Stand: 21.09.2013  0 Kommentare

"Wir waren doch gar nicht gierig, wir wollten bloß klug sein wie alle anderen." Diesen Satz überliest man vielleicht auf Seite 213 dieses Buches, aber in ihm steckt eine tiefe, wenn auch nicht besonders sympathische Wahrheit über menschliches Handeln, die genau aus diesem Grund nicht gerne ins Rampenlicht gerückt wird. Wenn es um die Finanzkrise geht, dann stellt man in der öffentlichen Wahrnehmung lieber die Gier böser Banker in den Mittelpunkt. Das ist einfacher, griffiger und trifft Leute, die sowieso nicht besonders beliebt sind.

Der Satz stammt aber von einer amerikanischen Mittelstandsfamilie, die dachte, man könne ohne großes Eigenkapital Häuser kaufen, nebenbei auf großem Fuß leben und durch ewig steigende Häuserpreise sorglos reich werden. Die ökonomische Wirklichkeit kann man vielleicht eine Weile verdrängen, doch sie ist unbarmherzig und holt früher oder später jeden ein, der glaubt, sich ihr entziehen zu können.

Der profitable Irrsinn
Eckdaten zum Buch
Genre: Sachbuch (304 Seiten)
Autor: Ullrich Fichtner
Sprache: Deutsch
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
ISBN-10: 3421045763
ISBN-13: 978-3421045768
Auflage: 2. Auflage (11/2012)
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Im "Billionenpoker" werden Aspekte der Finanzkrise durch die Brille von Reportern des "Spiegel" betrachtet. Leser dieser Zeitschrift brauchen es nicht zu kaufen, denn es enthält in vier Kapiteln bereits bekannte Spiegel-Artikel. Zunächst geht es um eine Beschreibung, wie Finanzmärkte angeblich reagieren. Dann werden die Eurokrise und insbesondere das griechische Problem geschildert. Der Entstehung der US-Kreditblase ist das dritte Kapitel gewidmet. Und schließlich befasst sich der letzte Artikel mit der Frage, warum die Kreditblase die Demokratie ruiniert.

Das Buch besitzt eine Vielzahl von Autoren, was seine Qualität gewissen Sprüngen aussetzt. Gelegentlich kommen einige dieser Autoren den wirklichen Zusammenhängen dicht auf die Spur, in anderen Fällen werden hingegen die richtigen Fragen leider einfach nicht gestellt oder Zusammenhänge ausgeblendet.

Statt sich beispielsweise mit einem hochgespielten, aber bedeutungslosen Streit zwischen Angebots- und Nachfrageökonomen zu beschäftigen, hätten sich die Autoren besser mit Frage auseinandersetzen sollen, warum inzwischen die Großbanken ganze Volkswirtschaften dominieren können. Hier liegt nämlich eine Ursache aller Finanzprobleme der letzten Jahre. Wohlfahrtsstaaten und Banken brauchen einander, um Schuldenorgien durchziehen zu können. Und nirgends ist so deutlich wie in den USA, dass inzwischen auch eine offene personelle Verflechtung zwischen Staat und Banken existiert. Sie macht eine Zombie-Wirtschaft erst möglich, in der die Steuerzahler ungefragt für ökonomisches Versagen und Zockerei zur Kasse gebeten werden.

Im ersten Kapitel versuchen die Autoren ihren Lesern zu schildern, wie die Finanzmärkte angeblich funktionieren würden. Dazu besuchten sie einige Tage vor einem EU-Gipfel einen Hedgefond in Texas, die Bundesbank, Aktien- und Anleihehändler, die BaFin und einen Devisenhändler. Durch einen aufgeregt hin und her springenden Reportagesalat versuchen sie die hektischen Reaktionen der Finanzmärkte zu simulieren. Tiefer gehende Einsichten vermittelt das jedoch nicht.

