Gold: 1.752,08 € +0,06 %
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Stand: 27.01.2022 von Hannes Zipfel
Ab Mitte März sollen die Zinsen in den USA wieder steigen. Anleihekäufe wird es auf reduziertem Niveau nur noch bis Ende Februar geben. Auffallend zurückhaltend sehen die Planungen der Fed zur Reduzierung ihrer monströsen Bilanzsumme aus. Zudem lässt man sich eine große Hintertür für den Rückzug aus der Inflationsbekämpfung offen.
Was die Fed-Entscheidung für den Goldpreis bedeutet

Vom Saulus zum Paulus

Seitdem US-Präsident Joe Biden den Fed-Chef Jerome Powell am 6. November letzten Jahres zu einer Besprechung ins Weiße Haus zitierte, hat sich der Wind in der US-Geldpolitik um 180 Grad gedreht. Während die Zentralbanken in China, Europa, Japan und der Schweiz trotz Inflation auf dem Gaspedal bleiben und im Falle der Chinesen die Zinsen sogar weiter gesenkt werden, mutierte Powell plötzlich vom Inflationsaussitzer („Ist nur ein vorübergehendes Phänomen“) zum Inflationsbekämpfer Nummer eins der Nation.

Biden hatte zu diesem Zeitpunkt bereits wegen der stark gestiegenen Preisinflation, die aktuell sieben Prozent beträgt, deutlich an Zustimmung in der Wählergunst verloren und fiel in den Umfragen jüngst sogar hinter den umstrittenen Ex-Präsidenten Donald Trump zurück (Quelle: RealClearPolitics).

Am 22. November nominierte der US-Präsident den Fed Chef für eine zweite Amtszeit bis 2026.

Doch die Reaktion der Finanzmärkte auf den plötzlichen Politikwechsel zur Sicherung des Postens für Powell an der Spitze der Fed ließ nicht lange auf sich warten: Seit dem 8. November ist der breite US-Aktienmarkt, gemessen am Russel 2000 im Abwärtsmodus.

Zuletzt nahmen die Schwankungen sogar deutlich zu.

Der S&P 500 verlor von seinem Hoch Ende letzten Jahres bereits fast 10 Prozent. Der Russel 2000 seit November sogar fast 20 Prozent. Dem Goldpreis gelang es hingegen, sich mit einem Minus von lediglich 1 Prozent seit dem Zwischenhoch am 16. November deutlich stabiler zu halten. In Euro gerechnet stieg der Goldpreis währungsbedingt sogar leicht an.

Klare Worte der Fed, aber…

Bei der Pressekonferenz im Anschluss an die sogenannte Offenmarktausschusssitzung (FOMC) am gestrigen Abend sagte der Fed-Chef Jerome Powell klipp und klar:

„Wegen der Stärke des Arbeitsmarkts und der hohen Inflation ist es Zeit, die geldpolitische Unterstützung zu beenden“.

Dies bedeutet konkret, dass die Fed ab 1. Februar die Käufe von Anleihen nochmals um die Hälfte reduziert. Für Staatsanleihen sollen statt bisher 40 Mrd. US-Dollar dann nur noch 20 Milliarden US-Dollar pro Monat ausgegeben werden. Für den Ankauf von Hypothekenanleihen will die US-Notenbank statt 20 Mrd. nur noch 10 Milliarden US-Dollar pro Monat zur Verfügung stellen.

Ab März soll mit dem Gelddrucken ganz Schluss sein.

Am 16. März, also auf der nächsten Sitzung der US-Notenbank, soll dann der Leitzins von aktuell 0,0 bis 0,25 Prozent um mindestens 25 Basispunkte angehoben werden. Wie stark genau die Zinsanhebung ausfallen wird, das ließ der Fed-Chef allerdings noch offen. Einige Marktteilnehmer rechnen sogar mit einem „großen“ Zinsschritt um 50 Basispunkte auf dann 0,5 bis 0,75 Prozent.

