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Stand: 26.10.2021 von Hannes Zipfel
Trotz dynamisch steigender Inflationsraten blieb die Entwicklung des Goldpreises in diesem Jahr hinter der anderer Rohstoffpreise deutlich zurück. Gegenüber den wichtigsten Kryptowährungen schnitt Gold sogar noch schlechter ab. Die Chancen für eine Jahresendrallye stehen für das gelbe Edelmetall dennoch recht gut, auch deshalb, weil sich die Risikowahrnehmung der Anleger gerade grundlegend ändert.
Taugt Gold noch als Inflationsschutz?

Goldpreis hinkt hinterher

Eine alte Börsenweisheit besagt, dass der Ölpreis Inflation verursacht und der Goldpreis die Inflation anzeigt. Nicht so in diesem Jahr: der Verteuerung des schwarzen Goldes von über 70 Prozent steht ein Rückgang bei dem gelben Edelmetall von 5 Prozent gegenüber. Die Energiepreise insgesamt haben sich um gut 60 Prozent verteuert.

Goldpreis vs Rohöl und Energie

Bezieht man allerdings das Jahr 2020 in die Betrachtung mit ein, dann wird deutlich, dass der Goldpreis frühzeitig auf die massiven Zinssenkungen und Gelddruckprogramme im Rahmen der Corona-Krise und die daraus resultierenden Inflationsgefahren reagierte, wohingegen die Preise für Rohöl und Energie zunächst abstürzten. Aus dieser etwas größeren zeitlichen Perspektive relativiert sich die "Underperformance" des als Inflationsschutz geltenden Edelmetalls.

Goldpreis vs Rohöl und Energie seit 2020

Anders sieht es im Vergleich zu Industriemetallen wie Aluminium, Kupfer und Nickel aus. Hier erholten sich die Preise nach dem Corona-Schock zeitlich nahezu parallel. Doch in diesem Jahr gab es für den Goldpreis bis vor wenigen Wochen spürbaren Gegenwind.

Goldpreis vs Kupfer, Aluminium und Nickel

Die Hauptgründe, warum die Preise für die Industriemetalle im Gegensatz zum Goldpreis in diesem Jahr ihre Rallye fortsetzten, sind zum einen der hohe Energiebedarf bei der Produktion bestimmter Metalle und zum anderen der hohe Bedarf in Folge der massiven Corona-Konjunkturprogramme. Im Jahr 2020 entfielen hingegen lediglich 301,9 Tonnen Gold auf den Sektor Industrie, das entspricht nur 8 Prozent der globalen Gesamtnachfrage.

Als sich die Pandemie-Lage v. a. durch die schnelle Verbreitung der Impfstoffe zu entspannen begann, nahmen Anleger die üppigen Gewinne bei Gold mit und trennten sich von ihren Beständen, speziell bei Gold-Fonds (ETFs). Im ersten Quartal 2021 floss mit 170 Tonnen eine Rekordmenge aus Gold-ETFs ab, nachdem die Bestände bereits im vierten Quartal 2020 um 131,3 Tonnen zurückgingen.

Goldnachfrage seit 2019

Die Nachfrage aus der Industrie blieb hingegen relativ stabil und konnte im zweiten Quartal dieses Jahres bereits wieder Prä-Corona-Niveaus erreichen.

Goldnachfrage Industrie seit 2019

Es waren also primär die Anleger, deren Mittelabflüsse aus dem Goldmarkt via ETF-Anteilsverkäufe den Preisanstieg beendeten. Mittlerweile haben sich die Kapitalströme jedoch wieder umgekehrt. Im zweiten Quartal dieses Jahres fügten die ETFs ihren weltweiten Goldbeständen netto wieder 40,75 Tonnen hinzu.

Interessant ist, dass es bei Münzen, Barren und Medaillen in keinem einzigen Quartal der letzten Dekade Nettoverkäufe gab – nicht einmal im ersten Quartal dieses Jahres. Das spricht dafür, dass sich vor allem große Kapitalsammelstellen von Goldbeständen trennten (Vermögensverwalter, Versicherungen, Investment-Fonds etc.). Professionelle Anleger bevorzugen ETFs, da diese wertpapierrechtlich als Aktien-Investments gelten und nicht als physisches Edelmetall, das viele institutionelle Anleger gar nicht erwerben dürfen. Private Anleger hingegen bevorzugen traditionell Münzen und Barren im direkten Zugriffsbereich.

