Stand: 31.10.2020 von Hannes Zipfel
Der anhaltende Crash der türkischen Lira zwingt die Regierung in Ankara zu Teilverkäufen ihrer nach wie vor sehr hohen Goldreserven. Die mit dem Verkauf erlösten US-Dollars sollen die Lira vor dem weiteren ungebremsten Absturz bewahren.
Türkische Notenbank verkauft Gold – Gesamtnachfrage bleibt positiv

Türkei trennt sich teilweise vom Staatsschatz

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan steckt in der Zwickmühle: Einerseits versucht er, die schwächelnde türkische Wirtschaft mit niedrigen Zinsen zu stimulieren, zum anderen belasten eben diese geringen Lira-Zinsen sowie die hohen US-Dollar-Auslandsschulden neben dem hohen Leistungsbilanzdefizit den Außenwert der Lira massiv.

Umso stärker die Lira abwertet, umso mehr Türken tauschen ihre Barreserven in US-Dollar, Euro und Gold um. 

Der Goldpreis in Lira befindet sich mit aktuell 15.735 TRY pro Unze auf einem Allzeithoch, ein Anstieg von 85 Prozent innerhalb von 12 Monaten. Bei einer offiziellen Inflationsrate von 11,75 Prozent p. a. im September 2020 (Quelle: Turkish Statistical Institute | TradingEconomics.com) bedeutet dies einen realen Wertzuwachs des gelben Edelmetalls in den Tresoren der Türken von +73,25 Prozent innerhalb von nur einem Jahr.

Die türkische Zentralbank (TCMB)  besitz nach dem jüngsten Goldverkauf im September in Höhe von 45 Tonnen Gold im Gegenwert von 2,3 Mrd. US-Dollar nach wie vor mit 560 Tonnen den zwölftgrößten staatlichen Notenbankgoldschatz der Welt, noch vor der Europäischen Zentralbank (EZB).

Bereits im Juli und August dieses Jahres musste die TCMB Gold verkaufen, um die Lira zu stabilisieren. Immerhin konnte die Inflationsrate seit ihrem Hoch im Jahr 2018 um fast ein Drittel reduziert werden. Dem Außenwert der Lira hat diese Entwicklung bisher nicht geholfen, da ein Großteil der Inflationseindämmung auf staatlich verordnete Preisanstiegsverbote zurückzuführen ist.

Selbst drastische Einschränkungen staatlicherseits beim Devisenhandel und die Ablösung des Präsidenten der TCMB im Juli 2019 konnten den Ausverkauf der Lira nicht stoppen. Allein in diesem Jahr summierte sich die Abwertung der türkischen Währung gegenüber dem US-Dollar auf 40 Prozent und gegenüber dem Euro sogar auf 47,6 Prozent. Daher musste die TCMB im September Gold verkaufen.

Mit dem Verkaufserlös in US-Dollar versucht die TCMB den Lira-Kurs durch Käufe am Devisenmarkt zu stützen, was bisher nicht gelang. Allein in den Monaten September und Oktober verlor die türkische Lira gegenüber dem US-Dollar mit zunehmender Dynamik 13,4 Prozent, da die Lira-Zinsen nach wie vor nicht angehoben wurden.

Hilfe von außen ist notwendig

Lange Zeit hatte sich der Präsident der Türkischen Republik Recep Tayyip Erdoğan gegen externe Hilfen, v. a. vom Internationalen Währungsfonds (IWF) gewehrt. Doch in der aktuellen Notsituation im Zuge der Corana-Krise hat sich die Einstellung Ankaras geändert.

Die Lage der Türkei ist finanziell prekär und sie verschlechtert sich in der Coronakrise nahezu täglich weiter – schon allein wegen des ungebremsten Währungsverfalls.

Ohne die finanzielle Hilfe von außen könnte die Türkische Republik nach dem völligen Ausverkauf ihrer Währungsreserven, die zu ca. der Hälfte aus Gold bestehen, vor dem Staatsbankrott stehen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) unterstützt seit April mit Schuldenerleichterungen und Notkrediten Staaten, um die wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Epidemie abzufedern. Die bedürftigsten Länder sollen auf diese Weise größere Teile ihrer knappen finanziellen Ressourcen für lebenswichtige medizinische und andere Nothilfemaßnahmen aufwenden können, so die IWF-Direktorin Kristalina Georgiewa.

Im Rahmen des Katastrophenfonds CCRT des IWF standen zunächst 500 Mrd. US-Dollar zur Verfügung, die mittlerweile um bis zu 600 Mrd. US-Dollar aufgestockt werden sollen. Das Bundesfinanzministerium plant, bis zu 80 Millionen Euro für den CCRT zur Verfügung zu stellen.

Goldnachfrage bleibt trotz Nettoverkäufen der Notenbanken robust

Gemäß den jüngsten Daten des World Gold Council (WGC) zur Gold-Nachfrage im dritten Quartal 2020 haben neben der Türkei auch Staaten wie Usbekistan (-30 Tonnen) und andere Entwicklungsländer zur Bekämpfung der Coronakrise Gold veräußert, sodass die Notenbanken insgesamt erstmals seit dem vierten Quartal 2010 im dritten Quartal 2020 mit -12,1 Tonnen zu Nettoverkäufern von Gold wurden.

Dass dies eine Ausnahmesituation ist, zeigt die Tatsache, dass in der Zeit seit Ende 2010 bis zum 2. Quartal 2020 die Notenbanken weltweit im Schnitt über 152 Tonnen Gold pro Quartal netto akkumulierten.

Demgegenüber steht eine Nachfrage nach Goldbarren und Goldmünzen im dritten Quartal 2020 in Höhe von 222 Tonnen. Bei den goldgedeckten Exchange Traded Funds (ETFs) waren es laut WGC sogar 273 Tonnen, die die Gesamtbestände der ETFs auf ein Volumen von insgesamt 3.880 Tonnen hievten und damit auf Platz zwei der weltweiten Goldreserven im Vergleich zu den Notenbanken hinter den USA (offiziell 8.133,5 Tonnen) und noch vor Deutschland mit 3362,4 Tonnen Gold.

Bedingt durch die weltweiten Lockdowns ging der Absatz bei Gold im Bereich Schmuck um 333 Tonnen zurück. Dies war pandemiebedingt der stärkste Rückgang seit dem 1. Quartal des Jahres 2000.

Insgesamt sieht die Absatzbilanz für den September 2020 mit 149,9 Tonnen dennoch positiv aus.
Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von ich | 31.10.2020, 22:39 Antworten

Das ist aber schade das die Türkei nicht in der EU ist, dann hätten wir denen auch noch unser Geld hinten reinschieben können. Und wenn man die Lira in Doller und Euro tauscht, verschiebt man die Probleme bloß.

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von Commander C | 01.11.2020, 18:24 Antworten

Habe ich das richtig verstanden, Türkei hat knapp 30 Milliarden in Gold von 60 Milliarden Rücklagen?

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Handarbeit aus "Schwäbisch Sibirien"