Stand: 06.09.2021 von Hannes Zipfel
An diesem Donnerstag tagt der Rat der Europäischen Zentralbank zur weiteren Geldpolitik. Mit dabei ist auch der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann. In Anbetracht der höchsten Inflationsrate hierzulande seit fast drei Jahrzehnten warnt er vor einer Fortsetzung der Gelddruckorgie. Doch seine Stimme hat kaum Gewicht. Die EZB kann wegen der hohen Verschuldung vieler Mitgliedsstaaten und der abflauenden Wachstumsdynamik auf die Geldwertstabilität keine Rücksicht nehmen.
Stagflation: Super-GAU für die EZB

Ausnahmezustand für die europäische Geldpolitik

Das höchste Gut einer Zentralbank in einem de facto ungedeckten Geldsystem ist Vertrauen. Doch wenn Geldpolitiker mit einer Gemengelage konfrontiert sind, in der sie ihr vordringlichstes Mandat, die Wahrung der Geldwertstabilität, nicht mehr umsetzen können, dann droht genau dieses Vertrauen abhandenzukommen.

Bereits jetzt ist die von der Europäischen Zentralbank (EZB) herausgegebene Währung, der Euro, durch Forderungen immer schlechter werdender Qualität in Form von Staatsanleihen überschuldeter Mitgliedsstaaten auf der Bilanz der EZB gedeckt. Nun bekommt der Euro für alle Wirtschaftssubjekte spürbar auch noch die Kaufkraftschwindsucht. Für Deutschland bedeutet dies konkret eine offizielle Jahresinflation bei den Verbraucherpreisen von 3,9 Prozent, in der Eurozone von aktuell 3,0 Prozent.

Parallel dazu flacht das Wirtschaftswachstum bereits wieder ab: Frühindikatoren wie der ifo-Index oder die europäischen Einkaufsmanagerindizes reagieren negativ auf Lieferengpässe, steigende Einkaufspreise und Produktionsstillstände. Es droht die Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation und Inflation (Stagflation). Daraus ergibt sich für die EZB eine gefährliche Zwickmühle.

Die Wahrscheinlichkeit, dass weder Griechenland noch Zypern, Portugal oder Italien jemals ihre Schulden bei der EZB werden zurückzahlen können, tendiert gegen null. Doch die EZB kauft immer mehr dieser reinen "Hoffnungsanleihen" und gibt im Gegenzug neue Euro heraus. Deren Qualität verschlechtert sich dadurch ebenfalls permanent weiter. Die EZB tut dies aus ihrer Sicht gezwungenermaßen, um die Existenz der Eurozone und damit ihre eigene Existenz zu sichern. In der Pandemie hat sich dieser Trend zur Selbstrettung nochmals verschärft. Allein durch das Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) wollen die Geldpolitiker vom 26. März 2020 bis zum 31. März 2022 netto 1.850 Milliarden Euro neu in Umlauf bringen und im Gegenzug vor allem europäische Staatsanleihen als Sicherheiten aufkaufen.

Zusätzlich dazu spucken die digitalen Notenpressen der EZB in der Sonnemannstraße am Frankfurter Ostend jeden Monat im Rahmen des Asset Purchase Programme (APP) netto 20 Milliarden Euro aus. Insgesamt überflutet die EZB die Eurozone monatlich mit netto 120 Milliarden Euro frischen Geldes. Dennoch verliert die Wirtschaft der Euro-Zone deutlich an Dynamik, wie die Daten in dieser Woche wohl erneut eindrucksvoll bestätigen werden. Gleichzeitig springt die Inflationsrate auf Niveaus, die seit Jahrzehnten nicht mehr zu erleiden waren.

Bisher war die Finanzierung der Staatshaushalte in der Eurozone und die Unterstützung der Wirtschaft durch die bereits seit der Finanzkrise andauernde laxe Geldpolitik noch kein essenzielles Problem. Die Nebenwirkungen der Gelddruckorgie in Form von Zinsschwund und Mietenexplosion in Folge der Immobilienblase wurden zwar wahrgenommen, waren aber noch nicht existenzbedrohend. Doch mit den explodierenden Konsumentenpreisen trifft es nun vor allem Bürger mit geringen Einkommen sehr hart. Die Kosten für Energie, Lebensmittel, Hygieneartikel, Transport und Dienstleistungen steigen spürbar und die Realeinkommen sinken im Gegenzug deutlich.

