Stand: 19.08.2014  2 Kommentare

Die morgendliche Telefonkonferenz zählte zu den ältesten Ritualen der Finanzbranche, die es ins 21. Jahrhundert geschafft hatten: Seit 117 Jahren wurde an jedem Londoner Börsentag der Silberpreis mündlich in einer Runde eingeschworener Geldhäuser festgelegt. Doch damit ist wegen der anhaltenden Manipulationsvorwürfe jetzt Schluss: Seit Freitag wird der Silberpreis internetgestützt ermittelt - ein Modell auch für den Goldpreis?

Der Referenzkurs für Silber über Gewinne und Verluste von privaten und institutionellen Edelmetallbesitzern sowie Rohstoffeinkäufern in der Industrie - trotzdem unterlag er seit 117 Jahren praktisch keiner Kontrolle. Und nachdem in den vergangenen Jahren zu viele Beispiele für die Manipulation von grundlegenden Referenzwerten wie beispielsweise dem Libor-Zinssatz, Devisenkurse oder Gold und Silber an die Öffentlichkeit gedrungen waren, war eine Modernisierung der Preisfindung auf dem Edelmetallmarkt aus Sicht der meisten Marktbeobachter dringend überfällig.

Preisfindung per Auktion

Am Freitag, den 18.08.2014, war es dann soweit - an diesem Tag wurde der Preis für Silber erstmals elektronisch ermittelt und mit einer neuen Technik auf 19,86 US-Dollar festgesetzt. Die Silberpreisfindung wurde durch ein elektronisches Verfahren ersetzt, bei dem der Silberpreis wie in einer Auktion festgesetzt wird. Dabei stellen der Finanzdatendienstleister Thomson Reuters und das amerikanischen Börsenunternehmen Chicago Mercantile Exchange zur gewohnten Zeit um 12 Uhr einen Referenzwert für Silber bereit, die London Bullion Market Association (LBMA) koordiniert das Verfahren.

Und das Interesse an der Silberpreisauktion ist groß: Die Credit Suisse hat bereits angekündigt, beim neuen Verfahren dabei zu sein. Die UBS prüft einen entsprechenden Schritt. Wenn diese und andere Banken folgen, wird die Preisermittlung auf eine breitere Basis als bisher gestellt und transparenter ablaufen.

Das Ende des herkömmlichen Silberpreisfixings war bereits länger absehbar. Nachdem Behörden in mehreren Ländern, darunter in den USA, Untersuchungen wegen möglicher Manipulationen an den Zins- und Devisenmärkten eingeleitet hatte, zog sich mit der Deutschen Bank im Mai dieses Jahres ein wichtiger Akteur aus der täglichen Telefonkonferenz zurück. Es blieben die Finanzinstitute HSBC sowie die Bank of Nova Scotia - der Platz der Deutschen Bank blieb trotz mehrerer Versuche, einen Nachfolger zu finden, unbesetzt.

Manipulationsverdacht setzt Banken unter Druck

Viele Marktbeobachter erwarten, dass die Zeit des klassischen "Fixings" nicht nur für den Silberpreis zu Ende ist - die Preisfestlegung auf dem Goldmarkt dürfte schon bald bevorstehen. Immerhin steht der Goldmarkt noch stärker als der Silbermarkt unter Manipulationsverdacht. Tiefgreifende Reformen im Handel mit Edelmetallen waren also dringend nötig. Hinter den Kulissen werden bereits Modelle nach dem Vorbild der Silberauktion auch für Gold durchgespielt, die ebenso als Grundlage für die Festlegung der Richtpreise für andere Edelmetalle wie Platin oder Palladium dienen können. Die Finanzbranche kämpft auch auf dem Edelmetallmarkt um verloren gegangenes Vertrauen - die Berichte über mögliche Metallpreismanipulationen hatten viele Anleger aufgeschreckt und die Geldhäuser unter Druck gesetzt. Sie fürchten Milliardenstrafen in den USA, wo mehrere Banken von geschädigten Anlegern verklagt wurden.

