Stand: 10.04.2021 von Hannes Zipfel
Nach einem Rückfall unter die Marke von 24 US-Dollar pro Unze Ende März konnte sich der Silberpreis wieder erholen und wichtige Chartmarken zurückerobern. Welche charttechnischen, psychologischen und fundamentalen Faktoren sprechen für eine Fortsetzung dieses Preistrends?
Silber sendet positive Zukunftssignale

Silber zeigt Stärke

Wie bei Gold zieht sich auch bei dem kleinen „Brudermetall“ Silber die Konsolidierung nach den starken Anstiegen im Frühling und Sommer des letzten Jahres viele Monate hin.

Zwar konnte Silber, anders als Gold, keine neuen Rekordpreise erreichen, dennoch konnten sich die Silberpreise auf dem erhöhten Niveau nach der starken Rallye von 2020 deutlich besser behaupten als die Goldpreise.

Silber vs. Gold 12 Monate im Vergleich

Silber, dass zur Hälfte in der Industrie verbraucht wird, profitierte sicher auch von der Rallye bei den Industriemetallen. So verteuerte sich der Kupferpreis auf Jahressicht um mehr als 80 Prozent (+80,55 %), der Preis für Eisenerz (Iron Ore) konnte sich in den letzten 12 Monaten sogar mehr als verdoppeln (+106 %).

Mit dem nun von der Biden-Regierung angekündigten Infrastrukturmaßnahmen für die USA in Billionenhöhe kommt zusätzlich Fantasie in die Preise für die Industriemetalle. Dazu gleich mehr.

Ein Sonderfaktor für Silber war zweifellos der zu Beginn dieses Jahres ausgebrochene Silber-Hype in den sozialen Börsennetzwerken wie „reddit“.

Kleinanleger versuchten via Schwarmbildung den Silbermarkt zu „Cornern“.

Dieses Unterfangen ist zwar zunächst nicht geglückt, da der Markt von der Dimension her zu groß ist, konnte aber die Notierungen des weißen Edelmetalls zumindest stabilisieren.

Im Zuge der Silber-Kampagne der Kleinanleger schoss die physische Nachfrage nach dem Metall, u. a. gehalten von Exchange Traded Funds (ETFs), förmlich durch die Decke. Erstmals überhaupt erreichten die Bestände aller weltweit erfassten Silber-ETFs mehr als 1 Milliarde Unzen.

In nur wenigen Tagen wuchsen die Silberberge in den Tresoren der ETFs zwischen Januar und Februar 2021 um über 120 Millionen Unzen an.

Aktuell haben sich die weltweiten Silber-ETF-Bestände wieder auf 959 Millionen Unzen zurückbildet, liegen damit aber immer noch knapp doppelt so hoch wie vor 2 Jahren (Quelle: Bloomberg).

Generell ist bei den Silber-ETFs ein stetiger Zustrom seit der Auflage der ersten dieser Anlagevehikel im Jahr 2006 zu verzeichnen. Anders als bei Gold sind die Bestände zudem stabiler und auch nach starken Zuflüssen verbleiben große Teile der neuen Metallbestände in den ETF-Tresoren, sofern physisch vorhanden (Quellen: Bloomberg, GFMS, The World Gold Council).

Positive Chartsignale

Seit dem 7. August 2020 konsolidiert der Silberpreis den vorherigen starken Anstieg seit dem 19. März 2020 aus.

Noch ist diese Konsolidierung nicht abgeschlossen.

Aber zumindest konnte der Silberpreis die wichtige türkisfarbene gleitende 200-Tage-Durchschnittslinie (SMA 200) wieder zurückerobern und über die obere Begrenzungslinie des kurzfristigen Abwärtstrendkanals nach oben ausbrechen.

Nach Norden haben die Notierungen nun erst einmal bis zur pinkfarbenen gleitenden 50-Tage-Durchschnittlinie und den auf etwa gleicher Höhe verlaufenden Schlusskurshöchstständen von Mitte März Luft (Horizontalwiderstand):

Silberpreis-1Jahr | Tageschart in US-Dollar pro Unze

Das Sentiment hat sich deutlich abgekühlt (Kontraindikator)

Eines hat die zähe Seitwärtsbewegung seit letztem Sommer gebracht: Die Euphorie ist aus dem Markt verschwunden und hat sich gemäß dem SentimentindikatorOptix Silber“ in den neutralen Bereich abgekühlt.

Vergleicht man die jetzige Konstellation zwischen dem Silberpreis und dem Stand des Optix Silber, dann ist von der Stimmungsfront her mehr Luft nach oben als im Sommer 2020, was das Potenzial neuer zyklischer Höchststände beim Silber eröffnet.

Silberoptimismus hat Luft nach oben

Der Stimmungsindikator „Silber Optix“ wird auf der Basis von Daten verschiedener Anbieter, z. B.

  • Bloomberg
  • Consensus
  • Market Vane 
  • etc. berechnet.

