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Stand: 20.10.2023 von Hannes Zipfel
In der Gemeinschaftswährung steht der Goldpreis bereits kurz vor einem Rekordhoch. In US-Dollar notiert das gelbe Edelmetall knapp unter der wichtigen Marke von 2.000 US-Dollar pro Feinunze. Was kann den Höhenflug des Edelmetalls noch stoppen?
Ist der Goldpreisanstieg noch aufzuhalten?

Zunächst acht Faktoren, die den Preis momentan nach oben treiben:

  1. Explosive Situation im Nahen Osten mit Risiken für die Region und die gesamte Welt
  2. Stark steigender Ölpreis belebet erneut die Inflationsdynamik
  3. Beginn des Bodenangriffs im Gaza-Streifen steht kurz bevor
  4. Massenhaftes Ansteuern des „Sicheren Hafens“ Gold vor dem Wochenende
  5. Starker Abverkauf von US-Staatsanleihen durch China und andere große Gläubiger
  6. Handlungsunfähigkeit des US-Kongresses, der die Budgethoheit besitzt
  7. Nächster drohender Regierungsstillstand in den USA ab 17. November
  8. Risiko eines Angriffs Chinas auf Taiwan im Schatten des Nahost-Konflikts

Goldpreis in Euro kratzt bereits am Allzeithoch – in US-Dollar kurz vor der 2.000er-Marke

In der Gemeinschaftswährung notiert der Goldpreis am Spot-Markt aktuell bei 1.874 Euro pro Feinunze (31,1g). Damit fehlen gerade noch 6,75 Euro bzw. 0,36 Prozent zum Erreichen des Allzeithochs auf Basis des Tagesschlusskurses vom 8. März 2022. Intraday wurde am selben Tag ein Rekordpreis von 1.902,02 Euro erreicht.

In der Weltleitwährung kostet eine Feinunze des gelben Edelmetalls aktuell 1.984 US-Dollar pro Feinunze. Zur psychologisch und charttechnisch relevanten 2.000er-Marke ist der Weg ebenfalls nicht mehr weit – nur noch 16 US-Dollar pro Feinunze bzw. 0,8 Prozent. Nicht weit darüber liegt auch der Rekordpreis des Goldes in US-Dollar, der mit 2.063 US$/Unze am 6. August 2020 zum Handelsschluss erzielt wurde. Intraday schaffte es der Goldpreis einen Tag später, am 7. August 2020 sogar auf 2.071,69 US$/Unze.

Goldpreis in Euro Goldpreis in US-Dollar

Gelänge es dem Goldpreis, sich über die bisherigen Höchststände zu erheben, gäbe es zunächst keine Widerstandslinien mehr. Welche Kursniveaus dann möglich sind, hängt davon ab, wie die oben genannten acht kurstreibenden Faktoren sich weiterentwickeln und welche neu hinzukommen.

US-Präsident Biden will 100 Mrd. US-Dollar Militärhilfe vom US-Kongress

Dass eine militärische Eskalation des Nahostkonflikts und darüber hinaus wohl nicht mehr komplett abwendbar ist, zeigen die jüngsten Entwicklungen:

  • Präsident Biden will noch in dieser Woche den für Haushaltsfragen zuständigen US-Kongress gemäß informierten Kreisen um weitere 100 Mrd. US-Dollar für das Militär bitten (60 Mrd. US$ für die Ukraine, 14 Mrd. US$ für Israel, 10 Mrd. US$ für Taiwan und 16 Mrd. für die eigene Grenzsicherung | Quelle: Reuters).
  • Die USA haben in Person des Oberbefehlshabers Joe Biden grünes Licht für einen zumindest teilweisen Einmarsch von Bodentruppen in den Gaza-Streifen gegeben, was vom israelischen Militär bestätigt wurde (Quelle: ARD).
  • Israelische Grenzstädte zum Libanon werden komplett evakuiert.
  • Regierungen verschiedener Länder haben ihre Bevölkerung zum sofortigen Verlassen der Staaten Israel, Palästina und Libanon aufgefordert.
  • Es gab bereits diverse Terroranschläge, darunter die Tötung eines palästinensischen Kindes in den USA, die Ermordung zweier schwedischer Staatsbürger in Brüssel, Anschläge auf Synagogen weltweit, gewalttätige Ausschreitungen in Großstädten von Bagdad bis Berlin.
  • Raketenbeschuss aus dem Jemen auf Israel und von unbekannten auf US-Stützpunkte in Saudi-Arabien sowie die versuchten Stürmungen der US-Botschaften im Irak und im Libanon…

