Stand: 13.09.2021 von Hannes Zipfel
Mittlerweile hat man sich schon an Teuerungsraten gewöhnt, die seit Jahrzehnten nicht mehr erreicht wurden. Und die Aufwärtsdynamik hält weiter an, wie aktuelle Daten aus dem deutschen Großhandel zeigen, die im August mit über zwölf Prozent zum Vorjahr angestiegen sind.
Preise eilen von Rekord zu Rekord

Am Dienstagvormittag wird sich Bundesbankpräsident Jens Weidmann erneut zur Inflationsentwicklung äußern, bevor dann am Dienstagnachmittag die für die Edelmetallpreisentwicklung besonders wichtige US-Konsumentenpreisinflation veröffentlicht wird.

Panikmache oder unwillkommene Realität?

Geht es nach dem Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, dann ist das Gerede von der Inflationsgefahr reine Panikmache. In einem Spiegel-Interview vom vergangenen Sonntag erklärte der sogenannte "Top-Ökonom":

„Die höhere Inflationsrate ist eine willkommene Normalisierung der Preise“.

Fratzscher argumentiert, dass im Durchschnitt der drei Jahre 2019, 2020 und 2021 die Inflation insgesamt nur moderat gestiegen sei und noch unter dem Niveau liege, das Geldpolitiker als Preisstabilität definieren.

Was Fratzscher verschweigt ist, dass jenseits der Definition der Geldpolitiker für Geldwertstabilität die Realeinkommen der Bevölkerung in diesen drei Jahren kräftig gesunken sind.

Ganz abgesehen von den pandemiebedingten Einkommenseinbußen seit März 2020.

Bekanntlich sieht Bundesbankpräsident Jens Weidmann die Inflation als deutlich bedrohlicher an und fordert bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein sofortiges Gegensteuern der Geldpolitik. Am Dienstagmorgen wird Weidmann bei einer Rede erneut darauf eingehen, ob es sich seiner Meinung nach bei der Rückkehr der Inflation um ein temporäres Phänomen oder einen nachhaltigen Schock handelt.

Seine deutsche Kollegin im EZB-Rat, Isabel Schnabel, hat zum Wochenauftakt Erwartungen einen Dämpfer verpasst, die Europäische Zentralbank (EZB) würde ernsthaft über eine Straffung der Geldpolitik zur Inflationsbekämpfung nachdenken. Sie warnte sogar eindringlich vor voreiligen Reaktionen der EZB auf die stark gestiegenen Preise:

„Eine verfrühte Straffung der Geldpolitik in Reaktion auf einen vorübergehenden Inflationsanstieg wäre Gift für den derzeitigen Aufschwung“, so Schnabel.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Geldpolitiker wie Frau Schnabel die Wirtschaft seit Jahren fast permanent im Aufschwung-Modus sehen und gleichzeitig permanent für eine Beibehaltung der EZB-Notfall-Politik plädieren.

Dieser Widerspruch lässt sich nur dadurch erklären, dass es ohne Notfall-Politik keinen Aufschwung gäbe. Eine Abkehr von der Politik des leichten Geldes ist aus Sicht der europäischen Geldpolitiker daher nicht wünschenswert – ungeachtet der aktuellen Höhe der Inflation.

Erneut zweistellige Preisanstiege bei den Großhandelspreisen

Am Montagmorgen wurde mit den deutschen Großhandelspreisen ein wichtiger Vorlaufindikator für die Verbraucherpreisentwicklung veröffentlicht. Der Großhandelspreisindex beschreibt die Preisveränderung von Waren, die von Großhändlern an Einzelhändler verkauft werden.

Damit haben die Großhandelspreise direkten Einfluss auf die Verbraucherpreisinflation.

Der größte prozentuale Anstieg gegenüber dem Vorjahr seit Datenaufzeichnung wurde im März 1974 mit 15,9 Prozent gemessen. Im August dieses Jahres stieg der deutsche Großhandelspreisindex um 12,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr an. Das war der größte Anstieg seit Oktober 1974.

Im Zuge der Vorbereitungen auf das Weihnachtsgeschäft verschärfen sich Lieferengpässe und Güterknappheiten. Mit einem schnellen Abebben des Inflationsdrucks ist daher nicht zu rechnen. Die nächsten Daten zur deutschen Verbraucherpreisinflation werden am 13. Oktober veröffentlicht. Es wird erstmals seit Dezember 1993 mit einem Wert über der Marke von vier Prozent gerechnet.

Die Verbraucherpreise in den USA haben bereits die Marke von fünf Prozent übersprungen. Für die morgen zur Veröffentlichung anstehenden Zahlen für den August wird mit einer Jahresteuerung der US-Verbraucheise von 5,3 Prozent gerechnet.

Am Donnerstag folgen dann die für die gesamte US-Wirtschaft wichtigen Einzelhandelsumsätze. Nach einem deutlichen Rückgang im Juli wird auch für den August von rückläufigen Umsätzen ausgegangen. Vor allem auslaufende Sondertransferleistungen im Zuge der Pandemie sowie deutlich gestiegene Preise belasten die Kauflaune der Amerikaner.

In der folgenden Übersicht finden Sie weitere wichtige Termine, die besonders für deutsche Anleger und den Edelmetallmarkt in der Kalenderwoche 37 relevant sind:

Wochentag Zeit (MESZ) Datenart Prognose Vorherig
Montag 15:30 Uhr EU: EZB-Präsidentin Lagarde äußert sich zur Geldpolitik - -
20:00 Uhr USA: Haushaltssaldo August in Mrd. US$ -173,0 -302,0
Dienstag 9:35 Uhr DE: Bundesbankpräsident Weidmann spricht u. a. zur Inflationsentwicklung - -
14:30 Uhr USA: Verbraucherpreisindex August (Jahr) 5,3 % 5,4 %
USA: Verbraucherpreisindex August (Monat) 0,3 % 0,4 %
Mittwoch 14:30 Uhr EU: EZB-Direktorin Isabel Schnabel äußert sich zur europ. Geldpolitik - -
17:00 Uhr USA: Rohöllagerbestände in Barrel - -1,529 Mio.
Donnerstag 14:30 Uhr USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe 328k 310k
USA: Einzelhandelsumsätze August (Monat) -0,8 % -1,1 %
14:30 Uhr USA: Einzelhandelsumsätze August (Jahr) 8,2 % 7,8 %
Freitag 11:00 Uhr EU: Verbraucherpreisindex August (Jahr) 3,0 % 2,2 %
Datenquelle: Thomson Reuters, Investing.com
Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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Handarbeit aus "Schwäbisch Sibirien"