Stand: 26.09.2019 von Jens Bernecker 9 Kommentare

Betrachtet man die Silberpreis-Entwicklung in den letzten Jahren, so vermutet man nicht, dass dieses Edelmetall irgendwie strategisch wertvoll oder kurzfristig knapp werden könnte.

Dabei wird Silber seit Jahrtausenden wertgeschätzt. Seit dem 5. Jahrtausend v. Chr. wird Silber für Schmuck und vor allem zusammen mit Gold als Geld verwendet. Die Ägypter schätzten es als Metall des Mondes, die Wikinger "sparten" vorzugsweise in erbeuteten Silbermünzen und -waren, wie etwa die Horte von Spillings auf Gotland zeigen.

In Haithabu, Lund und in Ribe, Dänemarks ältester Stadt, betrieben sie dafür sogar Münzprägestätten.

Die Funktion von Silber als Geld hat nicht nur Geschichte gemacht, sondern auch seine Geschichte geprägt. Denn seine Funktion als "ehrliches Geld" weckte Begehrlichkeiten.

Es wurde gefälscht, die Münzränder wurden abgerieben, und beim Prägen wurde der Silbergehalt in der Regel immer weiter verringert - Gesham’s Gesetz wirkte:

Danach verdrängt schlechtes Geld das gute zunehmend, weil Letzteres gehortet wird. Dass dies mit administrativ oder politisch bestimmten Geldwerten nicht vereinbar ist, liegt auf der Hand.

Vor allem die Münzreform Kaiser Karls des Großen 793/794 mit dem karolingischen Pfund als reine Silberwährung erwies sich in Europa als zentral für die Entwicklung des mittelalterlichen Münzsystems. Im Grundsatz bestand das karolingische Münzsystem in Großbritannien bis 1971 fort.

Im deutschen Kaiserreich waren die Münzen bis 1871 größtenteils aus Silber, deren Wert sich aus seinem Gewicht und damit Metallwert ableitete (Kurantmünzen), danach wurde der Silberstandard gemäß dem Vertrag von Wien 1857 von einem Goldstandard der Deutschen Mark abgelöst.

Silber und seine relative Attraktivität zu Gold

Silber hatte mit Gold eine lange gemeinsame Geldgeschichte, die sich im Bimetallismus widerspiegelt. Die Entmonetarisierung von Silber und danach auch von Gold stellt historisch ein einmaliges Experiment mit offenem Ausgang dar.

Das Verhältnis zwischen beiden Metallen wurde jedoch auch von Angebots- und Nachfrageschüben beeinflusst. Aktuell beträgt das Gold-Silber-Ratio 83,8 (Stand 17.09.2019). Man erhält also für eine Unze Gold 83,8 Unzen Silber.

Gleichzeitig werden Gold und Silber aber nur in einem Verhältnis von 1:9 gefördert. Bereits dieser Vergleich zeigt, welche strategischen Spannungen in der derzeitigen Marktlage verborgen sind!

Das Silber kein Geld mehr ist, liegt dabei ironischerweise daran, dass es zu gutes Geld ist. Es ist dabei nicht nur als Geld zu gut, sondern vor allem als Industriemetall. Denn die Verwendungsmöglichkeiten für Silber wachsen seit Jahrzehnten stark, während die für Gold deutlich langsamer zunehmen.

Auch interessant: Die USA standen durch die explosionsartige Erweiterung von industriellen und militärischen Anwendungen für Silber Anfang der 60er Jahre kurz vor einem Defizit bei der Produktion von Silbermünzen, wie US-Präsident Lyndon Johnson vor dem US-Kongress kurz vor der Unterzeichnung des Coinage Act von 1965 erklärte.

Mit diesem Gesetz wurde Silber im wesentlichen entmonetarisiert, was allerdings Ausdruck seiner hohen Werthaltigkeit und enormen Verwendungsvielfalt war und nicht seiner Minderwertigkeit.

Eine Interpretation, die den niedrigen Preis und den hohen Wert zusammenbindet, ist, dass die vorhandenen Verwendungszwecke für Silber ihrem strategischen Wert entsprechend priorisiert wurden. Und weil Silber zu knapp war, um weiter als Geld zu fungieren, wurde es als Geld abgeschafft, damit es für die wichtigeren Zwecke zur Verfügung stand.

