Stand: 31.03.2020 von Hannes Zipfel
Die Fiskal- und Geldpolitiker versuchen Hand in Hand, ein ohnehin schon angeschlagenes Wirtschafts- und Währungssystem durch beispiellose Maßnahmen zu stabilisieren. Aber was vor der Corona-Krise schon zum Scheitern verurteilt war, das wird durch eine massive Reflation nicht nachhaltiger.
Gold und Silber in der Reflation

Weitere Schulden sind nur eine kurzfristige Lösung

Im Zuge der Corona-Pandemie kommt ein Thema aufs Tableau, das bereits als abgehakt galt: Eurobonds. Mit dem Unterschied, dass diese nun „Corona-Bonds“ heißen sollen, wie das gleichnamige Virus, das südeuropäische Staaten wie Italien und Spanien an den Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs führt.

Ein Zusammenbruch, dem besonders Italien und sein Bankensystem aktuell sehr nahekommt. Schon vor der jetzigen Krise war die drittgrößte Volkswirtschaft Europas mit insgesamt 327 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts (BIP) verschuldet. 

Allein die Staatsverschuldung lag im Dezember 2019 bei 2,45 Billionen Euro oder 135 des BIP. Im Jahr 2008 lag dieser Wert noch bei 106 Prozent, stieg dann aber im Zuge der Finanzkrise bis zum Jahr 2014 primär durch Bankenrettungen sprunghaft auf das Niveau des heutigen Wertes an. 

Eine ähnliche Entwicklung gab es in Spanien, dessen Staatsschulden zum Ultimo des Jahres 2019 einen Stand von 96 Prozent aufwiesen. Im Jahr 2008 waren es lediglich 39,5 Prozent. An dieser Dynamik wird deutlich, wie tief die Haushalte der südeuropäischen Länder durch die Finanzkrise in die Verschuldung gedrückt wurden. 

Noch ist nicht absehbar, wie hoch die ökonomischen Schäden durch die Eindämmungsmaßnahmen gegen die Corona-Pandemie sein werden. Was sich aber erneut abzeichnet, ist eine massive Reflation in Europa und anderen Teilen der Welt. Damit ist das Zusammenspiel von Geld- und Fiskalpolitik gemeint.

Reflation umfasst alle finanzpolitischen Maßnahmen, die in einem ungedeckten Geldsystem immer dann ergriffen werden, wenn die Gefahr einer Deflation besteht. 

Im Moment droht eine solche Entwicklung durch das Zusammentreffen von Angebots- und Nachfrageschock gleichzeitig. Das Problematische an der Reflation ist, dass andere wirtschaftspolitische Ziele, z. B. ein ausgeglichener Staatshaushalt oder die Preisstabilität, der Vermeidung von Deflation und Rezession untergeordnet werden.

Am Beispiel von Italien bedeutet Reflation konkret, dass Ministerpräsident Guiseppe Conti zunächst Anfang März der bereits damals unter der Pandemie leidenden Wirtschaft 3,6 Milliarden Euro Hilfsgelder zusagte. 

Am 16. März folgte dann ein zusätzliches Stützungspaket im Volumen von 25 Mrd. Euro, natürlich Schuldenfinanziert. Dies entspricht zusammen 1,4 Prozent des italienischen BIP des Jahres 2019. 

Bei einem vermuteten Einbruch der Wirtschaftskraft des Stiefelstaats von ca. 7 Prozent in diesem Jahr dürfte diese Summe aber bei Weitem noch nicht ausreichen. Daher hat die EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen zusätzlich ein Konjunkturpaket aus dem Budget der Europäischen Union angekündigt, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie auch in Italien besser abfedern zu können. Wie groß diese Hilfen ausfallen werden, muss zwischen den EU-Regierungschefs noch ausgehandelt werden.

Die Europäische Zentralbank (EZB) unterstützt die fiskalpolitischen Maßnahmen der Mitgliedsstaaten durch das Anwerfen der Notenpresse: Bis zum Jahresende wird die EZB nach heutigem Stand noch ca. eine Billion Euro aus dem Nichts digital erschaffen und zum Ankauf von Schuldpapieren nutzen.

Zudem hat die EZB den Länderschlüssel, nach dem nur bestimmte Anteile an den Schulden, z. B. Italiens, von der EZB gekauft werden dürfen, außer Kraft gesetzt. Ebenso die Regelung, dass nur ein Drittel jeder ausgegebenen Anleihe-Tranche von der EZB gekauft werden kann.

Dies soll nun in einem Umfang von bis zu 100 Prozent möglich sein. Außerdem dürfen erstmals auch Anleihen Griechenlands durch die EZB erworben werden, was vorher aufgrund der schlechten Bonität des Landes nicht vorgesehen war.