Diese Vermutung deckt sich auch mit jüngsten Informationen des größten Vermögensverwalters der Welt, BlackRock Inc., der fast 10 Billionen US-Dollar Vermögen verwaltet. Der Manager des BlackRock Global Allocation Fonds, Russ Koesterich, offenbarte in einem Interview mit Bloomberg TV Mitte September folgendes:

Vor vierzehn Monaten hatten wir eine ziemlich bedeutende Position in Gold. Heute haben wir sie auf fast Null reduziert".

Als Begründung gab Koestrich an, dass sich nach Meinung von BlackRock das Zinsniveau wieder normalisieren würde. Für das zinslose Gold, das keinen Cashflow erwirtschaftet, wäre dies ungünstig.

Das Gegenteil ist jedoch in Sachen Zinsen der Fall. Erst am Freitag letzter Woche wiederholte der Präsident der US-Notenbank Fed, dass Zinsanhebungen nicht auf der Agenda stünden, auch nicht für das Jahr 2022. Die Europäische Zentralbank schließt sogar Zinserhöhungen bis zum Jahr 2023 aus. Die chinesische Zentralbank hat jüngst die Geldpolitik sogar wieder gelockert.

Auch die Bank of Japan sieht keinen Anlass für Zinserhöhungen. Damit ist von den vier mit Abstand bedeutendsten Noten- und Zentralbanken der Welt bis auf Weiteres trotz einer Beschleunigung der Preisinflation mit keiner Zinsanhebung zu rechnen.

In der Folge sackten die realen Leitzinsen auf ein Rekordtief ab (nomineller Leitzins minus Verbraucherpreisinflation). Im Falle der USA auf -5,3 Prozent p. a. und bei der EZB aus Sicht eines deutschen Verbrauchers auf -4,1 Prozent p. a.

Verbraucherpreisinflation vs Leitzins USA
Der Grund für diese ungewöhnliche Diskrepanz ist die Rücksichtnahme der Notenbanken auf die historische Rekordverschuldung (siehe auch Staatsverschuldung USA und Staatsverschuldung Deutschland) sowie die gigantische Vermögenspreisblase. Beides reagiert äußerst empfindlich auf einen Anstieg der Zinsen und damit der Kreditkosten, die sich eng an den Leitzinsen orientieren.

Aus dieser Zwickmühle der Geldpolitik erwächst ein Problem, dass in der Zukunft zu einem nachhaltigen Umdenken in Sachen Inflation führen kann. Der Ökonom und ehemalige Präsident des ifo Instituts, Prof. Hans-Werner Sinn, spricht in diesem Zusammenhang von einer zerstörten Inflationsbremse.

Die Entankerung der Inflationserwartungen

Zunächst allmählich und dann immer schneller stiegen in diesem Jahr die Inflationsraten an. Es passierte also genau das, was der Goldpreis als Inflationsindikator mit seiner starken Entwicklung im Jahr 2020 anzeigte.

Ab Mai dieses Jahres gingen die Inflationserwartung jedoch wieder deutlich zurück, obwohl die Preissteigerungen weiter Fahrt aufnahmen. Die Überzeugung vieler Anleger, auch von Profis wie BlackRock, war, dass die Inflation nur vorübergehender Natur sei, bedingt durch Basiseffekte und temporäre Störungen der globalen Lieferketten. Beides habe mit der pandemischen Lage zu tun und würde mit ihr auch wieder verschwinden.

Doch nun stellt sich heraus, dass sich eine Inflationsspirale anbahnt, deren Dynamik nicht zusammen mit dem Ende der Corona-Pandemie automatisch abebbt, sondern sich zu verselbstständigen droht.

Die Preissteigerungen haben mittlerweile viele Ursachen, u. a. auch administrative Markteingriffe, speziell im Zusammenhang mit einer konsequenten Klimapolitik. Davon sind vor allem die Energiepreise betroffen, die für alle Wirtschaftssektoren einen relevanten Kostenfaktor darstellen.

