Stand: 18.02.2020 von Hannes Zipfel
Während der Goldpreis aktuell dynamisch ansteigt, verharrt der Silberpreis in einem Seitwärtstrend. Was sind die Gründe dafür?
Warum der Silberpreis noch schwächelt?

Der Goldpreis prescht voran, der Silberpreis bleibt noch zurück

Mitte Februar kann der Goldpreis in vielen Währungen der Welt neue Höchststände verzeichnen, so auch in Euro: Mit 1.462 Euro pro Unze markierte der Goldpreis in der Gemeinschaftswährung am vergangenen Freitag ein neues Allzeithoch

Seit Jahresbeginn konnte das gelbe Edelmetall bereits sieben Prozent an Wert zulegen. Im Jahresvergleich hat sich das Währungsmetall in Euro sogar um 26 Prozent verteuert.

Mit verantwortlich für den jüngsten Kursanstieg ist die sich täglich verstärkende Unsicherheit über die ökonomischen Schäden, die das Coronavirus Covid-19 weltweit verursacht. Als sicherer Hafen zieht der Goldmarkt daher aktuell verstärkt Kapital an.

Dies liegt auch an der realistischen Erwartungshaltung vieler Investoren, dass die Zentralbanken, wie in China bereits geschehen, nun noch aggressiver die Wirtschaft mit Zinssenkungen und Geldschöpfungsmaßnahmen unterstützen. Die chinesische Zentralbank (PBoC) wird am kommenden Donnerstag, den 20. Februar, den Leitzinsen noch weiter absenken.

Bereits jetzt hat die PBoC umgerechnet mehr als 260 Mrd. Euro in die Märkte Chinas gepumpt, um einen Absturz der Aktienpreise zu verhindern und notleidenden Unternehmen mit Überbrückungskrediten unter die Arme zu greifen.

Momentan stehen zwei Drittel der chinesischen Wirtschaft still und die Produktion kommt wegen der nach wie vor hohen Ansteckungsgefahr nur äußerst schleppend wieder in Gang. Aufgrund der Kombination aus gesunkenen Kapitalmarktzinsen und steigenden Preisen im Land der Mitte, v. a. für Nahrungsmittel, ist der chinesische Realzins zuletzt auf minus 2,5 Prozent in negatives Terrain abgesackt.

Für die ultimative Reservewährung Gold ist dies bei aller menschlichen Tragik und des Leids, dass die Epidemie bei den betroffenen Menschen verursacht, ein sehr konstruktives Umfeld. Nicht umsonst gilt Gold als Krisenwährung.

Auch Silber gilt seit Jahrtausenden als Geldmetall und Krisenwährung. Aufgrund seiner hohen Abhängigkeit von der Industrienachfrage tut sich der Kurs des edlen Hightech-Metalls aktuell jedoch schwer, mit der Dynamik des Goldpreises mitzuhalten. 

Der Silberpreis notiert aktuell bei 17,73 US-Dollar (Stand 17.02.2020) bzw. 16,38 Euro pro Unze. Seit Jahresbeginn verzeichnen die Notierungen in Euro ein Plus von 2,8 Prozent. Deutlich weniger als beim Goldpreis. Auch auf Jahressicht legte der Silberpreis mit 17,2 Prozent deutlich moderater zu. Aktuell liegt der Preis des weißen Edelmetalls noch ganze 109 Prozent von seinem Rekordstand vom 25. April 2012 bei 34,20 Euro entfernt. In US-Dollar beträgt der Abstand zum Allzeithoch sogar knapp 180 Prozent.

Aktuell kämpft der Silberpreis mit der oberen Begrenzungslinie einer kurzfristigen Korrekturformation. Sollte es den Notierungen gelingen, sich erneut über der Marke von 18 US-Dollar pro Unze zu etablieren, wäre ein Angriff auf die bisherigen zyklischen Höchststände im Bereich von 19,60 US-Dollar im Bereich des Möglichen. 

Silberpreis Chart in US Dollar

(Chartquelle: CMC Markets)

Der Silberpreis ist hin und her gerissen

Noch sind die ökonomischen Auswirkungen der Coronavirus-Epidemie auf die globale Wirtschaft und speziell die chinesische Wirtschaft, die nach wie vor die Werkbank der Welt ist, nicht quantifizierbar. Die zu erwartenden Schäden hängen im Wesentlichen von der Dauer der Epidemie und der Dauer der Werkschließungen in China ab. Wobei die Schäden im Zeitverlauf mit jedem Tag stärker werden und sich wegen der zunehmenden Zerstörung von Lieferketten exponentiell entwickeln.

Bereits jetzt bricht die Nachfrage nach Industrierohstoffen wie Kupfer, Eisenerz, Stahl, Rohöl und Silber bedingt durch die stark gesunkene Industrieproduktion in China ein. Zudem stehen die großen chinesischen Häfen unter Quarantäne, was die Einfuhr dieser Rohstoffe aktuell verunmöglicht. Die Auswirkungen auf die Rohstoffpreise sind bereits sehr gut erkennbar.

Zumal die Nachfrage vonseiten der Industrie schon vor dem Ausbruch der Epidemie, bedingt durch die sich abflauende globale Konjunkturdynamik in China und der Welt, schwächelte. Wohingegen sich das für die Industrie weitgehend unbedeutende Währungsmetall Gold in seiner Funktion als „Save Haven“-Asset in den meisten Währungen der Welt auf neue Höchststände aufschwingen konnte.