Mit dem Beginn der Zinserhöhungen im März könnte dann auch der Abbau der durch Anleihekäufe extrem aufgeblähten Bilanzsumme der Fed starten. Einen konkreten Zeitpunkt und einen genauen Fahrplan dafür gibt bislang jedoch nicht. Details dazu kündigte Powell für die kommende Sitzung Mitte März an.

…die Unsicherheit bei der Fed ist mit Händen zu greifen

Die US-Notenbank sitzt in der Zwickmühle: Einerseits zwingt die hohe Inflation, die länger andauert und sich breiter ausdehnt als erwartet, die Fed zu einer Reaktion. Anderseits präsentieren sich die Finanzmärkte bereits teils panisch, obwohl nach wie vor von der Notenbank Geld gedruckt wird und sich die Leitzinsen unverändert nahe null Prozent befinden.

Um speziell die US-Aktienmärkte, die für das Wohlstandsgefühl und die Konsumlust in den USA sehr wichtig sind, nicht noch nervöser zu machen, wurden von der Fed in dem aktuellen Statement auch Ausstiegsoptionen aus der Straffung der Geldpolitik genannt und das behutsame Vorgehen bei der geplanten Bilanzreduzierung betont.

So sollen z. B. zum Abbau der Bilanz keine Anleihen verkauft, sondern lediglich fällig werdende Obligationen nicht wieder ersetzt werden. Dabei will man sehr vorsichtig und für die Märkte „vorhersehbar“ agieren. Zudem ist nur eine Teilreduzierung der Bilanz geplant. Der Abbau würde damit im Gegensatz zum Aufbau der Bilanzsumme nur sehr allmählich vonstattengehen.

Zudem behält sich die Fed eine klare Ausstiegsoption vor:

„Der Ausschuss ist bereit, alle Einzelheiten seines Ansatzes zur Reduzierung der Bilanzgröße angesichts der wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklungen anzupassen.“

Klartext: Wenn es schief geht, hören wir sofort wieder damit auf.

Generell soll bei dem Auftreten von Risiken die Geldpolitik angepasst werden. Eine Rolle rückwärts ist somit jederzeit möglich.

Als Risiken erwähnt die Fed explizit die Entwicklungen an den Finanzmärkten. Wörtlich heißt es:

„Der Ausschuss wäre bereit, den geldpolitischen Kurs anzupassen, wenn Risiken auftreten, die das Erreichen der Ziele des Ausschusses beeinträchtigen könnten. Die Bewertungen des Ausschusses werden ein breites Spektrum an Informationen berücksichtigen, darunter Erkenntnisse über die öffentliche Gesundheit (Pandemie), Arbeitsmarktbedingungen, Inflationsdruck sowie finanzielle und internationale Entwicklungen (Finanzmarkt und Geopolitik).“

Die Entscheidung, die Anleihekäufe zu reduzieren und eine Zinserhöhung anzukündigen erfolgte mit 10:2 Stimmen.

Das Federal Open Market Committee (FOMC) besteht aus zwölf Mitgliedern: den sieben Vertretern des Board of Governors des Federal Reserve Systems, dem Präsidenten der Federal Reserve Bank von New York und vier der verbleibenden elf Präsidenten der Fed-Distrikte, die abwechselnd ein Jahr lang stimmberechtigt sind.

Erste Reaktionen der Märkte

Die Unsicherheit der Fed überträgt sich auch auf die Märkte. Direkt nach der Pressekonferenz von Jerome Powell präsentierten sich sowohl die Aktien- als auch die Anleihe- und Edelmetallmärkte schwächer. Die Anleger nahmen ihre Chips vom Tisch, wie es umgangssprachlich an der Wall Street heißt.

Marktreaktion auf die US-Notenbanksitzung

Ein Marktteilnehmer brachte auf dem US-Wirtschaftssender CNBC das Dilemma der Fed auf den Punkt:

„Sie wollen gleichzeitig auf zwei Pferden reiten, die in unterschiedliche Richtungen laufen“.

