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Stand: 11.08.2022 von Hannes Zipfel
Trotz leicht rückläufiger Inflationsraten und zunehmend schwacher Wirtschaftsdaten bleiben die Notenbanker in den USA und Europa auf dem geldpolitischen Bremspedal. Die Gründe und die Folgen für den Goldpreis.
Rezession: koste es, was es wolle

Von passiv zu aggressiv

Hatten die großen Notenbanken in den USA und Europa die Inflation zunächst als „temporär“ und „Sondereffekt“ verharmlost, so sehen sie nun „strukturelle“ und „nachhaltige“ Gründe für den stärksten Preisauftrieb seit mehr als 40 Jahren.

Entsprechend konsequent geht vor allem bezogen auf die Weltwirtschaft, die Weltfinanzmärkte und die Entwicklung der Vermögenspreise mächtigste Notenbank der Welt, die US-Fed, mit Zinserhöhungen und der Reduzierung der Marktliquidität gegen das Teuerungs-Phänomen vor.

Bereits vier Mal haben die Notenbanker in Washington seit März dieses Jahres ihr Leit-Zins-Band von 0,0 - 0,25 Prozent p. a. im Februar dieses Jahres auf aktuell 2,25 - 2,5 Prozent p. a. angehoben.

Noch mindestens ein weiterer Zinsschritt um 0,5 bis 0,75 Prozentpunkte soll am 21. September nach der Sommerpause folgen. Vorher findet vom 25. bis zum 27. August das Notenbanker-Treffen in Jackson Hole in Wyoming, USA statt, das Hinweise auf die weitere Vorgehensweise der Geldpolitiker liefern könnte.

Die Europäische Zentralbank (EZB) agierte bislang mit Rücksicht auf die angespannte finanzielle Lage der Südländer des Euroraums deutlich vorsichtiger, obwohl die Inflationsrate in der Eurozone mit 8,9 Prozent im Juli gerade erst einen neuen Rekordstand erreichte.

Die Zinsanhebungen fallen, speziell in der Euro-Zone, im Vergleich zu früheren Straffungszyklen in Anbetracht der hohen Inflationsraten äußerst moderat aus.

Vergleich des Leitzinssatzes Eurozone vs. USA

Parallel zu den Zinsanhebungen beginnt die US-Notenbank mit der Reduzierung ihrer Bilanzsumme, indem sie den Ankauf von Staats- und Hypothekenanleihen im Verhältnis von 2/3 Staatsanleihen und 1/3 hypothekenbesicherten Anleihen zum 1. Juni 2022 vollständig eingestellt hat.

FRED- Bilanz der FED im August 2022

Dies entspricht der konventionellen Vorgehensweise zur Bekämpfung einer nachfrageinduzierten Inflation.

Aber die gibt es momentan nicht. Dafür eine neue, gigantische Herausforderung, für die im Instrumentenkasten der Notenbanken kein “konventionelles“ Werkzeug existiert.

Atypische Inflation plus Rekordverschuldung

Die Verschärfung der Finanzierungsbedingungen für Unternehmen, Privathaushalte, Staaten und die Spekulanten an den Finanzmärkten sind normalerweise ein probates Mittel, um die Inflation zu bekämpfen.

Dämpfen sie doch die generelle Nachfrage sowie die Spekulationswut und damit den aufwärtsgerichteten Preisdruck für Güter, Dienstleistungen und Vermögenspreise.

Doch im aktuellen Umfeld, beeinflusst durch die Folgen von Pandemie, Krieg und De-Globalisierung (u. a. wegen des China-Taiwan-Konfliktrisikos) kommt es zu ausgeprägten Angebotsengpässen, die außerhalb der Einflusssphäre der Zentralbanken liegen.

Deutlich wird dies am Beispiel der Knappheit an Vorprodukten in der deutschen Industrie (Quelle: ifo Institut München):

ifo knappheit von Vorprodukten im Verarbeitenden Gewerbe

Das Hauptmandat der Europäischen Zentralbank (EZB) sowie der US-Notenbank (Fed) besteht primär in der Wahrung der Preisstabilität. Oberflächlich betrachtet machen die Notenbanken aktuell zumindest in Ansätzen einen „korrekten“ Job, der zur Beruhigung der Finanzmärkte beiträgt und Normalität suggeriert. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Dies wird u. a. an folgendem Vergleich deutlich:

Als die Teuerungsrate für private Verbraucher in Deutschland Anfang des Jahres 1974 ebenfalls auf dem aktuellen Niveau lag, stand der Leitzins der Deutschen Bundesbank (Diskontsatz) bei 5,0 Prozent und der effektive Leitzins der US-Notenbank Fed bei 9,0 Prozent.

Nach der letzten Leitzinserhöhung der Fed um 0,75 Prozentpunkte am 27. Juli liegt der effektive Leitzinssatz in den USA nun bei 2,33 Prozent p.a. und in der Eurozone aktuell bei 0,5 Prozent p. a.

Der Grund dafür ist einfach: Wegen der historisch hohen Rekordverschuldung sind die Zeiten, in denen die Preisinflation ohne ruinöse Anstiege der Kreditkosten für Unternehmen sowie private und öffentliche Haushalte bekämpft werden kann, passé.

Globale Rekordverschuldung von 305 Billionen US-Dollar

Gemäß einer ökonomischen Binsenweisheit spielt die Höhe der Schulden zwar keine Rolle, da jedem Schuldner ein Gläubiger gegenübersteht, der von Zins- und Tilgungszahlungen profitiert. Aufgrund der ungleichen Vermögensverteilung geht diese Rechnung in der Realität jedoch nicht auf.

