Stand: 28.05.2021 von Egmond Haidt
Viele Experten reden andauernd von steigenden US-Zinsen, zumal die Fed wegen der boomenden Wirtschaft und der stark zunehmenden Inflationsraten schon bald eine mögliche Drosselung der Anleihekäufe signalisieren könne. Komischerweise sind die Zinsen für zehnjährige US-Anleihen aber in die Nähe des Zweieinhalb-Monats-Tiefs gesunken, was deutliche Auswirkungen auf Dollar und Gold hat.
US-Zinsen sinken „überraschend“

Auf das Niveau vom Jahresanfang ist der Goldpreis geklettert, der Kurs liegt bei rund 1.900 Dollar je Unze. Für Rückenwind sorgen die sinkenden Zinsen für zehnjährige US-Anleihen, die bis auf 1,55 Prozent und damit auf den Stand von Mitte März gesunken waren, ehe sie sich etwas erholt haben. Für Abwärtsdruck bei den Zinsen hat eine Reihe schwacher US-Konjunkturdaten gesorgt, wodurch die stark gestiegenen Inflationsängste der Investoren in den Hintergrund treten.

So waren die US-Verkäufe neuer Häuser im April auf eine Jahresrate von 863.000 Einheiten gesunken, das lag weit unter den Schätzungen der allzeit optimistischen Volkswirte von 955.000. Zudem sind die Daten für März drastisch nach unten korrigiert worden, von einer Jahresrate von 1,02 Mio. auf nurmehr 917.000.

Offensichtlich belastet der Preisanstieg um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf horrende 372.400 Dollar im Schnitt für April den Absatz massiv.

Damit ist ein neues Haus um horrende 62.300 Dollar teurer als vor einem Jahr!

Offensichtlich hat die größte Schuldensause aller Zeiten in den USA – das Haushaltsdefizit der Regierung in Washington dürfte im September endenden Fiskaljahr 2020/21 einen Rekord von mehr als 3,5 Billionen Dollar erreichen - die in wichtigen Teilen durch massives Gelddrucken der Fed finanziert wird, erhebliche negative Folgen für potenzielle Immobilienkäufer.

Signale für hohe Inflation allerorten

Zuvor waren schon die US-Verkäufe bestehender Häuser im April überraschend um 2,7 Prozent gegenüber dem Vormonat gesunken und damit schwächer ausgefallen als erwartet, hatten doch Volkswirte einen leichten Anstieg vorhergesagt. Das war zugleich der dritte Monat in Folge mit einem Rückgang. Auch dort haben die stark gestiegenen Preise ihre Spuren hinterlassen.

Um es noch einmal klar zu sagen: Entgegen der Behauptung vieler Experten und der Fed boomt die US-Wirtschaft meiner Meinung nach nicht, sondern ist schwach und völlig abhängig von den Billionenschweren Konjunkturprogrammen. Deswegen tendieren die Zinsen für zehnjährige US-Anleihen seit zweieinhalb Monaten seitwärts und sollte in den nächsten Monaten deutlich sinken.

Den enormen Preisanstieg spiegeln nicht nur die Daten vom Häusermarkt, sondern auch die Verbraucherpreise, sprich die Inflationsrate wider. Sie war im April auf 4,2 Prozent nach oben geschossen und lag damit über den Vorhersagen der Volkswirte von 3,6 Prozent. Allerdings deuten etliche Daten daraufhin, dass die tatsächliche Inflationsrate deutlich höher sein dürfte als die offiziell ausgewiesene.

So sind die Preiskomponenten des Einkaufsmanagerindex der Notenbank von Philadelphia für die dortige Industrie - also die Preise, die die Unternehmen beim Kauf von Gütern bezahlt, beziehungsweise beim Verkauf ihrer eigenen Güter bekommen haben - jeweils auf das höchste Niveau seit Anfang der 1980er-Jahre gestiegen.

Damals lagen die Inflationsraten zwischen 10 und knapp 15 Prozent, und damit in der Nähe des Rekordhochs.

Und aktuell soll die Inflationsrate bei „nur“ 4,2 Prozent liegen. Wer das glaubt, dem kann ich wirklich nicht mehr helfen, zum die Geldmenge M2 derzeit um rund 18 Prozent wächst und damit mehr als doppelt so schnell wie Anfang der 1980er-Jahre.