Da Silber aber überwiegend industriell verbraucht wird und auch die Zentralbanken über keine bedeutenden Silberbestände mehr verfügen, hat sich das Entwicklungsszenario für Silber grundlegend geändert. Die Primärproduktion von Silber stieg bis 2015 auf 891 Mio. Unzen und fällt seither.

Dass die strategische Attraktivität von Silber gegenüber Gold zunimmt, kommt derzeit aber weder im Marktpreis noch im Gold-Silber-Ratio zum Ausdruck. Dies zeigt auch ein Blick auf den Anteil von Silber an den weltweiten Vermögensanlagen: 1980 betrug der Anteil von Silber am weltweiten Vermögen über 0,25 %.

Heute liegt der Wert unter einem Zwanzigstel davon. Es ist aber nicht nur die relative Attraktivität gegenüber Gold, sondern auch seine zunehmende absolute Knappheit, die Silber interessant macht.

Peak Silber?

Um abzuschätzen, wie schnell und in welchem Umfang Silber knapp wird, gab es in der Vergangenheit verschiedenste Untersuchungen. Eine der umfassendsten stammt von schwedisch-isländischen Forscherteam Harald Sverdrup, Deniz Koca und Kristin Vala Ragnarsdottir aus dem Jahr 2014. Für sie steht außer Frage, dass Silber weltweit knapp ist, was vor dem Hintergrund jahrzehntelanger Gegenbehauptungen bereits einen gewissen Erkenntniswert hat.

In ihrer umfassenden Studie untersuchen sie im Rahmen des Modells "Silver" die Marktgröße, die verfügbaren Lagerbestände und den Fluss von Silber in der Gesellschaft. Es wird das Minenangebot auch in seiner Abhängigkeit vom Abbau der Haupterze Gold, Kupfer, Blei und Zink für rund 60 % der Silberfördermenge untersucht, die Dynamik der verbleibenden Silberreserven und jene der abnehmenden Erzgehalte. Das Modell kombiniert zudem den Silbermarkt und dessen Preismechanismus mit der Bevölkerungsdynamik, der Verbreitung von Silber und dem Recyclinggrad.

Die Ergebnisse dieses Modell werden dem bisher ganz überwiegend genutzten Modell von Hubbert gegenübergestellt. Während Hubberts Modell einen Zeitraum von 6000 v. Chr. bis 3000 n. Chr. untersucht, bezieht sich das Modell "Silver" auf den Zeitraum 1840 bis 2340.

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Auf der Basis dieser Daten schätzen die Wissenschaftler, dass sich die "ultimativ förderbaren" Silberreserven auf 2,7 – 3,1 Mio. Tonnen belaufen, wovon bereits 1,35 – 1,46 Mio. Tonnen gefördert wurden. Daraus ergibt sich ein geschätzter Zeithorizont für das Fördermaximum von Silber in der Spanne zwischen 2027 und 2038, wobei die beste Schätzung auf das Jahr 2034 fällt.

Nimmt man nun einen durchschnittlichen Konjunkturzyklus an, so wird deutlich, dass es bereits im nächsten Zyklus, der dann bis zum am ehesten erreichten Zeitpunkt der Peak-Silber-Schätzung (2027) reicht, eine Knappheit von Silber möglich wird.

Auslöser könnte etwa ein Technologiesprung bei der Elektromobilität auf der Nachfrageseite sein, aber auch eine Förderkostenexplosion durch deutlich höhere Ölpreise auf der Angebotsseite. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Verkettung der Silberförderung mit anderen Metallen das Förderrisiko erhöht, da es zusätzliche silberfremde Vorteilhaftigkeitsbedingungen für dessen Abbau schafft.

Silber als Geld

Zu den Einflussfaktoren, die wohl am meisten unterschätzt werden, gehört der Wert von Silber als Geld. Vor allem deshalb, weil damit gegen den Mainstream argumentiert wird. Der potenzielle Wertzuwachs von Silber (und Gold) entspricht dabei dem Wertverlust des spätestens seit der Abschaffung der Goldbindung des US-Dollars 1971 dominierenden Schuldgeldes (Fiatgeldes).