Er enthält neben Daten zur Positionierung am Termin- und OTC-Markt auch Umfragewerte unter Anlegern.

Nachdem im Sommer letzten Jahres Extremwerte erreicht wurden (exzessiver Optimismus), hat sich das Stimmungsbarometer signifikant in die neutrale Zone zurückgebildet.

Nachfragetreiber bei Silber

Historisch betrachtet kommt dem Silberpreis ein Umfeld mit steigender Inflation und physischen Nachfrageschüben nachhaltig zugute (Reflationierung der Wirtschaft).

Durch die massiven fiskalpolitischen Stimuli großer Staaten und supranationaler Organisationen, wie z. B. dem IWF, kommt es aktuell in Kombination mit anhaltend gestörten Lieferketten zu steigenden Preisen im Jahresvergleich bei nahezu allen Industrierohstoffen, Vorleistungsgütern, Konsumgütern und Dienstleistungen.

Gleichzeitig hat die Biden-Regierung ein weiteres auf zunächst 2,3 Billionen US-Dollar beziffertes Wiederaufbauprogramm für die USA angekündigt. Dieses soll bis zum Sommer alle legislativen Hürden nehmen und zu Beginn des Fiskaljahres 2021/2022 (jew. ab 1. Okt) starten und über zunächst acht Jahre laufen.

Die klassischen Gewinner von Infrastrukturmaßnahmen sind im Bereich der Metalle:

  • Eisenerz
  • Kupfer
  • Zink.

Aber auch Silber wird als bester elektrischer Leiter in vielen elektrischen Verbindungen als Kontaktstelle verwenden.

Zudem umfasst das „Build Back Better Plan“ von Biden mehr als nur klassische Straßen-, Schienen- und Brücken-Infrastruktur. Von anderen Bereichen des Programms kann Silber deutlicher und nachhaltiger profitieren:

Maßnahmen des US-Wiederaufbauprogramms, die Silber zugutekommen:

  1. Aufbau einer modernen Infrastruktur

  2. Technologiesprung in der US-Automobilindustrie

  3. Kohlenstoffemissionsfreier Energiesektor (bis 2035)

  4. Investitionen in die Energieeffizienz von Gebäuden

  5. Ausbau der regenerativen Energien

Bedingt durch die zunehmende Elektrifizierung von Fahrzeugen, nicht nur beim Antrieb, erwarten die Analysten von Metals Focus nach dem Rückgang wegen der Lock-Downs im Jahr 2020 eine schnelle Erholung der Nachfrage mit sich fortsetzenden zweistelligen Wachstumsraten.

Silbernachfrage in der Automobilindustrie

Im Bereich der regenerativen Energie kommt Silber in Solarspiegeln, Solarplatten, Stromkontakten und Batterien zum Einsatz. Bei der Gebäudeisolierung werden in heißen Regionen mit hoher Sonneneinstrahlung Fenster mit silberhaltigen Schutzschichten überzogen, um die Innenräume kühl zu halten.

Fazit und Ausblick

In Anbetracht des schmalen Grats zwischen Förderungs- und Verarbeitungsmenge bei Silber ist jeder starke Nachfragetrend perspektivisch eine signifikante Unterstützung für weiter Preisanstiege.

Berücksichtigt man dazu noch die Erfahrungen der letzten 12 Monate, in denen Investoren auf den Silberzug mit aufsprangen und die Nachfrage nach physischem Metall stark erhöhten, dann sollten bei erneut positivem Kursmomentum erneut schnelle Preisanstiege möglich sein.

Der wichtigste Belastungsfaktor, die steigenden Realzinsen in den USA, läuft nun aus, da die Zinsen der Inflationserwartung stark vorgelaufen waren, die Inflationsstatistik aber erst jetzt beginnt, die steigende Inflation anzuzeigen, was den realen Zins erneut nach unten drückt.

Diese Entwicklung war beispielsweise in Deutschland nach der Veröffentlichung der letzten Inflationsdaten (HVPI) sichtbar.

Die steigende Verschuldung der Staaten, wieder sinkende Reals-Zinsen, Zusatznachfrage durch billionenschwere Infrastrukturprogramme sowie ein wieder konstruktiver werdendes Chartbild bilden in Ergänzung mit einer deutlich abgekühlten Euphorie und einer (künstlichen) Erholung der Konjunktur eine gute Grundlage für weiter steigende Silberpreise.
Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von liberal-konservativer R. | 17.04.2021, 01:25 Antworten

Das Gold des kleinen Mannes scheint mir zum Sparen nachhaltiger, weil es für schwarz-grüne Projekte tatsächlich nachhaltig ge- oder ver-braucht wird.
Und zu den verbogenen Anlage-Richtlinien öffentlicher Institutionen: Gold und Silber ist eben nicht spekulativ, sondern dient dem "nachhaltigen" Erhalt der Kaufkraft.

1 Antwort an liberal-konservativer R. anzeigen

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