Stand: 23.07.2021 von Hannes Zipfel
Gleich mehrere Aspekte sprechen aktuell für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends bei Platin. Neben der dynamischen Erholung der Nachfrage aus der verarbeitenden Industrie wirken auch Substitutionseffekte bei der Herstellung von Autokatalysatoren positiv auf den Bedarf und führen zu einem Angebotsdefizit. Die Lage am Terminmarkt signalisiert ebenfalls Kurspotenzial für Platin.
Platin vor dem nächsten Preisschub

Ausbruch aus der Konsolidierungsformation nur eine Frage der Zeit

Noch arbeitet Platin die Konsolidierung des vorherigen starken Anstiegs nach dem Corona-Crash ab. Innerhalb der bullishen Konsolidierungsflagge hat der Kurs die untere Begrenzungslinie nochmals getestet und kurzfristig einen kleinen Aufwärtstrend etabliert.

Die Oszillatoren (Stochastik und RSI) befinden sich aktuell im moderat überverkauften Bereich, was positiv zu werten ist. Im nächsten Schritt gilt es nun die nahe beieinander liegenden gleitenden Durchschnittslinien bei 1.104 US$/Unze (200-Tage-SMA) bzw. bei 1.127 US$/Unze (50-Tage-SMA) zu überwinden. Dann könnten die Kurse, auch getragen von der für die kommenden Wochen positiven Saisonalität, zügig an die obere Begrenzungslinie der Chartformation bei ca. 1.200 US$/Unze heranlaufen.

Platin Chart

Notierungen jenseits der 1.200-er Marke sind für die nächsten Monate realistisch. Neben den fundamentalen Preiseinflüssen, also Angebot und Nachfrage, sprechen auch die Terminmarktdaten für reichlich Aufwärtspotenzial.

Terminmarktdaten sehen gut aus

In der unteren Grafik ist deutlich zu erkennen, dass die Wetten der großen Spekulanten an den US-Terminmärkten auf steigende Kurse im Zuge des Corona-Crashs stark rückläufig waren (grüne Linie unter dem Preischart). Für die anschließende Erholung des Platinpreises zeichneten die Spekulanten gleichwohl nicht verantwortlich. Generell verharrte die Anzahl aller offenen Kontrakte gemäß den COT-Daten der Aufsichtsbehörde CFTC auf den Tiefstständen des Corona-Crashs (schwarze Linie).

Die Preiserholung wurde primär durch die physische Nachfrage getrieben. Das bedeutet aber auch, dass zum einen das Kursrückschlagpotenzial durch Gewinnmitnahmen von Spekulanten am Terminmarkt stark limitiert ist und dass zum anderen der prozyklische Aufbau von Wetten auf steigende Kurse den Preis zusätzlich beflügeln kann.

Platin Chart

Der ganz unten in der Grafik eingezeichnete COT-Index (rote untere Linie) gibt mit 94 Punkten klar ein Kaufsignal ab.

Starke Industrienachfrage und anhaltendes Defizit

Trotz der heftigen Unruhen in Südafrika ist die Platinproduktion aktuell nicht betroffen. Das Land am Kap produziert ca. 70 Prozent des weltweiten Platinangebots. Die Unruhen konzentrieren sich auf die Provinz KwaZulu-Natal an der Küste im Nordosten des Landes. Nach dem Eingreifen des Militärs stabilisiert sich die Lage wieder etwas.

Die weltweit größte Tagebau-Platinmine, Mogalakwena, befindet sich ganz im Norden Südafrikas in der Provinz Limpopo. Das Platinangebot liegt weltweit nach Angaben des World Platinum Investment Council (WPIC) ca. 7 Prozent über dem Vorjahresniveau. Die Produktionsbeschränkungen durch die Pandemie sind größtenteils aufgehoben. Das gilt auch für die Produktionsstätten in Russland, Simbabwe, Kanada und den USA.

Die Gesamtnachfrage nach Platin liegt mit 26 Prozent deutlich über dem Vorjahresniveau. Der Bedarf der Industrie ohne Automobilproduktion hat sich sogar um 44 Prozent erhöht. Die Fahrzeughersteller liegen mit ihrem Bedarf rund 8 Prozent über dem Vorjahr. Der Schmuckbereich kaufte 22 Prozent mehr des weißgrauen Edelmetalls ein.

Diverse Anwendungen im Bereich der Medizin, Elektronik, der chemischen Industrie und v. a. der Glasveredelung haben über die letzten Jahre zu einer breiteren Diversifikation der Nachfrage jenseits der Automobil- und Schmuckindustrie geführt. So ist Platin z. B. das einzige geeignete Metall für die Elektroden in den jährlich 600.000 implantierten Herzschrittmachern.

Platin Chart

Bereits im ersten Quartal dieses Jahres kam es aufgrund der dynamischen Nachfrageentwicklung zu einem erneuten Defizit von 19.000 Unzen. Im Pandemie-Jahr 2020 lag das Defizit aufgrund der enormen Investorennachfrage sogar bei 390.000 Unzen. Im Vorkrisenjahr 2019 bei 301.000 Unzen.

