall aus der Nebengruppe der Nickelmetalle nahezu permanent das teuerste Edelmetall der Welt.

Ab März 2015 avancierte dann Palladium zum wertvollsten Edelmetall.

Ab Oktober 2017 fiel Platin preislich dann sogar hinter den Goldpreis zurück und ist aktuell mit 982,45 US-Dollar pro Unze nur ca. noch halb so viel wert wie das gelbe Edelmetall.

Mit dem Preisverfall verlor Platin sukzessive auch seinen Nimbus als Prestigemetall. Seit Jahren ist die Nachfrage rückläufig. Für dieses Jahr wird ein weiterer Rückgang um 19 Prozent erwartet.

Platin wird hauptsächlich als Schmuckmetall, in der Medizintechnik und v. a. in der Automobilindustrie (Zündkerzen und Katalysatoren) für Dieselfahrzeuge verwendet. Ganze 47 Prozent und somit 2,43 Millionen Unzen des gesamten jährlichen Platinangebots werden im Jahr 2020 nach Schätzungen von Metals Focus allein von der Automobilindustrie absorbiert. Diese Menge entspricht gleichwohl einem Rückgang von 465.000 Unzen bzw. fast 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr und einem Minus von fast 30 Prozent gegenüber von vor vier Jahren. Der Schmuckbereich als zweitgrößter Platinverarbeiter benötigt in diesem Jahr voraussichtlich 1,8 Mio. Unzen – ein Minus von 14 Prozent gegenüber 2019.

Damit wird auch klar, dass die Nachfrage von der konjunkturellen Seite momentan keine Unterstützung erfährt. Der schwindende Bedarf für Katalysatoren, der größte Einsatzbereich von Platin, spiegelt den Strategieschwenk der Automobilindustrie hin zur Elektrifizierung sowie die Folgen des Dieselskandals wieder.

Platin wurde zudem sukzessive durch das Schwestermetall Palladium substituiert, dass im Jahr 2009 noch sechsmal günstiger war als Platin. Fakt ist, dass die Nachfrage aus konjunkturellen Gründen nach dem Rohstoff aktuell schwach ist.

Lichtblicke für Platin

In Folge der weltweit rekordhohen Verschuldung und der nicht nachhaltigen Fiskal- und Geldpolitik gewinnt Platin als knappes Edelmetall und verfassungsmäßiges Geldmetall in den USA wieder verstärkt an Bedeutung für Anleger und institutionelle Investoren. Die Nachfrage nach Platinmünzen und Platinbarren stieg dementsprechend zuletzt stark an. Geschätzte 113 Prozent mehr Münzen und Barren sollen in diesem Jahr abgesetzt werden, also statt 281.000 Unzen im Jahr 2019 ca. 600.000 Unzen im Jahr 2020. Dazu kommen noch 160.000 Unzen, die von physisch gedeckten Wertpapierprodukten absorbiert werden sollen und ein noch unbekanntes Volumen, das die Warenterminbörsen netto aufbauen werden (2019: 300.000 Unzen).

Allein im zweiten Quartal dieses Jahres stieg die weltweite Investmentnachfrage nach physischem Platin in Form von Barren, Münzen, ETFs, ETCs und Terminbörsenlagern von 79.000 Unzen im ersten Quartal auf 393.000 Unzen im zweiten Quartal 2020 an.

Einen weiteren Lichtblick auf der Nachfrageseite bietet das sogenannte Platinglas, das einen regelrechten Boom erlebt. Bei dem mundgeblasenen oder industriell hergestellten Kristallglas, auf das Platin in einem aufwendigen Verfahren aufgedampft wird, entsteht ein edler Look sowie eine höhere Widerstandsfähigkeit. Die Nachfrage im Bereich Platinglas steigt im Jahr 2020 voraussichtlich gegenüber dem Vorjahr um 108 Prozent auf 540.000 Unzen an. Noch im Jahr 2017 betrug hier die Nachfrage lediglich 180.000 Unzen.

