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Stand: 03.06.2022 von Hannes Zipfel
Im April stiegen die Erzeugerpreise in der Eurozone auf Jahresbasis um fast 40 Prozent an. Einen Teil dieser Preisexplosion müssen die Unternehmen weitergeben. Das Inflations-Frühwarnsystem der TU-Dortmund signalisiert für den Sommer bereits zweistellige Teuerungsraten für die Endverbraucher in Deutschland.
Preisschock: Inflations-Frühindikator durchbricht 10-Prozent-Marke

Erzeugerpreise explodieren weiter

Was den Konsumenten in Sachen Inflation noch bevorsteht, zeigen bereits diverse Vorlaufindikatoren, u. a. die Erzeugerpreise. Zu den „Erzeugern“ gehören das Grundstoff- und Produktionsgütergewerbe, die Hersteller von Investitionsgütern (Maschinen etc.) sowie die Produzenten von Verbrauchsgütern, Nahrungs- und Genussmitteln.

Zusätzlich fließen noch die Kostenentwicklungen im Bergbau, z. B. beim Kohleabbau, sowie bei den Energie- und Wasserversorgern mit in die Berechnung ein.

Die jüngsten Daten zu den Erzeugerpreisen für die Euro-Zone wurden am Donnerstag von der EU-Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht. Mit 37,2 Prozent war die Veränderungsrate gegenüber dem Vorjahresmonat so hoch wie nie zuvor seit Beginn der Datenerhebung vor 40 Jahren (vor der Euro-Buchgeld-Einführung 1999 via Rückrechnung). Im März lag die Jahresrate noch 0,3 Prozentpunkte niedriger bei 36,9 Prozent und vor Jahresfrist bei lediglich 7,6 Prozent.

Erzeugerpreise Euro-Zone

Da die Unternehmen aus betriebswirtschaftlichen Gründen einen Teil der Kosten weitergeben müssen, um selbst überleben zu können, spiegeln sich die seit Monaten hohen Erzeugerpreise bereits in den Endverbraucherpreisen wider. Noch liegen nicht für alle 19-Euro-Staaten vorläufige Inflationsdaten für den Monat Mai vor, aber schon im April 2022 war die Teuerungsrate in fünf Staaten im Euroraum prozentual zweistellig - in Estland sogar bei fast 20 Prozent.

inflation (HVPI) Euro-Zone nach Länder

Auch die Verbraucherpreise in Deutschland haben das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht. Gemäß vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes betrug der Anstieg des Verbraucherpreisindex (VPI) in Deutschland im Mai dieses Jahres 7,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.

Nach europäischer Berechnungsmethode, dem sogenannten „Harmonisierten Verbraucherpreisindex“ (HVPI), waren es 8,7 Prozent Preissteigerung.

Im April lag dieser Wert noch bei 7,8 Prozent. Erweitert man das Bild der Preisentwicklung um Importe, Exporte

Auch die Verbraucherpreise in Deutschland haben das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht. Gemäß vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes betrug der Anstieg des Verbraucherpreisindex (VPI) in Deutschland im Mai dieses Jahres 7,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.

Nach europäischer Berechnungsmethode, dem sogenannten „Harmonisierten Verbraucherpreisindex“ (HVPI), waren es 8,7 Prozent Preissteigerung.

Im April lag dieser Wert noch bei 7,8 Prozent. Erweitert man das Bild der Preisentwicklung um Importe, Exporte und den Großhandel, dann zeigt die Kurve bereits seit Beginn des letzten Jahres steil nach oben und lässt für die kommenden Monate auch für Deutschland zweistellige Inflationsraten für die Endverbraucher erwarten.

Preisentwicklungen in Deutschland

Zwar versucht die Fiskalpolitik mit Entlastungspaketen à la Tankrabatt und 9-Euro-Ticket gegenzusteuern, aber der Druck in der Inflations-Pipeline ist zu groß und der Preisanstieg erfolgt zu schnell, um den Trend mit fiskalischen Maßnahmen brechen zu können.

Auch deshalb, weil die Ursachen für die Inflation in der Eurozone bis auf Weiteres erhalten bleiben. Vor allem die Verknappung vieler Rohstoffe, Materialien, Güter und Dienstleistungen durch den Ukraine-Krieg und die Lockdowns in China werden in den kommenden Monaten nach wie vor preistreibend wirken.

Inflationserwartungen schnellen empor

Der Europäische Gewerkschaftsbund mit Sitz in Brüssel mit insgesamt 45 Millionen Mitgliedern fordert für die bereits laufenden und noch anstehenden Tarifverhandlungen zumindest einen Ausgleich für die hohe Inflationsrate.

Das Märchen von der vorrübergehenden Inflation glauben die Arbeitnehmervertreter nicht mehr.

Selbst wenn die Lohn- und Gehaltsforderungen nur in Ansätzen durchsetzbar sind, würden weitere Kostensteigerungen auf die Unternehmen zukommen, die diese wiederum auf die Verbraucher zumindest teilweise umlegen werden.