Schwer zu stoppende Eigendynamik

Mit jedem Tag steigt die Flut an grausamen Bildern aus Palästina und die Angst um die israelischen Geiseln. Das verstärkt die Emotionalität bei den Konfliktparteien. Bei den heutigen Freitagsgebeten in den Moscheen in der ganzen Welt werden die Imame den Nahostkonflikt wohl auch aufgreifen und vermutlich weitere Emotionen schüren.

Auffällig ist, das arabische Geflüchtete massenhaft den Sprachkursen in Deutschland fernbleiben. Aus Protest oder wegen anderer "Prioritäten" ist momentan noch reine Spekulation.

Fakt ist, dass die Anwesenheit von US-Truppen und die Verwüstung eines Krankenhauses in Gaza-Stadt sowie einer Griechisch-Orthodoxen Kirche und eines Stützpunktes der UN-Hilfsorganisation in Gaza mit vielen Toten und Verletzten in Bezug auf eine baldige Bodenoffensive erst der Auftakt zu noch mehr die Gewalt schürenden Bildern sein dürfte.

Zwar wird die israelische Armee versuchen, aus eigenem Interesse zivile Leben möglichst zu schonen, aber allein die Tatsache, dass es bereits eine humanitäre Katastrophe in Gaza auch ohne Bodenoffensive gibt, macht dieses Vorhaben nahezu unmöglich. Zumal mit noch nicht einschätzbarer Gegenwehr der Hamas ohne Rücksicht auf die eigene Bevölkerung zu rechnen ist.

Doch die nicht erst seit den Anschlägen vom 7. Oktober innenpolitisch unter enormem Druck stehende rechtskonservative Regierungskoalition unter Benjamin Netanjahu ist zum militärischen Handeln gezwungen – ihr politisches Überleben hängt davon ab.

Öl- und Goldpreis steigen parallel

Da auch der Iran in den Konflikt involviert ist und im Falle von Bodeneinsätzen der Israelis mit Angriffen auf US-Ziele drohte, steigt auch der Goldpreis. Bereits bei früheren Auseinandersetzungen, die in ihrem Eskalationspotenzial weitaus weniger brisant wahren, drohte die Islamische Republik mit der Blockade der Straße von Hormus, durch die fast zwei Drittel der Rohöl-Transporte auf dem Seeweg erfolgen.

Die Preise für die fossilen Energieträger steigen daher ebenfalls stark an und befeuern erneut Inflationsbefürchtungen, was den Goldpreis ebenfalls stützt:

Rohölpreise der europ. Sorte „Brent" vs. US-Sorte „MI"

Im Ernstfall sieht Bloomberg Analytics den Ölpreis der Sorte WTI (West Texas Intermediate) auf bis zu 150 US-Dollar pro Fass ansteigen.

An der Börse ist es eine Binsenweisheit, dass der Ölpreis die Inflation verursacht und der Goldpreis diese in Folge anzeigt.

Risikoballung

Selten erlebte die Welt eine derartige Ballung von ökonomischen, geopolitischen und ökologischen Risiken zur gleichen Zeit. Die Flucht in sichere Anlagehäfen, zu denen vorrangig auch Gold gehört, ist also verständlich.

Die Überlappung ökonomischer und geopolitischer Risiken wird an einem äußerst seltenen Phänomen an den Finanzmärkten deutlich: Obwohl die Zinsen bzw. die Renditen am Kapitalmarkt stark ansteigen, steigt der Goldpreis ebenfalls stark an.

Normalerweise kommen die Notierungen des zinslosen Edelmetalls unter Druck, wenn die Zinsen steigen. Im Moment geschieht genau das Gegenteil:

Rendite 10-jährige Bundesanleihe (l. S.) vs. Goldpreis in Euro pro Unze (r. S.)

Die extreme Nachfrage nach dem "Sicheren Hafen" Gold (am Terminmarkt und physisch) trotz steigender Renditen lässt sich wohl auch damit erklären, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, China, zuletzt massiv Staatsanleihebestände abgebaut und im Gegenzug Goldbestände stark aufgebaut hat (Quellen: Bloomberg, Tavi Costa, World Gold Council, Zollbehörde China), obwohl das Reich der Mitte selbst der weltweit größte Goldproduzent ist (Quelle: World Gold Council: Stand 2022) und ein Exportverbot für das gelbe Edelmetall verhängt hat.