Die Wiederentdeckung von Silber als Vermögenswert mit Geldfunktion könnte also von einer Vertrauenskrise in Schuldgeld ausgelöst werden. Dies wäre dann der Moment, wenn Silber als "Wertanker" globaler Kapitalströme wiederentdeckt wird, weil entweder Deflation oder Inflation (oder beides) am Geldwert nagen.

Die fraktale Struktur des Silberpreises

Die Voraussetzung für dieses Szenario ist jedenfalls bereitet, denn durch die jahrelange Abwärtsbewegung wurde ein solides charttechnisches Fundament für die zukünftige Kursentwicklung gebildet. Der Silberchart in US-Dollar seit seinem Zyklushoch im April 2011 spricht sozusagen Bände.

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Vom Zyklushoch bei 49,83 USD bis zu dem folgenden Zyklustief bei 13,65 USD im Dezember 2015 verlor Silber 72,61 %. Dabei verringerte sich die Abwärtsdynamik bereits im Juni 2013, als die vorher bereits überwundene steile Abwärtstrendlinie den stärksten Abwärtsschub von April bis Juni 2013 bremste.

Daraufhin bildete sich ein verschachtelter, musterähnlicher (fraktaler) Boden aus, der in sich die Form eines Doppelbodens besitzt. Das Impulsmuster auf größter Skale (hellblaues Rechteck ab 2011) wiederholt sich dabei auf kleinerer Skale ab Juli 2016 und noch kleinerer seit Dezember 2018.

Der darauffolgende Anstieg seit Juli 2019 ist mit einiger Wahrscheinlichkeit der erste Schritt einer neuen mehrjährigen Aufwärtsbewegung, bei der die zuvor gebildeten Konsolidierungsmuster dadurch abgeschlossen werden, indem die Nackenlinien, also die horizontale Linie des jeweiligen Rechteckes, nach oben verlassen werden. Dies ist auf kleinster Skale (grünes Rechteck) bereits am 15.07.2019 geschehen.

Die nächste bedeutsame Nackenlinie ist das Zwischenhoch vom Juli 2016 bei 21,13 USD. Dessen Überschreiten würde die Interpretation eines großen Doppeltops bestätigen und als Zielkurs das alte Zyklushoch bei 49,83 USD implizieren. Ein Unterschreiten des Doppelbodens bei 13,90 USD vom 14.11.2018 allerdings würde diese Interpretation falsifizieren.

Der Silberchart hat also ein mehrjähriges fraktales Muster aufgebaut, welches als Startrampe für einen explosiven Preisanstieg dienen kann, der dann auch die Diskrepanz zwischen Nutzwert und Marktwert schließt.

Fazit

Die Geldgeschichte von Silber erhärtet die Vermutung, dass Silber vor einer Wiederentdeckung seines monetären Potenzials steht. Gleichzeitig ist ein globales Fördermaximum in Sicht, welches durch Innovationen oder Angebotsschocks eher erreicht werden könnte und ein Marktgleichgewicht nur bei deutlich höheren Preisen möglich macht.

Hinzu kommt eine schnell wachsende Anzahl weiterer Verwendungsmöglichkeiten in Medizin, Technik und Militär. Aus dieser Sicht ist Silber ein strategisches Edelmetall, was die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Hortung erhöht. Vor allem die hohe Kritikalität von Silber in der Industrie führt dort zu einer deutlich geringeren Preiselastizität der Nachfrage.

Das preisliche Gummiband des Gold-Silber-Ratios von aktuell 83,8 gegenüber einem Förderverhältnis von 9 bedeutet, dass hier aus Sicht der unelastischen Nachfrage ein potenziell prohibitives Preisänderungsrisiko besteht.

Silber wurde gerade wegen seiner stark wachsenden Anwendungsmöglichkeiten entmonetarisiert. Zuvor aber war es im Gegensatz zum Schuldgeld "ehrliches Geld". Sollte sich die Welt auch daran erinnern, dürften Silberinvestoren die besten Tage noch vor sich haben. Das charttechnische Fundament ist jedenfalls bereitet!