Nach dem ersten Teuerungsschub drohen nun Zweitrundeneffekte wie in den 1970ger-Jahren: Sowohl der partielle Arbeitskräftemangel als auch die steigenden Lebenshaltungskosten führen zu höheren Lohnforderungen, die, wie im Falle der deutschen Lokführer, auch erfüllt werden. Damit droht eine Preis-Lohn-Preis-Spirale, da die betroffenen Unternehmen zumindest einen Teil der höheren Lohnkosten an ihre Abnehmer weitergeben.

Gleichzeitig fand in China, der Werkbank der Welt, ein Politikwechsel statt, der ganze Wirtschaftssektoren beeinflusst. So zum Beispiel die Energieerzeuger oder Technologiekonzern, wie Alibaba. Durch strengere Umweltauflagen wird die Stromproduktion zudem im Reich der Mitte teurer. Strom wird knapp. Ganze Industriezentren sind von Blackouts betroffen, was die Lieferketten zusätzlich perforiert.

Gleichzeitig wurde während der Pandemie im Zuge der diversen Lockdowns die unverantwortliche Abhängigkeit vieler westlicher Industriestaaten von China als Zulieferer offensichtlich, so z. B. bei der Versorgung mit Grundstoffen für die Pharmaindustrie. Daraus resultiert nun eine de-Globalisierung. Wo zuvor die Preise durch Produktionsverlagerungen weltweit gedrückt wurden, passiert nun das genaue Gegenteil. Auch die Lohnniveaus in China stiegen deutlich an, was chinesische Güter verteuert.

Verstärkend kommt noch hinzu, dass vor allem die verarbeitende Industrie und der Handel aufgrund der Erfahrung der letzten Quartale von Just-in-time auf größere Lagerreichweiten umstellen. Das verteuert die Produkte (Lagerkosten) und erzeugt zusätzliche Nachfrage zum Aufbau von Lagerbeständen. Auch dieser Trend wird länger andauern, da die Lagerbildung wegen der Material- und Produktknappheiten kaum vorankommt.

In der Folge hat sich in den letzten Tagen und Wochen nicht nur die Rhetorik der Notenbanken hinsichtlich des Andauerns der Inflation geändert, sondern auch die Erwartung der Konsumenten und Anleger.

Sichtbar wird dies z. B. in den Statistiken der Internet-Suchmaschine Google (Google Trends). Deutlich zu sehen ist das abflauende Interesse an dem Thema Inflation ab Mai dieses Jahres. Erst seit September reift die Erkenntnis, dass die Teuerungsdynamik nicht vorüber ist, sondern gerade ihren nächsten Schub erfährt. Die Anfragen zu dem Suchbegriff "Inflation" schießen wieder nach oben.

Google Trends Inflation

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei einem Blick auf die Inflationserwartungen für die kommenden 10 Jahre der Anleihehändler in den USA. Nach einem deutlichen Anstieg (rote Linie) beruhigte sich auch hier die Lage im Mai dieses Jahres. Zuletzt setzten sich die Inflationserwartungen aber wieder nach oben in Bewegung.

Gold vs. Inflationserwartungen
Die Korrelation zwischen den Inflationserwartungen und dem Goldpreis sind ebenfalls erkennbar. Es dürfte kein Zufall sein, dass der Goldpreis zu Beginn dieser Woche erneut einen Angriff auf die psychologisch wichtige Marke von 1.800 US-Dollar pro Unze unternahm.

Die Kombination aus überraschend hartnäckiger Preisinflation und stark eingeschränkter Handlungsunfähigkeit der Geldpolitik wird sich in den kommenden Monaten immer stärker herauskristallisieren. Ein solches Szenario ist aber bislang im Goldpreis noch nicht berücksichtigt.

Goldpreis in US-Dollar 1800er.png

Fazit

Es wäre daher voreilig, den Goldpreis als Inflationsschutz abzuschreiben. Zum einen deshalb, weil das Edelmetall viel von der Inflationsentwicklung bereits im Jahr 2020 in der Kursentwicklung korrekt vorwegnahm und zum anderen, weil sich die Inflationserwartung nur allmählich ändern. Sehr lange waren die Menschen in den Industriestaaten an ein stabiles Preisniveau und die vermeintliche Allmacht der Notenbanken gewöhnt. Das bewusste Wahrnehmen der sich verändernden Realität hat gerade erst begonnen.

