Gold: 1.721,70 € -0,81 %
Silber: 20,44 € -0,75 %
Stand: 11.05.2022 von Hannes Zipfel
Seit Mitte April hat sich der Silberpreis deutlich verbilligt. Nun sind die Notierungen auf einem Kursniveau angekommen, das charttechnisch von hoher Relevanz ist. Kann der Preis hier nach oben drehen oder überwiegt die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Rückgangs?
Silberpreis an kritischer Marke

Wichtige Unterstützungszone erreicht

Noch am 18. April notierte der Silberpreis bei knapp 26 US-Dollar pro Unze (25,86 US$/Unze). Anschließend verbilligte sich die Kurse am Spot-Markt zügig bis zum Dienstag dieser Woche um in der Spitze 4,70 US$ pro Unze bzw. 18,2 Prozent. Aktuell notiert der Kurs am Spot-Markt bei 21,29 US$ pro Unze.

Im Zuge des jüngsten Preisrückgangs touchierten die Notierungen die Tiefststände aus dem September und Dezember 2021. Die daraus resultierende Unterstützungslinie hat vorerst gehalten und der Silberpreis kann sich zumindest kurzfristig leicht erholen.

Die nächste Unterstützung befindet sich bei ca. 20,75 US$ auf dem Niveau des 50-Prozent-Fibonacci-Retracements. Darunter bietet die Marke um 18,57 US$ eine massive Unterstützung resultierend aus dem wichtigen 61,8-Prozent-Retracement. An diesem Punkt hätte der Silberpreis 61,8 Prozent der vorherigen Aufwärtsbewegung zwischen März 2020 und Februar 2021 korrigiert.

Die drei wichtigsten Korrekturniveaus (Fibonacci-Retracements) liegen bei 38,2 Prozent, 50 Prozent und 61,8 Prozent. Hintergründe und weiterführende Informationen zur Chartanalyse mittels Fibonacci-Levels finden Sie hier.

Silberpreis Chart US-Dollar pro oz

Positiv ist aktuell zu werten, dass die Oszillatoren Stochastik und Relative-Stärke-Index (RSI) sich bereits im klar „überverkauften“ Terrain befinden und somit Potenzial für eine deutliche Gegenbewegung vorhanden ist.

Hauptdruck vom US-Terminmarkt

Dieses Potenzial wird auch vonseiten der Terminmarktanalyse gestützt, wo sich das „Open Interest“, also das Gesamtengagement der Spekulanten (schwarze Linie im Chart, „OI“) bereits deutlich zurückgebildet hat.

Gleichzeitig haben die großen und kleinen Spekulanten (grüne und blaue Linie im Chart) ihre Wetten auf steigende Silberkurse deutlich reduziert, was als Kontraindikation positiv zu werten ist.

Der COT-Index (rote Linie ganz unten im Chart) gibt mit 82 Punkten bereits ein klares Kaufsignal ab.

In dem folgenden Multi-Chart sind die von der US-Aufsichtsbehörde CFTC erhobenen COT-Daten bis zum 3. Mai 2022 enthalten. Der jüngste Abverkauf bei Future-Kontrakten auf Silber dürfte den Terminmarkt noch weiter bereinigt haben. Aktuelle COT-Daten erscheinen am Freitagabend um 21:30 Uhr MESZ (Quelle: insider-week.com):

Aktuelle COT-Daten Silbernachfrage

Am physischen Markt zeigt sich die Silbernachfrage derweil robust, wie Daten der Münzprägeanstalten in den USA, Kanada, Australien und Österreich zeigen, wenn auch etwas niedriger als im März dieses Jahres.

Silberpreis leidet unter Doppelbelastung

Silber verbilligte sich in den letzten Wochen zusammen mit nahezu allen Vermögenspreisen. Das weiße Edelmetall leidet als klassisches Zwittermetall (Industriemetall und monetäres Edelmetall) unter der Kombination aus konjunktureller Unsicherheit sowie dem geldpolitischen Straffungskurs der US-Notenbank (Fed), was den US-Dollar gegenüber unverzinsten Anlagen attraktiver erscheinen lässt.

