Stand: 17.09.2020 von Hannes Zipfel
In ihrer letzten turnusmäßigen Offenmarktausschusssitzung vor der US-Präsidentschaftswahl bleibt die amerikanische Notenbank Fed bei ihrer ultralaxen Geldpolitik mit unlimitierter Gelddruckbereitschaft und einem Leitzins nahe null. Dennoch zeigten sich die Märkte enttäuscht, da zusätzliche Maßnahmen zur Stützung der US-Konjunktur erwartet wurden.
US-Notenbank setzt Trump unter Druck

Der Präsident der Fed machte jedoch klar, dass weitere dringend benötigte Fiskalstimuli von der US-Administration initiiert werden müssten und die Notenbank jederzeit bereitstehe, den dafür benötigten Finanzbedarf zu decken.

Inflation und Vollbeschäftigung

Wie bereits berichtet, hat die US-Notenbank (Fed) in Person ihres Präsidenten Jerome Powell anlässlich der Notenbankerkonferenz in Jackson Hole, Wyoming am 27. August einen historischen Strategiewechsel vollzogen: Statt ein festes Inflationsziel anzupeilen, rückt der Kaufkrafterhalt des US-Dollars zugunsten neuer Prioritäten in den Hintergrund und wird nur noch als sekundäres Mandat betrachtet.

Die Fed stellt ab sofort die Vollbeschäftigung und einen "robusten" Arbeitsmarkt für alle Bevölkerungsgruppen in den Mittelpunkt ihres geldpolitischen Handelns, ebenso wie den sozialen Ausgleich. In Sachen Inflation möchte man sich mehr Flexibilität vorbehalten und wenn nötig das bisherige Inflationsziel von zwei Prozent p. a. auch überschießen lassen.

Wie weit und wie lange eine solche erhöhte Teuerung der Konsumentenpreise toleriert wird, wurde von Jerome Powell erneut nicht präzisiert. Wörtlich sagte er hingegen: "Bis Vollbeschäftigung herrscht, die Inflation bei zwei Prozent liegt und auf dem Weg ist, für einige Zeit die Marke von zwei Prozent zu überschreiten, werden die Zinsen nicht angehoben."

Aktuell beziehen 13,55 Millionen Amerikaner Arbeitslosenhilfe (Quelle: Statista | Stand: August 2020). Dies entspricht bei aktuell 165 Millionen erwerbsfähigen Amerikanern und einer Partizipationsrate von 61,7 Prozent im August dieses Jahres einer rechnerischen Arbeitslosenquote von 13,3 Prozent (Quelle: U.S. Bureau of Labor Statistics | Stand: August 2020). Offiziell gibt die US-Regierung aber nur 8,4 Prozent Arbeitslosenquote an und begründet dies mit unterschiedlichen Erhebungsmethoden. Fakt ist, dass der US-Arbeitsmarkt unabhängig von der Berechnungsmethode weit entfernt ist vom Status der Vollbeschäftigung und damit die ultralaxe Geldpolitik bis auf Weiteres fortgesetzt wird – unabhängig von der Entwicklung der Teuerung.

Die Zinsfalle hat längst zugeschnappt

Die Notenbanker der Fed gehen gemäß ihrer aktuellen Konjunkturprognose davon aus, dass es frühestens im Jahr 2023 eine erste Zinserhöhung geben könnte. In Anbetracht der Rekordverschuldung in den USA ist aber schon jetzt keine Verteuerung der Kreditzinsen und damit des Leitzinses mehr möglich, ohne die Schuldentragfähigkeit zu gefährden. An diesem Zustand wird sich auch nach weiteren drei Jahren Schuldenaufbau nichts geändert haben.

Aktuell erreicht das Schuldenniveau der USA auf Staatsebene die Rekordsumme von 26,8 Billionen US-Dollar (US-Bundesschulden) bzw. 136,7 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP) dieses Fiskaljahres. Das laufende Budgetdefizit für das Fiskaljahr 2019/2020, das am 30. September endet, beläuft sich auf in Friedenszeiten nie zuvor erreichte 16 Prozent des BIP. Die Gesamtverschuldung der USA, also die Summe der Verbindlichkeiten aller öffentlichen und privaten Haushalte sowie aller Banken und nichtfinanziellen Unternehmen hat jüngst die Marke von 80 Billionen US-Dollar überschritten (Stand 17.09.2020: 81,8 Bio. US$ | Quelle: U.S. Federal Reserve). Bei einem BIP von 19,5 Billionen US-Dollar p. a. entspricht dies einer Gesamtschuldenquote von 320 Prozent.

