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Stand: 23.09.2022 von Hannes Zipfel
Mit ihren verspäteten und viel zu aggressiven Nachholaktionen in Sachen Inflationsbekämpfung gefährdet die US-Notenbank Fed nicht nur die eigene Konjunktur, sondern löst eine weltweite Schuldenkrise aus. Für den Euroraum könnte das den Auftakt zum endgültigen Niedergang der Gemeinschaftswährung bedeuten.
Zinswahnsinn der US-Notenbank Fed: Wird Gold obligatorisch?

Katastrophale Ereigniskette in Gang gesetzt

Nicht nur die gestrige Zinsentscheidung der US-Notenbank Fed, also der mächtigsten geldpolitischen Institution der Welt, muteten jenseits jeder Realität an, sondern auch die anschließenden Einlassungen des Fed-Chefs Jerome Powell.

Zwar wurde der Hauptrefinanzierungssatz (Fed Funds Rate) wie erwartet um 0,75 Prozentpunkte auf eine Leitzinsspanne von 3,00-3,25 Prozent angehoben, aber dann kam die faustdicke Überraschung:

Statt des bisher wie von den 19 Mitgliedern des sogenannten Offenmarkt-Komitees (Federal Open Market Committee, FOMC) der Fed prognostizierten Zinsniveaus für das Jahresende in Höhe von 3,4 Prozent (Stand letzte Sitzung 27. Juli), plant man nun bis in die luftigen Zinshöhen von 4,4 Prozent vorzustoßen (lilafarbene Box in der unteren Tabelle).

Für das Jahr 2023 waren von den FOMC-Mitgliedern vor der Sommerpause bereits Zinssenkungen eingeplant. Doch nun soll der Zins stattdessen bis Ultimo 2023 auf 4,6 Prozent weiter ansteigen.

Gleichzeitig erwarten die Bürokraten aus Washington in ihren „ökonomischen Projektionen“ ein Wirtschaftswachstum von 0,2 Prozent für dieses Jahr und 1,2 Prozent im nächsten Jahr (roter Kasten).

Im Juni (eine Zeile darunter) war man für dieses Jahr noch von 1,7 statt 0,2 Prozent Wirtschaftswachstum und deutlich weniger Zinsanhebungen ausgegangen.

Fed Projections Sep FOMC

Fakt ist aber, dass die US-Wirtschaft bereits zwei Quartale in Folge geschrumpft ist und das dritte Quartal gemäß den Schätzungen der Fed of Atlanta nur noch ganz knapp über der Wachstumsschwelle liegt (+0,3 Prozent annualisiert).

Wenn man sich die Umstände anschaut, unter denen die Fed mit der aggressivsten geldpolitischen Straffung seit 30 Jahren die mit 92,83 Billionen US-Dollar Gesamtverschuldung aufgeblasene US-Ökonomie belastet, die selbst gerade einmal 23 Billionen US-Dollar pro Jahr erwirtschaftet, dann ist folgendes Zitat von Fed-Chef Powell fast schon zynisch (50 Millionen US-Dollar Vermögen, 203k US$ Jahresgehalt | Quelle: Celebrity Net Worth):

Wir wissen, dass die Bekämpfung der Inflation erhebliche Schmerzen verursachen wird

Jeder Prozentpunkt Zinsanstieg kostet die US-Verbraucher, Unternehmen, Banken und öffentlichen Haushalte im Zeitverlauf knapp 1 Billion US-Dollar. Allein in diesem Jahr sollen es aber über 4 Prozentpunkte beim Anstieg der Zinskosten werden – drei sind es nun schon. Das würde für das Gesamtjahr 2022 eine Verteuerung der Kreditkosten im Zeitverlauf um 4 Billionen Dollar pro Jahr bzw. ca. 17 Prozent des jährlichen BIP bedeuten.

Rate Hike Cicles

Der vorherige Zinszyklus ab dem Jahr 2015 (hellblaue Linie in der obigen Grafik) war aus gutem Grund einer der vorsichtigsten und langatmigsten überhaupt und endete doch drei Jahre später mit Notzinssenkungen und Notkaufprogrammen für US-Staatsanleihen.

Heute stellt sich die Gemengelage so dar:

  • Verschuldung auf Rekordniveau
  • US-Wirtschaft bereits in technischer Rezession
  • Arbeitslosenquote (Kompletterfassung „U6“) bei 7,0 Prozent im Aug '22

In der Summe also eine toxische Mischung. Und dennoch schießt die Fed sehenden Auges auf Weisung des Präsidenten Joe Biden, der vor wichtigen Zwischenwahlen steht und die Inflation bis Anfang November wieder unten haben will (Mission Impossible) mit ihrem jetzigen Zinskurs weit über das Machbare hinaus und zerstört die Schuldentragfähigkeit der USA. Aber eben nicht nur ihre Eigene.

