Gold: 1.729,98 € -0,02 %
Silber: 19,80 € -0,03 %
Stand: 23.06.2022 von Hannes Zipfel
Charttechnisch sieht der Preis des weißen Edelmetalls aktuell angeschlagen aus. Die industriellen Abnehmer, die fast 50-Prozent der Silbernachfrage ausmachen, sind zudem mit konjunkturellen Risiken konfrontiert. Doch es gibt auch vier helle Lichter am Ende des Tunnels beim Silberpreis.
Silberpreis will noch mal kurz runter

Die große Bedeutung des 61,8er Fibonacci-Levels für den Silberpreis

Der Durchbruch der gleitenden 50-Tage-Durchschnittskursline unter die 200-Tageline (siehe roter Kreis im Chart unten) war schon ein schlechtes charttechnisches Signal. Dazu gesellt sich nun noch eine kurzfristige Top-Bildung (roter Bogen im Chart). Außerdem steuert der Silberpreis nun zum dritten Mal seit Mitte Mai dieses Jahres auf das 50-Prozent-Fibonacci-Retarcement zu (Korrekturlevel der vorherigen gesamten Aufwärtsbewegung).

Silberpreis pro Unze in Us-Dollar

Die Oszillatoren Relative-Stärke (RSI) und Stochastik befinden sich aktuell im neutralen Bereich.

Sollte der Silberpreis unter das 50-Prozent-Fibonacci-Level (horizontale Unterstützungslinie) bei ca. 20,77 US$ fallen, wäre der Weg nach unten bis auf das bedeutendste Retracement, den 61,8 Prozenter („Goldener Schnitt“) auf ein Kursniveau von ca. 18,60 US$ pro Feinunze (31,1 Gramm) frei.

Das entspräche vom jetzigen Kursniveau aus nochmals einer Verbilligung um knapp 13 Prozent auf US-Dollar-Basis.

Infobox Fobonacci-Retracements

Die Zahl des Goldenen Schnittes (1,618 bzw. 61,8 Prozent) wird auch als „Phi“ bezeichnet. Die Theorie des Goldenen Schnittes wurde erstmals von Euklid aufgestellt (ca. 360-280 v. Chr.).

Der Goldene Schnitt ist eine seit der Antike bekannte Gestaltungsregel und bezeichnet das Teilungsverhältnis zweier Größen zueinander. Diese Teilung gilt als ausgewogenes Leitmaß und wird vom Menschen als besonders harmonisch empfunden. Der Goldene Schnitt kommt in der Natur, im menschlichen Körper, in der Kunst, der Architektur und der Typografie vor.

Im Jahr 1202 hat der Mathematiker Leonardo Fibonacci, der auch Namensgeber der Zahlenfolge ist, ein Verhältnis definiert, das sich der Zahl Phi weitestmöglich annähert. In der Natur ist diese Zahlenfolge überall zu finden – etwa im Wachstum von Kaninchenpopulationen oder in der Anordnung von Blättern und eben auch bei Börsenkursen.

Auch auf die Währung kommt es an

In Euro gerechnet könnte das oben genannte Korrekturpotenzial bis runter auf den „Goldenen Schnitt“ deutlich geringer ausfallen, da die Gemeinschaftswährung aktuell wegen der anhaltend ultralaxen Rettungspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) trotz hoher Inflationsraten im Euroraum gegenüber dem US-Dollar deutlich zur Schwäche neigt. Das macht sich in der Wertentwicklungen des Silbers in den beiden unterschiedlichen Währungen bemerkbar:

Silberpreis US-Dollar vs Silberpreis Euro

Erholt sich die Industrienachfrage?

Anders als bei Gold lohnt sich bei den industriell stark nachgefragten Weißmetallen, also v. a. Silber Platin und Palladium, auch immer ein Blick auf die Angebots- und Nachfrageseite:

Bei Silber saugt die Industrie mit 49,0 Prozent fast die Hälfte des gesamten jährlichen Angebots auf (Quelle: The Silver Institute, „Silver Survey 2022“ Seite 7):

Aufteilung der Silobernachfrage

Schaut man hier in die Details, dann fällt die positive Divergenz zwischen der Angebots- und Nachfrageentwicklung auf. Zumindest, wenn man den Prognosen Analysten glaubt, die v. a. mit dem Ende der Lockdowns, also einer Normalisierung in der verarbeitenden Industrie in diesem Jahr argumentieren.

So soll das Angebot in 2022 um lediglich 3 Prozent von 997,2 Mio. Unzen auf 1,03 Mrd. Unzen ansteigen, während die Nachfrage mit 5 Prozent auf 1,1 Unzen stärker zulegen soll (siehe grüner Pfeil in der Tabelle).

Silber Angebot und Nachfrage

Würde sich dieses prognostische Kernszenario der Analysten von Metals Focus erfüllen, dann gäbe es in diesem Jahr erneut ein Angebotsdefizit (in Höhe von 96,5 Mio. Unzen Silber). Und dabei ist schon ein Rückgang der Investitionen in Silber-Anlageprodukten (ETPs) um 62 Prozent mit einkalkuliert.

In diesem Bereich kann es speziell im zweiten Halbjahr aber zu positiven Überraschungen kommen, nachdem die Zuströme in die ETPs schon im letzten Jahr um 80 Prozent rückläufig waren.