So besitzen zwei Drittel der US-Amerikaner ein Vermögen von weniger als 1.000 US-Dollar. Das reicht gerade aus, um die gestiegenen Lebenshaltungskosten eines halben Jahres zu kompensieren. Denn einer Inflationsrate von aktuell 8,5 Prozent in den USA stehen Lohnsteigerungen von durchschnittlich lediglich 5,2 Prozent p. a. gegenüber.

Dies entspricht einem negativen realen Lohnwachstum von satten 3 Prozent pro Jahr. In Europa ist die Lage insgesamt wegen der ausgeprägteren Energiekrise noch prekärer.

Das schnelle Ende eines Zinsexperiments – die Rezession ist schon da

Ein Blick auf die Entwicklung der effektiven Leitzinsen in den USA und den in Form von grauen vertikalen Linien dargestellten Phasen von Rezessionen in der folgenden Grafik zeigt, dass bereits in der Vergangenheit auf steigende Zinsen zeitnah eine Schrumpfung der gesamtwirtschaftlichen Aktivität folgte (Quellen: Fed of New York, Fed of St. Louis).

FRED - Federal Funds Effective Rate

Doch dieses Mal passiert beides parallel – die Rezession ist schon da, obwohl die Fed gerade erst begonnen hat, ihre Geldpolitik zu straffen. Nach einem annualisierten Minus von 1,6 Prozent im ersten Quartal 2022 schrumpfte das US-Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2022 nochmals um 0,9 Prozent (vorläufige Daten).

Damit ist laut Definition eine „technische“ Rezession bereits Realität.

Auch das deutsche BIP stagnierte im zweiten Quartal und der Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts ifo aus München, Prof. Dr. Clemens Fuest, kommentierte die jüngsten Daten zum ifo-Geschäftsklima mit den Worten:

„Deutschland befindet sich am Rande einer Rezession“

ifo-Geschäftsklimaindex Deutschland Juli 2022

Da sich der ökonomische Abschwungzyklus bereits in voller Fahrt befindet, werden die zeitlich nachfolgenden Effekte wie steigende Arbeitslosigkeit, real sinkende Gehälter und geringeres verfügbares Einkommen wegen höherer Zinsbelastungen nicht lange auf sich warten lassen.

Aktuell gibt zwei Gründe, warum die Notenbanken diesseits und jenseits des Atlantiks quasi wider besseres Wissen mit Rekordverschuldung und Knappheitsteuerung konfrontierte Wirtschaftssubjekte (Verbraucher, Unternehmen, Staaten) zusätzlich mit höheren Finanzierungskosten und der Gefahr platzender Vermögenspreisblasen konfrontieren:

  1. Extremer Druck vonseiten der Fiskalpolitiker, die den Inflations-Zorn der Wähler und um ihr politisches Renommee fürchten
  2. Den totalen Vertrauensverlust in die Institution Zentral- bzw. Notenbank und ihr ungedecktes Fiat-Geld-System

Sobald die unangenehmen Konsequenzen der Rezession, die momentan noch als geeignetes Mittel zur Inflationsbekämpfung durch die Zentral- und Notenbanken willkommen geheißen wird, politisch schwerer wiegen als die Inflation selbst, wird der Straffungszyklus von den Geldpolitikern schnell beendet und erneut in sein Gegenteil verkehrt.

So, wie es seit dem Ende der 1980er-Jahre mit permanent steigender Verschuldung von Zyklus zu Zyklus jedes Mal der Fall war.

Dass den Zentralbanken dabei der Kaufkrafterhalt des Fiat-Geldes weniger wichtig ist als die allgemeine Schuldentragfähigkeit und damit das von ihnen selbst geschaffene und kontrollierte Kreditgeldsystem verdeutlicht folgende Entwicklung am Beispiel des Euroraums:

Kaufkraft des Euros seit 2000

Für den Goldpreis bedeutet dies, dass der Zeitraum, in dem die Edelmetall-Preise durch eine temporäre Straffung der Geldpolitik und die Verknappung der Marktliquidität unter Druck gehalten werden, äußerst begrenzt ist und spätestens im vierten Quartal dieses Jahres beendet sein wird.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von Peter L Ustig | 12.08.2022, 20:53 Antworten

Wir wurden immer belächelt ,in Edelmetalle investiert zu haben.....zu Ungunsten der damaligen Unkenrufer.
Mein Argument war immer Edelmetalle als "Werterhaltungsspeicher" (Kaufkrafterhalt) ....alles was drüber weg an Zugewinn aufgrund der Entwicklungen der letzten Jahre kam, ist Bestätigung auch auf den "richtigen Gaul" gesetzt zu haben.

von Goldilachs | 12.08.2022, 12:59 Antworten

In dieser Zeit behalte ich mal schön mein Gold auch wenn immer behauptet wird, Gold wirft keine Zinsen ab. Dazu kann ich nur einen Kommentar diesbezüglich abgeben. In den letzten 5 Jahren habe wir alle eine Wertsteigerung in Gold von Rund 59 % erhalten. Welche Aktie kann da mithalten?

von pretzl | 11.08.2022, 20:34 Antworten

Da werden sich noch welche wundern, wie schnell der angebliche Arbeitskräftemangel ins Gegenteil umschlägt. V.a., da es wahnsinnig viele Bullshit-Jobs gibt und Dienstleistungen, die man zur Not auch selber machen kann, wenn man muss.

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