Entwicklung US-Gesamtverschuldung vs. US-BIP

Denn die Prognosen der US-Notenbanker basieren auf völlig falschen Annahmen und die Geldpolitiker übersehen eine katastrophale Ereigniskette, die sie weltweit bereits ausgelöst haben.

Die weltweite Dimension der Fed-Politik

Das, was für die USA im Einzelnen gilt, gilt in Sachen Zinssensitivität und Gesamtverschuldung für die gesamte Weltwirtschaft. Die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Kristalina Iwanowa Georgiewa warnte bereits im Sommer (Quelle CNBC, IWF):

Viele ärmere Staaten in Latein-Amerika, Afrika und Asien haben sich in der Pandemie zusätzlich hoch verschuldet und leiden noch immer unter den wirtschaftlichen Auswirkungen von Corona.

Nach der gestrigen Fed-Entscheidung ergänzte die Chefin des IWF:

Wir sehen bereits jetzt starke Abwertungsbewegungen von Währungen verschiedener Schwellenländer gegenüber dem US-Dollar, was deren Fähigkeit, die Kredite zu bedienen, stark belastet

In Zahlen sieht das globale Schuldendilemma so aus:

Globale Rekordverschuldung IIF Q1 2022

Mit den massiven Zinsanhebungen setzt die Fed die ärmeren Länder, deren Verbindlichkeiten laut IWF zu knapp 40 Prozent (38,6 Prozent) in US-Dollar aufgenommen wurden, zusätzlich unter Druck: Nicht nur, dass die Zinskosten steigen, sondern auch der Dollarschuldenbetrag wächst in heimischer Währung aufgrund der größten Dollarstärke seit über 30 Jahren. Laut IWF gelingt es vielen ärmeren Ländern aber jetzt schon kaum noch, die für Zinszahlungen notwendigen Devisen zu beschaffen, da bereits in der Corona-Pandemie die Devisenreserven stark abgeschmolzen sind.

Noch für dieses Jahr sieht der IWF daher den Beginn ernster Zahlungsschwierigkeiten für ärmere Staaten und fordert zusammen mit der Weltbank ein umfangreiches Schulden-Moratorium.

Wie ernst die Lage bereits jetzt ist, zeigt der Absturz verschiedener Schwellen-Länder-Währungen gegenüber dem US-Dollar aufgrund der im Dollar-Raum deutlich gestiegenen Verzinsung.

Europäische Kapitalmarktzinsen diverser Länder

Auftakt zur finalen Euro-Krise

Aber das Problem betrifft nicht nur Schwellenländer. Auch aus dem Euroraum wird wegen des attraktiver verzinsten US-Dollars und der geopolitischen Probleme auf dem alten Kontinent massiv Kapital abgezogen. Der Euro stürzt auf Niveaus ab, die zuletzt kurz nach seiner Einführung im Jahr 2002 erreicht wurden und ein Ende der Talfahrt ist nicht absehbar.

Euro vs. Dollar

Gemäß einer Umfrage von JPMorgan Chase von Anfang September wollen 68 Prozent der befragten Investoren in den nächsten Monaten Kapital aus dem Euroraum abziehen. Dieser Trend dürfte sich aufgrund der nochmals erhöhten Zinsprognosen für den Dollar-Raum weiter verstärken.

Es ist ein bekanntes Phänomen, das die weltweit an den Finanzmärkten tonangebenden Amerikaner bei aufkommenden Krisen ihr Kapital schnellstmöglich in die Heimat repatriieren und somit Währungs- und Schuldenkrisen auslösen oder verstärken.

Um den Absturz des Euro abzubremsen, muss die EZB nun widerwillig ihrerseits die Zinsen mitten in eine heraufziehende Winter-Rezession anheben und droht damit neben der Konjunktur auch noch die Immobilienblasen u. a. in Deutschland anzustechen.

Dabei gehen laut EZB die größten Risiken eigentlich von den drei baltischen Staaten Estland, Litauen und Lettland aus, da an diesen Immobilienmärkten bis zu 90 Prozent der Darlehen variabel verzinst sind, und dass bei relativ großer Wohnfläche, relativ hohen Preisen im Vergleich zum Einkommen und enormen Energiekosten. Bereits ab 2008 erlebten die baltischen Staaten einen Immobiliencrash, der damals große Teile der Altersvorsorge des Mittelstandes in Form von Beton-Gold auslöschte.