Eine Linderung des Inflationsdrucks ist nicht in Sicht. Die vorlaufenden Preisindikatoren lassen eine Verschärfung der Lage bis weit in das Jahr 2022 hinein erwarten: Die Importpreise in Deutschland stiegen zuletzt um 15 Prozent gegenüber Vorjahr und um 2,2 Prozent gegenüber dem Vormonat an. Die Erzeugerpreise erhöhten sich im August auf Jahresbasis um 10,4 Prozent und um 1,9 Prozent auf Monatsbasis. Das sind die höchsten Werte seit Mitte der Siebzigerjahre.

Der Vertreter im EZB-Rat und Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann fand daher nun deutliche Worte und trat Überlegungen entgegen das PEPP über den Stichtag 31. März 2022 hinaus unter anderem Namen zu verlängern. Am vergangenen Mittwoch sagte er in einer Rede zur geldpolitischen Lage:

Aus gutem Grund steht das erste P in PEPP für pandemisch und nicht für permanent.

Doch die Stimme Weidmanns im EZB-Rat hat kaum Gewicht. Der Rat setzt sich aus sechs Mitgliedern des Direktoriums und den 19 Präsidenten der nationalen Zentralbanken der Mitgliedstaaten des Eurosystems zusammen. Die Staaten mit erhöhtem Refinanzierungsbedarf aufgrund chronischer Überschuldung verfügen über die Stimmenmehrheit im Rat. Eine Abkehr der indirekten Staatsfinanzierung durch die EZB ist daher auch bei dem Treffen am kommenden Donnerstag trotz dynamisch erodierender Geldwertstabilität unwahrscheinlich. Es ist eher zu erwarten, dass die Präsidentin der EZB, Christine Lagarde, erneut versuchen wird, mit geschickter Verbalakrobatik das Handeln der EZB als im Interesse aller Europäer zu verkaufen – und natürlich im Interesse des Klimaschutzes.

Man könnte der EZB zugutehalten, dass sie den Bürgern mit ihrer Politik des leichten Geldes seit Ausbruch der Eurokrise vor 13 Jahren einen ökonomischen Kollaps biblischen Ausmaßes bisher erspart hat. Aber die Rechnung wird immer höher, ebenso wie die Fallhöhe bei einem Scheitern der Eurozone. Für die EZB gilt in Sachen Rettungspolitik nun mehr denn je: "Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los".

Durch den geldpolitischen Ausnahmezustand, gekennzeichnet durch steigende Inflation bei gleichzeitigem Festhalten an der Gelddruckorgie und der Nullzinspolitik, wird die politische Präferenz der EZB immer offensichtlicher: Die Aufrechterhaltung der Eurozone hat absoluten Vorrang vor der Geldwertstabilität. Für die Gemeinschaftswährung sind das keine guten Aussichten.

Konjunkturdaten neigen weiter zur Schwäche

Bereits heute Morgen wurde der Einkaufsmanagerindex für das deutsche Baugewerbe vom Datenanbieter IHS Markit veröffentlicht. Mit 44,6 Punkten rutscht der Index weiter unter die Expansionsschwelle von 50. Belastend wirkten sich vor allem die gestiegenen Preise für Baustoffe und die Auftragslage aus. Ebenfalls deutlich rückläufig war der von Sentix veröffentlichte Konjunkturindex für die Euro-Zone. Der Index gilt als bedeutender Vorlaufindikator für die konjunkturelle Entwicklung in den kommenden sechs Monaten. Der aktuelle Wert fiel auf 19,6 Punkte und damit den dritten Monat in Folge. Noch im Juli lag der Wert bei 29,8 Punkten.

Morgen Vormittag veröffentlicht das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung den ZEW-Index für die Konjunkturerwartungen in Deutschland. Der Index gilt als zweitwichtigster Frühindikator nach dem ifo-Index. Erwartet wird ein Rückgang von 40,4 Punkten auf 30,0 Punkte. Im Vergleich zum Stand von 84,4 Punkten im Mai dieses Jahres wäre das eine Fortsetzung des deutlichen Absturzes.

In den USA wird am heutigen Montag der Tag der Arbeit gefeiert, weshalb keine Konjunkturdaten veröffentlicht werden und auch kein Börsenhandel stattfindet.