In den USA geht die Notenbank „Fed“ sogar noch ein Stück weiter in ihrer Bemühung der Reflation und erklärte am 23. März, Schuldpapiere von Unternehmen, Banken, Städten, Kommunen, Bundesstaaten und der Bundesregierung ohne Limit aufzukaufen.

Theoretisch könnte auch die EZB bei Bedarf eine solche unlimitierte Reflationsmaßnahme ergreifen, nachdem bislang schon so viele zuvor aufgestellte Regeln gebrochen wurden. Dann wäre es wohl auch nicht mehr nötig, über Euro- oder Corona-Bonds zu diskutieren, da die Vergemeinschaftung der Schulden der Eurozone dann über die Mithaftung der Mitgliedsstaaten an der EZB-Bilanz erfolgen würde. 

Kurzfristig stabilisieren diese extremen finanzpolitischen Maßnahmen die Wirtschaft und die Finanzmärkte in der Corona-Krise. Doch welche mittelfristigen Auswirkungen wird diese Krisenpolitik an den Kapitalmärkten haben und welches Signal sendet sie an die Bürger?

Die Auswirkungen der Reflation auf Gold und Silber 

In dem Maße, wie sich die ungedeckte Geldmenge und die Schulden weiter rasant erhöhen, gerät das gesamte Wirtschaftssystem in Schieflage. Schuldner können ihre Schuldenlast ohne die künstlich tiefen Zinsen nicht mehr tragen.

Investoren überlassen den Kapitalmarkt zunehmend den Notenbanken, die durch ihre Markteingriffe die Risikoprämien zerstört haben. Umso weiter sich diese Entwicklungen fortsetzen, umso stärker wird sich die direkte und indirekte Abhängigkeit aller Wirtschaftssubjekte von der Alimentierung durch die Notenpresse ausprägen.

Nur noch der Gläubiger der letzten Instanz, die Notenbank selbst, hält das System am Leben. Allein das ist ein Grund, warum private und institutionelle Anleger verstärkt in die sicheren Häfen Gold und Silber fliehen. Sofern dieses Investment in physische Edelmetalle erfolgt, umgeht man das mit der steigenden Verschuldung zunehmende Gegenparteirisiko und erhält gleichzeitig eine Backup-Währung, die weltweit akzeptiert wird.

Die Geschichtsbücher sind voll von Beispielen, in denen eine ungehemmte Schuldenpolitik am Ende auch die Kaufkraft der Währungen zerstörte. Der Glaube, dass noch mehr Schulden, finanziert durch noch mehr Geld aus der Notenpresse, ein Wirtschaftssystem ewig prolongieren können, ist ein Irrglaube. 

Dazu bemerkt der österreichisch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Theoretiker des klassischen Liberalismus und Libertarismus, Ludwig von Mises, treffend: „Noch nie in der Geschichte der Menschheit ist ein ungedecktes Geldsystem am Mangel des Geldes zu Grunde gegangen – der Grund war stets zu viel davon“.

Die Dimension der Geldmenge, die aktuell in die Wirtschaft gepumpt wird, ist für die Nachkriegsära beispiellos. 

So hat allein die US-Notenbank Fed innerhalb von nur einer Woche 568 Mrd. US-Dollar erzeugt, um Schuldpapiere aufzukaufen. 

Das sind über 100 Mrd. US-Dollar pro Bankarbeitstag. Das bislang größte Wertpapierkaufprogramm der Welt, initiiert durch die US-Fed, dass sogenannte QE III-Programm, hatte einen Umfang von 85 Mrd. US-Dollar pro Monat.

In der Folge dieser nun desperaten Reflationspolitik kann das Vertrauen in die Stabilität der Staatshaushalte und in das von den Notenbanken in immenser Menge neu erzeugte Fiat-Geld schnell schwinden. 

Es ist sicher kein Zufall, dass sich der Goldpreis unter allen Anlageformen aktuell am besten hält. Selbst der an den Finanzmärkten so gefürchtete und nun erneut eingetretene „Minsky Moment“, also das unerwartete Einbrechen der Vermögenspreise, tat der Nachfrage nach Gold und Silber keinen Abbruch. Im Gegenteil ist sie aktuell so hoch wie während der Finanzkrise. Der Goldpreis notiert in Euro nur 3,8 Prozent unter seinem bisher höchsten Tagesschlusskurs in bei 1.528 Euro pro Unze vom 24. Februar 2020.

Die Rekordnachfrage nach Silbermünzen und Silberbarren ist ein guter Hinweis auf die zukünftige Preisentwicklung bei dem weißen Edelmetall. Zuletzt belastete hier noch die massenhafte Auflösung von ungedeckten Terminmarktkontrakten sowie die wegbrechende Nachfrage aus der Industrie den Preis.