Straffungskurs der US-Notenbank (Fed), Vergleich US-Dollar gegenüber Gold & Silber

Solange die Fed die Zinsen weiter anhebt und Liquidität aus den Finanzmärkten abzieht sowie gleichzeitig die Industrienachfrage konjunkturbedingt leidet, bleibt der Silberpreis unter Druck.

Da sich an den Märkten allerdings im Zuge der extrem laxen Geldpolitik in den letzten Jahren, speziell seit Ausbruch der Corona-Krise, Blasen bei Aktien-, Immobilien- und Anleihepreisen gebildet haben, besteht die große Gefahr, dass es zu starken Verwerfungen an den Märkten für diese Vermögenswerte kommt, wenn die Fed mit ihrem Straffungskurs fortfährt.

Ab Juni soll die auf knapp 9 Billionen US-Dollar aufgeblähte Bilanzsumme der US-Notenbank um monatlich 95 Milliarden US-Dollar reduziert werden.

Gleichzeitig ist für den 15. Juni die nächste Zinsanhebung um 0,5 Prozentpunkte geplant („großer“ Zinsschritt).

Kommt es zu weiteren, sich noch verstärkenden Preisrückgängen speziell bei Aktien, wäre die Fed gezwungen, das auf steigende Vermögenspreise und billige Kredite angewiesene Wirtschaftswachstum erneut mit sinkenden Zinsen und massiver Geldmengenausweitung via Anleihekäufe zu stabilisieren. Andernfalls drohen eine tiefe Rezession und systemische Risiken im Finanzsystem.

So, wie dies bereits nach dem Platzen der New-Economy-Blase ab dem Jahr 2000, dem Platzen der Immobilienblase ab dem Jahr 2008 und während der Corona-Pandemie der Fall war.

In der Folge reagierte die Fed jedes Mal mit „Rettungs-Stimulation“, die einer 180-Grad-Wende der aktuellen Geldpolitik gleichkäme. In allen drei Krisen stieg der Silberpreis nach vorherigen Abverkäufen ab dem Zeitpunkt der Fed-Interventionen massiv an.

Da sich große Teile der Aktienmärkte bereits offiziell in einem „Bärenmarkt“ befinden und die Gemengelage ein hohes Crash-Potenzial beinhaltet, könnte die geldpolitische Rolle rückwärts noch in diesem Sommer erfolgen.

Aktienblase beginnt zu platzen - FED hat nicht viel Spielraum

Wenn dann die Inflationsrate, v. a. die für die Fed relevante Kernrate, nach wie vor weit über der Zielmarke von 2 Prozent liegt, würde es eine für den Silberpreis ideale Gemengelage aus erhöhter Inflation und erneut laxer Geldpolitik geben.

Aktuelle Daten von heute weisen eine Kern-Inflationsrate in den USA für April von 6,2 Prozent aus.

Fazit und Ausblick

Der momentan dynamische Preisrückgang ist, wie so oft zuvor, hauptsächlich durch Verkäufe am US-Terminmarkt bedingt. Doch das weitere Bereinigungspotenzial hat sich nach dem jüngsten Abverkauf deutlich vermindert.

Maximales Korrekturziel ist aus heutiger Sicht das 61,8-Prozent Fibonacci-Retracement bei 18,57 US$ pro Unze. Das würde auf US-Dollar-Basis kurzfristig weiteres Verbilligungspotenzial von knapp 13 Prozent bedeuten.

Bis zum Umschwenken der Fed bleibt das Umfeld für Silber auf jeden Fall schwierig und ein Anlaufen des 61,8er Fibonacci-Retracements das Szenario mit der höheren Wahrscheinlichkeit.

Für Anleger in physischem Silber bedeutet dies, sich in Geduld zu üben. Bereits erste verbale Signale der Fed eines Umsteuerns würden den Silberpreis stark unterstützen.

Auch deshalb, weil der Markt schon jetzt deutlich „überverkauft“ ist und viele technische Indikatoren klare Kaufsignale abgeben.
Autor: Hannes Zipfel
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