Jens Bernecker
Bernecker Research AG
www.berneckerresearch.de

Silber – Das unterschätzte Metall
Jens Bernecker (Bernecker Research AG) - War von 1990 bis 2018 als geschäftsführender Gesellschafter im Familienunternehmen Bernecker Verlagsgesellschaft mbH. Er sammelte nach seinem Studium an der University of Vermont, USA, welches er als Dipl. Volkswirt beendete, seine ersten Börsenerfahrungen an der New Yorker Wall Street im Brokerhaus Bear Stearns &  Co. Im Rahmen seiner Tätigkeit im Familienunternehmen fokussierte er seine Erfahrungen und Kenntnisse auf den Aufbau diverser digitaler Projekte in Kooperation mit Privatbanken (Bankverein Werther AG und Quirin Bank AG) und Softwareunternehmen.

Zudem begleitete er auch den Aufbau der Vermögensverwaltung Bernecker Portfolio & Trust AG in Zürich. Im Rahmen der Veränderungen im Finanzdienstleistungsbereich fokussiert er seine publizistischen Arbeiten auf Zukunftsbranchen & -sektoren sowie auf Anlagestrategien zum Kapitalerhalt bei der Bernecker Research AG.
Webseite des Autors:
www.berneckerresearch.de
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Kommentare [9]
  • von Sun Tse | 05.10.2019, 21:58 Antworten

    Die Annahme einer fraktalen Struktur im Silberchart ist schon ziemlich interessant... das erinnert mich an Benoit Mandelbrot's Buch ,,Fraktale und Finanzen''... darin schrieb er so was Ähnliches... und dass die Märkte weitaus riskanter seien, als es die Standardtheorie vermutet..

    Das, was in dem Artikel als kleinere Skale dargestellt wird, könnte die Verlangsamung der fraktalen Handelszeit nach Mandelbrot sein. Auf jeden Fall spannend.. und was Silber angeht: Spätestens, wenn die Fluchtwelle relativer Werterhaltung noch die letzten Ziele sucht, wird man auch Silber (wieder-) entdecken... oder wie war das bei Kostolany... Börsengewinne sind Schmerzensgeld: Erst kommt der Schmerz, dann kommt das Geld :-)

  • von Silber Nerd | 02.10.2019, 21:50 Antworten

    Danke für die Sachliche ausführung.
    Teile die Meinung jetzt ist Silber attraktiver als Gold. Leerverkäufe drücken bei beiden die Kurse. Interessant ist das der größte Leerverkäufer JP Morgan der größte Silberbesitzer der Welt mit 112 mio Unzen Silber. Sie drücken die Preise um günstiger zu Kaufen und über den Mainstream Medien lassen Sie verbreiten schlechte Anlage kein Zins keine Rendite. Wacht auf die Völker werden betuppt ohne Maßen

  • von Max G. | 30.09.2019, 00:25 Antworten

    Sehr interessante Ausführung, vor allem die Abgrenzung zu Gold. Denke, dass Silber konjunkturell gesehen auf 1-2 Jahre aussichtsreicher als Gold ist.

  • von Alexander B. | 28.09.2019, 23:06 Antworten

    Guter Artikel aber mir fehlt beim Silber aktuell die Perspektive bei den Zukunftstechnologien. Platin und Palladium finde ich da strategisch interessanter.

  • von Herbert48 | 27.09.2019, 23:40 Antworten

    Die Ausführung finde ich interessant und auch der Gedanke, dass Silber aus ganz anderen Perspektiven wieder eine renaissance auch als Wertspeicherfunktion erleben könnte. Die entsprechenden Eigenschaften und eine gewisse globale Akzeptanz wäre vorhanden. Es bleibt aber für sicher unklar wie sich die Fördermengen in den nächsten 10 Jahren entwickeln werden. Die Chartformation sieht in jedem Fall interessant aus und 2020 könnte spannend werden.

  • von Jens B. | 27.09.2019, 19:05 Antworten

    Das versuchte Hochjazzen der Preise zur Beförderung des eigenen Verkaufs war schon immer ein ungeeignetes Mittel.

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Handarbeit aus "Schwäbisch Sibirien"