Das Letzte, was die Eurozone jetzt braucht, ist eine neue Immobilien- und Schuldenkrise. Doch der Kapitalmarkt zeigt anhand der in die Höhe schießenden Zinsen für Staatsanleihen bereist an, dass die finale Eurokrise bereits begonnen hat und das TPI-Programm (Transmission Protection Instrument) zur Stützung der Italo-Bonds bisher keinerlei Wirkung zeigt, weil das dazu eigentlich zwingend notwendige Gelddruckprogramm fehlt und die EZB ja selbst das Zinsniveau weiter nach oben schraubt. Das TPI ist nur ein Staatsanleihen-Umverteilungs-Programm auf der Aktiv-Seite der EZB-Bilanz.

Im Vergleich zum Jahr 2020 haben sich die am Kapitalmarkt von Investoren verlangten Renditen bereits vervielfacht. Staaten wie Frankreich und Deutschland mussten lange Zeit überhaupt keine Zinsen zahlen und wurden fürs Schuldenmachen sogar bezahlt. Doch diese marktwirtschaftliche Abnormalität gehört nun der Vergangenheit an:

Währungen vs. USD

Da die EZB aktuell den Kapitalmarkt nicht stützen kann, droht ein weiterer Renditeanstieg bis hin zu Panikverkäufen von Anleihen schlechterer Bonität, wie z. B. die Griechenlands, Italiens oder Spaniens.

Sobald die EZB dieser Dynamik geschuldet und in ihrer Not zur Aufrechterhaltung der Schuldentragfähigkeit die Zinsen wieder senken und neues Geld drucken muss, um diese Staatsanleihen aufzukaufen, wäre das Spiel für den Außenwert des Euro und die Glaubwürdigkeit der EZB aus. Die Inflation im europäischen Währungsraum würde dann endgültig außer Kontrolle geraten.

Goldbesitz wird für den Vermögensschutz unabdingbar

In Anbetracht der bereits in Gang gekommenen Entwicklungen, der absurd aggressiven Planungen der US-Notenbank und des geldpolitischen Dilemmas der EZB wird auf Ebene der europäischen Regierungen (auch im deutschen Kabinett) bereits über die Risiken einer neuen Eurokrise debattiert. Doch aus diesem Dilemma gibt es nach 12 Jahren Dauer-Euro-Krise nun kein Entkommen mehr. Es fehlen schlicht die Instrumente, da Inflation, Rezession, Krieg, Sanktionen, Energiekrise und geopolitische Verwerfungen (Taiwan-Konflikt) gleichzeitig auftreten und die Lieferketten noch nicht wieder reibungslos funktionieren.

Daher macht es mehr denn je Sinn, die Währung als Teil der Versicherung im Vermögensmix zu halten, die bislang jeder Abwertung des Euro trotzte und sich seit Jahrtausenden als Wertspeicher bewährt hat: Gold.

Gold in Euro pro Feinunze vs. Euro zum USD seit 2008

Wie bereits während der letzten Krisen, dürften das monetäre gelbe Edelmetall, ebenso wie dann auch wieder das deutlich leistbarere Silber eine der wenigen liquiden Vermögenswerte sein, die erneut als „Sicherere Häfen“ stark nachgefragt werden.

Egal, welches Währungssystem auf den Euro in Zukunft folgen mag, Edelmetalle, allen voran Gold als globale Back-Up-Währung werden weltweit als Zahlungsmittel akzeptiert.

Übrigens ist Gold auch in Deutschland offizielles Zahlungsmittel und daher von der Umsatzsteuer befreit. Die Deutsche Bundesbank hält zwei Drittel ihrer Gesamtwährungsreserven in Gold. Die Bundesbanker werden wissen, warum.

Top 10 Goldreserven Stand Mai/Juni 2022Aktuelle Goldreserven: Top 10 nach Ländern, Stand Mai/ 2022 (1)
Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von Diversifizierer | 28.09.2022, 17:27 Antworten

Niemand kann in die Zukunft schauen. Deshalb ist eine breite Diversifizierung besser als extreme Meinungen. Bei 8% Inflation und möglicherweise 3% Zins verlieren Geld und Anleihen jedoch sicherlich 5% jedes Jahr. Warum sollten hier Aktien und Gold falsch sein? Es besteht bei diesen Anlagen zumindest langfristig die Chance auf Werterhaltung.

von Sebastian | 25.09.2022, 12:53 Antworten

Bitcoin fixes This - Gold wird hier kaum gegen ab kommen können. Digital. Dezentral. Offen. Neutral. Zensurresistent. Grenzenlos. Wie Gold. Nur besser.

1 Antwort an Sebastian anzeigen
von Tele Sommer | 25.09.2022, 20:53 Antworten

Selten so einen einseitigen Artikel gelesen. Der Verfasser ist wohl Long investiert. Zu den Zinsanhebungen - lieber stark, wie weniger stark - gibt es keine Alternative. Wir wollen keine Hyperinflation.
Und Gold ist eine reine Krisenwährung, die dann steigt, wenn Ängste um sich greifen. Höhere Zinsen sind Gift für Gold

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