Der Silberpreis ist hin und her gerissen

(Chartquelle: Tradingview.com)

Die Nachfrage aus der Industrie macht bei Silber 51 Prozent der Gesamtnachfrage aus. Dort wird das Metall aufgrund seiner physikalischen Eigenschaften hauptsächlich in der Solarindustrie (Spiegel) sowie in sämtlicher Elektronik, in Batterien (Kontaktstellen), in Automobilen sowie in der Logistik (RFID-Chips) und für Medizinbesteck sowie Funktionskleidung eingesetzt (antiseptisch).

Ein großer Teil der Fertigungsindustrie für die genannter Güter findet in China statt. Wichtige Vorprodukte zur Weiterverarbeitung in der Automobil- und Elektroindustrie kommen ebenfalls aus dem Reich der Mitte.

China ist der mit Abstand größte Verarbeiter von Silber weltweit.

Durch die Unterbrechung der Lieferketten kommt es momentan zu deutlichen Rückgängen bei der Silberverarbeitung und entsprechend stockt die Nachfrage. Die von den Produktionseinschränkungen betroffenen chinesischen Firmen haben mittlerweile ihre Rohstofflieferanten gebeten, keine neuen Lieferungen auf den Weg zu schicken. 

Der Vorteil von Silber gegenüber anderen Rohstoffen ist jedoch seine Zwitterfunktion. Fast die Hälfte der Produktion wird als Schmuck, Geschirr, Münzen, Barren oder an physisch gedeckte ETFs als Investments verkauft und dient Investoren aufgrund seiner Jahrtausende alten Tradition als Währungsmetall, ebenso wie das große Brudermetall Gold, als Schutz vor Inflation und systemischen Risiken im Geldsystem. 

Andere Metalle, wie zum Beispiel Kupfer, werden hingegen nahezu vollständig von der verarbeitenden Industrie absorbiert. Der Hauptteil fließt dabei in den Bausektor, der in China momentan de facto stillsteht. Ein Viertel des jährlichen Angebots in Höhe 23.55 von Million Tonnen wird in der Elektronikindustrie verbraucht. Zu gut einem Viertel findet das Metall Anwendung in der Infrastruktur sowie dem Transportsektor und zu 15 Prozent in der Automobilindustrie (Quelle: IWCC, Copper Alliance/ European Copper Institute).

Die Vermögensverwaltung Incrementum AG aus Lichtenstein hat drei ausgeprägte Phasen in der Historie untersucht, die geprägt waren von Deflation und wirtschaftlicher Schwäche. Das Ergebnis dieser Untersuchung deckt sich mit der Entwicklung der Rohstoffpreise im obigen Chart. Industrierohstoffe entwickeln sich in Phasen schwacher industrieller Nachfrage negativ. Silber als Zwittermetall zwischen Industrie- und Geldmetall kann sich dagegen deutlich besser entwickeln und Gold wertet massiv auf, sofern die Deflation mit wirtschaftlichen und systemischen Risiken einhergeht.

Aufgrund der hohen Korrelation zwischen der Konjunktur und der Kupfernachfrage trägt das rötliche Metall auch den Beinamen „Dr. Copper“. Es ist sozusagen das Metall mit dem Doktortitel in Ökonomie. Sowohl „Dr. Copper“ als auch Rohöl spiegeln die aktuelle Schwäche der Weltwirtschaft klar wider. 

Fazit und Ausblick

Die deutlich höhere Abhängigkeit der Silbernachfrage von der Industrie bremst im Zuge der wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronavirus-Epidemie den Anstieg des Silberpreises im Vergleich zur reinen „Save Haven“-Währung Gold. 

Es ist jedoch davon auszugehen, dass zum einen die Notenbanken durch eine noch aggressivere Geldpolitik versuchen werden, die Finanzmärkte stabil zu halten und die Realwirtschaft zu unterstützen und zum anderen ist absehbar, dass die Virusepidemie in den Sommermonaten abflauen wird.

Damit kann sich dann auch wieder die industrielle Nachfrage nach Silber sukzessive erholen. Beide Effekte in Kombination, also die weitere Lockerung der Geldpolitik sowie die Erholung bei der Industrienachfrage, ergeben eine positive Perspektive für den Preis des weißen Edelmetalls für die kommenden Monate. 

Es ist sogar möglich, dass der Silberpreis dann erneut den Goldpreis massiv outperformt, so wie dies bereits im vergangenen Jahr zwischen Mai und September der Fall war.

Darüber hinaus sollte sich Silber in den nächsten Wochen und Monaten aufgrund seiner Zwitterfunktion deutlich besser halten können als das reine Industriemetalle Kupfer.

Es ist sogar wahrscheinlich, dass der Silberpreis in den kommenden Tagen im Kielwasser des Goldpreises aus seiner kurzfristigen Konsolidierungsformation nach oben ausbrechen und die Marke von 18 US-Dollar pro Unze zurückerobern kann. 

Dies sollte spätestens dann geschehen, wenn die US-Notenbank Fed auf ihrer nächsten Sitzung am 18. März deutliche Signale in Richtung einer weiteren Zinssenkung aussendet. Der Fed-Chef Jerome Powell hatte bereits in der vergangenen Woche bei den beiden Anhörungen vor dem US-Abgeordnetenhaus und dem Senat die signifikanten wirtschaftlichen Risiken der Coronavirus-Epidemie hervorgehoben.

Eine weitere Lockerung der Geldpolitik wird somit wahrscheinlicher. Diesbezügliche geldpolitische Maßnahmen würden die säkulare Hausse beim Silberpreis zusätzlich unterfüttern.

Hannes Zipfel
Finanzjournalist

Autor: Hannes Zipfel
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Handarbeit aus "Schwäbisch Sibirien"