Stand: 21.04.2020 von Hannes Zipfel
Eine beispiellose Entwicklung ereignet sich gerade am Markt für Rohöl, die auch für Goldinvestoren beachtenswert ist: Erstmals in der Geschichte wurde ein Fass US-Rohöl (1 Barrel ? 159 Liter) am gestrigen Montag an der Warenterminbörse NYMEX in New York zu minus 40 US$ gehandelt. 
Was der Ölpreiskollaps für Goldinvestoren bedeutet

Aktuell notiert der Preis bei minus 7,45 US$/Barrel. Amerikanisches Rohöl, dessen Lieferung für Ende Juni ansteht, notiert am Terminmarkt bei 13,77 US$/Barrel. 

Rohölkollaps 2020 - Rohölpreis

Der Grund für den extremen Preisverfall ist der doppelte Angebots-Nachfrage-Schock. Die globale Nachfrage wird gemäß dem April-Ölmarktreport der Internationalen Energieagentur (iea) im Gesamtjahr 2020 voraussichtlich gegenüber dem Vorjahr um 9,3 Millionen Barrel pro Tag sinken.

Die Eindämmungsmaßnahmen gegen die Covid-19-Seuche in 187 Ländern und Gebieten haben dazu geführt, dass der Verkehr zu Luft, Wasser, Schiene und Straße nahezu zum Erliegen gekommen ist. 

Die Nachfrage im April 2020 wird daher um 29 Millionen Barrel pro Tag unter der des Vorjahresmonats liegen und damit auf dem Stand von April 1995. 

Das weltweite Ölangebot wird im Mai voraussichtlich zwar um einen Rekordwert von 12 Millionen Barrel pro Tag sinken, nachdem die OPEC+ Staaten am 13. April eine historische Produktionsdrosselung vereinbart hatten. Dies ist jedoch im Verhältnis zum Nachfragerückgang viel zu wenig. 

Gleichzeitig sind die Öllager weltweit zum Bersten gefüllt. 

Daher wollen die Käufer von Rohöl am Terminmarkt noch vor der Fälligkeit des aktuellen Kontraktes am heutigen Dienstag und damit der drohenden physischen Lieferung des Rohöls ihre Kaufverpflichtung um jeden Preis loswerden – auch zu Negativpreisen.

Entgegengesetzte Entwicklung zum Goldpreis

Beim Goldpreis konnte man zuletzt genau die entgegengesetzte Entwicklung beobachten: An der weltweit größten Terminbörse für Gold, der COMEX in New York, wurde das Edelmetall in den Lagern knapp und musste aus London per Luftfracht eingeflogen werden, da sich die Anzahl der Anträge auf physische Lieferung nach Ablauf der Terminkontrakte vervielfachte. 

Gold lässt sich auch leichter lagern als Rohöl, dessen Wert pro Gewichtseinheit viel niedriger und dessen Aggregatzustand bei Zimmertemperatur zähflüssig ist.

Der Hauptgrund für die entgegengesetzte Preisentwicklung der letzten Wochen liegt jedoch in der Verwendung der beiden Rohstoffe: Rohöl wird in der chemischen Industrie oder in der Pharmaindustrie weiterverarbeitet bzw. zu Kraftstoff raffiniert und im Transportsektor verbrannt.

Gold hingegen wird zu über 90 Prozent als Währungsmetall von Notenbanken, Staaten, Organisationen, Kapitalsammelstellen und Privatinvestoren gehortet. Anders als Rohöl ist Gold offiziell eine Reservewährung. In Zeiten großer Krisen, gepaart mit maßloser Verschuldung und desperater Geldpolitik (Abschaffung des Zinses und Explosion der Geldproduktion) dient Gold dem finanziellen Überleben und als Schutz vor der Zerstörung der Kaufkraft der Fitat-Währungen. 

Daher implodiert in wirtschaftlichen Krisenzeiten wie zuletzt in der Weltfinanzkrise 2008/09 der Ölpreis, während Goldpreis im Trend stark ansteigt.

Crash bei Rohöl setzt Notenbanken weiter unter Druck

Ein stark fallender Goldpreis wäre für die Weltwirtschaft kein Problem – ein kollabierender Ölpreis ist es schon. In Nordamerika benötigen die Ölproduzenten Preise von über 60 US$/Barrel für die Förderung des Rohstoffs aus kanadischem Ölsand und ca. 40 US$/Barrel für die amerikanische Schieferölförderung. Circa 10 Mio. gut bezahlte Jobs hängen allein in den USA vom Ölsektor ab. 

Außerdem gehören die US-Schieferölproduzenten zu den größten Schuldnern der US-Banken und der Wall Street. Ölproduzierende Staaten wie Venezuela, Nigeria, der Irak und das Königreich Bahrain sind gemäß der Ratingagentur Standard & Poor's akut vom Staatsbankrott bedroht, sollte sich der Ölpreis nicht schnell und signifikant wieder erholen. 

Es droht ein Dominoeffekt aus Pleiten und Kreditausfällen.

Es ist daher nur eine Frage der Zeit, bis auch andere Finanzmärkte, wie zum Beispiel die Aktien- und Anleihemärkte, mit in den Sog der Ölpreise hineingezogen werden. Die ohnehin hohe Fragilität der bereits stark leidenden Weltwirtschaft wird durch den Ölpreiskollaps noch größer und die Notenbanken werden zu weiteren desperaten Maßnahmen gezwungen. 

Diese zusätzlichen Maßnahmen werden das Fiat-Geld-System noch dichter an den inflationären Abgrund führen. Daher könnte der Goldpreis zwar unter dem kurzfristigen deflatorischen Sog an den Finanzmärkten leiden, um anschließend, wie bereits nach dem Aktiencrash im März dieses Jahres, weiter zuzulegen.

Lage am Markt für Münzen und Barren entspannt sich

Die Nachfrage speziell nach Goldmünzen  und Silbermünzen sowie Barren hat sich über Ostern und mit dem schönen Wetter weiter entspannt, liegt aber immer noch auf hohem Niveau. Die Verfügbarkeit der Münzen und Barren hat sich gleichzeitig wieder verbessert. 

Mit der aktuellen Goldpreiskorrektur gibt es damit in Summe drei Faktoren, die zunächst die Lage bei den Edelmetallhändlern etwas entspannt. Auch der Preiswettbewerb unter den Händlern vor allem unter den Goldbarren-Produkten setzt nun wieder spürbar ein, nachdem zuvor Knappheitspreise dominierten und die Verfügbarkeit der Ware mitunter Priorität bei den Käufern hatte. Die Aufgelder kommen entsprechend zurück.

Hier gibt es weitere Infos zur Aufgeld-Entwicklungen

Autor: Hannes Zipfel
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von JoJo | 29.04.2020, 19:33 Antworten

Der DAX wird in für einige Zeit ein Hoch erfahren, aber nur kurz. Danach kommt der Absturz

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Handarbeit aus "Schwäbisch Sibirien"