Stand: 27.11.2020 von Hannes Zipfel
Das dritte Quartal brachte einen unerwartet starken Anstieg bei der Investmentnachfrage nach dem weißgrauen Edelmetall. Allein die Zuflüsse in Platin-ETFs (Exchange Traded Funds) haben sich seit Juli im Vergleich zum Vorquartal beinahe verfünffacht. Das Angebotsdefizit explodierte von 124k auf 709k Unzen Platin.
Platin outperformt Gold & Silber seit Juli

Platin profitiert von Umschichtungen

Nach der Beruhigung der ersten Welle der Pandemie-Panik fanden in den Anlegerportfolios Umschichtungen von den monetären Edelmetallen Gold und Silber zugunsten der Industriemetalle wie z. B. Kupfer und Platin statt.

Die Investmentnachfrage bei Platin umfasst Barren, Münzen, Platin-ETFs sowie die Lagerbestände der Terminbörsen. Insgesamt stieg die gesamte Investmentnachfrage von 79k Unzen im ersten Quartal 2020 auf 393k Unzen im zweiten Quartal 2020 und schließlich explosionsartig um zusätzliche 600k Unzen auf 981k Unzen im dritten Quartal.

Besonders deutlich wird der Nachfrageumschwung vonseiten der Anleger bei den zum größten Teil mit physischen Barren gedeckten ETFs. Laut World Platinum Investment Council sind im ersten Quartal 2020 noch 213k Unzen des vielfältig einsetzbaren Metalls aus ETFs abgeflossen. Doch bereits im zweiten Quartal erfolgte der Umschwung auf +122k Unzen. Die letzten Zahlen aus dem dritten Quartal zeigen dann einen deutlichen Sprung auf +543k Unzen.

Besonders die Differenz zum ersten Quartal zeigt, dass die Investoren auch bei Platin die exzessiven Maßnahmen der Fiskal- und Geldpolitik mit ins Kalkül ziehen und zusätzlich die Erholung der industriellen Nachfrage ab Mitte Juli honorieren.

Wie sieht es bei der Industrienachfrage aus?

Das chemische Element Platin mit dem Symbol „Pt“ und der Ordnungszahl 78 im Periodensystem kommt in verschiedenen Bereichen der Industrie zum Einsatz. Bis zum Beginn der Dieselaffäre wurde das reaktionsfreudige Metall hauptsächlich in Katalysatoren für Dieselmotoren eingesetzt.

Die Nachfrage aus der Automobilindustrie brach seitdem stark ein und drückte den Platinpreis zeitweise von über 1.500 US$/ pro Unze (31,2g) Mitte 2014 auf 623 US$/Unze Mitte März 2020. Die industrielle Nachfrage verändert sich gleichwohl zunehmend zugunsten anderer, zukunftsträchtigerer und nachhaltigerer Anwendungsbereiche.

In der Weltfinanzkrise mit anschließender Weltwirtschaftskrise brach die Nachfrage und mit ihr die Kurse des Metalls schon einmal stark ein: von 2.180 US$/Unze am 25. Februar 2008 auf nur noch 787 US$/Unze am 1. Dezember 2008. Danach stieg Platin erneut um 140 Prozent bis auf 1.875 US$/Unze stark an.

Die Frage ist nun, ob das Metall einen derart dynamischen Rebound nochmals schaffen kann. Zur Beantwortung dieser Frage sind drei Faktoren entscheidend:

  • das Gesamtangebot

  • die Industrienachfrage

  • sowie die Investment- und Schmucknachfrage.

Platin befand sich in den 1990-er und den meisten 2000-er Jahren in einem stetigen Aufwärtstrend, da die u. a. Nachfrage nach dem Edelmetall im Zuge der immer laxer werdenden Geldpolitik und seinem zunehmenden Status als sicherer Hafen für langfristige Investoren an Bedeutung als sicherer Hafen gewann.

Außerdem profitierte Platin von seiner Anwendungsbreite in verschiedenen Branchen und der hohen Nachfrage der Automobilindustrie für Katalysatoren.

Wohingegen das Angebot, das sich aus der Minenproduktion, dem Recycling sowie den Hedge-Books der Minen (Terminmarktverkäufe) zusammensetzt, seit dem Jahr 2011 rückläufig ist, was vor allem aus geringerer Minenproduktion resultiert.

Vor neun Jahren wurden noch insgesamt pro Jahr 8,623 Mio. Unzen Platin am Weltmarkt angeboten. Danach fiel das Angebot sukzessive ab und wird für dieses Jahr auf nur noch 6,8 Mio. Unzen geschätzt. Gleichzeitig stieg die Nachfrage wieder sukzessive an, wodurch sich in diesem Jahr erneut ein Angebotsdefizit bilden wird.