Von einer Spekulations-Blase kann man hier also nicht sprechen.

Insgesamt halten sich die weltweiten Silber-ETP-Bestände in Tonnen trotz der seit 18 Monaten fallenden Silberpreise recht stabil und nahe des Rekordhochs aus dem Januar 2021. Physische Silberinvestoren gelten als sehr treu und mit einem längerfristigen Anlagehorizont ausgestattet.

Silber ETP Bestände

Und immer wieder der Terminmarkt

Der kurzfristig wohl wichtigste Einflussfaktor für die Entwicklung beim Silberpreis ist die Lage am Terminmarkt. Und hier speziell am dominierenden Handelsplatz für Silber-Terminkontrakte an der Comex im World Financial Center in Manhattan, wo ein Vielfaches des tatsächlich geförderten Silbers in Form von elektronischen Kontrakten gehandelt wird.

Sichtbar wird die Terminmarktstruktur anhand der Statistiken der US-Aufsichtsbehörde CFTC (Commodity Futures Trading Commission), dem sogenannten „COT-Report“ (Commitments of Traders Report), der jeweils Freitags um 21:30 MESZ mit dem Datenstand nach Handelsschluss vom Dienstag der jeweiligen Woche veröffentlicht wird.

Dieser COT-Report zeigt, dass die großen und kleinen Spekulanten ihre Wetten aktuell auf steigende Notierungen des weißen Edelmetalls weiter reduziert haben (grüne und blaue Linie im folgenden Chart). Dies gilt im Sinne der Kontraindikation als positiv (wer nicht mehr im Markt ist, der kann auch nichts mehr verkaufen).

COT Report Silber

Gleichzeitig befindet sich die Gesamtzahl aller offenen Termin-Kontrakte (Open Interest, „OI“, schwarze Linie) nach wie vor auf einem sehr niedrigen Niveau, was ebenfalls gegen eine Blasensituation spricht, wie man sie an vielen anderen Märkten noch beobachten kann.

Der als Trading-Indikator gut geeignete COT-Index gibt mit einem Maximalwert von 100 Punkten bereits ein klares Kaufsignal ab.

Fazit und Ausblick

Abgesehen von dem angeschlagenen Chartbild bei Silber präsentieren sich sowohl die physische Nachfrage aus der Industrie und vonseiten der Investoren als auch die Terminmarktstruktur stabil bzw. positiv.

Wobei das Kaufinteresse aus dem verarbeitenden Gewerbe wesentlich vom weiteren Konjunkturverlauf abhängt und somit de facto am seidenen Faden hängt, solange die Zentral- und Notenbanken immer stärker auf das Bremspedal treten.

Zu erwähnen wäre noch, dass ab Ende nächster Woche gemäß der langjährigen Durchschnittsbetrachtung und bedingt durch die Bestellungen aus den Kunstschmieden im Vorfeld des Weihnachtsgeschäfts auch die Saisonalität wieder für den Silberpreis spricht:

Silber saisonale Nachfrage

Die Saisonalität wurde in der Vergangenheit jedoch in ihrer Bedeutung oft durch übergeordnete Einflussfaktoren, wie z. B. die Geldpolitik oder die Konjunktur, relativiert.

Daher ist es wahrscheinlich, dass die Silberpreise in US-Dollar zunächst von der strafferen Geldpolitik, der Konjunkturschwäche und dem stärkeren US-Dollar belastet bleiben.

Sowohl steigende Nominalzinsen als auch die sinkende Marktliquidität können zu einem nochmaligen Rücksetzer bei den Rohstoffpreisen generell führen. Bis, und das ist systembedingt unausweichlich, die Notenbanken erneut in den expansiven Modus Umschalten müssen, um einen erneuten Beinahe-Kollaps des Finanzsystems und der überschuldeten Realwirtschaft abzuwenden.

Es könnte also zu einer synchronen Entwicklung kommen, die den Silberpreis kurzfristig nochmals konjunkturell und gleichzeitig liquiditätsbedingt unter Druck setzt, bis wiederum der Druck auf die Notenbanken so groß wird, dass diese erneut gezwungen sind, schnell und hart geldpolitisch umzusteuern.

Das dürfte vor allem die mengenmäßig für die Silberpreisentwicklung wichtige Industrie- und v. a. ETP-Nachfrage positiv beeinflussen. Aber auch die stark spekulativ getriebene Terminmarkt-Nachfrage. Denn zu diesem Zeitpunkt wäre der Terminmarkt komplett für eine Mega-Hausse bereinigt.

Charttechnisch wäre vermutlich synchron die Korrektur des vorherigen Abstiegs bis auf den „Goldenen Schnitt“ (61,8er Fibonacci-Level) auskorrigiert und der wesentlichste Bremsfaktor, die restriktive Geldpolitik, würde durch das Gegenteil (eine expansive Geldpolitik) als Kurstreiber ersetzt werden.

Die vier Lichter am Ende des Tunnels sind also nicht die Beleuchtung eines entgegenkommenden Zuges, sondern Vorboten einer guten Entwicklung beim Silberpreis im Spätsommer und Herbst dieses Jahres.

Autor: Hannes Zipfel
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