Die Notenbanken versuchen zwar durch beschwichtigende Rhetorik und eine Verringerung der Liquiditätszufuhr in homöopathischen Dosen den Anschein zu erwecken, sie könnten die Inflation ähnlich wie in den 1970ger-Jahren bekämpfen. Dieser Bluff fällt aber immer mehr Anlegern als solcher auf und ändert die Risikowahrnehmung deutlich:

Von einer Inflation, die sich unter Kontrolle befindet, hin zu einem systemgefährdenden Kontrollverlust der Geldpolitik.

Letzteres stellt private und professionelle Anleger vor völlig neue Herausforderungen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass in Phasen, in denen die Geldpolitik und damit das Geldsystem in der Krise steckten, das monetäre Edelmetall Gold von Anlegern besonders stark nachgefragt wurde.

Die besonders von jüngeren Anlegern bevorzugten Kryptowährungen können für solche Situationen noch keine Historie vorweisen. Außerdem sei darauf hingewiesen, dass es bei Kryptowährungen eine starke Sorteninflation gibt: Beginnend mit Bitcoin im Jahr 2009 existieren heute laut Statista über 6.690 Sorten. Bei den Edelmetallen kam keine einzige neue Sorte hinzu.

Sorteninflation bei Kryptowährungen

All diese Erkenntnisse könnten sich in den kommenden Quartalen in erneut starken Nettozuflüssen in Gold-ETFs und wieder deutlich steigenden Preisen bemerkbar machen.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von Aureus | 28.10.2021, 02:31 Antworten

Wieder einmal ein qualitativ sehr hochwertiger Artikel von Herrn Zipfel, der die Lage nüchtern und treffend mit den richtigen Worten analysiert.
In einem Aspekt wage ich ihm allerdings zu widersprechen, und dies bezieht sich auf den Punkt der Kryptowährungen. Der Bitcoin hat sich, de facto, als der Goldstandard im Markt durchgesetzt, auf ihn konzentriert sich die Akkumulation des Kapitals; und insofern sehe ich keine Inflation im Kryptomarkt heraufziehen.
Dieses Kapital des Kryptomarktes wird dem Goldmarkt jedoch in beträchtlichem Umfang entzogen, weswegen Gold schlechter läuft, als es sonst, also ohne die Kryptowährungen, laufen könnte.
Warum ich trotzdem lieber in Gold investiere? Weil die Gefahr einer Regulierung im Kryptomarkt, gerade wegen seines Erfolges, ausserordentlich hoch ist. Keine Regierung, schon gar nicht die USA, wird je zulassen, die Kontrolle über ihr Geldsystem aus der Hand zu geben. Daher wird es - so glaube ich es zumindest, vielleicht liege ich aber auch falsch - noch zu nennenswerten und kursschädigenden Regulierungen in dieser Assetklasse kommen.

1 Antwort an Aureus anzeigen
von DLight | 28.10.2021, 14:03 Antworten

Wieder ein sehr interessanter Artikel. Jedoch muss ich schon sagen, dass das Beispiel der "höheren Lohnforderungen" aus meiner Sicht, sogar als Nicht-Bahner, nicht sehr gelungen ist. Es ähnelt schon sehr dem Dogma der Mainstream-Medien, wenn man bei 3,3 Prozent - und das mit einer Laufzeit von mehr als ZWEIEINHALB JAHREN! von einer hohen Lohnforderung spricht.
Schade, dass man so oft auf die "Kleinen" zeigt. Die Lokführer haben - im Vergleich zu vielen anderen "Kleinen" - wenigstens das Glück, mit Streiks auch etwas erreichen zu können.

3 Antworten an DLight anzeigen
von Gerald L. | 28.10.2021, 15:52 Antworten

"Eine alte Börsenweisheit besagt, dass der Ölpreis Inflation verursacht und der Goldpreis die Inflation anzeigt." Bin ja nur Laie, doch eine hohe Inflation untergräbt das Vertrauen in das Fiatgeld. Es gibt kein Interesse daran, dass das Vertrauen in das Fiatgeld abnimmt, denn nur darauf beruht, seit der Aufhebung der Goldbindung, sein Wert. Auf den Ölpreis kann man schwerer Einfluss nehmen, als auf den Preis für Edelmetalle und den veröffentlichten Grad der Inflation.

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