Wie sehen die Perspektiven für Platin aus?

Die Nachfrage aus der Schmuckbranche ging seit ihrem Hoch im Jahr 2008 bei 1,295 Mio. Unzen zunächst bis 2016 stark zurück und stieg dann mit sinkenden Preisen wieder an. Für dieses Jahr wird eine Schmucknachfrage von 1,7 Mio. Unzen erwartet.

Der günstige Preis machte Platin als Legierungsmetall zunehmend attraktiv.

Bis zum Dieselskandal stieg auch die Industrienachfrage bis 2016 auf einen neuen Rekordwert in Höhe von 9,414 Mio. Unzen an. Für dieses Jahr wird mit einer deutlich geringeren Gesamtnachfrage in Höhe von 4,365 Mio. Unzen aus der Industrie gerechnet.

Allein die Automobilindustrie reduzierte ihre Nachfrage seit 2016 von 7,36 Mio. Unzen Platin um fast fünf Millionen Unzen auf nur noch 2,43 Mio. Unzen im Jahr 2019. 

Die Nachfrage aus den anderen Industriebereichen (Medizintechnik, Pharma, Chemie, Elektrotechnik und Glasverarbeitung) blieb im Vergleich dazu relativ stabil.

Die gesamte Industrienachfrage stieg zwischen 2017 (5,005 Mio. Unzen) und 2019 (5,34 Mio. Unzen) zwischenzeitlich wieder an – dann kam Corona.

Solange die Preise nicht kräftig in Richtung 1.500 US$/Unze ansteigen, wird sich auf der Angebotsseite v. a. der Minenproduktion, dem Recycling und den Absicherungsgeschäften der Minengesellschaften nicht viel ändern.

Darüber hinaus ist die Funktion von Platin als sicherer Hafen mit zunehmender Verschuldung und „unkonventioneller“ Geldpolitik von Bedeutung. Gemäß eines US-Gesetzes aus dem Jahr 1997 ist Platin ein anerkanntes offizielles Geldmetall in den USA.

Das US-Finanzministerium kann in Form von Münzen selbst Geld aus Patin herstellen (durch die US-Mint) und dann zu einem beliebig hohen Nennwert pro Münze, auch weit über dem Marktpreis, veräußern.

Es gab unter der Trump-Administration sogar Überlegungen, zwei mehrere Kilo schwere Platin-Münzen mit einem Nennwert von 2 Billionen US-Dollar zu prägen und anschließend an die US-Notenbank Fed zu verkaufen.

In Anbetracht der explodierenden Verschuldung in den USA auf mittlerweile 27,3 Billionen US-Dollar auf bundesstaatlicher Ebene und 85,7 Billionen US-Dollar Gesamtverschuldung (318 % des US-BIP) wird diese Idee über kurz oder lang erneut auf die politische Agenda kommen.

Auf der Anwendungsseite wird Platin als Legierungsmetall solange hochattraktiv bleiben, wie Gold und v. a. Palladium deutlich teurer sind. 

Stark wachsende Bereiche sind die Chemie, wo das reaktionsfreudige Metall ebenfalls als Katalysator eingesetzt wird. Zusätzlich steigt die Nachfrage nach Platin in Brennstoffzellen. Dort kommt es bei der Elektrolyse von Wasser, also der Zersetzung von Wasser in Sauerstoff und Wasserstoffgas durch Durchleiten eines elektrischen Stroms durch das Wasser zum Einsatz.

Im Gesundheitswesen gewinnt Platin in der Medizintechnik und in der Pharmaindustrie, z. B. bei Krebstherapien an Bedeutung. Auch der Bereich Glasbeschichtungen steigerte in den letzten Jahren die Nachfrage. Die Eigenschaften von Platin machen es zudem wertvoll, um die Luftverschmutzung zu reduzieren und energieeffizientes Fiberglas herzustellen.

Fazit und Ausblick

Ähnlich wie Silber liegt die industrielle Zukunft des grauweißen Edelmetalls Platin im Bereich Hightech, Schmuck und Medizin sowie eventuell mit noch nicht absehbarer Bedeutung als Geldmetall.

Zudem gab es in der letzten Dekade mehr Jahre mit einem Angebotsdefizit als ohne Angebotsdefizit (7 von zehn Jahren). Dies wird voraussichtlich auch in diesem Jahr mit dem zweiten Defizit in Folge wieder der Fall sein.

In Summe betrachtet ist Platin nach wie vor ein interessantes, wenn auch volatiles Rohstoffinvestment, dessen Nachfrage in Bezug auf seine Anwendungsvielfalt gewährleistet zu sein scheint.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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Handarbeit aus "Schwäbisch Sibirien"