Auffällige Preisbewegungen am Vormittag

Weltweit sind den möglichen Preismanipulationen auf dem Gold- und Silbermarkt viele Experten auf der Spur - in Deutschland hat sich beispielsweise der Analyst Dimitri Speck einen Namen mit aufwändigen Untersuchungen gemacht. Speck hat bestimmte Auffälligkeiten im Kursverhalten entdeckt. Seit einigen Jahren sind nach seinen Untersuchungen beispielsweise gehäuft schockartige Preisrückgänge zu beobachten, so gerät der Goldpreis auffallend oft beispielsweise um 10 Uhr New Yorker Zeit stark unter Druck. Speck geht nicht davon aus, dass es sich hierbei um Zufälle handelt. Er bezeichnet diese Preisbewegungen als "Intraday-Anomalien". Bevor die systematische Interventionen des Goldpreises begannen, gab es nach seinen Recherchen im Tagesverlauf keine solchen systematischen Auffälligkeiten.

Auch die Rolle des Edelmetallpreis-Fixings in London stand in den vergangenen Jahren wiederholt im Fokus von Untersuchungen. So hat sich beispielsweise die Beratungsgesellschaft Fideres die Goldpreise von Januar 2010 bis Dezember 2013 genau angeschaut. Ihr Ergebnis: Möglicherweise war jeder zweite in London festgestellte Goldpreis in diesem Zeitraum manipuliert. Die Beratungsgesellschaft kann merkwürdige Preisbewegungen nachweisen, die auf Absprachen unter den fünf Fixing-Banken hindeuten. So steigt oder fällt der Goldpreis häufig zu Beginn der Konferenz, um dann beinahe exakt zum Ende der Konferenz in die jeweils entgegen gesetzte Richtung zu steuern. Auch die New York University hat die Entwicklung des Goldpreises analysiert - und ab 2004 eine Häufung verdächtiger Preisbewegungen festgestellt, besonders während der Fixing-Konferenzen.

Anleger-Reaktion: Keine Panik vor den Preis-Manipulationen

Experten wie Dimitri Speck raten Anlegern angesichts der Manipulationen zu Vorsicht und Geduld. Zwar wirke die Vorstellung, dass der Goldpreis beinahe beliebig manipuliert werden kann, als Gefahr für Privatanleger. Sie können die Kenntnis um diese Manipulation nach Ansicht von Dimitri Speck jedoch nutzen und Rückschläge, wie sie auch in den letzten Tagen immer wieder vorgekommen sind, zum Ausbau ihrer Goldbestände nutzen. Zudem werde es künftig komplizierter werden, die Edelmetallpreise zu manipulieren - nicht zuletzt wegen des öffentlichen Interesses an starken Preisnachlässen. Außerdem ist nach Einschätzung von Dimitri Speck auffällig, dass die Manipulatoren schwerpunktmäßig die Terminmärkte und blitzartigen Preisschocks nutzen. Physisches Material durch Verleihungen stellen sie nur noch phasenweise, wie in der Finanzmarktkrise 2008, zur Verfügung. Tatsächlich wechselt also, wenn der Goldpreis einbricht, kaum physisches Gold den Besitzer. Wer seine Münzen und Barren behält, bleibt also auf der sicheren Seite.

Du hast eine Meinung dazu? Her damit!
Sicherheitsfrage: wie viele Münzen siehst du?
Fragen über Fragen
Ich stimme zu, dass mein Kommentar zur Veröffentlichung auf gold.de gespeichert wird. Du kannst deine Einwilligung jederzeit per Mail an info@gold.de widerrufen. Hier findest du unsere Datenschutzerklärung.
Kommentare [2]
  • von paul | 11.09.2014, 14:18 Antworten

    der goödpreis sollte schnellstens folgen.bevor die us die totale macht babenbanken

  • von Silver | 19.08.2014, 23:35 Antworten

    Eine Lachnummer,die "Preisfestsetzung"
    Wie wäre es mit Angebot und Nachfrage??
    Demnach würden die Preise anders aussehen!
    Silber ist industriell/als EM sehr gefragt und wird in Zukunft noch stärker gefragt sein,siehe Anwendungsbereiche...
    Der Preis von Silber ist (noch) lächerlich >>zugreifen+liegen lassen

Copyright © 2009-2019 by Gold.de - Alle Rechte vorbehalten

Konzept, Gestaltung und Struktur, sowie insbesondere alle Grafiken, Bilder und Texte dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt. Missbrauch wird ohne Vorwarnung abgemahnt. Alle angezeigten Preise in Euro inklusive MwSt. (mit Ausnahme von Gold), zzgl. Versandkosten, sofern diese anfallen. Verfügbarkeit, Abholpreise, Goldankauf und nähere Informationen über einzelne Artikel sind direkt beim jeweiligen Händler zu erfragen. Alle Angaben ohne Gewähr.

Handcrafted with in Baden-Württemberg, Germany