Damit befinden sich die USA schuldenbedingt in der gleichen Zinsfalle wie Japan: Der japanische Leitzins klebt seit 35 Jahren kurz über und seit vier Jahren sogar unter der Nulllinie fest. Die japanische Notenbank (BoJ) beließ auch nach ihrer heutigen Zinssitzung den Leitzins bei -0,1 Prozent. Seit 2016 hält die BoJ ihren Leitzins bereits im negativen Bereich und davor seit Mitte der 90er-Jahre nahe null (Ab 2008 bei 0,1 Prozent). Der japanische Notenbankchef Haruhiko Kuroda betonte erst heute wieder, dass die Geldpolitik solange expansiv bleibe, bis es zu steigenden Preisen, Firmengewinnen, Löhnen und mehr Arbeitsplätzen in Japan komme.

Kuroda wörtlich: "Von diesem Standpunkt aus gesehen können wir weitere Lockerungsschritte erwägen, wenn sie erforderlich sind". Die Gesamtschuldenquote (private und öffentliche Schulden) beläuft sich mittlerweile auf 475 Prozent des japanischen BIP.

Die USA wandeln mit ihrer Schuldenexplosion der letzten Jahre auf den Spuren Japans – das gilt auch für die US-Geldpolitik. Damit bleibt die Mär von der Normalisierung der Zinsen, wie bereits unter dem früheren US-Notenbankchef Ben S. Bernanke (2006 bis 2014) reine Beschwichtigungsrhetorik.

Märkte reagieren verschnupft

Die Tatsache, dass die Fed wider den Erwartungen vieler Marktteilnehmer jetzt noch keine weiteren Lockerungsschritte unternommen hat und den Leitzins bei effektiv 0,09 Prozent p. a. beließ, führte zu Abschlägen an den Aktien, Anleihe und Rohstoffmärkten. Allerdings wissen die Marktteilnehmer um die Zwickmühle der Fed und so verwundert es wenig, dass die Kapitalmarktzinsen der länger laufenden Staatsanleihen bereits wieder auf das Niveau vor der gestrigen Pressekonferenz von Jerome Powell zurückgefallen sind.

Dies ist ein Indiz dafür, dass die Marktteilnehmer davon ausgehen, dass die Fed in Kürze wieder mehr Geld digital erzeugen und in Umlauf bringen muss und auch ein erneuter Dreh an der Zinsschraube nicht tabu ist. Dafür gibt es auch einen handfesten Grund.

Der nächste Stimulus ist nur eine Frage der Zeit

Bereits jetzt zeichnet sich anhand von Investitionen und Einzelhandelsumsätzen ab, dass die bisherigen staatlichen Stimulus-Pakete sowie die Geldpolitik der Fed nicht ausreichen, um den Einbruch der US-Wirtschaft durch die Coronakrise auszugleichen. So zeigten die Zahlen des Datendienstleisters Redbook Research vom letzten Dienstag, dass der Einzelhandelsumsatz auf Jahresbasis um 1,2 Prozent rückläufig war. Noch im August wurde ein Anstieg von 4,6 Prozent verzeichnet. Dies hängt damit zusammen, dass die vom Staat gewährten Sonderleistungen (Transferzahlungen und Darlehen) an Unternehmen (z. B. Airlines) oder Arbeitslose bereits ausgelaufen sind.

Zwar konnte Präsident Trump mittels Präsidial-Dekret die Finanzhilfen etwas verlängern, aber in deutlich geringerem Umfang als zuvor und zeitlich begrenzt. Ab Oktober erhalten Arbeitslose weder die bis Ende Juli gezahlten 600 US-Dollar pro Woche zusätzlich zu ihrem regulären Arbeitslosengeld noch die abgespeckte Hilfe in Höhe von 400 US-Dollar pro Woche zusätzlich. Auch der von Trump verfügte Zahlungsaufschub für die Sozialversicherungsbeiträge, Erleichterung bei Studienkrediten und Schutzmaßnahmen gegen Räumungen laufen aus. Die von Trump persönlich unterzeichneten Schecks mit einmaligen Sonderzahlungen in Höhe von ca. 1.200 US-Dollar pro Haushalt sind ebenfalls bereits größtenteils ausgegeben oder am Aktienmarkt investiert worden.

Nun fehlt der Nachschub an finanzieller Kompensation für die Einkommenseinbußen vieler Amerikaner und ab 1. Oktober droht zudem eine Entlassungswelle in diversen Wirtschaftssektoren, da ab diesem Zeitpunkt z. B. die US-Airlines betriebsbedingte Entlassungen vornehmen dürfen (was bis dahin staatlicherseits untersagt ist).