Fed kann Anleihekaufprogramm nicht drosseln

Obwohl viele Investoren vor dem Hintergrund der kräftig steigenden Inflationsraten und der rasant zunehmende Inflationssorgen erwarten, dass die Fed bei der nächsten Sitzung am 16. Juni, oder einer der folgenden über eine mögliche Drosselung der QE-Anleihekäufe („Tapering“) diskutieren könnte, sind die Zinsen für zehnjährige Anleihen nicht etwa gestiegen, sondern gesunken.

Woran könnte das liegen? Einerseits daran, dass Investoren zweifeln, dass die Fed angesichts eines Schuldenbergs von insgesamt mehr als 80 Billionen Dollar für Staat, Unternehmen, private Haushalte und Banken – das sind horrende 400 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung – die Anleihekäufe tatsächlich drosseln kann, weil es sonst möglicherweise zu steigenden Zinsen kommen würde, woraufhin das Schuldenhaus schnell zusammenbrechen würde.

Oder andererseits, weil die Fed bei einem möglichen „Tapern“ dem Finanzsektor und damit teilweise der Wirtschaft weniger Liquidität zuführen würde als bislang, woraufhin sich die Konjunkturperspektiven eintrüben würden, weshalb die Zinsen sinken würden.

In dem Umfeld würde eine Drosselung der Anleihekäufe absolut keinen Sinn machen, weil dann die Konjunkturängste der Investoren rapide zunehmen würden, und die Zinsen noch schneller nach unten rauschen würden.

Sinkender Realzins beflügelt den Goldpreis

In einem Umfeld sinkender Zinsen für zehnjährige US-Anleihen bei gleichzeitig steigenden Inflationsraten – meinen Schätzungen nach dürfte sie im Mai auf mindestens 5,0 Prozent zulegen -, sinkt der Realzins immer weiter.

Daher lag der Realzins auf Basis zehnjähriger Inflationsgeschützter US-Anleihen zuletzt bei nurmehr minus 0,82 Prozent und nähert sich damit dem Rekordtief vom 4. Januar 2021 bei minus 1,08 Prozent. Der Realzins ist üblicherweise ein starker Einflussfaktor für den Goldpreis, sollte also der Realzins weiter sinken, dürfte im Gegenzug den Goldpreis steigen.

Sinkenden Zinsen für zehnjährige US-Anleihen ziehen zudem den Dollar nach unten, weshalb der Dollar Index in die Nähe des niedrigsten Niveaus seit Dezember 2014 gesunken ist. Damit hat der Goldpreis von einer zweiten Seite Rückenwind. Der Index spiegelt die Entwicklung des Greenback gegenüber sechs wichtigen Währungen, vor allem dem Euro wider.

Um es noch einmal klar zu sagen: Ich gehe davon aus, dass die Zinsen für zehnjährige US-Anleihen in den nächsten Monaten auf Talfahrt sein werden, und damit ebenso auch der Realzins und der Dollar.

Autor: Egmond Haidt
Finanzjournalist
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von Spitzelpolitiker | 31.05.2021, 16:17 Antworten

Teile die Meinung meines Vorredners.
Verstehe aber auch den Artikel nicht ganz:
Wenn Häuser teurer werden, aber weniger gekauft, was ist das dann? Disinflation, bei mehr Papiergeld?
Wenn Inflation droht, würde man nicht Anleihen nachfragen, um zu retten was zu retten ist? -> Zinsen fallen. Aber Großstaaten stoßen doch angeblich (US-) Anleihen ab!? -> Zinsen müssten steigen!?

3 Antworten an Spitzelpolitiker anzeigen
von meerettich | 31.05.2021, 01:05 Antworten

Wie? Die US-Zinsen sinken? So überraschend ist das nun nicht. Also, wenn der Bürger seine Ersparnisse/Altersvorsorge nicht zu Negativ-Zinsen zur Verfügung stellt, wird für „arme“ Investoren und Staaten eben neues Geld gedruckt.
Und für den inflationären Kaufkraft-Verlust gesetzl. Zahlungsmittel muß der Bürger dann auch noch „bürgen“? Da sind (Beton-) Gold und Silber auch nur eine Verlegenheits-Lösung. Vielmehr sind harte Worte (sozial?) Liberal-Konservativer Reformer gefragt.

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