Gemeint ist damit, dass die Fed genau weiß, dass ohne die laxe Geldpolitik ein Kollaps der Vermögenspreisblasen in den USA am Aktien- und Immobilienmarkt droht, die sich seit der nochmaligen Verschärfung der ultralaxen Geldpolitik ab März 2020 immer weiter aufgebläht hatten.

Anderseits ist die Inflation mit sieben Prozent auf einem Vierzigjahreshoch angelangt, was sich mit einer Fortsetzung des Gelddruckprogramms und einer de facto Nullzinspolitik nicht mehr vereinbaren lässt. Das Ansehen der US-Notenbank droht andernfalls in Gefahr zu geraten, genauso wie die Präsidentschaft von Joe Biden.

Ausblick für den Goldpreis

Die ökonomische Logik lässt den Schluss zu, dass aufgrund der Rekordverschuldung und den extremen Exzessen bei den Vermögenspreisen der Spielraum der Fed so stark begrenzt ist, wie in keinem Zinszyklus zuvor.

Die Abhängigkeit der Märkte von der Zentralbankliquidität und dem Nullzinsumfeld verträgt sich nicht mit einer restriktiven Geldpolitik (Zinsanhebungen und Liquiditätsreduzierung). Die Risiken, sowohl in Bezug auf die Konjunktur als auch auf die Finanzmarktstabilität, werden durch den vom Weißen Haus erzwungenen Sonderweg der US-Notenbank unkalkulierbar.

Es ist zu erwarten, dass die negativen Auswirkungen des nun von der Fed eingeschlagenen Weges sehr schnell zu signifikanten Verwerfungen an den Finanzmärkten und im Anschluss daran auch sehr zeitnah in der Realwirtschaft führen. Das allein kann den Goldpreis als sicheren Hafen ohne Gegenparteirisiko stabilisieren (Gold kann nicht bankrottgehen). Diese Stabilität war in den letzten Wochen bereits zu beobachten.

Spätestens wenn die Fed die Reißleine ziehen muss, weil die Umfragewerte für Präsident Biden weiter kollabieren, weil plötzlich neben der hohen Teuerung auch noch die Vermögenspreise fallen und das Wachstum schrumpft, haben Gold aber auch Silber, Platin und Palladium das Potenzial, neue Rekordpreise zu erreichen.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von Dani | 06.02.2022, 08:06 Antworten

Gold erreicht nie Null – es gräbt, reinigt Gussteile, vergoldet kritische Elemente in der Elektronik, stellt Zähne und Schmuck her. Die meisten USB-Kontakte sind vergoldet, die Hitzeschilde von Satelliten bestehen aus Gold. Um im Weltraum zu arbeiten, braucht man Gold. Für umweltfreundliche Technologie braucht es Gold Gold. Warengeld ist per Definition niemals wertlos.

von Klecks | 28.01.2022, 12:49 Antworten

Ein sehr guter, sehr objektiv verfasster Artikel. Nur warum mus jeder Beitrag von Herrn Zipfel mit Allgemeiplätzen wie "Goldpreis als sicheren Hafen" und "Gold kann nicht bankrottgehen" enden?

Erstens ist Gold für die (kurzfristig agierenden) Finanzmärkte alles andere als ein sicherer Hafen, wie ein Blick auf die teils enormen Kursschwankungen seit Aufkündigung von Bretton Woods zeigen.
Zweitens könnte (theoretisch) auch Gold sehr wohl bankrott gehen. Der intrisische Wert ist schlicht ein Mythos, Gold hat -wie alles andere auch- lediglich den Wert, den wir Menschen ihm zuschreiben. Und der kann theoretisch auch gegen Null gehen (was in einigen Kulturen auch der Fall war und Extremsituationen immer noch gelegentlich vor kommt).

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