Eigentlich plante der US-Kongress bis Ultimo August ein fünftes Konjunkturprogramm, um die US-Konjunktur vor dem Absturz im Herbst zu bewahren. Das Paket sollte ein Volumen von mindestens einer Billion US-Dollar bis drei Billionen US-Dollar (Forderung der Demokraten) umfassen. Präsident Trump schloss sich der gestrigen Forderung des US-Notenbank-Chefs Powell an und verlangt ebenfalls eine neue fiskalpolitische Bazooka.

Da jedoch am 3. November nicht nur der Posten des US-Präsidenten zur Wahl steht, sondern auch die 435 Sitze im Abgeordnetenhaus und Teile des Senats (insg. 100 Sitze) befürchten die republikanischen Parteigenossen von Donald Trump, dass die ausufernden Defizite und die Schuldenexplosion à la Japan ihre Wiederwahl gefährden könnten und stellen sich gegen ein weiteres schuldenfinanziertes Billionenprogramm.

Trump braucht eine robuste Konjunktur und steigende Aktienmärkte

Der Präsident versucht nun die Demokraten unter Druck zu setzen, die aber eigentlich dasselbe wollen wie er. Gelingt es nicht, kurzfristig einen Kompromiss mit seinen eigenen Parteigenossen zu finden, der auch von der Dimension her ausreichend ist, droht neben der US-Konjunktur auch der Aktienmarkt abzustürzen und sogar ein neuer Government Shutdown (Regierungsstillstand) und der reihenweise Bankrott von US-Städten und Kommunen mit wieder deutlich ansteigenden Arbeitslosenzahlen. Das könnte zu Ungunsten von Donald Trump wahlentscheidend werden. Nicht umsonst heißt das Motto der US-Wähler:

"Your Wallet, Your Vote" (Wähle mit deiner Brieftasche).

Weiterer Stimulus oder Konjunkturknick

Das Zögern bezüglich weiterer Lockerungsmaßnahmen der US-Notenbank auf ihrer jüngsten Sitzung ist daher nur als taktisches Manöver zu werten. Natürlich steht die Fed bereit nachzulegen. Dies machte Fed-Chef Powell auch deutlich, indem er gestern wiederholte: "Die Munition geht uns noch lange nicht aus".

Gleichwohl sind die Dimensionen der Gelddruck- und Verschuldungsorgie mittlerweile so gigantisch, dass Powell nicht allein die Verantwortung für ein außer Kontrolle geratenes Geldsystem tragen möchte. Der Kongress (Senat und Repräsentantenhaus) soll der Fed die politische Legitimation dafür verschaffen.
Ob dies bis zur Wahl durch den Kongress noch gelingt oder ob Fed-Chef Powell noch vor der nächsten regulären Notenbanksitzung am 5. November durch die Märkte gezwungen wird, zusätzliche Stimuli zu implementieren, spielt keine Rolle. Der Stimulus muss kommen. Für die monetären Edelmetalle Gold und Silber bedeutet dies trotz des kurzfristigen Rücksetzers eine gute Ausgangslage für den sehr wahrscheinlich goldenen Herbst.
Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
Ihre Meinung zum Thema?
Sicherheitsfrage: Wie viele Münzen sehen Sie?
Fragen über Fragen
Ich stimme zu, dass mein Kommentar und Name zur Veröffentlichung auf GOLD.DE gespeichert wird. Die Netiquette für Kommentare hab ich gelesen. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit per Mail an info@gold.de widerrufen. Unsere Datenschutzerklärung.
von Commander C | 21.09.2020, 22:22 Antworten

Bin auch unter Druck. Wollte bis zur Rente Millionär werden. Aber nach meiner neuen Hochrechnung sollte ich besser die Milliarde knacken.

von F.S | 17.09.2020, 19:52 Antworten

Wie immer toller Beitrag !!! Danke

Copyright © 2009-2020 by GOLD.DE – Alle Rechte vorbehalten

Konzept, Gestaltung und Struktur sowie insbesondere alle Grafiken, Bilder und Texte dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt. Missbrauch wird ohne Vorwarnung abgemahnt. Alle angezeigten Preise in Euro inklusive MwSt. (mit Ausnahme von Gold), zzgl. Versandkosten, sofern diese anfallen. Verfügbarkeit, Abholpreise, Goldankauf und nähere Informationen über einzelne Artikel sind direkt beim jeweiligen Händler zu erfragen. Alle Angaben ohne Gewähr.

Handarbeit aus "Schwäbisch Sibirien"