Die folgende Grafik zeigt den schnellen Abbau der Bestände an US-Staatsanleihen durch China („US Treasury Holdings“):

China: US Treasury Holdings

Diese beiden Tatsachen, kombiniert mit den zunehmenden Provokationen auf See und in der Luft zwischen dem chinesischen und dem US-Militär lassen ebenfalls nichts Gutes erahnen. Offenbar bereitet man sich gegenseitig auf einen heißen Konflikt vor, der in den aktuellen Goldnotierungen noch nicht "eingepreist" ist.

Was kann den Goldpreisanstieg stoppen?

Unter normalen Umständen würde man auf eine noch restriktivere Geldpolitik der beiden großen Notenbanken EZB (Europäische Zentralbank) und US-Fed (US-Notenbank) verweisen, um dem Risiko einer Ölpreis-Inflation vorzubeugen. Aber wie anhand des obigen Charts festzustellen ist, funktioniert die Korrelation aus steigenden Zinsen, sinkender Liquidität und einem fallenden Goldpreis nicht mehr.

Banal formuliert wären der gesunde Menschenverstand, Vernunft und die Einhaltung humanitärer Standards erforderlich, um eine Eskalation einzugrenzen und zu einer relativen Normalität zurückzukehren.

Momentan laufen die diplomatischen Bemühungen zur Befreiung der Geiseln (bzw. ein Geiselaustausch) sowie zur Evakuierung von ausländischen Staatsbürgern oder Inhabern von Doppelpässen aus Gaza zwar auf Hochtouren, und auch Biden versucht mäßigend auf die Netanjahu-Regierung in Jerusalem einzuwirken, aber noch ist keine dieser Initiativen für eine De-Eskalation des Konflikts erfolgreich bzw. ausreichend.

Im Gegenteil scheint sich mit dem Nahost-Konflikt, dem Krieg in der Ukraine, der ethnischen Säuberung Bergkarabachs (und anderen Spannungen auf dem Balkan), der Taiwan-Frage sowie der geschlossenen Kritik der Arabischen Liga und der Bricks+-Staaten der Konflikt zwischen dem Westen und dem globalen Süden weiter zuzuspitzen.

Die USA versuchen als „Leuchtfeuer der Demokratie“, so US-Präsident Biden, mit allen Mitteln ihre globale Vorherrschaft zu halten. Doch der Widerstand dagegen wird von Tag zu Tag größer.

Kurzfristig können im Nahostkonflikt nur diplomatische Durchbrüche in der Geiselfrage und ein Hinauszögern oder Minimieren der Bodenoffensive den weiteren Anstieg des Goldpreises konterkarieren.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von historic | 26.10.2023, 17:26 Uhr Antworten

Je mehr der globale Einfluss der Fed schwindet und eine Gegenmacht etabliert wird, desto
unabhängiger wird die Goldbewertung stattfinden und somit der Wert in den meisten Währungen steigen, auch weil die Schuldenpolitik der westlichen Hemisphäre nicht gut enden kann.

von solider Anleger | 25.10.2023, 13:21 Uhr Antworten

Politische Börsen und deren Kurse sind von kurzer Haltbarkeit.
Wem 8% Zinsen pro Jahr reichen, dem stellt sich die Frage "Ist der Goldpreisanstieg noch aufzuhalten?" überhaupt nicht kurzfristig.
Wer ständig neues Geld und Schulden unter die Leute bringt, braucht über neue Zahlenwerte zu Edelmetallen und allem Werthaltigen wundern.
Nur bei Silber muss man erst mal die Mwst. und großen Händleraufschlag "verdienen",
was sich in den letzten 10 Jahren als schwierig herausgestellt hat.

von Oliver | 21.10.2023, 12:16 Uhr Antworten

Gold wird langfristig weiter steigen, mit oder ohne Krieg. Die aktuellen geschehnisse puschen natürlich den sicheren hafen, aber wie auch beim Ukraine Krieg wird sich die geschichte auch wieder beruhigen. Die 2000 $ fallen bald, die 2000 € ebenfalls. Besonders schnell, wen es eskaliert

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