In der folgenden Übersicht finden Sie weitere wichtige Termine, die besonders für deutsche Anleger und den Edelmetallmarkt in der Kalenderwoche 35 relevant sind:

Wochentag Zeit (MESZ) Datenart Prognose Vorherig
Dienstag 11:00 Uhr DE: ZEW Konjunkturerwartungen 30,0 40,4
Mittwoch 13:00 Uhr USA: Index für den Hypothekenmarkt 719,4
Mittwoch 20:00 Uhr USA: Konjunkturbericht der US-Notenbank Fed (Beige Book)
Mittwoch 21:00 Uhr USA: Verbraucherkredite Juli (Monat) in Milliarden US-Dollar 25,0 37,7
Donnerstag 08:00 Uhr DE: Handelsbilanz Juli in Milliarden Euro 13,0 13,6
Donnerstag 13:45 Uhr EU: Zinsentscheidung der EZB 0,0 % 0,0 %
Donnerstag 14:30 Uhr EU: Pressekonferenz der EZB mit Präsidentin Christine Lagarde
Donnerstag 14:30 Uhr USA: Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung 336k 340k
Donnerstag 17:00 Uhr USA: Rohöllagerbestände in Barrel -7,169 Mio.
Freitag 14:30 Uhr USA: Erzeugerpreisindex (Jahr) 8,2 % 7,8 %
Datenquelle: Thomson Reuters, Investing.com
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Autor: Hannes Zipfel
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von meerettich | 13.09.2021, 22:07 Antworten

Nach meiner Ansicht wird durch die überbordende Kreditvergabe erheblich mehr Geld zur Staats-Finanzierung in die Wirtschaft gepresst, als diese wieder in produzierte Waren umsetzen kann. Das Ergebnis ist inflationäre Enteignung. Man könnte auch ungesetzliche Steuer dazu sagen., denn das Geld aus der Kreditvergabe wird ausgegeben als käme es aus ordentlichem Steuer-Einnahmen. Arme Investoren bereichern sich dabei durch manipulierte Niedrig-Zinsen.

Trotzdem kann man nicht einfach links wählen, weil die dann den letzten Rest an Bonität auch noch verschwenden… nachhaltig. Dummer Weise hatten sich auch schon vor Corona viele Unternehmen längst an Subventionen gewöhnt. Für eine Fortsetzung dieser Subventionitis braucht es aber Steuer-GESETZE und keine Aufblähung der Kredit-Vergabe.

Selbst wenn es gelingt, unsere neu zu wählenden Volks-Vertreter zur Ordnung zu rufen, so wird eine langjährige Stag-Flation noch der mildeste Schaden sein, ansonsten Bankrott.
Damit man das nicht so merkt, werden wirtschaftlicher Crash + Inflation dann Scheiben-weise über viele Jahre gestreckt. Und trotz tariflicher Lohn-Korrekturen, die Sparer, Konsumenten und Rentner müssen am Ende die Rechnung bezahlen. Da helfen nur Mäßigkeit im Konsum und Liberal-Konservative Reformen.

Bezüglich der Alters-Vorsorge verweise ich auf Alan Greenspan (Gold and Economic Freedom, 1966)
„GOLD STANDS… AS A PROTECTOR OF PROPERTY RIGHTS“

1 Antwort an meerettich anzeigen
von Hanseat | 07.09.2021, 08:25 Antworten

WARUM NICHT WIEDER SILBERWÄHRUNG.?

1 Antwort an Hanseat anzeigen
von Alfred | 08.09.2021, 11:19 Antworten

Die Intervalle zwischen den Einschlägen negativer Nachrichten werden immer kürzer, aber
wir schaffen das! Lieber einen Goldspatz in der Hand, als eine Taube an der Spitze.

von Commander C | 07.09.2021, 14:28 Antworten

Dann steht das PP in PEPP eben für permanent pandemic.

von Piffelhuber | 06.09.2021, 18:54 Antworten

"Die Wahrscheinlichkeit, dass weder Griechenland noch Zypern, Portugal oder Italien jemals ihre Schulden bei der EZB werden zurückzahlen können, tendiert gegen null."
Die Wahrscheinlichkeit tendiert wohl eher gegen eins.

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Handarbeit aus "Schwäbisch Sibirien"