Stabil bleibt in diesem Jahr die Nachfrage aus dem Bereich Medizin, Biotechnologie und Elektrotechnik. In der chemischen Industrie, wo Platin ebenfalls aufgrund seiner katalytischen Eigenschaften essenziell ist, wird bedingt durch die Coronakrise mit einem Rückgang der Nachfrage um 14 Prozent gerechnet.

In den Vorjahren war hier die Nachfrage gleichwohl kontinuierlich angestiegen: im Jahr 2019 z. B. um 21,4 Prozent. Es ist also durchaus möglich, dass der Platinverbrauch in der chemischen Industrie im Jahr 2021 wieder signifikant zunehmen kann.

Überirdische Bestände

Da sich Platin bereits das zweite Jahr in Folge in einem Angebotsdefizit befindet, ist ein Blick auf die bekannten überirdischen Lagerbestände, den sogenannten „Above Ground Stocks“ interessant, um Rückschlüsse auf die zukünftige Versorgungssicherheit und die Kursentwicklung ziehen zu können.

Gemäß den Daten von Metals Focus und SFA (Oxford) betrugen die weltweiten Lagerbestände im vergangenen Jahr 3,53 Millionen Unzen. Das entspricht einer Versorgungsreichweite von 0,42 Jahren. In diesem Jahr sollen die globalen Lagerbestände wegen des Angebotsdefizits nochmals um 10 Prozent fallen. Zum Vergleich: Die überirdischen Gold-Lagerbestände könnten die Nachfrage 46 Jahre lang decken – ohne eine Unze Neuförderung.

Fazit und Ausblick

Das Umfeld für Edelmetalle ist aktuell generell günstig: Aggressive Geldpolitik, ökonomische Unsicherheit, rekordhohe Verschuldung und Negativzinsen haben die Preise für Gold und Silber in diesem Jahr trotz des Einbruchs im März bereits zweistellig ansteigen lassen – Gold in vielen Währungen sogar auf neue Allzeithöchststände.

Der Schlüssel für weiter steigende Platinpreise liegt neben den steigenden Preisen der anderen monetären Edelmetalle ganz klar in der Neuausrichtung der Nachfrage weg von Katalysatoren von Verbrennungsmotoren, hin zur Nachfrage aus den Sektoren Glas, Medizin, Biotechnologie, Chemie, Elektrotechnik und Schmuck.

Da Platin ein vielseitig einsetzbarer Rohstoff mit für die Industrie wertvollen Eigenschaften ist, scheint ein preislicher Aufholprozess bei der Performance im Verhältnis zu den anderen Edelmetallen in den nächsten Jahren durchaus realistisch.

Aufgrund des relativ günstigen Preises gegenüber dem Schwestermetall Palladium sind auch Substitutionseffekte möglich, so wie einst Platin wegen der hohen Preise durch Palladium in der Industrie größtenteils ersetzt wurde. Mit 2.405 US-Dollar pro Unze ist Palladium aktuell zweieinhalb Mal teurer als Platin.

Datenquelle: Den ausführlichen Quartalsbericht „Platinum Quarterly Q2 20“ vom 8. September des World Platinum Investment Council können Sie über diesen Link abrufen (PDF/ Englisch/ 28 Seiten).

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
Ihre Meinung zum Thema?
Sicherheitsfrage: Wie viele Münzen sehen Sie?
Fragen über Fragen
Ich stimme zu, dass mein Kommentar und Name zur Veröffentlichung auf GOLD.DE gespeichert wird. Die Netiquette für Kommentare hab ich gelesen. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit per Mail an info@gold.de widerrufen. Unsere Datenschutzerklärung.

Copyright © 2009-2020 by GOLD.DE – Alle Rechte vorbehalten

Konzept, Gestaltung und Struktur sowie insbesondere alle Grafiken, Bilder und Texte dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt. Missbrauch wird ohne Vorwarnung abgemahnt. Alle angezeigten Preise in Euro inklusive MwSt. (mit Ausnahme von Gold), zzgl. Versandkosten, sofern diese anfallen. Verfügbarkeit, Abholpreise, Goldankauf und nähere Informationen über einzelne Artikel sind direkt beim jeweiligen Händler zu erfragen. Alle Angaben ohne Gewähr.

Handarbeit aus "Schwäbisch Sibirien"