Gleichzeitig tut die EZB nichts, um ihrem Primär-Mandat, die Wahrung der Preisstabilität, nachzukommen.

Erst im Juli soll damit begonnen werden, den mit -0,5 Prozent negativen Einlagenzinssatz für Banken in Richtung 0 Prozent anzuheben. Die Ausweitung der Notenbankbilanz via Wertpapierkäufe geht indes weiter.

Damit droht der Geldpolitik in der Euro-Zone die Kontrolle über die Inflation zu entgleiten.

Die Inflationserwartungen in Deutschland haben sich mit 7 Prozent für die kommenden 12 Monate bereits sehr weit von der Zielrate der Europäischen Zentralbank (EZB) bei 2 Prozent Inflation entfernt – ein klares Misstrauensvotum gegen die wohl einflussreichste Institution der EU (Quelle: Deutsche Bundesbank).

Erwartung von Privatpersonen zur Höhe der Inflationsrate

Inflations-Frühwarnsystem „I-Index“ steigt auf Rekordstand von 10,9 Prozent

Infobox Inflations-Frühwarnsystem

Das Dortmund Center for data-based Media Analysis (DoCMA) der TU Dortmund hat anhand von Millionen Zeitungsartikeln ein Inflations-Frühwarnsystem für Deutschland, den „I-Index“ entwickelt.

Der englisch „Inflation Perception Indicator“ (IPI) genannte Index erfasst via Algorithmus, wie präsent das Thema Inflation in der Wirtschaftsberichterstattung ist.

Dazu werden regelmäßig 2,9 Millionen Beiträge ausgewertet, die seit Januar 2001 in der Süddeutschen Zeitung, der Welt und dem Handelsblatt erschienen sind.

Um fortlaufend messen zu können, wie und in welchem Maße Medien über die Inflation berichten, wird der Indikator ständig aktualisiert und monatlich im Handelsblatt veröffentlicht.

Gemäß den letzten publizierten Daten hat der I-Index im April dieses Jahres für Deutschland einen neuen Rekordstand in Höhe von 10,9 Prozent Inflationserwartung für die kommenden 12 Monate erreicht. Vor Jahresfrist lag dieser Wert noch bei 2 Prozent.

Sehr aufschlussreich sind in den untersuchten Beiträgen auch die genannten Ursachen für die Preisinflation. Hier steht neben dem Ukraine-Krieg die Geldpolitik der Zentralbanken im Zentrum der Berichterstattung, gefolgt von den explodierenden Rohstoffpreisen sowie der Ausgaben- und Schuldenpolitik der Fiskalpolitiker in der Euro-Zone.

Erst danach werden Lohnsteigerungen als Inflationstreiber erwähnt.

Aber das kann sich durch das Ingangkommen der Lohn-Preis-Spirale auch in Hinblick auf den Fachkräftemangel und die niedrige Arbeitslosenquote (ALQ) von 5,0 Prozent in Deutschland und 6,8 Prozent im Euroraum schnell ändern.

Gemäß Definition entspricht eine ALQ von 5,0 Prozent wie in Deutschland Vollbeschäftigung. Die „Preissetzungsmacht“ der Arbeitnehmer ist also im Moment relativ hoch. Zumal auch in Berufen mit weniger hoher Qualifikation die Löhne steigen werden, so z. B. der Mindestlohn von 9,82 EUR auf 12,00 Euro pro Stunde ab 1. Oktober 2022.

Auch diese höheren Lohnkosten werden die Inflationsrate weiter befeuern. Das Thema Inflation ist damit, anders als die „Währungshüter“ der EZB es uns über ein Jahr lang weiß machen wollten, kein temporäres Phänomen, sondern ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Risiko für die Euro-Zone, dessen Dimension seriös noch gar nicht prognostizierbar ist.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von Freddy | 06.06.2022, 19:47 Antworten

Der deutsche Michel schimpft immer mehr. Geht dann nach Hause und zählt die letzten Groschen und bezahlt dann treu und brav seine Rechnungen. Daran wird sich in nächster Zeit auch nichts ändern. Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Richtig interessant wird es wohl in der nächsten Heizperiode werden. Was haben wir denn dann für eine Inflationsrate? Oder sollten wir mal Peter Zwegat bei der EZB vorbei schicken. Der würde schon peinliche Fragen stellen. In diesem Sinne einen guten Start in die neue Woche.

von Philipp Thomsen | 04.06.2022, 06:59 Antworten

Ich verstehe nicht, wieso der Markt die Märchen der Politik und Notenbanken glaubt. Warum der Bürger der geschönten Inflationsrate glaubt. Warum überall und alles Wilhelm Busch sein kann und jeder glaubt es. Wie dumm und wie schwach ist denn die Psyche? Es ist unfassbar.

3 Antworten an Philipp Thomsen anzeigen

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