Trotz einer um 823k Unzen niedrigeren Investorennachfrage erwartet das WPIC für dieses Jahr eine Erholung der Gesamtnachfrage um 380k Unzen auf insgesamt 8,04 Mio. Unzen. Im Vorjahr waren es lediglich 7,66 Mio. Unzen nach 8,46 Mio. Unzen im Jahr 2019.

Platin Chart

Substitution: Platin vs. Palladium

Ein wichtiger Impulsgeber für die zukünftige Kursentwicklung bei Platin ist der hohe Preisaufschlag des Schwestermetalls Palladium. Beide Metalle verfügen über ähnliche chemische Eigenschaften und Verwendungsmöglichkeiten in der Industrie.

Der nach wie vor wichtigste Abnehmer für beide Metalle ist die Automobilindustrie. Palladium und Platin werden hier bei der Abgasreinigung in Katalysatoren eingesetzt. Palladium kommt derzeit überwiegend in Benzinmotoren zum Einsatz, wohingegen Platin in Dieselmotoren verbaut wird.

Die sukzessive Abkehr von Dieselaggregaten hin zu Benzinaggregaten im Zuge des Dieselskandals und verschärfter Umweltauflagen haben die Kursrallye bei Palladium jahrelang unterstützt. Doch nun arbeitet die Automobilindustrie an der Umrüstung der Produktion, um Palladium durch das deutlich günstigere Platin zu substituieren. Denn Platin ist nicht nur effizienter sondern auch rund 60 Prozent günstiger.

Der Umstieg der Automobilindustrie von Platin auf Palladium fand verstärkt ab 2008 vor allem deshalb statt, weil das Metall nur ein Viertel so teuer war wie Platin. Die teilweise Umkehrung dieser Substitution nimmt allerdings einige Jahre in Anspruch, da die Fertigungsprozesse umgestellt und die Produktionsstraßen angepasst werden müssen.

Doch mittlerweile macht sich dieser neue Trend in der Nachfrage bemerkbar. Vor allem die Zulieferindustrie setzt bei der Herstellung von Benzin-Katalysatoren nun wieder verstärkt auf Platin. Bereits im April 2019 hatte Reuters von ersten Substitutionsbestrebungen in der Autoindustrie berichtet.

Mit einer vollständigen Substitution ist zwar nicht zu rechnen, da die Hersteller gelernt haben und nun in Sachen Platin und Palladium zweigleisig fahren. Außerdem sind Investitionen in Antriebsformen, die gespeist werden von fossilen Energieträgern wie Benzin und Diesel, umstritten. Gleichwohl bringt der Einsatz des effizienteren Katalysatormetalls Platin auch unter Umweltaspekten Vorteile. Auf jeden Fall hat der verstärkte Einsatz in Otto-Motoren das Potenzial, den Nachfragetrend aus der Automobilindustrie für Platin stark positiv zu beeinflussen.

Ein klares Zeichen dafür, dass die Schwächephase bei Platin vorbei ist, ist die relative Stärke zu Gold und jüngst sogar zu Palladium. So konnte sich der Platinpreis nach dem Corona-Crash deutlich schneller erholen und liegt aktuell ca. 8 Prozent über dem Niveau vor dem Kurseinbruch im Februar 2020, wohingegen der Palladiumpreis darunter notiert. Dies erklärt sich zum einen durch die stärkere Nachfrageerholung aus der Industrie außerhalb der Fahrzeugproduktion, aber auch mit ersten sichtbaren Substitutionseffekten bei der Fertigung von Benzin-Katalysatoren.

Platin Chart

Fazit und Ausblick

Platin überzeugt vor allem durch die fundamentale Gemengelage. Diese ist geprägt von wachsenden Anwendungsbereichen, einer preisbedingten Substitution in der Automobilproduktion sowie einem anhaltenden Angebotsdefizit.

Es ist zwar nicht davon auszugehen, dass Platin in den nächsten Quartalen die aktuellen Kursniveaus von Palladium jenseits der 2.700 US$-Marke pro Unze erreicht, aber Kursniveaus um die 1.750 US-Dollar sind durchaus realistisch. Im Jahr 2008 lagen die Höchststände bei Platin jenseits der 2.200 US$-Marke.

Die kommenden Wochen sind zudem unter saisonalen Aspekten positiv. Schaden dürfte auch nicht, dass die wichtigsten Notenbanken weltweit eine Fortsetzung der ultralaxen Geldpolitik andeuten oder sogar klar aussprechen. Das dürfte dem unverzinsten Edelmetall, das auch bei Anlegern sehr populär ist, weiter Unterstützung bieten.

Zusätzlich befeuert werden könnte die Platinrallye durch den Terminmarkt, der nach wie vor keinerlei Anzeichen von Euphorie erkennen lässt.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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Handarbeit aus "Schwäbisch Sibirien"