Einzig der besuchte Hedgefondmanager kommt mit wirklich treffsicheren Aussagen zu Wort. Doch an seinem wirtschaftlichen Realismus hängt man das Adjektiv "eiskalt", was überrascht, denn bisher kannte man nur eiskalte Verbrecher, aber keine eiskalten Realisten. Den dauerhaften Rettungsschirm EFSF hält jener Manager für "eine sagenhaft dumme Idee".

Er findet es witzig, dass verschuldete Staaten einen Fond gründen, um ihre Schuldenprobleme zu lösen. Und die Pointe wäre, dass der am höchsten verschuldete Industriestaat (Japan) sich sofort daran gemacht habe, Anteile zu kaufen.

Immerhin sollte uns der gesunde Menschenverstand doch sagen, dass man Schulden nicht durch neue Schulden beseitigen kann. Gerade das aber ist die geniale Strategie hinter all diesen Rettungs- und Stimulierungsprogrammen. Immerhin kommen einige der Autoren dahinter, dass damit nur eine Blase nach der anderen fabriziert wird, bis das Drama so groß geworden ist, dass es nicht nur an die finanzielle Substanz geht, sondern auch allgemein akzeptierte Vorstellungen, wie moderne Industriegesellschaften funktionieren sollten, über den Haufen geworfen werden. Damit befasst sich insbesondere das letzte Kapitel.

Der beste Teil schien mir jedoch der Abschnitt über die Eurokrise zu sein, weil dort eindeutig klar gestellt wird, dass mit dem Euro von Anfang an politische Ziele verfolgt wurden, für die Vertragsbrüche oder das permanente Kappen wesentlicher Stützpfeiler der ganzen Währungs-Konstruktion in Kauf genommen wurden, weil sie in Wirklichkeit nur zur Verschleierung des eigentlichen Ziels existieren. Am Beispiel Griechenlands kann man das hervorragend erläutern. Und das tun die entsprechenden Autoren auch.

Auch im Kapitel über die US-Kreditblase zeigen sich beim genauen Lesen die politischen Hintergründe dieser Katastrophe. Nicht die immer vorhandene menschliche Gier, sondern eine völlige Deregulierung von Märkten, ungehemmtes Geldschöpfen der Notenbanken, planwirtschaftliches Manipulieren an Zinsen, und der fast schon religiöse Glaube, man könne das eigene Risiko anderen unterjubeln, mussten einfach bereits einzeln aber in der Summe erst recht zu extremen Verwerfungen führen.

In diesem dritten Kapitel werden auch die völlig irren Verbriefungs- und Versicherungsmechanismen für Kredite sehr gut erläutert. Im Kleinen wie im Großen gilt eine einfache Weisheit: Was man nicht versteht, sollte man nicht handeln. Warren Buffett, dessen Namen man im Buch beharrlich falsch schreibt, ist genau mit diesem Leitspruch mehr als reich geworden. Was geschieht, wenn man eine solch einfache Weisheit missachtet, wird im dritten Kapitel an zahlreichen Beispielen vorgeführt.

In diesem Zusammenhang sollte man vielleicht nicht unerwähnt lassen, dass besonders die staatlich kontrollierten Landesbanken in Steueroasen Schattenbanken gründeten, um unbeaufsichtigt an der großen Illusion teilhaben zu können. Das sind nun aber genau die Stichworte, bei denen jene Politiker, die damals diese Banken zu kontrollieren hatten, heute große Worte schwingen.

Ohne Schuldenschnitt wird es keine Lösung aller aufgehäuften Probleme geben. So lautet im Buch das nüchterne Fazit der vier Artikel. Doch statt der Wahrheit ins Auge zu blicken, kauft man lieber Zeit und verschleiert die Tatsachen. Die in diesem Buch gesammelten Texte tragen wenigstens partiell dazu bei, dass man nicht allzu überrascht ist, wenn demnächst irgendwann abgerechnet wird.

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