Die Bereinigung an dem bislang den Preis für Silber dominierendenUS-Terminmarkt COMEX ist jedoch schon weit vorangeschritten, wie die aktuellen COT-Daten der US-Terminmarktaufsichtbehörde CFTC zeigen.

Fazit und Ausblick


Wir werden gerade Zeugen einer historischen Krise, ausgelöst durch ein Virus. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche treffen eine Weltwirtschaft, deren Verschuldung mit 322 Prozent des globalen BIP bereits zum Jahresultimo 2019 einen neuen historischen Rekord erreichte. 

Da sich das Überschuldungsphänomen in den letzten 11 Jahren auf alle Wirtschaftssubjekte ausgedehnt hat, ist unser Wirtschaftssystem ausgerechnet jetzt so fragil wie nie zuvor in Friedenszeiten.

Daher reagieren die Geld- und Fiskalpolitik mit extremen finanzpolitischen Maßnahmen, die in der Konsequenz die Verschuldung noch weiter nach oben treiben. 

In der Folge dieser Reflationspolitik wird die Abhängigkeit der öffentlichen und privaten Haushalte von Null- und Negativzinsen, also extrem niedrigen Fremdkapitalkosten, weiter ansteigen. Das Zusammenspiel von historisch hoher Verschuldung und künstlich niedrigen Zinsen macht den Anleihemarkt für Privatinvestoren zunehmend unattraktiv. 

Statt eines risikolosen Zinses in Form von Staatsanleiherenditen werden am Kapitalmarkt nur noch zinslose Risiken angeboten. Für diese Risiken gibt es dann auch nur noch einen Käufer: den Gläubiger der letzten Instanz – die Notenbanken. Damit endet der Finanzkapitalismus endgültig in einem Notenbank-Sozialismus. 

Aus der historischen Erfahrung mit ungedeckten Geld-Systemen, die politisch aus dem Ruder laufen gelaufen sind, wissen wir, dass die Gefahr einer ungehemmten, weil für das System überlebensnotwendigen Reflation, sehr schnell in Währungskrisen und Währungsreformen mit dem Zweck der Entschuldung resultieren Können.

Gold und Silber bieten als Währungen mit intrinsischem Wert und über sechstausend Jahren Erfolgsgeschichte eine Alternative. Dies gilt für jeden Bürger aber auch für die Wirtschaft als Ganzes. Wie sagte schon Voltaire so treffend: „Wer Gold hat, der hat immer Geld“. Heute muss man noch ergänzen: Vorausgesetzt, es handelt sich nicht um Papiergold.
Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von Klecks | 02.04.2020, 15:50 Antworten

Insgesamt guter Artikel, nur zwei Punkte stören mich:

"Wir werden gerade Zeugen einer historischen Krise, ausgelöst durch ein Virus. "

Falsch. Die Krise war schon längst da, nu nicht so präsent. Ds Virus ist lediglich die Nadel, die in den Ballon sticht.

"Gold und Silber bieten als Währungen mit intrinsischem Wert"

Ebenso falsch. Auch Gold hat nur den Wert, den wir ihm geben und keinen intrinsischen, also von Natur aus innewohnenden "gottgegebenen" Wert. Wer anderer Meinung ist kann gerne mal nachfragen, welchen Wert Gold ggü. Wasser in Dürregebieten hat. Keinen.

Es gab zu allen Zeiten und gibt auch heute noch Kulturen, denen Gold schlicht und ergreifebd nullkommagarnichts bedeutet.

3 Antworten an Klecks anzeigen
von Fred | 02.04.2020, 15:50 Antworten

Erstaunlich dass Silberaufkäufer auf Margen über 50% gegenüber Ankaufspreis bestehen?

von else allensbacher | 02.04.2020, 12:58 Antworten

Küftig gibts den 100000€ schein um Brot zu kaufen

von Alpha | 01.04.2020, 15:36 Antworten

Das mit dem „Wer Gold hat, der hat immer Geld“ stammt zwar nicht von Voltaire, sondern von Greenspan, aber egal, es ist doch so, dass das dem Wahrheitsgehalt keinen Abbruch tut.
Von Voltaire stammt dies hier: "Papiergeld kehrt früher oder später zu seinem inneren Wert zurück – Null." Und auch das ist für alle Zeiten richtig.

1 Antwort an Alpha anzeigen
von Commander C | 31.03.2020, 21:24 Antworten

Was wenn die Handydatenüberwachungs-App stillen Alarm auslöst sobald ich mich vor einem Edelmetallshop tummele???
Aluhut oder Mundschutz?

4 Antworten an Commander C anzeigen

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